{"id":2546,"date":"2007-08-13T08:47:44","date_gmt":"2007-08-13T06:47:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2546"},"modified":"2015-12-31T11:19:30","modified_gmt":"2015-12-31T10:19:30","slug":"wie-bekaempft-man-den-reformwiderstand-das-zew-mannheim-als-psychodoktor","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2546","title":{"rendered":"\u201eWie bek\u00e4mpft man den \u201eReformwiderstand\u201c? \u2013 Das ZEW-Mannheim als Psychodoktor\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Das ist der Titel eines interessanten Beitrags von Friedhelm Gr&uuml;tzner. &bdquo;Er ist l&auml;nger geworden als urspr&uuml;nglich geplant&ldquo;, so Gr&uuml;tzner, &bdquo;aber die methodologische Unbedarftheit dieser sich selbst aufblasenden &ldquo;Experten&rdquo; (und deren teilweise richtig drollige Argumentation) hat bei mir das unwiderstehliche Bed&uuml;rfnis hervorgerufen, hier mal in medias res zu gehen &ndash; und zwar weniger von der fachlichen wirtschaftswissenschaftlichen Seite her, sondern mehr unter sozialwissenschaftlichen und erkenntnistheoretischen Gesichtspunkten.&ldquo; Schwerer Stoff, aber sehr lesenswert. Ein gro&szlig;es Dankesch&ouml;n geht an den Autor. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\nDer folgende Text ist bisher auf der Website der Partei <a href=\"http:\/\/www.dielinke-bremen.de\/politik\/debatte\/\">DIE LINKE in Bremen<\/a> ver&ouml;ffentlicht. Wir stellen ihn Ihnen ebenso zur Verf&uuml;gung:<\/p><p><strong>Wie bek&auml;mpft man den &bdquo;Reformwiderstand&ldquo;? &ndash;<br>\nDas ZEW-Mannheim als Psychodoktor<\/strong><\/p><p><strong>von Friedhelm Gr&uuml;tzner<\/strong><\/p><p>Wenn die Staatsm&auml;nner im antiken Griechenland nicht mehr weiter wussten, dann suchten sie Rat bei den G&ouml;ttern. Im Apollotempel zu Delphi trafen sie auf die Pythia, welche ihnen auf dem Dreifuss thronend in dunkler Sprache das Orakel verk&uuml;ndete, das die Gegenwart deutete und Wege aufzeigte, um aktuelle Krisen zu meistern.<br>\nWir leben allerdings nicht mehr im Altertum. Die &bdquo;Entzauberung der Welt&ldquo; (Max Weber) brachte es mit sich, dass in unseren s&auml;kularisierten Verh&auml;ltnissen direkte g&ouml;ttliche Ratschl&auml;ge nicht mehr so gefragt sind wie fr&uuml;her (wenn ich mal den aktuellen US-Pr&auml;sidenten George W. Bush ausnehme), was aber nicht hei&szlig;t, dass unsere Regierenden vom Bed&uuml;rfnis nach Verge&shy;wisserung, autoritativer Deutung und Weisung &bdquo;von oben&ldquo; v&ouml;llig frei w&auml;ren. Nur sind es heute nicht mehr die Seher und Propheten, die in ekstatischer Rede transzendente Wahrheiten verk&uuml;nden, sondern die &bdquo;Experten&ldquo;, welche als &bdquo;Sachverst&auml;ndige&ldquo; (oder &bdquo;Wirt&shy;schaftsweise&ldquo;) dem &bdquo;Treiben der Welt&ldquo; enthoben im &bdquo;Elfenbeinturm&ldquo; der Wissenschaft ho&shy;cken und von dort ihre priesterliche Funktion aus&uuml;ben.<\/p><p>Die Bundestagswahlen 2005 machten deutlich, dass der als &bdquo;Reformpolitik&ldquo; getarnte Sozial&shy;abbau und die einseitige Bevorzugung der Kapital- und Verm&ouml;gensbesitzer inzwischen unter erheblichen Legitimationsdruck geraten ist. Vor allem die SPD musste f&uuml;r die AGENDA 2010 und Hartz IV seit 2003 bei den Landtagswahlen einen hohen politischen Preis zahlen und dazu noch drastische Mitgliederverluste hinnehmen. Was lag also n&auml;her, als dass ein ex&shy;ponierter Vertreter dieser Partei &ndash; der Bundesfinanzminister Peer Steinbr&uuml;ck &ndash; die &bdquo;Experten&ldquo; ersuchte, dieses f&uuml;r ihn nicht erkl&auml;rbare Ph&auml;nomen zu deuten. Er wandte sich dabei ausgerech&shy;net an eines jener Wirtschaftsforschungsinstitute (Zentrum f&uuml;r Europ&auml;ische Wirtschaftsfor&shy;schungsinstitute [ZEW] in Mannheim), welche der AGENDA-SPD mit ihren doktrin&auml;ren Ratschl&auml;gen &uuml;berhaupt erst &bdquo;die Suppe eingebrockt&ldquo; hatten. Heraus kam ein mit &bdquo;Psychologie, Wachstum und Reformf&auml;higkeit&ldquo; betitelter Forschungsbericht des ZEW Mannheim, der zu&shy;sammen mit Vertretern der Universit&auml;t Salzburg und der Ludwig-Maximilian-Universit&auml;t M&uuml;nchen erarbeitet und im &bdquo;Monatsbericht des BMF &ndash; April 2007&ldquo; auf den Seiten 43 &ndash; 55 ver&ouml;ffentlicht wurde. <\/p><p>Schon die Tatsache, dass mit der Erstellung des Forschungsberichts das ZEW Mannheim be&shy;auftragt wurde, ist methodisch zu beanstanden. Der Volksmund w&uuml;rde sagen: &bdquo;Hier wird der Bock zum G&auml;rtner gemacht&ldquo;. Es geh&ouml;rt zu den allgemein &uuml;blichen wissenschaftlichen Stan&shy;dards, dass Forscher zum zu erforschenden Gegenstand reflexiv Distanz halten. Diese reflexi&shy;ve Distanz liegt jedoch beim ZEW Mannheim nicht vor, denn es soll erkl&auml;ren, warum die von ihm an anderer Stelle so warm empfohlene Politik von weiten Kreisen der Bev&ouml;lkerung hart&shy;n&auml;ckig abgelehnt wird und gleichzeitig M&ouml;glichkeiten aufzeigen, wie diese zuk&uuml;nftig besser zu &bdquo;verkaufen&ldquo; ist. Der eigenen Interessenlage gem&auml;&szlig; kann daher der vom ZEW vorgelegte Forschungsbericht nur apologetisch gef&auml;rbt sein, was den wissenschaftlichen Wert der Arbeit stark einschr&auml;nkt.  <\/p><p>Im Gegensatz zum neuzeitlichen Denken (&bdquo;Wir leben in einem Zeitalter der Kritik, der sich alles unterwerfen muss&ldquo; [Kant]) setzt der Forschungsbericht die neoklassische Dogmatik als undiskutierbar voraus, was den Schreiber dieser Zeilen an jenen Stellen zu Heiterkeitsausbr&uuml;&shy;chen veranlasste, wo sie in ihren Schlussfolgerungen &ndash; soweit nachpr&uuml;fbar &ndash; jeder empirischen Evidenz widerstreiten. Eingangs wird behauptet, dass die &bdquo;Reformen auf Dauer weiten Krei&shy;sen der Bev&ouml;lkerung einen Wohlstandzuwachs erm&ouml;glichen w&uuml;rden&ldquo; (S. 43). Die Formulie&shy;rung &bdquo;auf Dauer&ldquo; impliziert, dass es sich hier um keine empirische Zustandsbe&shy;schreibung, sondern um eine <strong>Prognose mit unbestimmtem Zeithorizont<\/strong> handelt. &bdquo;Auf Dauer&ldquo; sollte es schlie&szlig;lich auch den Menschen im Realsozialismus besser gehen, bis diesel&shy;ben schlie&szlig;lich meinten, siebzig Jahre warten, harren und hoffen seien genug. Jede Heilslehre, die auf bessere Zeiten in weiter Ferne verweist und damit aktuelles Leiden rechtfertigt, wird irgendwann einmal mit dem Problem der &bdquo;Parusieverz&ouml;gerung&ldquo; konfrontiert (Parusie = Wie&shy;derkunft des Herrn am Ende aller Tage). Das Christentum hat es hier einfacher &ndash; denn nach Matth&auml;us 25, Vers 13 &bdquo;kennen wir weder Zeit noch Stunde&ldquo; dieses kosmischen Ereignisses und die Wege Gottes sind be&shy;kanntlich unerforschlich. In der profanen Politik gelten dagegen andere Re&shy;geln. Au&szlig;erdem ist der Satz in der vorliegenden Form empirisch nicht falsifizierbar und damit keine &uuml;berpr&uuml;fbare wissenschaftliche Aussage.<br>\nAuf S. 44 wird contra factum eine &bdquo;Minderheit von Reformverlierern&ldquo; einer &bdquo;Mehrheit der Reformgewinner&ldquo; gegen&uuml;bergestellt. Nach dieser Logik geh&ouml;ren also die Masse der Lohn- und Gehaltsempf&auml;nger, die seit Verk&uuml;ndigung der glorreichen AGENDA 2010 (und auch schon davor) mit stagnierenden oder sinkenden Realeinkommen vorlieb nehmen m&uuml;ssen, zu den &bdquo;Gewinnern&ldquo; der Reformen. Aber was ist mit den Arbeitnehmern, deren Vollerwerbspl&auml;t&shy;ze in Mini-Jobs zerlegt wurden, den Hartz-IV-Arbeitslo&shy;sen und den als &bdquo;Aufstocker&ldquo; bekannt gewordenen Alg-II-Be&shy;zieher im Niedriglohnbereich? Die wird uns doch wohl selbst das ZEW-Mannheim nicht als &bdquo;Gewinner&ldquo; verkaufen wollen.<br>\nZu welch abstrusen Ergebnissen diese &bdquo;Gewinner&ldquo;-Logik f&uuml;hrt, verdeutlicht folgender Satz (S. 45): &bdquo;Bestimmte Reformen &ndash; wie etwa die Einf&uuml;hrung der &gt;Rente mit 67&lt; oder besch&auml;fti&shy;gungssteigernde Arbeitsmarktreformen &ndash; begrenzen Unsicherheiten und machen die Zukunft wieder berechenbar.&ldquo; Nun ja - mit ein wenig Wohlwollen kann man sagen, dass die de-facto-Rentenk&uuml;rzung die &bdquo;Unsicherheiten&ldquo; insofern &bdquo;begrenzt&ldquo; und die &bdquo;Zukunft wieder berechen&shy;bar&ldquo; macht, da sich jetzt jeder durchschnittliche Arbeitnehmer mental auf seine Altersarmut einstellen und vorsorglich schon einmal ein asketisches Leben ein&uuml;ben kann. Als rational vor&shy;ausschauendes Wirtschaftssubjekt sollte er sich auch fr&uuml;hzeitig nach &bdquo;Armentafeln&ldquo; in den Gro&szlig;st&auml;dten erkundigen, damit er wei&szlig;, wo es f&uuml;r ihn und Seinesgleichen sp&auml;ter etwas zu es&shy;sen gibt. Wie allerdings &bdquo;besch&auml;ftigungssteigernde Arbeitsmarktreformen&ldquo; &ndash; ob und wieweit sie wirklich &bdquo;besch&auml;ftigungssteigernd&ldquo; wirken, lasse ich hier uner&ouml;rtert &ndash; &bdquo;Unsicherheiten begrenzen&ldquo; und die &bdquo;Zukunft wieder berechenbar&ldquo; machen sollen, ist mir schlicht schleier&shy;haft. Denn wenn ich mir die vorgeschlagenen neoliberalen &bdquo;Arbeitsmarktreformen&ldquo; an&shy;schaue, dann laufen sie auf eine Lockerung des K&uuml;ndigungsschutzes und die Zunahme prek&auml;&shy;rer Be&shy;sch&auml;ftigung hinaus, was f&uuml;r die jeweils Betroffenen eine geradezu <strong>existenzielle Verun&shy;siche&shy;rung ihrer gesamten Lebensumst&auml;nde<\/strong> mit sich bringt (und sie beispielsweise als &bdquo;rati&shy;onale Egoisten&ldquo; von der Kinderzeugung abh&auml;lt, womit sich allerdings das behauptete &bdquo;demo&shy;graphi&shy;sche Problem&ldquo; verstetigt).