{"id":2529,"date":"2007-08-06T09:09:59","date_gmt":"2007-08-06T07:09:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2529"},"modified":"2015-12-31T13:36:00","modified_gmt":"2015-12-31T12:36:00","slug":"dihk-weiterbildung-aber-bitte-im-urlaub","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2529","title":{"rendered":"DIHK: Weiterbildung &#8211; aber bitte im Urlaub"},"content":{"rendered":"<p>Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) will, dass die Bundesb&uuml;rger ihren Urlaub k&uuml;nftig verst&auml;rkt zur Weiterbildung nutzen. DIHK-Hauptgesch&auml;ftsf&uuml;hrer Martin Wansleben verwies in der Tageszeitung &ldquo;Die Welt&rdquo; (Freitag) darauf, dass Deutschland zusammen mit Schweden die meisten Urlaubs- und Feiertage habe.<br>\n&ldquo;Da ist genug Luft f&uuml;r beides: Erholung und Weiterbildung. Die Arbeitnehmer in Deutschland m&uuml;ssten mehr Ferien- und Freizeit in ihre Weiterbildung investieren &ndash; gerade auch vor dem Hintergrund des drohenden Fachkr&auml;ftemangels.&rdquo;<br>\nHintergrund der &Auml;u&szlig;erungen ist der Zeitung zufolge ein neuer EU-Bericht zur Entwicklung der Arbeitszeiten in Europa. Demnach haben die Arbeitnehmer in Deutschland 40 Urlaubs- und Feiertage im Jahr. Nur die Schweden h&auml;tten noch zwei Tage mehr. Der EU-Durchschnitt l&auml;ge bei 33,7.<br>\nHier wird mit Halbwahrheiten die Verantwortung auf die Arbeitnehmer verschoben und die Wirklichkeit der Weiterbildung auf den Kopf gestellt. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Ist Deutschland wirklich &bdquo;Freizeitweltmeister&ldquo;?<\/strong><br>\nDie von der Welt und Wansleben instrumentalisierte Datenquelle, das European Industrial Relations Observatory (EIRO) wie auch z.B. die OECD, weisen ausdr&uuml;cklich auf die Schwierigkeiten eines Vergleichs von Jahresarbeitszeiten hin, die nicht auf einer einheitlichen Methode f&uuml;r alle L&auml;nder beruht.<br>\nSo bezieht sich die verwendete Studie des Europ&auml;ischen Instituts zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen auf die &ldquo;collectively agreed annual working time.&rdquo; Wie sehr diese Betrachtungsweise in die Irre f&uuml;hren kann, zeigt  sich bei der w&ouml;chentlichen Arbeitszeit. W&auml;hrend im Jahre 2006 die durchschnittliche, kollektivvertraglich vereinbarte (collectively agreed) Wochenarbeitszeit  37,7 Stunden betrug und damit unter dem EU-Durchschnitt lag, lag die tats&auml;chlich gearbeitete Zeit mit 40,8 Stunden weit &uuml;ber dem EU-Durchschnitt. L&auml;nger arbeiteten in den EU-15 nur die &Ouml;sterreicher, auf die gesamte EU bezogen liegen nur noch 6 osteurop&auml;ische Volkswirtschaften mit deutlich geringerer Produktivit&auml;t vor uns (diesen Hinweis verdanke ich Orlando Pascheit).<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.eurofound.europa.eu\/eiro\/studies\/tn0705019s\/index.html\">eurofound<\/a><\/p><p>Die Studien des IAT besagen jedoch, dass Deutschland durchaus kein &ldquo;Freizeitparadies&rdquo; ist. Vollzeit-Besch&auml;ftigte arbeiten im Durchschnitt 1.756 Stunden pro Jahr. Sie arbeiten damit 99 Stunden mehr als tariflich vereinbart und liegen im Mittelfeld der &ldquo;alten&rdquo; Europ&auml;ischen Union. Ein gew&ouml;hnlicher Vollzeitbesch&auml;ftigter stand hier zu Lande 2004 seinem Arbeitgeber im Schnitt pro Jahr 1756 Stunden zur Verf&uuml;gung &ndash; und damit l&auml;nger als die Kollegen in den Niederlanden (1712), D&auml;nemark (1720), Schweden (1722), Italien (1727), Norwegen (1742), Finnland (1745) und Frankreich (1747)<br>\nSelbst wenn es richtig w&auml;re, dass Deutschland mit am meisten Urlaubs- und Feiertage in Europa h&auml;tte, so ist diese Angabe irref&uuml;hrend, weil es, was die gesamte Jahresarbeitszeit anbetrifft, darauf letztlich gar nicht ankommt.