{"id":25474,"date":"2015-03-19T13:37:35","date_gmt":"2015-03-19T12:37:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25474"},"modified":"2019-04-10T11:44:48","modified_gmt":"2019-04-10T09:44:48","slug":"der-umgestuelpte-brzezinski-betrachtungen-zu-einem-historischen-irrtum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25474","title":{"rendered":"Der umgest\u00fclpte Brzezinski \u2013 Betrachtungen zu einem historischen Irrtum"},"content":{"rendered":"<p>Wer die Welt beherrschen will, muss Eurasien beherrschen. Wer Eurasien beherrschen will,  muss das eurasische Herzland, Russland beherrschen. Wer Russland beherrschen will, muss die Ukraine  aus dem Einflussbereich Russlands l&ouml;sen, denn &ndash; wiederholen wir die Feststellung  Zbigniew Brzezinskis, die angesichts der Vorg&auml;nge um die Ukraine nicht oft genug wiederholt werden kann: &bdquo;Ohne die Ukraine ist Russland kein eurasisches Reich mehr.&ldquo;[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25474#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]  Nach diesem, dem Britischen Commonwealth nachempfundenen Credo, haben die USA ihre Weltpolitik seit Aufl&ouml;sung der bipolaren Systemteilung 1989\/90\/91 entwickelt &ndash; einmal enger, einmal weniger eng am Drehbuch. Autor Brzezinski war immer wieder zur Stelle, um die Einhaltung der Grundausrichtung, die er nach dem Zerfall der Sowjetunion mit seinem Buch &bdquo;Die einzige Weltmacht&ldquo; 1996 skizzierte, mit &ouml;ffentlichen Kritiken und Interventionen aus dem strategischen Soufflierkasten einzuklagen. Von <strong>Kai Ehlers<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25474#foot_0\" name=\"note_0\">*<\/a>].<br>\n<!--more--><br>\nDie Titel seiner wichtigsten B&uuml;cher, die jenem &uuml;ber die &bdquo;Einzige Weltmacht&ldquo; folgten, sprechen f&uuml;r sich und lassen die weitere Entwicklung erkennen: &bdquo;Second Chance. Three Presidents and the Crisis of American Superpower&ldquo;, 2006; &ldquo;Strategic Vision, America and the Crisis of Global Power&rdquo;, 2013, beide bedauerlicherweise nur auf Englisch. <\/p><p>&ldquo;Second Chance&rdquo; ist eine Kritik der drei Pr&auml;sidenten Bush I, Clinton und Bush II, wie Brzezinski sie nennt. Die drei Pr&auml;sidenten h&auml;tten mit dem Geschenk der &sbquo;einzig verbliebenen Weltmacht&lsquo;, das sie mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion geerbt h&auml;tten, nicht ausreichend gewuchert, befindet Brzezinski. Speziell Bush II habe die amerikanischen Potenzen in krimineller Weise verspielt. &bdquo;Strategic Vision&ldquo;, fast zwanzig Jahre nach dem ersten Buch zur &bdquo;einzigen Weltmacht&ldquo;, ist eine Mahnung, die niedergehende amerikanische Vormacht durch Verbreiterung des atlantischen B&uuml;ndnisses um Ost-Europa und die T&uuml;rkei zu erhalten. <\/p><p>Europa und Japan ist in dieser Strategie die Rolle von Vasallen zugedacht, die als US-Br&uuml;ckenk&ouml;pfe das russische Herzland vom Westen und vom Osten her in die Zange nehmen sollen. Eine eigenst&auml;ndige Politik der Vasallen ist bei Brzezinski nicht vorgesehen. &bdquo;Bedient man sich einer Terminologie, die an das brutalere Zeitalter der alten Weltreiche gemahnt&ldquo; erkl&auml;rt Brzezinski ohne falsche Scham, &bdquo;so lauten die drei gro&szlig;en Imperative  imperialer Geostrategie: Absprachen zwischen den Vasallen zu verhindern, und ihre Abh&auml;ngigkeit in Fragen der Sicherheit zu bewahren, die tributpflichtigen Staaten  f&uuml;gsam zu halten  und zu sch&uuml;tzen und  daf&uuml;r zu sorgen, dass die &sbquo;Barbaren&rsquo;v&ouml;lker sich nicht zusammenschlie&szlig;en.