<br>\nUnd dann gibt es Passagen in diesem Forschungsbericht, wo der Leser nicht wei&szlig;, ob er mehr die Ignoranz der Autoren bestaunen oder sich eher &uuml;ber ihren Zynismus emp&ouml;ren soll: &bdquo;Typi&shy;scherweise sind Verlierer von Reformen schon im Vorfeld identifizierbar, hingegen sind Ge&shy;winner (Menschen etwa, die aufgrund einer Arbeitsmarktreform in Zukunft einen Arbeitsplatz finden <strong>w&uuml;rden<\/strong>) nicht pers&ouml;nlich identifizierbar. Wenn die Verlierer ein Gesicht haben, die Gewinner aber nicht, erschwert das die Vermittlung einer Reform entscheidend&ldquo; [S. 47 &ndash; Her&shy;vorhebung von mir. F.G.]. Nat&uuml;rlich ist es schwierig, Personen, welche nur im Konjunktiv existieren, ein &bdquo;Gesicht&ldquo; zu verleihen, w&auml;hrend die &bdquo;Verlierer von Reformen&ldquo; real unter uns weilen. Auch ist der Satz insofern fragw&uuml;rdig, als Menschen <strong>immer<\/strong> ein &bdquo;Gesicht&ldquo; haben. Auch jene &bdquo;Gewinner&ldquo;, die aus dem Alg-II-Bezug in einen Job wechseln, wo sie mit einem Hungerlohn von 4,15 Euro pro Stunde abgespeist werden, verf&uuml;gen &uuml;ber ein &bdquo;Gesicht&ldquo; und sind &bdquo;pers&ouml;nlich identifizierbar&ldquo;. Offensichtlich k&ouml;nnen sich nur Modellplatoniker aus der neoklassischen Schule &bdquo;gesichtlose&ldquo; Menschen vorstellen, die als mathematische Abstraktio&shy;nen den Ideenhimmel ihrer ganz speziellen Vorstellungswelt bev&ouml;lkern.<\/p><p>Es geh&ouml;rt zu den Eigenarten der dem Neoliberalismus zugrunde liegenden neoklassischen Volkswirtschaftslehre, dass sie &ndash; der aristotelischen Scholastik des Mittelalters vergleichbar &ndash; ihre Rezepte rein deduktiv aus undiskutierbaren Axiomen (synthetischen S&auml;tzen a priori) ab&shy;leitet, ohne sich gro&szlig; um die empirische Einl&ouml;sung der so gewonnenen Schlussfolgerungen zu k&uuml;mmern. &Uuml;berraschenderweise stellen nun die Autoren zentrale Grundannahmen dieses Theoriengeb&auml;udes aufgrund experimentalpsychologischer Forschungsergebnisse zur Dispo&shy;sition. Sie verweisen dabei auf Erkenntnisse der &bdquo;verhaltensorientierten &Ouml;konomik&ldquo; (Behavi&shy;oural Enonomics) von Daniel Kahneman und Vernon Smith, wo &bdquo;von der strengen Rationa&shy;lit&auml;t des homo oeconomicus abger&uuml;ckt wird&ldquo; sowie auf die &bdquo;Prospekttheorie&ldquo; von Kahneman und Amos Tversky, welche &bdquo;auf empirischen Beobachtungen (fu&szlig;t) und nicht auf plausiblen Axiomen wie die traditionelle mikro&ouml;konomische Entscheidungstheorie&ldquo; (S. 45). Auch die reduktionistische Sichtweise des allein seinen Nutzen maximierenden homo oeconomicus, der lediglich entsprechender &bdquo;Anreize&ldquo; bed&uuml;rfe, um wie ein &bdquo;pawlowscher Hund&ldquo; in der ge&shy;w&uuml;nschten Weise zu funktionieren, wird relativiert. &bdquo;Ein zentrales Resultat der verhaltens&shy;&ouml;konomischen Literatur ist, dass menschliche Verhaltensweisen nicht von einer isolierten Eigennutzmaximierung getrieben werden, sondern zus&auml;tzlich Vergleiche mit den Nutzenni&shy;veaus der Mitmenschen eine ma&szlig;gebliche Rolle spielen. Menschen verhalten sich reziprok, d.h. altruistisch oder egoistisch, wenn sie den Eindruck haben, wichtige Referenzpersonen handelten ebenso. Im Reformkontext ist beobachtbar, dass die wahrgenommene Gerechtigkeit einer Reform wichtiger f&uuml;r deren Akzeptanz sein kann als die Frage nach den vermuteten &ouml;konomischen Folgen der Reform&ldquo; (S. 47). Dass Menschen nicht ausschlie&szlig;lich ihren Nutzen maximieren, sondern sich als moralische Subjekte auch wertrational verhalten, ist zwar in der allgemeinen abendl&auml;ndischen Philosophie eine so selbstverst&auml;ndliche Erkenntnis, dass sie schon fast trivial ist &ndash; aber offensichtlich bed&uuml;rfen &Ouml;konomen erst komplizierter ex&shy;perimen&shy;talpsychologischer Forschungsergebnisse, um hier wieder Anschluss zu gewinnen.