{"id":2528,"date":"2007-08-03T13:38:48","date_gmt":"2007-08-03T11:38:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2528"},"modified":"2015-12-31T13:38:29","modified_gmt":"2015-12-31T12:38:29","slug":"allmaehlich-waechst-der-widerstand-der-hochschullehrer-gegen-die-unternehmerische-freiheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2528","title":{"rendered":"Allm\u00e4hlich w\u00e4chst der Widerstand der Hochschullehrer gegen die \u201eunternehmerische\u201c Freiheit"},"content":{"rendered":"<p>Mit harscher Kritik an der hessischen Hochschulpolitik haben sich die Professoren des Fachbereichs Rechtswissenschaft der Frankfurter Uni an die &Ouml;ffentlichkeit gewandt, berichtet die FAZ vom 2. August 2007 auf Seite 4: Die den Hochschulen vom Wissenschaftsministerium zugewiesene Autonomie sei nicht bei den Professoren angekommen. Moderne Wissenschaftspolitik sehe in den Universit&auml;ten Wirtschaftsunternehmen und verabschiede sich aus der Verantwortung f&uuml;r die Ausstattung der Hochschulen mit der Empfehlung, sich Drittmittel zu beschaffen. Wolfgang Lieb.<br>\n<!--more--><br>\nDrittmittelforschung sei zwar grunds&auml;tzlich nichts Neues, sie jedoch zum Prinzip zu erheben, berge die Gefahr, dass Gelder in die Hochleistungsforschung gelenkt w&uuml;rden, die universit&auml;re Grundversorgung jedoch gleichzeitig ausgehungert werde, hei&szlig;t es in der Erkl&auml;rung der Juristen des Fachbereichs Rechtswissenschaft an der Johann Wolfgang Goethe-Universit&auml;t. Es bestehe au&szlig;erdem die Gefahr, dass Projekte nur in Angriff genommen w&uuml;rden, um sich eine karge Grundausstattung zu erhalten. Private Drittmittel seien nur akzeptabel, wenn damit nicht gleichzeitig Forschungslenkung verbunden sei oder Gegenleistungen erwartet w&uuml;rden.<\/p><p>Allgemein wird kritisiert, dass Bund und L&auml;nder aus der finanziellen M&auml;ngellage den falschen Schluss gezogen h&auml;tten: Nur wenigen Eliten werde gegeben, was an Grundausstattung allen Universit&auml;ten h&auml;tte zukommen m&uuml;ssen. Gute Wissenschaft erhalte damit Ausnahmecharakter, eine breite Bildung sei nicht mehr gew&auml;hrleistet. Angesichts der Finanzknappheit sei im Fachbereich Rechtswissenschaft an der Uni Frankfurt &bdquo;produktive, freie Wissenschaft und Lehre&hellip;nicht zu gew&auml;hrleisten.&ldquo;<\/p><p>Auch die neuen sog. &bdquo;Governance&ldquo;-Strukturen der Hochschule werden scharf kritisiert: Hierarchische Strukturen innerhalb der Universit&auml;ten verst&auml;rkten die Schieflage: &bdquo;Der Wissenschaftsbetrieb ist aber kein Befehlsprodukt entscheidungsfroher Pr&auml;sidenten und Dekane, sondern ein dezentraler Suchprozess hochqualifizierter Individuen&ldquo;, wissenschaftliche Leistung lasse sich nicht obrigkeitlich anordnen.<\/p><p>Zum Umbau der Hochschulen zu unternehmens&auml;hnlichen Gebilden z&auml;hlten auch die Hochschulr&auml;te. Sie &uuml;bten ohne universit&auml;re Sachkompetenz eine Aufsichtsratsfunktion aus: &bdquo;Hier werden externe Bewertungskriterien eingef&uuml;hrt, die mit dem Prozess universit&auml;rer Forschung und Lehre nichts zu tun haben&ldquo;, hei&szlig;t es in der bei zwei Gegenstimmen und einer Enthaltung verabschiedeten Erkl&auml;rung.