&ldquo;[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] <\/p><p>Die Herausl&ouml;sung der Ukraine aus dem russischen Einflussbereich, um Russland neutralisieren zu k&ouml;nnen, steht durch alle drei Entw&uuml;rfe hindurch im Zentrum, in &bdquo;Strategic Vision&ldquo; mit einer bemerkenswerten Variante: Hier, unter Hinweis auf die neu heraufkommenden Rivalen China, Indien und andere entwickelt Brzezinski die Vorstellung, &uuml;ber eine &bdquo;demokratisierte&ldquo; und &bdquo;modernisierte&ldquo; Ukraine sogar Russland mit in das erweiterte westliche B&uuml;ndnis einbinden zu k&ouml;nnen &ndash; allerdings ohne Putin, das hei&szlig;t, nur mit einem Russland, dass sich als Regionalmacht der Dominanz der USA unterordnet. <\/p><p>In einer etwas stupideren Variante, wie sie k&uuml;rzlich, George Friedmann, der Gr&uuml;nder des privaten US-amerikanischen Thinktanks Stratfor der Welt&ouml;ffentlichkeit offenbarte[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>], konnte man h&ouml;ren, es gehe den USA, was die westliche Seite betreffe, im Kern darum, ein B&uuml;ndnis zwischen Russland und Deutschland, als europ&auml;ischer F&uuml;hrungsmacht unter allen Umst&auml;nden zu verhindern. Und was Russland betreffe, gehe es nicht darum, es zu erobern, sondern darum es zu sch&auml;digen, um es zu schw&auml;chen und so kontrollieren zu k&ouml;nnen.  <\/p><p>Die M&uuml;nchner sog. Sicherheitskonferenz von Anfang Februar 2104, auf der die Kandidaten f&uuml;r den Umsturz in Kiew in Stellung gebracht wurden, war die letzte Planungsstation vor der aktuellen Er&ouml;ffnung des Dramas. Sie fand nicht nur, wie sollte es anders sein, unter aktiver Teilnahme Brzezinskis statt; dort wurde auch die &bdquo;Renaissance des westlichen B&uuml;ndnisses&ldquo; von US-Au&szlig;enminister Kerry ausdr&uuml;cklich zur politischen Herausforderung erkl&auml;rt, die dem Westen f&uuml;r die n&auml;chsten Jahre bevorstehe, wenn der Weltfriede erhalten bleiben solle. <\/p><p><strong>Dies war der Plan &ndash; was wurde erreicht?<\/strong><\/p><p>Der gew&auml;hlte ukrainische Pr&auml;sident, Viktor Janukowytsch, wurde gest&uuml;rzt. Eine auf den Westen orientierte provisorische Regierung wurde eingesetzt. Aber offensichtlich wurde die Rechnung ohne Ber&uuml;cksichtigung der Kosten gemacht. Die Ukraine ist heute weit entfernt von einer Demokratisierung und einer Modernisierung &ndash; das Land kam dreigeteilt aus der Entwicklung nach dem Umsturz hervor: Kiewer Ukraine, die Volksrepubliken Donezk und Lugansk sowie die zur russischen F&ouml;deration &uuml;bergewechselte Krim. Was ausgehend von der Unzufriedenheit der Bev&ouml;lkerung mit der oligarchischen Scheindemokratie zu Selbstbestimmung, regionaler Autonomie und kooperativer Gliederung von Regionen in einer demokratischen F&ouml;deration h&auml;tte f&uuml;hren k&ouml;nnen, f&uuml;hrte stattdessen auf ein vom B&uuml;rgerkrieg zerrissenes Krisenfeld und in einen die Bev&ouml;lkerung niederhaltenden sozialen Kahlschlag. Weitere Fragmentierungen entlang der Grenzen der oligarchischen Teilf&uuml;rstent&uuml;mer sind durchaus noch zu bef&uuml;rchten, paradox aber wahr, wenn die Kiewer Zentralregierung, unterst&uuml;tzt durch den Westen, weiterhin f&uuml;r eine gewaltsame Wiederherstellung der zentralistischen Einheit des Landes aufr&uuml;stet. <\/p><p>Russland wurde in die Defensive und aus dem westlichen B&uuml;ndnis hinausgedr&auml;ngt, statt einbezogen zu werden, wie es den Vorstellungen Brzezinskis entsprochen h&auml;tte. Indem die Ukraine seitens der EU in die Alternative getrieben wurde, sich zwischen der entstehenden eurasischen  o d e r  der europ&auml;ischen Zollunion entscheiden zu m&uuml;ssen, wurde eine direkte Konfrontation mit Russland aufgebaut, aus dessen Sicht eine Beteiligung der Ukraine an der Entwicklung der