{"id":25276,"date":"2015-03-04T13:29:18","date_gmt":"2015-03-04T12:29:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25276"},"modified":"2015-03-04T17:47:07","modified_gmt":"2015-03-04T16:47:07","slug":"sprechen-wir-doch-mal-ueber-die-zuwanderung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25276","title":{"rendered":"Sprechen wir doch mal \u00fcber die Zuwanderung"},"content":{"rendered":"<p>Die SPD will es wissen. In ihrem neuen Entwurf f&uuml;r ein &bdquo;Einwanderungsgesetz&ldquo; wollen die Sozialdemokraten auf eine Punktesystem und Quoten setzen &ndash; eine offensichtliche Anlehnung an das viel zitierte kanadische Modell. Damit will man dem demografischen Wandel trotzen und den vermeintlichen Fachkr&auml;ftemangel entsch&auml;rfen. Obgleich ein modernes Einwanderungsgesetz sicherlich notwendig ist, verfolgt die SPD dabei einen mehr als fragw&uuml;rdigen Ansatz. Nach ihren Vorstellungen soll nicht die Gesellschaft, sondern die Wirtschaft bestimmen wer einwandern darf. Damit spielt man &ndash; wahrscheinlich ohne dies zu wollen &ndash; jedoch nur den Rechtspopulisten in die H&auml;nde. Heute ist es wichtiger denn je, das Thema &bdquo;Einwanderung&ldquo; offen zu diskutieren. Denn wer die Debatte der Wirtschaft und den Rechten &uuml;berl&auml;sst, braucht sich nicht zu wundern, wenn man Ende nichts Gescheites dabei herauskommt. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n&Ouml;konomisch motivierte Migration ist im historischen Kontext keine Ausnahme, sondern die Regel. Diese Migration ist oft grenz&uuml;berschreitend, wie die gro&szlig;e Einwanderungswelle in die USA, die Besiedlung des Ruhrgebietes im 19. Jahrhundert oder der Zustrom von Arbeitsmigranten (Gastarbeitern) in die Bundesrepublik in der Nachkriegszeit zeigten. Schon damals gab es eine Phase der massiven grenz&uuml;berschreitenden Arbeitsmigration von S&uuml;d- nach Nord- und Mitteleuropa.<\/p><p><strong>Ist Deutschland ein Einwanderungsland?<\/strong><\/p><p>Heute leben in Deutschland rund 745.000 Menschen mit italienischem und 375.000 Menschen mit griechischem Migrationshintergrund, die (bzw. deren Eltern oder Gro&szlig;eltern) meist in der Zeit von 1955 bis 1973 nach Deutschland kamen. Sp&auml;ter waren es vor allem Einwanderer aus der T&uuml;rkei, dem ehemaligen Jugoslawien und der ehemaligen Sowjetunion, die nach Deutschland auswanderten. Diese Entwicklung ebbte jedoch Ende der 1990ern merklich ab. Durch den weitgehenden Wegfall des Lohnvorteils und den &bdquo;Siegeszug&ldquo; prek&auml;rer Arbeitsverh&auml;ltnisse b&uuml;&szlig;te Deutschland seine Attraktivit&auml;t f&uuml;r Einwanderer deutlich ein. Nicht nur &Auml;rzte und Ingenieure, sondern auch osteurop&auml;ische Erntehelfer gingen lieber nach Gro&szlig;britannien oder Skandinavien als nach Deutschland &ndash; dies ist eine weitere, wenig beachtete Nebenwirkung der neoliberalen Politik, die das Land seit langem im W&uuml;rgegriff h&auml;lt.<\/p><p>Die h&ouml;chsten Einwanderungszahlen &ndash; sowohl brutto als auch netto &ndash; verzeichnete Deutschland im Jahre 1992, als brutto 1,5 Millionen (netto 780.000) Menschen ins Land kamen. Im Jahr 2009 wanderten 721.014 Menschen nach Deutschland ein, w&auml;hrend im gleichen Jahr jedoch 733.796 Menschen auswanderten &ndash; der Wanderungssaldo lag also bei -12.782. Aktuell hat sich die Situation vor allem durch die Eurokrise wieder gedreht. Im ersten Halbjahr 2014 wanderten 667.000 Menschen nach Deutschland ein, w&auml;hrend im gleich Zeitraum 427.000 Menschen auswanderten. Aufs Jahr hochgerechnet ergibt dies einen positiven Wandersaldo von fast einer halben Millionen Menschen. Dies ist mehr als genug, um den demografischen R&uuml;ckgang zu kompensieren. Die Grundannahme, dass Deutschland ohne ein Zuwanderungsgesetz auf eine demografische Katastrophe zusteuern w&uuml;rde, ist also falsch.