<\/p><p>Selbstverst&auml;ndlich ist es begr&uuml;&szlig;enswert, wenn Wissenschaftler aufgrund empirischer Beo&shy;bachtungen aus ihrem &bdquo;dogmatischen Schlummer&ldquo; (Kant) erwachen. Allerdings muss man dann von ihnen auch erwarten, dass sie im Lichte der neu gewonnenen Erfahrungen ihre bis&shy;herigen Lehrmeinungen &uuml;berpr&uuml;fen. Dies gilt gerade f&uuml;r die neoklassische Volkswirtschafts&shy;lehre, die in ihrer streng logisch-deduktiven Architektur mit der Plausibilit&auml;t der ihr zugrunde liegenden Axiome steht und f&auml;llt. Wenn also die &bdquo;strenge Rationalit&auml;t des homo oeconomi&shy;cus&ldquo; nicht mehr gegeben ist und &uuml;berdies Gerechtigkeitserw&auml;gungen die individuelle &bdquo;iso&shy;lierte Eigennutzmaximierung&ldquo; relativieren, dann fallen alle mit diesen Axiomen verbundenen deduktiven Schlussfolgerungen in sich zusammen. Denn schlie&szlig;lich gilt auch in der Wirt&shy;schaftswissen&shy;schaft der logische Grundsatz, wonach eine <strong>falsche Pr&auml;misse<\/strong> (hier der &bdquo;isolierte nutzenma&shy;ximierende homo oeconomicus&ldquo;) zu <strong>falschen Konklusionen<\/strong> f&uuml;hrt. [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] Da aber die Autoren des ZEW-Forschungsberichts diesen logischen Schluss nicht ziehen, so &auml;hneln sie den Kreatio&shy;nisten aus dem evangelikal-fundamentalistischen Spektrum, die trotz aller entge&shy;genstehender empirischer Befunde weiterhin unverdrossen daran festhalten, dass Gott vor 6000 Jahren die Welt in sieben Tagen schuf.<\/p><p>Auch wenn es immerhin ein Fortschritt ist, wenn neoklassische Ideologen empirischen Unter&shy;suchungen n&auml;her treten, so methodisch fragw&uuml;rdig bleibt der Erkenntniswert der daraus ge&shy;wonnenen Ergebnisse. Allein die Formulierung &bdquo;Wenn beispielsweise internationale Erfahrun&shy;gen vorurteilsfrei (?) ausgewertet w&uuml;rden, lie&szlig;e sich auf diese Weise der Widerstand gegen manche Anpassungen in den sozialen Sicherungssystemen mit der Zeit &uuml;berwinden. Dies w&uuml;rde jedoch eine rationale (?) und unverzerrte (?) Auswertung verf&uuml;gbarer Informatio&shy;nen bedingen, mit der nach den Erkenntnissen der Psychologie nur bedingt gerechnet werden kann&ldquo; (S. 46) ist in ihrer erkenntnistheoretischen Naivit&auml;t atemberaubend. Denn hier wird eine v&ouml;llig platte Widerspiegelungstheorie vorausgesetzt, welche von der passiven &bdquo;vernehmenden Vernunft&ldquo; des &bdquo;Experten&ldquo; ausgeht und dabei die gesamte Rationalit&auml;tskritik von Kant bis Popper unber&uuml;cksichtigt l&auml;sst.  Seit Kant wissen wir, dass Erkenntnisse <strong>subjektabh&auml;ngig<\/strong> sind &ndash; d.h. beispielsweise, dass wir keine &bdquo;objektiven Naturgesetze&ldquo; vorfinden, sondern diese nach a priori vorgegebenen anthropologischen Anschauungs- und Denkformen der &bdquo;Natur vor&shy;schrei&shy;ben&ldquo;, w&auml;hrend die &bdquo;Dinge an sich&ldquo; unerkennbar bleiben. Wie viel mehr gilt dies f&uuml;r die So&shy;zial- und Wirtschaftswissenschaften, wo der Forscher selbst innerhalb des untersuchten Feldes agiert, Interessen vertritt, &uuml;ber &bdquo;handlungsleitende Weltbilder&ldquo; (Max Weber) verf&uuml;gt und in frameworks eingebunden ist. Diese methodischen Einschr&auml;nkungen &bdquo;objektiver&ldquo; Er&shy;kennt&shy;nisse gelten nicht nur f&uuml;r die neoklassischen &bdquo;Experten&ldquo;, sondern auch f&uuml;r ihre Kontra&shy;henten aus der konkurrierenden keynesianischen Richtung. Aus diesem Grunde gibt es die Postulate der Wissenschaftsfreiheit und des Wissenschaftspluralismus, damit die unter&shy;schied&shy;lichen Schulen sich in Kritik und Antikritik aneinander abarbeiten, um die Forschung insge&shy;samt voranzubringen.<br>\nDie Thesen, welche die Autoren anhand der Behavioural Enonomics und der &bdquo;Prospekttheo&shy;rie&ldquo; vortragen, m&ouml;gen empirisch durchaus sauber erarbeitet und auch interessant sein (vor allem da, wo sie die neoklassische Axiomatik widerlegen oder deren G&uuml;ltigkeit einschr&auml;n&shy;ken). Die angeblich experimentell festgestellte Tatsache, &bdquo;dass Verluste emotional st&auml;rker erlebt werden als Gewinne&ldquo;, will ich nicht bestreiten. Und auch f&uuml;r die &bdquo;Status-quo-Bias&ldquo;-Theorie, wonach &bdquo;bestimmte Zust&auml;nde, die g&auml;nzlich zuf&auml;llig zustande gekommen sein k&ouml;nnen, eine hohe Wertsch&auml;tzung genie&szlig;en, weil sie den Status quo darstellen&ldquo; (S. 45 f.), ist als Erkl&auml;&shy;rung f&uuml;r den Alltagskonservativismus plausibel. Dieser Alltagskonservativismus ist insofern psychologisch verst&auml;ndlich, als die Menschen f&uuml;r ihre Lebensbew&auml;ltigung stabiler und &uuml;ber&shy;schaubarer Strukturen bed&uuml;rfen, die ihnen Orientierungen liefern, w&auml;hrend sie sich in rasant ver&auml;ndernden gesellschaftlichen Situationen h&auml;ufig kognitiv und emotional &uuml;berfordert f&uuml;h&shy;len. Unmittelbar einleuchtend ist auch das experimentalpsychologisch ermittelte Ergebnis, wonach Studenten &bdquo;sowohl ein(en) ungew&ouml;hnlich pers&ouml;nlich gestaltete(n) Brief zur Erl&auml;ute&shy;rung der Studiengeb&uuml;hren als auch eine offenbar nicht ernst zu nehmende Mitsprachem&ouml;g&shy;lichkeit &hellip; als unzul&auml;ssige(n) Beeinflussungsversuch&ldquo; empfanden (S. 48).