Eurasischen Union &ndash; wie allen Beteiligten bekannt &ndash; von fundamentaler Wichtigkeit war und ist. Russland, statt zur&uuml;ck zu weichen vor diesem neuen Vorsto&szlig; der EU, wie es der Spielplan des Westens vorgesehen h&auml;tte, ging zu einer aktiven Verteidigung seiner Interessen &uuml;ber, versuchte die Ukraine zun&auml;chst noch mit einem Kreditangebot auf seine Seite zu ziehen,  unterst&uuml;tzte dann, konfrontiert mit dem vom Westen gesponserten Regimewechsel in Kiew, die Sezession der Krim, danach auch die Autonomiebestrebungen im Osten der Ukraine. Der daraufhin vom Westen einsetzende Krieg der Sanktionen, die Kosten f&uuml;r die Eingliederung der Krim,  f&uuml;r die Unterst&uuml;tzung der Aufst&auml;ndischen im Osten des Landes, die weitgehende Zerschlagung der wirtschaftlichen Verbindungen zwischen Russland und vor allem dem Osten der Ukraine, die Entwicklung eines liberalen Widerstandes auch im eigenen Land, haben Russland danach zwar geschadet und bedr&auml;ngen das Land auch weiterhin &ndash; ein Regimechange ist daraus jedoch nicht hervorgegangen. Im Gegenteil, Wladimir Putin, das attackierte Objekt des Informations- und Sanktionskrieges, erf&auml;hrt in dem Ma&szlig;e mehr Zustimmung, wie  der Druck auf das Land von au&szlig;en erh&ouml;ht wird. Das ist, anders als die westliche Politik es vermitteln m&ouml;chte, nicht nur im Lande selbst so, sondern auch im globalen Rahmen. <\/p><p>Westliche Strategen, Ideologen, Kremlastrologen der unterschiedlichsten Couleur wetteifern in Analysen, Vermutungen und Spekulationen dar&uuml;ber, ob es und unter welchen Umst&auml;nden es gelingen k&ouml;nnte, den &bdquo;Putinismus&ldquo;, den &bdquo;Diktator&ldquo;, den durch die Sanktionen wirtschaftlich und sozial bedr&auml;ngten &bdquo;Verlierer&ldquo; Putin durch eine nach Westen orientierte liberale Opposition zu st&uuml;rzen. Die Zustimmungsraten zu Putins Politik sprechen aber eine gegenteilige Sprache. Die russische Bev&ouml;lkerung r&uuml;ckt, allen Entbehrungen zum Trotz, die aus der gegenw&auml;rtigen Lage erwachsen, ja, geradewegs wegen dieser Entbehrungen enger um ihren gegenw&auml;rtigen Pr&auml;sidenten zusammen. Die &Uuml;bernahme der Krim wird begr&uuml;&szlig;t. Zahllose Freiwillige, nicht nur die offiziellen vom Dienst befreiten, unterst&uuml;tzen den Widerstand im Donbas gegen den von Kiew ausgehenden Nationalismus. Selbst der Mord an Boris Nemzow, der westliche Kommentatoren reihenweise hoffen lie&szlig;, nun werde sich ein Sturm gegen Putin erheben, kann die Zustimmung zu Putins augenblicklicher Politik nicht brechen. Die liberale Opposition hat in Russland keine vernehmbare Stimme. Russlands Besinnung auf sich selbst, auf seine eigene Geschichte, auf seine eigenen Kr&auml;fte, wird mit jedem  Angriff st&auml;rker, den der Westen gegen Putin f&uuml;hrt. Aus dem beabsichtigten Regimechange ist so eine Stabilisierung geworden. Anstelle eines russischen Maidan, entwickelt sich ein landesweiter russischer &sbquo;Anti-Maidan&lsquo;. Gegen eine Fragmentierung Russlands schlie&szlig;t sich das Land enger zusammen und es sieht alles so aus, als ob sich solche Bewegungen mit jedem weiteren Angriff auf das Land, auf seinen Pr&auml;sidenten weiter verst&auml;rken werden.<\/p><p>Das ist, sei hinzugef&uuml;gt, einem freien politischen Klima im Lande nicht nur zutr&auml;glich, sondern birgt durchaus auch die Gefahr politischer Polarisierungen, allerdings eher nicht zugunsten eines am Westen orientierten Liberalismus. Der Liberalismus ist in Russland durch die Privatisierungsexzesse der Gorbatschow- und vor allem der Jelzin-&Auml;ra diskreditiert. <\/p><p><strong>Russland ist nicht Europa<\/strong><\/p><p>Ratlos stochern westliche Analytiker und Ideologen in diesen von ihnen nicht erwarteten Gegenbewegungen herum. Diese Reaktionen Russlands hatte man nicht erwartet, obwohl doch schon seit dem Georgienkrieg, als Russland mit seinem Einmarsch nach Georgien erstmals nach Aufl&ouml;sung der Sowjetunion einem weiteren Vorr&uuml;cken von EU und NATO die rote Karte zeigte, klar sein musste, dass Russland weiteren Einschr&auml;nkungen seines Bewegungsspielraums durch EU und NATO nicht tatenlos zusehen w&uuml;rde.