{"id":25364,"date":"2015-03-11T09:30:46","date_gmt":"2015-03-11T08:30:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25364"},"modified":"2019-04-29T12:35:29","modified_gmt":"2019-04-29T10:35:29","slug":"renzi-macht-den-schroeder-zu-den-aktuellen-arbeitsmarktreformen-in-italien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25364","title":{"rendered":"Renzi macht den Schr\u00f6der: Zu den aktuellen Arbeitsmarktreformen in Italien"},"content":{"rendered":"<p>Griechenland hat sich eine Regierung gew&auml;hlt, die nach Jahren der Austerit&auml;ts- und K&uuml;rzungspolitik um einen wirtschafts- und sozialpolitischen Kurswechsel streitet. Neben den geradezu dramatischen Ereignissen in Athen und Br&uuml;ssel vor und nach der Wahl scheint Italien etwas aus dem Blickfeld geraten zu sein. Dabei setzt das gr&ouml;&szlig;te Land S&uuml;deuropas, seit Jahren in der Krise, gerade umfassende neoliberale Reformen am Arbeitsmarkt um. Es bleibt damit bei jener Strategie, die darauf setzt, mit Deregulierung und Deflationsstrategien aus der Krise zu kommen. Aus dem Versagen solcher Rezepte in Griechenland, aber auch in Spanien und Portugal scheint die Regierung unter Ministerpr&auml;sident Matteo Renzi ebenso wenig gelernt zu haben wie aus den fatalen Folgen f&uuml;r Wirtschaft und Gesellschaft, die diese regelm&auml;&szlig;ig zeitigen. Von <strong>Patrick Schreiner[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25364#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>]<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nSeit etwa einem Jahr ist Renzi nun Ministerpr&auml;sident, nachdem es ihm gelungen war, seinen Vorg&auml;nger Enrico Letta in einem Machtkampf innerhalb der Demokratischen Partei (Partito Democratico, PD) vom Thron zu sto&szlig;en. Die derzeitigen Arbeitsmarktreformen hat er zu seinem zentralen Anliegen gemacht: Die Arbeitsm&auml;rkte in Italien sollen flexibler gemacht werden. Auch in Italien ist diese neoliberale Zielsetzung selbst f&uuml;r eine Mitte-Links-Partei keine &Uuml;berraschung mehr. Es ist aber gewiss eine Ironie der Geschichte, dass f&uuml;r diese Politik mit Arbeitsminister Giuliano Poletti ausgerechnet ein fr&uuml;heres Mitglied der Kommunistischen Partei zust&auml;ndig ist. Renzi und Poletti versahen die Reformen mit dem Titel &ldquo;<a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/American_Jobs_Act\">Jobs Act<\/a>&rdquo; &ndash; in Analogie zu einem Reformprogramm &auml;hnlichen Namens (aber deutlich abweichenden Inhalts) des US-Pr&auml;sidenten Barack Obama. <\/p><p>Im Dezember 2014 wurde der italienische &ldquo;Jobs Act&rdquo; nach harten monatelangen Auseinandersetzungen beschlossen. Am 20. Februar 2015 hat die italienische Regierung die ersten Dekrete dazu verabschiedet. Wer etwas &uuml;ber politische Inszenierung und politisches &Uuml;ber-die-Bande-Spielen lernen wollte, musste in jener Woche nach Rom blicken: Nur einen Tag vor der Verabschiedung der ersten &ldquo;Jobs-Act&rdquo;-Dekrete stellte die OECD dort ihren &ldquo;Economic Survey&rdquo; zu Italien der &Ouml;ffentlichkeit vor. Ein Schelm, wer B&ouml;ses dabei denkt. Eigens angereist war OECD-Generalsekret&auml;r Jos&eacute; Angel Gurr&iacute;a. Er traf medienwirksam den Ministerpr&auml;sidenten Renzi und gab mit Arbeitsminister Poletti sowie zwei weiteren Kabinettsmitgliedern eine Pressekonferenz. Inhalt des OECD-Berichts (neben einer guten Portion Lob f&uuml;r die Arbeitsmarktpolitik der Regierung Renzi): Die altbekannten M&auml;rchen von der Notwendigkeit und N&uuml;tzlichkeit eines flexibilisierten Arbeitsmarkts &ndash; und die altbekannten Versprechungen neuer zus&auml;tzlicher