<\/p><p><strong>Mythos &bdquo;Fachkr&auml;ftemangel&ldquo;<\/strong><\/p><p>Wof&uuml;r braucht Deutschland dann ein Zuwanderungsgesetz? Die SPD kennt die Antwort. Es geht vor allem darum, die &bdquo;richtigen&ldquo; Einwanderer anzuziehen. &bdquo;Richtig&ldquo; sind diejenigen, die &bdquo;qualifizierte Fachkr&auml;fte&ldquo; sind und so dem vermeintlichen Fachkr&auml;ftemangel verringern sollen. Doch so einfach ist das nicht. Der &bdquo;Fachkr&auml;ftemangel&ldquo; ist n&auml;mlich ein Mythos. Die Bundesregierung kann den &bdquo;Fachkr&auml;ftemangel&ldquo; auf Nachfrage nicht <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/mythos-fachkraeftemangel-bundesregierung-bleibt-beweise-schuldig-a-746411.html\">beziffern<\/a> und sogar das arbeitgebernahe DIW <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/vorab\/a-728959.html\">bezeichnet<\/a> ihn in einer Studie als &bdquo;Fata Morgana&ldquo;. Schaut man sich die offenen Stellen bei der Bundesagentur an, so kann man jedoch zwei Sektoren entdecken, in denen die Arbeitskr&auml;ftenachfrage momentan leicht angespannt ist &ndash; im High-Tech-Sektor, wo traditionell bestimmte Experten gesucht werden, und in chronisch unterbezahlten Sektoren wie dem Gesundheitssystem. Mit einem &bdquo;Fachkr&auml;ftemangel&ldquo; hat dies jedoch nichts zu tun. Es ist erstaunlich, dass die Apologeten vom Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage nicht einsehen wollen, dass man die vermeintlichen Personalengp&auml;sse in der Kranken- und Altenpflege ohne Probleme beheben k&ouml;nnte, wenn man daf&uuml;r sorgt, dass die Jobs in diesem Sektor ordentlich bezahlt werden.<\/p><p>Im Bereich der chronisch unterbezahlten Berufe im Gesundheitssektor ist auch durch ein Zuwanderungsgesetz keine Besserung in Sicht. Qualifizierte ausl&auml;ndische &Auml;rzte und Krankenschwestern arbeiten schon l&auml;ngst in L&auml;ndern wie der Schweiz, Schweden oder Gro&szlig;britannien, in denen diese Berufe auch vern&uuml;nftig bezahlt werden. Und f&uuml;r weniger qualifizierte &Auml;rzte und Krankenschwestern gibt es zahlreiche Sonderregelungen, die es renditeorientierten Arbeitgebern erlauben, die vergleichsweise strengen deutschen Gesetze zu umgehen.<\/p><p>Dazu: Jens Berger &ndash; <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15098\">Gast&auml;rzte &ndash; ein weiteres Symptom der Krankheit namens Privatisierung<\/a> und Jens Berger &ndash; <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16751\">Chinesische Pflegekr&auml;fte &ndash; das b&ouml;se Spiel mit dem &bdquo;Fachkr&auml;ftemangel&ldquo;<\/a><\/p><p>Und wie sieht es im High-Tech-Bereich aus? Nat&uuml;rlich gibt es in bestimmten sehr hoch qualifizierten Fachbereichen auch einen &bdquo;echten&ldquo; Fachkr&auml;ftemangel. Diesen Mangel gab es immer und es wird ihn immer geben. Doch hier sprechen wir dann &uuml;ber besonders qualifizierte Fachkr&auml;fte, f&uuml;r die es nat&uuml;rlich bereits heute zahlreiche Sonderregelungen gibt, die jedes regulatorische Hindernis aus dem Weg r&auml;umen. Wenn ein deutsches IT-Unternehmen einen russischen IT-Experten einstellen will, dann kann es das nat&uuml;rlich tun &hellip; vorausgesetzt das Gehalt geht mit der Qualifikation einher.