<\/p><p>Erkl&auml;rungen m&uuml;ssen jetzt herhalten, die Russland auf dem Weg in die Vergangenheit sehen wollen, wahlweise in die zaristische, in die sowjetische oder auch in die des kalten Krieges, haupts&auml;chlich aber &ndash; auf dem vermuteten angeblichen R&uuml;ckzug vor westlichen, vor europ&auml;ischen Werten, vor Europa.  Von &bdquo;Europas neuer Teilung&ldquo; gar spricht die FAZ,[<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>] insofern Russland sich aus der europ&auml;ischen Friedensordnung zur&uuml;ckziehe. Die Folgen werden selbstverst&auml;ndlich Russland angelastet.  In Klagen &uuml;ber die Entfremdung zwischen Russland und Europa verfallen neuerdings selbst Freunde oder Parteig&auml;nger Russlands, die das Land nach einem Jahr des Informationskrieges inzwischen aus der Position des entt&auml;uschten Liebhabers betrachten. Man f&uuml;hlt sich verlassen, verraten, kann nicht verstehen, wieso Russland sich von Europa abwende. <\/p><p>Dabei es doch so, dass hier nur einfach ein tiefes Unverst&auml;ndnis dar&uuml;ber offensichtlich wird, was Russland war, ist und sein wird, gleich in welcher staatlichen Form. Es ist der fundamentale Irrtum, dem die westlichen Nachbarn, vor allem aber westliche Eroberer Russlands immer wieder erlegen sind, n&auml;mlich Russland f&uuml;r einen Teil Europas, oder in Teilen als zu Europa geh&ouml;rig  zu betrachten, so als ob es ein europ&auml;isches und ein davon zu trennendes asiatisches Russland g&auml;be. Russland ist aber nicht zum Teil europ&auml;isch und zum anderen Teil asiatisch, es ist vielmehr der historisch gewachsene soziale, kulturelle und staatliche Organismus  z w i s c h e n  Europa und Asien. Es ist der Z w i s c h e n r a u m  zwischen dem Osten und dem Westen Eurasiens. Anders, und provokativ formuliert, Europa auf der einen und China\/Japan auf der anderen Seite, sind die R&auml;nder des Eurasischen Raumes. <\/p><p>Wer durch Russland reist, reist nicht etwa von Europa nach Asien in der Weise, dass europ&auml;ische Einfl&uuml;sse allm&auml;hlich immer weiter zur&uuml;ckblieben, jenseits des Ural die europ&auml;ischen Zeichen dann zunehmend von asiatischen abgel&ouml;st w&uuml;rden. Wer reist, der oder die reist vielmehr durch ein Land, dessen Entstehungsgeschichte und Realit&auml;t als sozialer, staatlicher und kultureller Organismus des Raums zwischen Ost und West dem  Reisenden auf Schritt und Tritt leibhaftig begegnet &ndash; ethnisch, kulturell, politisch, religi&ouml;s, &ouml;ko-sozial, bis in die Formen des Wirtschaftens, die auch nach f&uuml;nfundzwanzig Jahren der Privatisierung nicht etwa im Westen des Landes kapitalistisch, im Osten traditionell gemeinwirtschaftlich sind, sondern gemischt, gleich wohin man kommt. Das gilt auf der ganzen Strecke von der westlichen Russischen Grenze bis Wladiwostok. <\/p><p>An der Wolga, dem russischsten aller Fl&uuml;sse, leben die Nachkommen Attilas und Tschingis Chans sowie weitere Nachkommen fr&uuml;her V&ouml;lkerz&uuml;ge als eigene, aber mit den slawischen Bev&ouml;lkerungselementen vermischte Kulturen, die einen muslimisch, die anderen mit vorchristlichen Religionselementen, dritte noch aus sowjetischer Tradition ganz s&auml;kular. Ganze Republiken sind nach V&ouml;lkern