Arbeitspl&auml;tze, wenn ein deregulierter Arbeitsmarkt nur schnell und radikal genug umgesetzt werde. So schreibt die OECD:<\/p><blockquote><p>\nDie zentralen Herausforderungen sind es, die Wirtschaft produktiver, wettbewerbsf&auml;higer und anpassungsf&auml;higer zu machen, um so den Lebensstandard und den Wohlstand aller Italiener zu erh&ouml;hen. Die Reform des Arbeitsmarkts hat unmittelbare Priorit&auml;t, dort verhindert zu viel Rigidit&auml;t die Schaffung von Arbeitspl&auml;tzen und das Vorhandensein passender Qualifikationen [&hellip;].\n<\/p><\/blockquote><p>Kern der Renzi-Reformen ist der vieldiskutierte Artikel 18 im italienischen Arbeitsrecht. Er sch&uuml;tzte bislang ArbeitnehmerInnen vor ungerechtfertigten Entlassungen, indem er Unternehmen (ab 15 Besch&auml;ftigten) zwang, ungerechtfertigt Gek&uuml;ndigte wieder einzustellen. Er gilt zu Recht als eine der gr&ouml;&szlig;ten Errungenschaften der italienischen abh&auml;ngig Besch&auml;ftigten; die entsprechende Gesetzes&auml;nderung 1970 mussten sie m&uuml;hsam erk&auml;mpfen &ndash; zun&auml;chst in Form autonomer betrieblicher Aktionen, sp&auml;ter mit Unterst&uuml;tzung der Gewerkschaften. Die besondere Bedeutung des Artikels 18 liegt nicht zuletzt darin begr&uuml;ndet, dass er gewerkschaftliches Engagement in Betrieben sch&uuml;tzt: So werden ArbeitnehmerInnen nicht selten entlassen, sobald sie sich gewerkschaftlich organisieren oder ihre Interessen im Betrieb durchsetzen wollen. Dies ist in Italien insofern besonders relevant, <a href=\"http:\/\/www.annotazioni.de\/post\/1437\">als es keine Trennung<\/a> zwischen betrieblicher Interessenvertretung und Gewerkschaften gibt; ein Engagement in einer solchen Vertretung ist damit stets identisch mit einem Engagement als GewerkschafterIn.<\/p><p>Der K&uuml;ndigungsschutz im Allgemeinen und Artikel 18 im Besonderen ist in Italien seit Jahren unter neoliberalem Beschuss &ndash; auch aufgrund seiner gro&szlig;en Bedeutung f&uuml;r die Gewerkschaften. Schon die Regierung Berlusconi versuchte, hier &Auml;nderungen vorzunehmen. &Uuml;ber Jahre hinweg wurden die medialen und politischen Debatten zu Artikel 18 &auml;hnlich gef&uuml;hrt, wie in Deutschland vor den Hartz-Gesetzen eine m&ouml;gliche Reform bzw. K&uuml;rzung der damaligen Arbeitslosenhilfe bzw. Sozialhilfe diskutiert wurde: Bef&uuml;rworterInnen der Reformen brachten fragw&uuml;rdige Einzelf&auml;lle (in Deutschland: &ldquo;Florida-Rolf&rdquo;) wieder und wieder auf den Tisch. So bestimmten sie die Debatte und machten erfolgreich Stimmung &ndash; die &uuml;bergreifende gesellschaftliche Bedeutung von Sozialleistungen (in Deutschland) bzw. des K&uuml;ndigungsschutzes (in Italien) hingegen fand daneben kaum noch Beachtung. <\/p><p>Im Falle Italiens entstand auf diese Weise der Eindruck, dass der K&uuml;ndigungsschutz das gr&ouml;&szlig;te Problem des Landes sei und dass dieser die Hauptverantwortung f&uuml;r die Krise von Wirtschaft und Arbeitsmarkt trage. Auch die OECD brachte dieses Argument in ihrem oben angesprochenen Bericht einmal mehr auf den Tisch:<\/p><blockquote><p>\nDurch den im Dezember 2014 beschlossenen Jobs Act hat die Regierung das Mandat, Ma&szlig;nahmen einzuf&uuml;hren, durch die der Schutz von Arbeitsverh&auml;ltnissen rationaler gestaltet, aktive Arbeitsmarktpolitik ausgeweitet und soziale Sicherung effektiver gemacht wird. Durch solche Politiken werden Qualifikationen passender gemacht und wird die Produktivit&auml;t gesteigert.