<br>\nInsgesamt stellt sich jedoch methodisch die Frage, ob die von den Behavioural Enono&shy;mics und den Vertretern der &bdquo;Prospekttheorie&ldquo; herausgefundenen Erkenntnisse und die daraus ab&shy;geleiteten Strategien zur Verhaltensbeeinflusse umstandslos in soziale Prozesse eingespei&shy;st werden k&ouml;nnen. lassen. Die Psychologie (vor allem eine unter Laborbedingungen arbeitende) geht stets vom Individuum aus, w&auml;hrend die Sozialwissenschaft das Interagieren gesellschaft&shy;licher Gruppen und ihre Beziehungen zueinander analysieren. [<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] Das &bdquo;Labor&ldquo; isoliert zwingend den Probanden von allen gesellschaftlichen Einfl&uuml;ssen (Familie, Freundeskreis, Kollegen&shy;schaft, Medienkon&shy;sum usw. usw.), die seine politische Meinungsbildung und sein daraus re&shy;sultierendes Verhal&shy;ten determinieren. Es mag ja sein, dass &bdquo;in einem Experiment zur Unter&shy;nehmersteuerreform&ldquo; die &bdquo;Personen f&uuml;r eine Reform, die Unternehmen betrifft, eher zu be&shy;geistern (!?) sind, wenn es gilt, &gt;Verluste&lt; (in Form von sinkenden Marktanteilen, Stellenab&shy;bau und sinkenden Investi&shy;tionen zu vermeiden&ldquo;) (S. 52) [was die Probanden auch erst mal glauben m&uuml;ssen! FG.] - aber wenn sie sich dann au&szlig;erhalb des &bdquo;Labors&ldquo; in ihren lebensweltli&shy;chen Bez&uuml;gen wiederfinden und die allgemeine Berichterstattung verfolgen, wird sich die &bdquo;Begeisterung&ldquo; schnell relati&shy;vieren. Das &bdquo;Labor&ldquo; ist immer die Ausnahme, die Interaktion innerhalb von peer-groups mit ihren jeweiligen Deutungsangeboten dagegen die Regel. [<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] <\/p><p>Die vorliegende Studie wurde f&uuml;r das Bundesfinanzministerium angefertigt. Da es sich bei letzterem um eine politische Institution handelt, so verwundert es doch sehr, wie unpolitisch die Autoren die Dinge sehen. St&auml;ndig ist von &bdquo;Experten&ldquo; die Rede, wel&shy;che au&szlig;erhalb sozialer Kontexte und politischer Konfliktlinien stehend ihren Rat erteilen und die &bdquo;Reformwider&shy;st&auml;nde&ldquo; zu erkl&auml;ren suchen, womit sie ihr Thema urs&auml;chlich verfehlen. Das Verh&auml;ltnis von &bdquo;Wissenschaft&ldquo; und &bdquo;Politik&ldquo; ist nun einmal eine komplizierte Angelegenheit, wobei Wissen&shy;schaftler h&auml;ufig dazu neigen, ihren Einfluss (und ihre Wichtigkeit!!) im politischen Feld zu &uuml;bersch&auml;tzen. Jeder politische Akteur in einem demokratischen Gemeinwesen ist ganz ele&shy;mentar auf <strong>Mehrheiten<\/strong> angewiesen, um seine Vorstellungen durchzusetzen. Die Vorstellung, diese Mehrheiten mit Rezepten aus der experimentellen Laborpsychologie erzielen zu k&ouml;nnen, ist schlicht und einfach naiv. Dies gilt &uuml;brigens auch f&uuml;r mediale Propagandakampagnen, die allenfalls kurzfristig wirken, weil ihr Manipulationscharakter schnell durchschaut wird und dann auf die Urheber zur&uuml;ckschl&auml;gt. Das Ergebnis der letzten Bundestagswahlen hat dies ein&shy;drucksvoll best&auml;tigt. Mehrheiten in einer pluralistischen Gesellschaft k&ouml;nnen nur gewonnen werden, wenn es der Politik gelingt, relevante Interessen ideeller und materieller Art im Kompromisswege so zu b&uuml;ndeln, dass daraus ein (m&ouml;glichst koh&auml;rentes) Politikkonzept ent&shy;steht, das auch <strong>mehrheitsf&auml;hig<\/strong> ist. Die &bdquo;Wissenschaft&ldquo; kann zwar gute Ratschl&auml;ge geben &ndash; also politikberatend t&auml;tig sein -, aber sie kann f&uuml;r ihre Vorschl&auml;ge keine Mehrheiten produzie&shy;ren, und sie tr&auml;gt f&uuml;r deren Umsetzung auch <strong>keine politische Verantwortung<\/strong>. Jeder Wissen&shy;schaftler wird sich zu Recht dagegen wehren, seine nach bestem Wissen und Gewissen erar&shy;beiteten (richtigen oder falschen) Forschungsergebnisse einem Majorit&auml;tsvotum zu unterwer&shy;fen. Eine politische Konzeption dagegen steht und f&auml;llt mit ihrer Mehrheitsf&auml;higkeit. Au&szlig;er&shy;halb ihrer &ndash; politisch nicht verantwortlichen &ndash; beratenden T&auml;tigkeit sind Wissenschaftler nichts weiter als ein Teil der &bdquo;r&auml;sonierenden &Ouml;ffentlichkeit&ldquo; einer freien und egalit&auml;ren Staatsb&uuml;rgergesellschaft, wie &uuml;brigens der Verfasser dieser Zeilen auch. Von daher ist der elit&auml;r-d&uuml;nkelhafte Duktus, den die &bdquo;Experten&ldquo; gegen&uuml;ber einer angeblich schlecht informier&shy;ten und vorurteilsbehafteten Mehrheit der Bev&ouml;lkerung anschlagen, v&ouml;llig unangebracht. <\/p><p>Die