benannt und werden von ihnen gestaltet. Weiter nach Osten, weit hinter dem Ural leben die Nachkommen der slawischen, aus dem Westen dorthin  verschlagenen Kolonisten, vermischt mit den Einfl&uuml;ssen verschiedener indigener V&ouml;lker. Und kommt man schlie&szlig;lich nach einem langen Weg durch Sibirien und das Buddhistische Burj&auml;tien nach Wladiwostok, dann wird man dort mit dem stolzen Ruf &bdquo;Wir sind der Vorposten Europas in Asien&ldquo; begr&uuml;&szlig;t. Da wei&szlig; dann kaum noch jemand genaue Auskunft zu geben, ob man nun Asiat oder Europ&auml;er ist. <\/p><p>Kurz gesagt, dieses Russland ist nicht Europa  o d e r  Asien, sondern ein durch und durch durchmischter multikultureller Vielv&ouml;lker-Organismus, dessen ineinander verwobene Organe nicht voneinander zu trennen sind, ohne den Organismus zu zerst&ouml;ren. Dies sagt f&uuml;r sich noch nichts &uuml;ber die Organisationsform aus, in der man miteinander lebt oder leben m&ouml;chte, ob zentralstaatlich, f&ouml;deral oder als lockere konf&ouml;derale Verbindung. Es sagt aber wohl etwas dar&uuml;ber, dass das Leben hier nicht nach Kategorien des Nationalismus europ&auml;ischen Typs zu verstehen ist. Alle Versuche, diese Zusammenh&auml;nge zu zerrei&szlig;en und in solche  nationalistischen Kategorien zu zw&auml;ngen, scheitern blutig. Auch die Eurasische Union ist nicht einfach die Fortsetzung eines Nationalstaates Russland, sondern Ausdruck des real existierenden eurasischen Kooperationsnetzes, das nicht ohne schwere Verwerfungen aufl&ouml;sbar w&auml;re. <\/p><p>Ein interessante Beobachtung dr&auml;ngt sich hier bei Betrachtung der beiden Weltkriege 1914\/18 und 1939\/45 auf: Die Vielv&ouml;lkerreiche der Habsburger wie auch der Osmanen wurden durch diese Kriege zerschlagen, ihre V&ouml;lker in nationalstaatliche Abgrenzungskriege gezogen. Der russisch-eurasische V&ouml;lkerverbund dagegen hat durch die beiden  Weltkriege in Gestalt der Sowjetunion noch eine Erweiterung als Vielv&ouml;lkerorganismus suis generis , der besonderen Art gefunden. In seinem Charakter als Zwischenraum liegt die historische Qualit&auml;t  des russischen Organismus &ndash; in Friedenszeiten entfaltet er ein reges innerkulturelles Leben, wenn er angegriffen wird, sei es durch wirtschaftliche oder politische Einwirkungen, schlie&szlig;en sich seine Teile umso enger zusammen. Das kann im Lande selbst, wie die Geschichte zeigt, zeitweilig zu vor&uuml;bergehender Enge, zu heftiger Repression f&uuml;hren, w&auml;hrend zu gleicher Zeit die Stacheln nach au&szlig;en ausgefahren werden. <\/p><p>Wer diesen Charakter Russlands als eurasischen Zwischenraum nicht erkennt, aber Russland dennoch erobern, kontrollieren oder beherrschen will, muss notwendig scheitern. Man erinnere sich an die Versuche des Schweden Karl August, an die Napoleons, an die der deutschen Wehrmacht im ersten Weltkrieg, an die Hitlers im zweiten, dann wird man erkennen, dass die gegenw&auml;rtigen Versuche sich in demselben Irrtum totlaufen: Der Wunsch Eurasien zu kontrollieren, indem man Russland als Kraft im Zentrum Eurasiens auszuschalten, zu neutralisieren oder zu fragmentieren versucht, f&uuml;hrt zu dem genauen Gegenteil: dazu, dass sich die V&ouml;lker dieses Zwischenraums zusammenschlie&szlig;en, um sich gegen eine Zerst&ouml;rung des Vielv&ouml;lker-Organismus zu wehren. Sie wissen aus der Geschichte, dass dessen Zerst&ouml;rung gleichbedeutend mit Unsicherheit, mit Chaos, mit B&uuml;rgerkriegsszenarien im eurasischen Raum w&auml;re, gegen die der Ukrainische B&uuml;rgerkrieg von heute nur ein harmloses Vorspiel w&auml;re. <\/p><p>Russlands Rolle als Herzland, als Integrationsknoten Eurasiens, wie Putin es bei seinem Amtsantritt 