\n<\/p><\/blockquote><p>Empirisch gibt es f&uuml;r diese Annahme gleichwohl keine Grundlage. So ist das Niveau des K&uuml;ndigungsschutzes in manch anderem Land h&ouml;her als in Italien, so insbesondere auch in wirtschaftlich erfolgreicheren Staaten (Niederlande, Deutschland), aber auch in manchen mittel- und osteurop&auml;ischen Staaten (Lettland, Tschechien), die von Neoliberalen gerne als Vorzeigel&auml;nder genannt werden. Dass L&auml;nder mit ausgepr&auml;gterem K&uuml;ndigungsschutz wirtschaftlich erfolgreicher sind, ist zudem keineswegs Zufall, wie j&uuml;ngere wissenschaftliche Untersuchungen zeigen: So d&uuml;rfte sich ein st&auml;rkerer K&uuml;ndigungsschutz &ndash; entgegen landl&auml;ufiger neoliberaler Annahmen &ndash; <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25160\">eher positiv auf die Zahl der Arbeitspl&auml;tze auswirken<\/a>.<\/p><p>Neben den &uuml;blichen Begr&uuml;ndungen f&uuml;r eine neoliberale Flexibilisierung des Arbeitsmarkts wird in der arbeitsmarktpolitischen Diskussion Italiens immer wieder auf ein Problem verwiesen, das tats&auml;chlich nicht von der Hand zu weisen ist: die Spaltung des Arbeitsmarkts in gesch&uuml;tzte, unbefristete Arbeitspl&auml;tze einerseits und prek&auml;re Jobs andererseits. Arbeitsmarktreformen italienischer Regierungen hatten in der j&uuml;ngeren Vergangenheit darauf gezielt, den Unternehmen &auml;u&szlig;erst flexible und immer flexiblere Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnisse zu erm&ouml;glichen. Der prek&auml;re Arbeitsmarktsektor wuchs hierdurch best&auml;ndig. F&uuml;r viele, vor allem junge Besch&auml;ftigte f&uuml;hrte dies zu extremer Unsicherheit und zu Niedrigl&ouml;hnen, aus denen es kaum ein Entkommen zu geben scheint. <\/p><p>Von Beginn an suggerierte Renzi, dass das italienische Reformprogramm mehr Flexibilit&auml;t am Arbeitsmarkt und mehr Sicherheit f&uuml;r ArbeitnehmerInnen ausgewogen kombiniere. Er beansprucht, zumindest die extremsten dieser prek&auml;ren Arbeitsverh&auml;ltnisse abzuschaffen. Er tut dies allerdings nur teilweise, andere prek&auml;re Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnisse wie Leiharbeit oder &ldquo;Arbeitsscheine&rdquo; weitet er aus (siehe unten). Und auf der anderen Seite flexibilisiert er die bislang gesch&uuml;tzten, unbefristeten Arbeitsverh&auml;ltnisse.<\/p><p>Dazu f&uuml;hrt der &ldquo;Jobs Act&rdquo; einen neuen, so genannten &ldquo;Arbeitsvertrag mit zunehmenden Sicherungen&rdquo; (&ldquo;contratto a tutele crescenti&rdquo;) ein, der die bisherigen unbefristeten Normalarbeitsverh&auml;ltnisse ersetzen wird. Das gerichtliche Vorgehen gegen Entlassungen aus wirtschaftlichen Gr&uuml;nden wird generell erschwert. Vorgesehen ist zudem, dass es bei ungerechtfertigten Entlassungen aus wirtschaftlichen Gr&uuml;nden (bei neu abgeschlossenen Arbeitsvertr&auml;gen und in Betrieben ab 15 MitarbeiterInnen) fortan kein Recht auf Wiedereinstellung mehr gibt &ndash; es sei denn, die K&uuml;ndigung wird vom Gericht als diskriminierend erkannt. Bei ungerechtfertigten K&uuml;ndigungen aus disziplinarischen Gr&uuml;nden gibt es ein solches Recht nur noch, wenn ein Gericht feststellt, dass die K&uuml;ndigung gegenstandslos war. Ersatzweise zu zahlende Entsch&auml;digungen werden &ndash; in Abh&auml;ngigkeit von der Dauer der Betriebszugeh&ouml;rigkeit &ndash; gesetzlich festgelegt. Diese gegen&uuml;ber bisherigen Werten deutlich reduzierten Entsch&auml;digungszahlungen gelten auch bei kollektiven Entlassungen, wenn das Unternehmen rechtliche Vorschriften verletzt.