<\/p><p>Leistungskriterien, also eine b&uuml;rokratische Quantifzierung von Qualit&auml;t, als Ma&szlig;stab f&uuml;r eine leistungsgerechte Besoldung beg&uuml;nstige Opportunismus und tr&uuml;gen nichts zur Qualit&auml;t von Forschung und Lehre bei. Das f&uuml;hre zum Gegenteil autonomer wissenschaftlicher Pers&ouml;nlichkeitsbildung.<br>\nExterne Evaluationen best&auml;tigten nur, was auch durch eigene Leistungsbilder erhoben worden sei. Es sei unerfindlich, dass man trotz l&auml;ngst erkannter M&auml;ngellagen kostspielige Evaluationen bei Meinungsforschungsagenturen in Auftrag gebe. Solche Bewertungen von au&szlig;en und Rankings lenkten nur von den realen Problemen ab und verschleierten die N&ouml;te der Hochschulen.<\/p><p>Ich f&uuml;hle mich durch diese Erkl&auml;rung der Professoren des Fachbereichs Rechtswissenschaft in meinen <a href=\"?p=2405\">kritischen Analysen<\/a> &uuml;ber den Paradigmenwechsel zur &bdquo;unternehmerischen&ldquo; Hochschule best&auml;tigt.<\/p><p>Mir ist bewusst, dass die Juristen an der Frankfurter Uni vermutlich eher konservativ denken, aber wo sie Recht haben, haben sie Recht. Man muss allerdings nicht zur alten Ordinarienuniversit&auml;t und zum &bdquo;Elfenbeinturm&ldquo; zur&uuml;ck wollen, wenn man die &Uuml;bertragung von Unternehmensstrukturen, mit Top-Down Management und Aufsichtsr&auml;ten, und die Steuerung der Hochschulen durch den Wettbewerb auf dem Wissenschafts- und Ausbildungsmarkt als wissenschaftsfremd kritisiert.<br>\nTraurig stimmt mich allerdings, dass eine eher konservative Professorenschaft als erste gemeinsam ihre Stimme gegen den Systemwechsel an den Hochschulen erhebt. Fortschrittlichere Hochschullehre bleiben leider meist einsame Rufer in der W&uuml;ste.<\/p><p>Wo waren eigentlich die Stimmen der Frankfurter Juristen bei der Umwandlung der Johann Wolfgang Goethe-Universit&auml;t in eine <a href=\"?p=2153\">Stiftungsuniversit&auml;t<\/a>? Auch bei diesem Rechtsformwechsel geht es doch um nichts anderes als um die Ausdehnung der privaten institutionellen Macht des Reichtums auf die Hochschule.<\/p><p>Geradezu heuchlerisch empfinde ich den Kommentar der f&uuml;r Bildungspolitik zust&auml;ndigen Redakteurin der FAZ, Heike Schmoll, zu der Kritik der Frankfurter Juristen: &bdquo;Dieser Prozess l&auml;sst sich nur aufhalten, wenn Professoren den Mut besitzen, sich bestimmten Entwicklungen zu widersetzen, selbst wenn sie dabei einige Schrammen an der eigenen Karriere in Kauf nehmen m&uuml;ssen. Denn e wird sich herumsprechen, wo f&uuml;r die Freiheit von Wissenschaft und Forschung gek&auml;mpft wird.&ldquo;<br>\nSolche Tr&auml;nen, gerade in einer Zeitung, die sich als Bannertr&auml;ger der &bdquo;unternehmerischen&ldquo; marktgesteuerten Hochschule bet&auml;tigt hat, sind bestenfalls Krokodilstr&auml;nen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit harscher Kritik an der hessischen Hochschulpolitik haben sich die Professoren des Fachbereichs Rechtswissenschaft der Frankfurter Uni an die &Ouml;ffentlichkeit gewandt, berichtet die FAZ vom 2. August 2007 auf Seite 4: Die den Hochschulen vom Wissenschaftsministerium zugewiesene Autonomie sei nicht bei den Professoren angekommen. 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