<\/p><p><strong>Der Entwurf der SPD und seine T&uuml;cken<\/strong><\/p><p>Der demografische Wandel stellt bei der momentanen Einwanderung also kein Problem dar und echte oder vermeintliche Engp&auml;sse in bestimmten Berufen lassen sich also auch schon heute ausgleichen. Wof&uuml;r will die SPD dann ein Zuwanderungsgesetz?<\/p><p>Laut <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/einwanderer-spd-fraktionschef-thomas-oppermann-will-punktesystem-a-1021449.html\">SPIEGEL Online<\/a>  sieht der Gesetzesentwurf der SPD-Bundestagsfraktion folgende Punkte vor:<\/p><ul>\n<li>Bewerber bek&auml;men gem&auml;&szlig; Bedarf, Sprachkenntnissen und Ausbildung eine Punktzahl.<\/li>\n<li>Jedes Jahr solle eine Quote festgelegt werden, wie viele Zuwanderer f&uuml;r welche Branchen man braucht. &ldquo;Je nach Bedarf kann zur Steuerung eine j&auml;hrliche Quote festgelegt werden, wie viele Personen &uuml;ber das Punktesystem kommen k&ouml;nnen&rdquo;, hei&szlig;t es in dem Papier. Das System k&ouml;nne mit einer Bewerberdatenbank kombiniert werden, in die Arbeitgeber Gesuche einstellen.<\/li>\n<\/ul><p>Zur Beruhigung der Gewerkschaften sieht der Entwurf auch vor, dass die Arbeitsvertr&auml;ge &bdquo;mindestens tarifliches Lohnniveau&ldquo; garantieren. Doch das ist keine &uuml;berzeugende Beruhigungspille. Nehmen wir einmal den Mangelberuf der Krankenschwester als Beispiel. Heute gibt es (noch) zahlreiche examinierte Krankenschwestern, die tats&auml;chlich nach einem Tarif bezahlt werden, der sich an vergleichsweise ordentlichen TV&ouml;D (Tarifvertrag f&uuml;r den &Ouml;ffentlichen Dienst) anlehnt. Diese meist &auml;lteren Fachkr&auml;fte sind den Arbeitgebern meist ein Dorn im Auge. Mit tatkr&auml;ftiger Duldung der Politik werden sie daher St&uuml;ck f&uuml;r St&uuml;ck gegen j&uuml;ngere Kolleginnen ausgetauscht, die keine examinierten Fachkr&auml;fte sind, sondern sogenannte Pflegeassistenten. Selbstredend liegt der Haustarif f&uuml;r diese Arbeitskr&auml;fte weit unterhalb des TV&ouml;D-Tariflohns f&uuml;r examinierte Fachkr&auml;fte mit jahrelanger Berufserfahrung. Ein auch nur in kleinen Passagen ungenau formuliertes Zuwanderungsgesetz w&uuml;rde hier den Arbeitgebern T&uuml;r und Tor f&uuml;r eine Personalstrategie &ouml;ffnen, die Dumpingl&ouml;hne durchsetzt und dabei gleichzeitig ein tarifliches Lohnniveau garantiert. Und dies ist nur ein Fallbeispiel. In nahezu allen &bdquo;Mangelberufen&ldquo; lie&szlig;en sich m&uuml;helos &auml;hnliche Beispiele finden.<\/p><p><strong>Wer rein darf, entscheidet die Wirtschaft<\/strong><\/p><p>Abseits von solch praktischen Fragen muss man jedoch auch auf theoretischer Ebene Fragen stellen. Kann und darf es sein, dass nicht die Gesellschaft, sondern die Wirtschaft bestimmt, wer einwandern darf und wer nicht? Ist ein irakischer Philosoph &ndash; nur weil die deutsche Wirtschaft f&uuml;r ihn keine Verwendung hat &ndash; ein schlechterer Mensch als ein &auml;gyptischer IT-Techniker? Nein? Und warum darf er dann nicht nach Deutschland kommen? Wenn die Wirtschaft ihren Bedarf definiert und dies das einzige Kriterium daf&uuml;r ist, wer ins Land kommen darf, so ist dies ein weiterer Fall f&uuml;r die &Ouml;konomisierung des Lebens. Im 19. Jahrhundert h&auml;tte ein polnischer Philosoph zwar auch nur als Bergarbeiter ins Ruhrgebiet einwandern k&ouml;nnen &ndash; er h&auml;tte es aber immerhin gedurft, das ist heute nicht mehr ohne weiteres m&ouml;glich und w&uuml;rde durch ein marktkonformes Zuwanderungsgesetz wohl vollkommen verhindert. <\/p><p>Dennoch gibt es nat&uuml;rlich auch ganz rationale Argumente, die f&uuml;r ein derartiges Zuwanderungsgesetz sprechen. Wer die Frage des Lebensunterhalts