unpolitische &bdquo;Experten&ldquo;-Sicht der Autoren des Forschungsberichts korrespondiert mit einem h&ouml;chst fragw&uuml;rdigen Demokratieverst&auml;ndnis. Als demokratisch nicht legitimierte und selbsternannte Elite f&uuml;hren sie sich wie platonische Philosophenk&ouml;nige auf, die meinen, im Besitz der &bdquo;reinen Wahrheit&ldquo; zu sein, aber leider vom &bdquo;unwissenden P&ouml;bel&ldquo; nicht verstanden wer&shy;den. Es geh&ouml;rt zu meinen aus der Geschichtswissenschaft gewonnenen Grundeinsichten, dass der Neoliberalismus bei allen Gel&auml;ndegewinnen in den letzten Jahrzehnten stets seine Begren&shy;zun&shy;gen im allgemeinen und gleichen Wahlrecht (suffrage universel) finden wird &ndash; die&shy;sem Ver&shy;m&auml;chtnis der nie in Kraft getretenen jakobinischen Revolutionsverfassung von 1793. <\/p><p>Der oberste demokratischen Grundsatz besagt, dass &bdquo;alle Macht vom Volk ausgeht&ldquo;, welches in Wahlen seine Abgeordneten benennt, die auf Zeit bestellt sind und die in seinem Namen wirken. Im altkonstitutionellen Staatsrecht hie&szlig; es: &bdquo;Der Monarch herrscht, aber er regiert nicht&ldquo;. &bdquo;Herrschen&ldquo; bezog sich darauf, dass die monarchische Souve&shy;r&auml;nit&auml;t vor allem einen legitimationsspendenden Charakter f&uuml;r die Regierenden besa&szlig;. Aber so wie in fr&uuml;heren Zeiten die Krone als Ausfluss ihrer Souver&auml;nit&auml;t jederzeit &ndash; begr&uuml;ndungslos! &ndash; die Minister entlassen und durch neue ersetzen konnte, so kann heute &bdquo;das Volk&ldquo; als &bdquo;herr&shy;schender&ldquo; Souver&auml;n &auml;hn&shy;lich verfahren und die in seinem Auftrag Regierenden per Wahlakt einfach nach Hause schi&shy;cken, wenn ihm deren Taten nicht (mehr) gefallen. Die Minister im altkonstitutionellen Sys&shy;tem waren ihrem Souver&auml;n politisch verantwortlich und mussten sich bei ihren Vorhaben sei&shy;ner prinzipiellen Zustimmung versichern. Unter demokratischen Be&shy;dingungen gilt dies analog f&uuml;r das Verh&auml;ltnis von &bdquo;Volk&ldquo; und Mandatstr&auml;gern. Und wenn &bdquo;das Volk&ldquo; als Souver&auml;n eine neoliberale Mehrheit nach dem Geschmack des ZEW Mann&shy;heim nicht zul&auml;sst (und sogar noch den f&uuml;rchterlichen Oskar samt seinen LINKEN in den Bundestag entsendet), dann l&auml;sst sich auch hier ein altkonstitutioneller Grundsatz sinngem&auml;&szlig; anwenden: &bdquo;The King can do not wrong!&ldquo; &ndash; wobei nur zu beachten ist, dass anstelle des &bdquo;K&ouml;&shy;nigs&ldquo; das &bdquo;Volk&ldquo; tritt.<br>\nDiesem Souver&auml;n bekunden die Autoren des Forschungsberichts allerdings wenig Respekt. Aus ihrer Sicht leidet n&auml;mlich die &bdquo;allgemeine &Ouml;ffentlichkeit&ldquo; darunter, dass sie &bdquo;nicht &uuml;ber den Informationsstand der Experten verf&uuml;g(t) und daher m&ouml;glicherweise Reformen aufgrund von falschen Einsch&auml;tzungen &uuml;ber deren Konsequenzen ab(lehnt)&ldquo; (S. 46). Sie sei aus expe&shy;rimentalpsychologischer Sicht nicht zu einer &bdquo;rationale(n) und unverzerrte(n) Auswertung verf&uuml;gbarer Information&ldquo; in der Lage (ebd.). Dar&uuml;ber hinaus h&auml;tten &bdquo;viele Menschen zu den lange bekannten Ph&auml;nomenen wie Arbeitslosigkeit, demographischem Wandel oder Staatsver&shy;schuldung sich bereits vor langer Zeit Meinungen gebildet, so dass neue Ideen nicht mehr unvoreingenommen reflektiert werden&ldquo; (S. 53). Bei dieser behaupteten Ansammlung von Ig&shy;noranz und Un&shy;verstand &ndash; der ne&shy;benbei mit der neoklassischen Axiomatik vom vollst&auml;ndig informierten und rational handeln&shy;den homo oeconomicus &uuml;berhaupt nicht in Einklang zu brin&shy;gen ist (s.o) &ndash; will der &bdquo;Experte&ldquo; fast verzweifeln.<br>\nIn historischer Perspektive stellen wir fest, dass sowohl die staatsinterventionistische Ent&shy;wicklung im Wirtschaftsleben als auch die sozialstaatliche Expansion mit der sukzessiven Ausweitung des Wahlrechts und der gleichzeitigen Herausbildung eines (&ouml;konomisch gespro&shy;chen) &bdquo;politischen Massenmarktes&ldquo; verbunden war. Das suffrage universel legte n&auml;mlich stets implizit die Drohung nahe, dass allein auf Grund ihrer Anzahl die have nots die haves ganz demokratisch majorisieren k&ouml;nnen. Insofern war es nicht zuf&auml;llig, dass ausgerechnet das auto&shy;rit&auml;r regierte Deutschland mit seinem egalit&auml;ren Wahlrecht zum Vorreiter in der Sozialgesetz&shy;gebung wurde. Und in England wurden die ersten Sozialgesetze gegen den Widerstand des konservativ beherrschten Oberhauses von der Regierung Asquith in einer Wahl&shy;schlacht unter der Parole &bdquo;Das Volk gegen die Herz&ouml;ge&ldquo; durchgepaukt.