<br>\nQuelle 1: <a href=\"http:\/\/www.iaq.uni-due.de\/iat-report\/2003\/report2003-07.shtml\">Universit&auml;t Duisburg Essen &ndash; Istitut Arbeit und Qualifikation<\/a><br>\nQuelle 2: <a href=\"?p=129\">NachDenkSeiten<\/a><\/p><p>Aber selbst f&uuml;r die Urlaubs- und Feiertage gibt es einander widersprechende Untersuchungen:<br>\n<a href=\"http:\/\/www.prnewswire.co.uk\/cgi\/news\/release?id=106599\">So kam eine Studie von Mercer Human Resource Consulting<\/a> bei Arbeitnehmern mit zehnj&auml;hriger Betriebszugeh&ouml;rigkeit in Deutschland nur auf eine Abwesenheit von 33 Tagen; das liegt erst an zehnter Stelle der westeurop&auml;ischen L&auml;nder.<\/p><p><strong>M&uuml;ssen wirklich zuerst die Arbeitnehmer ihren Erholungsurlaub f&uuml;r die Weiterbildung opfern?<\/strong><br>\nNach dem Integrierten Gesamtbericht zur Weiterbildungssituation in Deutschland &bdquo;hat sich jeder dritte 19-64-j&auml;hrige im Jahr 2003 au&szlig;erhalb der Arbeitszeit selbst etwas beigebracht&ldquo;. Schon derzeit sind nach dem &bdquo;Weiterbildungsbericht&ldquo; die mittelbaren Kosten f&uuml;r die entgangene Freizeit die mit Abstand bedeutsamste Kostenkomponente f&uuml;r die Weiterbildung. Die Arbeitnehmer tragen heute schon mehr als ein Drittel<br>\nder gesch&auml;tzten Gesamtausgaben f&uuml;r berufliche Weiterbildung in Deutschland (S. 356).<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.bmbf.de\/pub\/berichtssystem_weiterbildung_neun.pdf\">BMBF [PDF &ndash; 2.8 MB]<\/a><\/p><p>Tatsache ist, dass in Deutschland die Teilnahmequote an Weiterbildung mit 12 % geringer ist als im OECD-Durchschnitt (18 %). Nur 50 Tage im gesamten Berufsleben nimmt ein Besch&auml;ftigter in Deutschland durchschnittlich an einer Weiterbildung teil.<\/p><p>Dennoch weigern sich die meisten Arbeitgeberverb&auml;nde mit den Gewerkschaften Qualifizierungs-Tarifvertr&auml;ge abzuschlie&szlig;en.<br>\nNur in 44 Prozent der Betriebe in Deutschland gibt es &uuml;berhaupt ein Angebot oder eine finanzielle Unterst&uuml;tzung der Weiterbildung und nur in 29 Prozent eine entsprechende Betriebsvereinbarung (S.228). Und das &uuml;berwiegend in Gro&szlig;betrieben.<\/p><p>Bevor der DIHK auf die Arbeitnehmer verweist, sollte er vor der eigenen T&uuml;r kehren: Die Zahl der Weiterbildungsveranstaltungen der Industrie- und Handelskammern und der Handwerkskammern ist seit Jahren r&uuml;ckl&auml;ufig (S. 53)<br>\nDie Teilnahmequoten an Weiterbildungsma&szlig;nahmen liegen im &ouml;ffentlichen Bereich mit zwei von drei Besch&auml;ftigten erheblich h&ouml;her als im privaten Sektor (47%), und der st&auml;rkste R&uuml;ckgang ist gerade im Handwerk zu verzeichnen (S. 169). Warum wohl?<\/p><p>Wie wenig Interesse die Betriebe an der Weiterbildung haben, l&auml;sst sich sehr deutlich daran erkennen, dass die Bundesagentur f&uuml;r Arbeit f&uuml;r die Weiterbildung in den Betrieben mit insgesamt 200 Millionen Euro an Unterst&uuml;tzung anbietet: &laquo;Davon sind bis zum Juli aber nur 5,4 Millionen abgerufen worden.&raquo;<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/in_und_ausland\/wirtschaft\/aktuell\/?em_cnt=1185192\">Fr-Online<\/a><\/p><p>Man kann also nur zustimmen, wenn Ulla Burchardt (SPD), Vorsitzende des Bildungsausschusses des Bundestags, die Forderung des DIHK-Hauptgesch&auml;ftsf&uuml;hrers eine &bdquo;Zumutung&ldquo; nennt: &bdquo;Zuerst dr&uuml;ckt sich die Wirtschaft vor ihrer eigenen Pflicht zur Qualifizierung, und jetzt sollen das die Arbeitnehmer auch noch selber ausbaden. Dabei sind heute noch immer vor allem die kleinen Unternehmen f&uuml;r die meisten Besch&auml;ftigten eine Weiterbildungsfalle. Eine vern&uuml;nftige Personalentwicklungsplanung gibt es allenfalls bei ein paar Gro&szlig;unternehmen und zumeist auch nur f&uuml;r H&ouml;herqualifizierte.