komplett ausblendet, sorgt schlussendlich nur daf&uuml;r, dass Armut einwandert und die Gesellschaft mit den Kosten f&uuml;r diese Armut alleine gelassen wird. Dieser Punkt darf nicht ignoriert werden, sonst spielt man ohne es zu wollen den Rechtspopulisten in die H&auml;nde. Einwanderung mag zwar f&uuml;r die Einwanderer meist gut sein, f&uuml;r die Gesellschaft ist sie dies nicht in allen F&auml;llen. So spielen beruflich nicht sonderlich qualifizierte Einwanderer nat&uuml;rlich den Unternehmern in die H&auml;nde, die sie liebend gerne als &bdquo;Reservearmee&ldquo; nutzen, um die L&ouml;hne niedrig zu halten. Und dieses Ph&auml;nomen betrifft bei weitem nicht nur den Niedriglohnsektor und nicht nur unqualifizierte Einwanderer. Schon heute verdr&auml;ngen hoch qualifizierte Armutsfl&uuml;chtlinge aus Griechenland, Portugal oder Spanien in Deutschland systematisch ihre deutschen Konkurrenten, da sie gezwungen sind, auch f&uuml;r Hungerl&ouml;hne zu arbeiten. Das glauben Sie nicht? Dann schauen Sie sich mal die &bdquo;Kreativbranche&ldquo; in Berlin an &ndash; dort ist Spanisch mittlerweile hinter Englisch die zweite Arbeitssprache. Tarifvertr&auml;ge und der Mindestlohn spielen dort in der Praxis &uuml;brigens gar keine Rolle, da die S&uuml;deurop&auml;er entweder als Praktikanten oder freie Mitarbeiter gef&uuml;hrt werden. <\/p><p>Diese F&auml;lle haben &uuml;brigens nichts mit einem wie auch immer gearteten Zuwanderungsgesetz zu tun, da es sich um EU-B&uuml;rger handelt, die durch die Freiz&uuml;gigkeit der EU ohnehin nach Deutschland kommen und hier arbeiten d&uuml;rfen. Ein Zuwanderungsgesetz kann daher nur f&uuml;r Nicht-EU-B&uuml;rger gelten. Und je nach Formulierung k&ouml;nnte ein solches Gesetz dazu f&uuml;hren, dass wir f&uuml;r unsere Wirtschaft die gr&ouml;&szlig;te Reservearmee der Welt schaffen. Und dies kann nicht im gesellschaftlichen Interesse sein.<\/p><p><strong>Die Debatte muss gef&uuml;hrt werden!<\/strong><\/p><p>Dabei w&auml;re ein korrekt formuliertes modernes Zuwanderungsgesetz eigentlich l&auml;ngst &uuml;berf&auml;llig. Deutschland ist schon lange ein Einwanderungsland, wei&szlig; dies jedoch noch nicht. Man m&uuml;sste endlich die vorhandenen Probleme bei der Integration von Einwanderern ernsthaft angehen und daf&uuml;r sorgen, dass Deutschland eine echte Willkommenskultur aufbaut, die Einwanderer nicht nur als Bedrohung, sondern auch als Bereicherung sieht. Umgekehrt m&uuml;ssen jedoch auch gesellschaftliche &ndash; und nicht nur wirtschaftliche &ndash; Kriterien formuliert werden, mit denen die Einwanderung reguliert wird. Man kann der Wirtschaft diese Frage nicht allein &uuml;berlassen. Einfach nur sagen &bdquo;Kommt her&ldquo; und sich dann nicht mehr sonderlich um die Sache zu k&uuml;mmern, ist aber auch keine L&ouml;sung. Und schlussendlich m&uuml;ssen auch Markt und Gesellschaft wieder ins Lot gebracht werden. <\/p><p>Solange Einwanderer von der Wirtschaft gegen einheimische Arbeitskr&auml;fte ausgespielt und zur Senkung des Lohnniveaus missbraucht werden, brauchen wir uns nicht zu wundern, dass sie vielerorts nicht als Bereicherung empfunden werden und die Rechtspopulisten daraus Kapital schlagen. Wir brauchen eine Einwanderungsdebatte! Sonst &uuml;berlassen wir den Rechten das Feld. Marktkonforme Kompromisse, wie das SPD-Zuwanderungsgesetz, sind da jedoch genau der falsche Weg.<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/d1096dcd8b7343bc84ead3a4cc89e714\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die SPD will es wissen. 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