<br>\nIn seiner historischen Genese beruht das europ&auml;ische Sozialmodell auf einer Mixtur aus herr&shy;schaftslegitimatorischen Bed&uuml;rfnissen, politischem Machtkalk&uuml;l und ethischen &Uuml;berzeugun&shy;gen. Diese genuin politischen Faktoren kommen nat&uuml;rlich in der mathematischen Modellwelt der Neoklassiker nicht vor. Sie sind allenfalls st&ouml;rende &bdquo;externe Effekte&ldquo;, die es ausgiebig zu bejammern gilt. Entsprechend hilflos fallen die Ratschl&auml;ge der &bdquo;Experten&ldquo; aus, wenn es darum geht, wie man den &bdquo;Gro&szlig;en L&uuml;mmel&ldquo; doch noch zur R&auml;son bringen oder zumindest &uuml;bert&ouml;lpeln kann. So wird in einem der o.g. psy&shy;chologischen Laborexperimente am Beispiel der Mehrwertsteuererh&ouml;hung untersucht, &bdquo;ob die wahrgenommene (?) Unver&shy;meidbarkeit (?) einer Reform Personen dazu bewegt, Reformpl&auml;ne zu akzeptieren. Die Ergeb&shy;nisse zeigen, dass standhaft vertretene Reformpl&auml;ne und eine damit einhergehende Wahrneh&shy;mung (?) der B&uuml;rger, dass die Reform unvermeidbar (?) ist, zu h&ouml;herer Akzeptanz f&uuml;hren. Personen beur&shy;teilen &gt;sichere&lt; Reformen positiver als &gt;unsichere&lt; Reformen, um kognitive Dissonanzen zu vermeiden&ldquo; (S. 50). \nDie hier referierte wissenschaftliche These ist sehr voraussetzungsreich. Denn sie unterstellt, dass die Probanden zuvor von der &bdquo;Unvermeidbarkeit&ldquo; der Reform kognitiv &uuml;berzeugt worden sein m&uuml;ssen (oder es schon sind). &Uuml;berzeugungen beruhen jedoch auf einer intellektuellen Leis&shy;tung des erkennenden Subjekts und nicht auf seiner rezeptiven &bdquo;Wahrnehmung&ldquo;. H&auml;tten sich beispielsweise f&uuml;r das Laborexperiment die Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel und Gustav Horn als Probanden zur Verf&uuml;gung gestellt, dann w&auml;re das Ergebnis sicherlich etwas anders ausgefallen.\nDas angef&uuml;hrte psychologische Laborexperiment kann nat&uuml;rlich auch als Anleitung zur Ge&shy;hirnw&auml;sche verstanden werden. Denn ebenso experimentell erwiesen ist, dass man Leute im isolierten Raum unter Hinweis auf den &bdquo;Expertenstatus&ldquo; nur intensiv genug bearbeiten muss, damit sie am Ende die unsinnigsten Dinge f&uuml;r wahr halten und auch die ethisch zwei&shy;felhaf&shy;testen Anweisungen der &bdquo;Experten&ldquo; befolgen (siehe das Milgram-Experiment). Und was die Akzeptanz &bdquo;standhaft vertretener Reformpl&auml;ne&ldquo; angeht, so ist die These im politisch-sozi&shy;alen Raum bei Wahlen eindeutig widerlegt worden. Denn je &bdquo;standhafter&ldquo; beispielsweise Gerhard Schr&ouml;der seine AGENDA 2010 vertrat, desto mehr liefen der SPD die W&auml;hler weg. Und auch die &bdquo;standhafte&ldquo; Angela Merkel (und mit ihr viele &bdquo;Experten&ldquo;) schaute am Wahl&shy;abend 2005 recht &bdquo;dumm aus der W&auml;sche&ldquo;, als sich das mickrige CDU-Ergebnis abzeichnete. \n\nDie Verachtung der &bdquo;Experten&ldquo; gegen&uuml;ber dem &bdquo;m&uuml;ndigen B&uuml;rger&ldquo; kommt vor allem in den beiden letzten Abs&auml;tzen (S. 54) zum Ausdruck. Leicht beleidigt hei&szlig;t es dort: &bdquo;Schlecht schneiden die kommunikativen Wirkungen von Experten ab. Die Befragten reagieren hier mit Reaktanz und Widerstand. Vor allem sind die Personen mit schon festen Meinungspositionen (also die &bdquo;m&uuml;ndigen B&uuml;rger&ldquo;. F.G.) Beeinflussungen von Experten gegen&uuml;ber verschlossen (oh, wie angenehm w&auml;re doch aus &bdquo;Expertensicht&ldquo; eine zu manipulierende &bdquo;Knetmasse&ldquo; leichtgl&auml;ubiger und autorit&auml;tsfixierter Menschen. FG.). Vermutlich haben die Befragten die Erfahrung gemacht, in den letzten Jahren mit vielen und teilweise verschiedenen Experten&shy;meinungen konfrontiert worden zu sein, so dass sie diesen Meinungen nur noch mit Skepsis gegen&uuml;bertreten.&ldquo; Da kann man nur sagen: der Wissenschaftspluralismus ist wirklich eine &auml;rgerliche Sache. Wenn &bdquo;verschiedene Expertenmeinungen&ldquo; miteinander konkurrieren, dann werden die Leute nur dazu verf&uuml;hrt, selbst&auml;ndig zu denken. Leider gibt es in den Wirtschafts&shy;wissenschaften noch kein &bdquo;allerh&ouml;chstes Lehramt&ldquo;, obwohl der Sachverst&auml;ndigenrat der &bdquo;Wirtschaftsweisen&ldquo; auf dem besten Wege ist, ein kollektiver &bdquo;Ratzinger&ldquo; zu werden. \nIch will es bei den eingeschobenen Kommentaren bewenden lassen, denn diese Mischung aus &bdquo;Experten&ldquo;-Arroganz und nai&shy;ver Chuzpe macht mich ansonsten einfach sprachlos. Daher nur noch abschlie&szlig;end die Mah&shy;nung von Karl R. Popper an all diejenigen, die meinen, im Besitz der allein selig machenden Wahrheit zu sein: &bdquo;Si&shy;&shy;&shy;cheres Wissen ist uns ver&shy;sagt. Unser Wis&shy;sen ist ein kritisches Ra&shy;ten; ein Netz von Hypo&shy;thesen; ein Gewebe von Vermutun&shy;gen. Diese Ein&shy;sicht mahnt zur in&shy;tel&shy;lektuel&shy;len Bescheidenheit. Im intellek&shy;tu&shy;el&shy;len Bereich - beson&shy;ders in der Philosophie - gilt, trotz Goe&shy;the, &gt;nur die Lumpe sind unbescheiden&lt;\" (Karl Raimund Popper, Logik der Forschung, 3. Auflage, T&uuml;bingen 1969, S. XXV).