<\/p><p>Der Abbau des K&uuml;ndigungsschutzes ist sicherlich die bedeutsamste und umstrittenste, aber nicht die einzige Ma&szlig;nahme im &ldquo;Jobs Act&rdquo;. Die wichtigsten weiteren sind:<\/p><ul>\n<li>Die soziale Absicherung bei Arbeitslosigkeit wird einerseits verbessert, andererseits aber (&auml;hnlich wie bei Hartz IV in Deutschland) verkn&uuml;pft mit disziplinierenden Ma&szlig;nahmen. Dies soll Menschen zur Jobsuche oder zur Weiterqualifizierung antreiben. Anspruch auf Leistungen der Arbeitslosenversicherung hat nur, wer in den letzten vier Jahren mindestens 13 Monate eingezahlt hat.<\/li>\n<li>Die besonders prek&auml;ren Arbeitsvertr&auml;ge &ldquo;co.co.pro&rdquo; werden ab 2016 abgeschafft. Sie sollten offiziell zur Besch&auml;ftigung in Projekten genutzt werden, hatten sich aber zu einem Standard-Instrument prek&auml;rer Besch&auml;ftigung entwickelt.<\/li>\n<li>Die prek&auml;ren befristeten Arbeitsvertr&auml;ge ohne Sachgrund bleiben bestehen, sie k&ouml;nnen eine maximale Dauer von 36 Monaten haben. Damit k&ouml;nnen sie auch weiterhin einem unbefristeten Arbeitsverh&auml;ltnis als dreij&auml;hrige De-facto-Probezeit vorangesetzt werden.<\/li>\n<li>Der Einsatzbereich der so genannten &ldquo;Arbeitsscheine&rdquo; (&ldquo;buoni lavoro&rdquo;) wird ausgeweitet. Es handelt sich um eine Art moderne Tagel&ouml;hnerei; ArbeiterInnen k&ouml;nnen hier ohne formellen Arbeitsvertrag stundenweise f&uuml;r einen Stundenlohn von 7,50 Euro besch&auml;ftigt werden.<\/li>\n<li>Der Einsatzbereich von unbefristeter Leiharbeit wird liberalisiert, zugleich aber die Zahl der LeiharbeiterInnen in einem Unternehmen prozentual begrenzt.<\/li>\n<li>Ein Unternehmen kann zuk&uuml;nftig bei Restrukturierungen den Aufgabenzuschnitt eines Arbeitsplatzes einseitig (auch nach unten) ver&auml;ndern, sofern es keine &Auml;nderungen am Gehalt vornimmt.<\/li>\n<li>Im Falle von schwerer Krankheit oder in der Zeit nach der Geburt eines Kindes wird ein Recht auf Teilzeit eingef&uuml;hrt.<\/li>\n<li>Die Bedingungen f&uuml;r Mutterschaftsurlaub und Elternzeit werden verbessert.<\/li>\n<\/ul><p>Zusammenfassend ist festzuhalten: Mit dem &ldquo;Jobs Act&rdquo; wird nicht nur der K&uuml;ndigungsschutz bei unbefristeten Vertr&auml;gen geschw&auml;cht, sondern &ndash; aus oben genannten Gr&uuml;nden &ndash; auch die Position von GewerkschafterInnen in Betrieben. Zudem wird Prekarit&auml;t auf das Normalarbeitsverh&auml;ltnis ausgeweitet. Die extrem prek&auml;re Besch&auml;ftigung in anderen Sektoren des Arbeitsmarkts wird hingegen nur in Teilen eingeschr&auml;nkt. Renzis Reformen haben hier eine deutliche Schlagseite.<\/p><p>Die gr&ouml;&szlig;te italienische Gewerkschaft CGIL kommentierte die Neuregelungen treffend wie folgt: <\/p><blockquote><p>\nDer Jobs Act ist kein Beitrag im Kampf gegen Prekarit&auml;t, sondern er h&auml;lt Differenzen [bez&uuml;glich der Sicherheit] in Arbeitsverh&auml;ltnissen aufrecht. [&hellip;] Der &lsquo;Arbeitsvertrag mit zunehmenden Sicherungen&rsquo; bedeutet eine strukturelle Ver&auml;nderung des unbefristeten Arbeitsvertrags, der von jetzt an vorsieht, dass ein Unternehmen im Rahmen von ungerechtfertigten oder kollektiven Entlassungen durch die Zahlung einer &auml;rmlichen Entsch&auml;digung k&uuml;ndigen kann.\n<\/p><\/blockquote><p>Unzufrieden auch die Gewerkschaft UIL: <\/p><blockquote><p>\nDas, was die Regierung im Bereich der Arbeit gemacht hat, geht in die falsche Richtung. Notwendig w&auml;re, alle prek&auml;ren Arbeitsverh&auml;ltnisse abzuschaffen.