2000 nannte, ist nicht durch ein aus Br&uuml;ssel, erst recht nicht aus den USA ferngesteuertes Protektorat zu ersetzen. Die Versuche Russland auf den Stand einer Regionalmacht zu reduzieren, von au&szlig;en zu kontrollieren und so ins westliche B&uuml;ndnis als Junior-Partner einzubinden d&uuml;rfen als gescheitert betrachtet werden. Eine neue Ostpolitik, , die zukunftsweisende, lebensdienliche Konsequenzen h&auml;tte, die die Fehler der polarisierenden Assoziierungspolitik vermeiden, kann f&uuml;r die EU, besonders f&uuml;r Deutschland nur darin bestehen mit Russland zusammen einen neuen Raum der Kooperation zu &ouml;ffnen, der auch die &ouml;stlichen und s&uuml;dlichen Anrainer Eurasiens einbezieht &ndash; statt sich weiter gegen Russland in Stellung zu bringen oder im Interesse der USA bringen zu lassen. <\/p><p>Anders gesagt, um zum Eingang des Textes zur&uuml;ckzukehren: Wer die Ukraine nicht beherrschen kann, kann auch das eurasische Herzland, Russland nicht beherrschen. Wer Russland nicht beherrschen kann, kann die Welt nicht beherrschen. Das hei&szlig;t, wer die Welt nicht beherrschen kann, muss kooperieren. An dieser Einsicht f&uuml;hrt kein Waffengeklapper vorbei. Alles andere l&auml;uft direkt auf blanke Kriegstreiberei hinaus. <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_0\" name=\"foot_0\">&laquo;*<\/a>] Kai Ehlers ist Journalist, Publizist und Schriftsteller. Sein Spezialgebiet ist die politische, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung des post-sowjetischen Raumes. Viele seiner Artikel sind auf der Seite <a href=\"http:\/\/www.kai-ehlers.de\">Kai-Ehlers.de<\/a> nachzulesen.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Zbigniew Brzezinski, Die einzige Weltmacht, S. 74, Fischer tb 14385, 1999 (amerik. Original, The grand chessboard, 1997)<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] ebenda S. 65\/66<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] <a href=\"http:\/\/www.neopresse.com\/politik\/stratfor-direktor-friedman-us-hauptziel-seit-einem-jahrhundert-ist-ein-deutsch-russisches-buendnis-zu-verhindern\/\">&ldquo;Chicago Council on global affairs&rdquo; am 4.2.2015<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Europas neue Teilung, Leitkommentar in der FAZ vom 11.03.2015<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer die Welt beherrschen will, muss Eurasien beherrschen. Wer Eurasien beherrschen will, muss das eurasische Herzland, Russland beherrschen. Wer Russland beherrschen will, muss die Ukraine aus dem Einflussbereich Russlands l&ouml;sen, denn &ndash; wiederholen wir die Feststellung Zbigniew Brzezinskis, die angesichts der Vorg&auml;nge um die Ukraine nicht oft genug wiederholt werden kann: &bdquo;Ohne die Ukraine ist<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25474\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,181,201],"tags":[1206,1251,915,259,382,260,1556],"class_list":["post-25474","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-europapolitik","category-ideologiekritik","tag-brzezinski-zbigniew","tag-eurasische-union","tag-putin-wladimir","tag-russland","tag-think-tanks","tag-ukraine","tag-usa"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/25474","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=25474"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/25474\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":50844,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/25474\/revisions\/50844"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=25474"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=25474"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=25474"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}