\n\nDer Forschungsbericht schlie&szlig;t mit einem in seiner Einfalt w&uuml;rdigen Allgemeinplatz: &bdquo;Wenn Personen eine allgemein positive Einstellung zur Arbeit der Regierung haben, bewerten sie auch die Details von deren Reformarbeit positiver. Reaktanz und Widerstand lassen sich durch eine optimistische Erwartungshaltung und Vertrauen in die Regierung ebenfalls redu&shy;zieren.&ldquo; Dahinter steht die Hoffnung, dass es den &bdquo;Experten&ldquo; doch noch gelingen m&ouml;ge, die renitenten &bdquo;m&uuml;ndigen B&uuml;rger&ldquo; an ihren &bdquo;beschr&auml;nkten Untertanenverstand&ldquo; zu erinnern, damit sie der hochwohll&ouml;blichen Bundesregierung das ihr geb&uuml;hrende &bdquo;kindliche Vertrauen&ldquo; (so sprach man zu Kaiser Wilhelms Zeiten) entgegenbringen. Der Bundesfinanzminister Peer Steinbr&uuml;ck wird den letzten Satz wohl mit gro&szlig;em Behagen gelesen haben. Denn irgendwo m&uuml;ssen die in den For&shy;schungsbericht investierten Steuergroschen doch einen Nutzen erbracht haben.\n\n\n\n<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Ein weiterer sch&ouml;ner Satz (S. 50), der die eigene Axiomatik widerlegt, lautet: &bdquo;Die Hoffnung, dass Arbeitneh&shy;mer mittels rationaler Erwartungen eine langfristige Steigerung ihres permanenten Einkommens vorwegnehmen und unmittelbar ihren Konsum steigern, kann f&uuml;r Arbeitsmarktreformen &hellip; empirisch nicht untermauert wer&shy;den.&ldquo; Aber da nicht sein kann, was nicht sein darf, so wird dazu ausgef&uuml;hrt, dass &bdquo;solche Reformen immer Ge&shy;fahr laufen, mit &gt;J-Kurven-Effekten&lt; verbunden zu sein, also mit einer D&auml;mpfung des Wachstums, bevor sich (irgendwann einmal! F.G.) positive Folgen einstellen&ldquo;. Unsere Neoklassiker sind offensichtlich unter die Pro&shy;pheten gegangen.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] In den Geschichtswissenschaften (ganz gleich, ob sie sich als Geistes- oder Sozialwissenschaft verstehen) gilt es geradezu als degoutant, zur Erkl&auml;rung komplexer gesellschaftlicher Ph&auml;nomene &ndash; beispielsweise des Natio&shy;nalso&shy;zialismus &ndash; mit Rezepten aus der Psychokiste zu arbeiten.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Die Bedeutung des &bdquo;pers&ouml;nlichen Umfelds&ldquo;, der peer groups sowie Rolle des &bdquo;interpersonellen Meinungsaus&shy;tauschs&ldquo; f&uuml;r die politische Urteilsbildung wird auch von den Autoren einger&auml;umt, wenn gleich sie methodisch naiv solche sozialen Prozesse f&uuml;r &bdquo;Informationsverzerrungen&ldquo; verantwortlich machen.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das ist der Titel eines interessanten Beitrags von Friedhelm Gr&uuml;tzner. &bdquo;Er ist l&auml;nger geworden als urspr&uuml;nglich geplant&ldquo;, so Gr&uuml;tzner, &bdquo;aber die methodologische Unbedarftheit dieser sich selbst aufblasenden &ldquo;Experten&rdquo; (und deren teilweise richtig drollige Argumentation) hat bei mir das unwiderstehliche Bed&uuml;rfnis hervorgerufen, hier mal in medias res zu gehen &ndash; und zwar weniger von der fachlichen<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2546\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[110,129,30],"tags":[635,643,319,288,312,301,253,767],"class_list":["post-2546","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-agenda-2010","category-lobbyorganisationen-und-interessengebundene-wissenschaft","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-altersarmut","tag-kuendigungsschutz","tag-lohnentwicklung","tag-prekaere-beschaeftigung","tag-reformpolitik","tag-rentenalter","tag-steinbrueck-peer","tag-zew"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2546","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2546"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2546\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":29785,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2546\/revisions\/29785"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2546"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2546"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2546"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}