<br>\nTeilzeitbesch&auml;ftigte, Frauen mit Kindern, Migranten und Geringqualifizierte sind weitgehend von betrieblicher Weiterbildung ausgeschlossen, nur 6% aller Betriebe in Westdeutschland (7% in Ostdeutschland) bieten betriebliche Weiterbildung f&uuml;r &uuml;ber 55-J&auml;hrige an &ndash; die Arbeitgeber haben bislang die Investitionen in Humanressourcen verschlafen.<br>\nWir brauchen in Deutschland einen Rechtsanspruch auf Weiterbildung. Weiterbildung ist nicht nur kein &sbquo;Privatvergn&uuml;gen&rsquo;, sondern bislang vernachl&auml;ssigte Aufgabe der Arbeitgeber und muss mehr als bisher in &ouml;ffentlicher Verantwortung stehen: das bedeutet eine solidarische Finanzierung nicht nur &uuml;ber Arbeitnehmerbeitr&auml;ge, sondern auch &uuml;ber Steuern und Leistungen der Arbeitgeber. Die Arbeitslosenversicherung muss zur Besch&auml;ftigungsversicherung umgebaut werden. Nach &ouml;sterreichischem Vorbild brauchen wir auch in Deutschland eine gesetzliche Regelung zur so genannten<br>\nBildungskarenz, bei der der Arbeitnehmer zur Teilnahme an einer Weiterbildungsma&szlig;nahme freigestellt wird. Die Bildungskarenz kann zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber f&uuml;r mindestens 3 Monate bis maximal 12 Monate vereinbart werden; der Bildungsurlaub wird in Form des Weiterbildungsgeldes &uuml;ber<br>\ndie Arbeitslosenversicherung bezahlt.<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/_img\/_cnt\/_hermes\/070803_2052_burchardt.pdf\">Fr-Online [PDF &ndash; 16 KB]<\/a><\/p><p>Auch die IG Metall nennt die Weiterbildung ein &ldquo;Stiefkind&rdquo;. Teilnahmequoten und -zeiten gingen zur&uuml;ck, hei&szlig;t es in der Fachkr&auml;fte-Initiative der Gewerkschaft. Sie verweist auf den Zusammenhang zwischen Ausbildung und Qualifizierung: Nur elf Prozent der Besch&auml;ftigten ohne Ausbildung nehmen an einer Weiterbildung teil; aber 44 Prozent der Besch&auml;ftigten mit Hochschulabschluss.<\/p><p><strong>P.S.:<\/strong><br>\nKleine Anmerkung aus der <a href=\"http:\/\/www.ftd.de\/politik\/deutschland\/234826.html?mode=print\">FTD<\/a>:<\/p><blockquote><p><strong>Was packt Wansleben in seinen Koffer?<\/strong><\/p>\n<p>Sp&auml;testens wenn Wansleben selbst im Urlaub ist, darf seine Idee dann in Sch&ouml;nheit wieder eingehen. Eine Frage h&auml;tten wir vorher aber doch: Was packt eigentlich der DIHK-Chef in seinen Koffer? Bekanntlich zeigen bei ausgestrecktem Zeigefinger immer vier Finger auf den Zeigenden &ndash; es sei denn sie umklammern bereits den Band &ldquo;F&uuml;hren, F&ouml;rdern, Coachen&rdquo;. <\/p>\n<p>FTD-Online-Recherchen ergaben: Im letzten Urlaub absolvierte der Verfechter der Parole &ldquo;Lebenslanges Lernen&rdquo; ein Sprachtraining &ndash; ob dieses &uuml;ber &ldquo;Dos cervezas, por favor&rdquo; hinausging, blieb dabei offen. F&uuml;r mehr Ausk&uuml;nfte hatte der DIHK-Boss keine Zeit &ndash; er sa&szlig; schon auf gepackten Koffern. &ldquo;Ich fahre jetzt zwei Wochen weg &ndash; diesmal ganz ohne Weiterbildung&rdquo;, lie&szlig; er mitteilen. <\/p><\/blockquote><p>Vielleicht sollte sich Herr Wansleben auch eine Sonderschulung &uuml;ber die Risiken eines Kreditmanagements im US-Immobilienmarkt angedeihen lassen. Diese Weiterbildung k&ouml;nnte im als Mitglied des Beraterkreises der wegen Spekulationsgesch&auml;ften in Insolvenz geratenen IKB Bank gut gebrauchen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) will, dass die Bundesb&uuml;rger ihren Urlaub k&uuml;nftig verst&auml;rkt zur Weiterbildung nutzen. DIHK-Hauptgesch&auml;ftsf&uuml;hrer Martin Wansleben verwies in der Tageszeitung &ldquo;Die Welt&rdquo; (Freitag) darauf, dass Deutschland zusammen mit Schweden die meisten Urlaubs- und Feiertage habe.<br \/> &ldquo;Da ist genug Luft f&uuml;r beides: Erholung und Weiterbildung. 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