\n<\/p><\/blockquote><p>Die CGIL hatte sich im Dezember 2014 mit einem Generalstreik, gemeinsam mit der UIL, gegen die Arbeitsmarktreformen gewehrt. An einer gro&szlig;en Demonstration in Rom hatte sich zwei Monate zuvor, im Oktober 2014, von den drei gro&szlig;en Gewerkschaften lediglich die CGIL beteiligt. Dennoch nahmen &uuml;ber eine Million Menschen teil &ndash; was die Relevanz des Themas f&uuml;r ArbeitnehmerInnen und Gewerkschaften unterstreicht. Die dritte gro&szlig;e Gewerkschaft CISL verfolgte eine kompromissorientiertere, gem&auml;&szlig;igtere Linie. Letztlich l&auml;sst aber auch ihre Stellungnahme zu &ldquo;Jobs Act&rdquo; ihre Unzufriedenheit erkennen, wenngleich vorsichtiger formuliert und mit der wohl naiven Hoffnung auf zuk&uuml;nftig weitere Ma&szlig;nahmen gegen prek&auml;re Besch&auml;ftigung unterlegt:<\/p><blockquote><p>\nEs ist eine erste, nur begrenzte Intervention. Wir h&auml;tten uns eine mutigere Haltung der Regierung bez&uuml;glich der effektiven Abschaffung der Formen prek&auml;rer Besch&auml;ftigung junger Menschen gew&uuml;nscht.\n<\/p><\/blockquote><p>Unzufrieden zeigte sich neben Gewerkschaften und der Linkspartei SEL auch der linke Fl&uuml;gel der Regierungspartei PD. Massive &ouml;ffentliche Kritik aus den eigenen Reihen war in den letzten Monaten immer wieder aufgekommen. In den zust&auml;ndigen Aussch&uuml;ssen des italienischen Parlaments f&uuml;hrte dies zu (rechtlich unverbindlichen) &Auml;nderungsvorschl&auml;gen, die die Kritik der Gewerkschaften zumindest teilweise aufgriffen. Die Renzi-Regierung ignorierte diese Vorschl&auml;ge, was in Italien eher un&uuml;blich ist.<\/p><p>Renzi verstand es bislang erfolgreich, die KritikerInnen von links in ihre Grenzen zu verweisen und zugleich bei der Stange zu halten. Zudem verstand er es, die Gewerkschaften aus arbeitsmarktpolitischen Gespr&auml;chen herauszuhalten. Das Lied von den angeblich konservativen, halsstarrigen, die Besitzst&auml;nde weniger Menschen verteidigenden Gewerkschaften wird l&auml;ngst auch in Italien von Mitte-Links gesungen.<\/p><p>Symptomatisch ist Renzis Begr&uuml;ndung seiner Politik. Um seine Arbeitsmarktreformen in der eigenen Partei zu legitimieren, griff er auf ein geradezu Schr&ouml;derianisches Argument (&ldquo;Angebotspolitik von links&rdquo;) zur&uuml;ck. Renzi:<\/p><blockquote><p>\nF&uuml;r mich ist diese Reform links, weil die Linke den Wandel und die Zukunft verteidigt.\n<\/p><\/blockquote><p>Mit diesem Argument zielte er ganz offensichtlich auf seine KritikerInnen vom linken Fl&uuml;gel des PD. Die &Auml;hnlichkeit zu entsprechenden Formulierungen beispielsweise im so genannten Schr&ouml;der-Blair-Papier von 1999 ist offensichtlich: <\/p><blockquote><p>\nDie Sozialdemokratie [&hellip;] hat neue Zustimmung auch gewonnen, weil sie nicht nur f&uuml;r soziale Gerechtigkeit, sondern auch f&uuml;r wirtschaftliche Dynamisierung und f&uuml;r die Freisetzung von Kreativit&auml;t und Innovation steht&rdquo;.\n<\/p><\/blockquote><p>Bei Renzi wie auch bei Schr&ouml;der\/Blair wird &ldquo;sozialdemokratisch&rdquo; bzw. &ldquo;links&rdquo; nicht inhaltlich, sondern mit blo&szlig;em Ja-Sagen zu Ver&auml;nderung und mit Zustimmung zu einer als alternativlos beschriebenen Zukunft begr&uuml;ndet. Sicher ist: Eine solche &ldquo;Linke&rdquo; braucht Italien so wenig, wie Deutschland und Gro&szlig;britannien sie brauchen.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Patrick Schreiner lebt und arbeitet als hauptamtlicher Gewerkschafter in Hannover. Er schreibt regelm&auml;&szlig;ig f&uuml;r die NachDenkSeiten zu wirtschafts-, sozial- und verteilungspolitischen Themen.<\/p>\n<\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/f351029b769b480a8a81c711b0f8378a\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Griechenland hat sich eine Regierung gew&auml;hlt, die nach Jahren der Austerit&auml;ts- und K&uuml;rzungspolitik um einen wirtschafts- und sozialpolitischen Kurswechsel streitet. 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