{"id":25480,"date":"2015-03-20T09:11:25","date_gmt":"2015-03-20T08:11:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25480"},"modified":"2024-09-23T01:59:40","modified_gmt":"2024-09-22T23:59:40","slug":"kanadas-einwanderungs-programme-degradieren-menschen-zu-arbeits-rohstoffen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25480","title":{"rendered":"&#8220;Kanadas Einwanderungsprogramme degradieren Menschen zu Arbeitsrohstoffen&#8221;"},"content":{"rendered":"<div style=\"float:right;margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/150320_castr.jpg\" alt=\"Lucio Castracani\" title=\"Lucio Castracani\"><\/div><p>Migration ist nicht nur mit gesellschaftlicher Ausgrenzung, sondern auch mit Arbeitsausbeutung der Eingewanderten eng verbunden. Extreme Beispiele in diesem Zusammenhang finden sich in der deutschen Fleischindustrie und in der Landwirtschaft S&uuml;ditaliens und S&uuml;dspaniens. Die Ausbeutung immigrierter Arbeiter ist allerdings keineswegs nur ein europ&auml;isches Ph&auml;nomen. Dies zeigt das nachfolgende Interview mit <strong>Lucio Castracani<\/strong> [<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25480#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] zur Lebens- und Arbeitssituation tempor&auml;rer Arbeitsmigranten (Wanderarbeiter) in Kanada. Das Interview f&uuml;hrte <strong>Patrick Schreiner<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<em><strong>Vorbemerkung:<\/strong> Migration war immer schon vielf&auml;ltig. Grob (und in der Realit&auml;t nicht immer ganz trennscharf) lassen sich zwei Formen der Migration unterscheiden: Die dauerhafte und feste Einwanderung in andere L&auml;nder einerseits, die vor&uuml;bergehende, auf wenige Wochen oder Monate begrenzte andererseits. Durch beide werden dem Arbeitsmarkt Arbeitskr&auml;fte nach verschiedenen Bed&uuml;rfnissen zur <a href=\"http:\/\/www.annotazioni.de\/post\/1334\">Verf&uuml;gung gestellt<\/a>, und beide gehen regelm&auml;&szlig;ig mit Ausbeutung sowie prek&auml;rer Besch&auml;ftigung <a href=\"http:\/\/www.annotazioni.de\/post\/1266\">einher<\/a>. Dabei spielt die Unterscheidung zwischen hochqualifizierten und geringqualifizierten Immigranten eine wesentliche Rolle. Dies wird auch im nachfolgenden Interview deutlich. Es widmet sich der Einwanderung nach Kanada, in ein Land also, dessen Einwanderungspolitik bzw. Punktesystem in Deutschland oft als vorbildlich beschrieben wird, zuletzt <a href=\"http:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/einwanderung-109.html\">durch die SPD-Bundestagsfraktion<\/a> und den <a href=\"http:\/\/www.wirtschaftsrat.de\/wirtschaftsrat.nsf\/id\/einwanderungsdebatte-muss-entideologisiert-werden-de\">CDU-Wirtschaftsrat<\/a>. &ndash; Die NachDenkSeiten haben die Problematik der Ausbeutung und Ausgrenzung von Migranten immer wieder aufgegriffen, so in Artikeln zum <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25276\">SPD-Papier<\/a>, zur <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13006\">Migration als Folge der Eurokrise<\/a>, zu den <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24356\">Arbeitsbedingungen h&auml;uslicher Pflegekr&auml;fte<\/a> oder zu den <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=20646\">Bildungschancen von Kindern mit Migrationsgeschichte<\/a>.<\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Welche Formen der tempor&auml;ren Migration gibt es in Kanada? Wie funktionieren sie?<\/strong><\/p><p>Castracani: Um als tempor&auml;rer Arbeitsmigrant nach Kanada zu kommen, gibt es mehrere Wege &ndash; eingeschlossen auch die Einreise als Tourist, als Gesch&auml;ftsreisender oder als Student. Der heute wichtigste und meistdiskutierte Weg aber ist der &uuml;ber spezielle Programme zur tempor&auml;ren Arbeitsmigration. Diese sollen dazu dienen, f&uuml;r eine &ldquo;begrenzte&rdquo; Zeit Arbeitspl&auml;tze in jenen Branchen zu besetzen, in denen heute ein Mangel an &ldquo;einheimischen&rdquo; Arbeitskr&auml;ften herrscht. Diese Art der Rekrutierung ist in Kanada keineswegs neu. Eines der &auml;lteren Programme, das &ldquo;Seasonal Agricultural Workers Program&rdquo; (SAWP) zur Vermittlung von Wanderarbeitern in landwirtschaftliche Betriebe, wurde 1966 auf der Grundlage eines entsprechenden Abkommens zwischen Kanada und Jamaika geschaffen. Einige Jahre sp&auml;ter, 1973, wurde das wichtigste Programm zur Rekrutierung tempor&auml;rer Arbeitsmigranten geschaffen, das &ldquo;Non-Immigrant Authorization Workers Program&rdquo; (NIEAP).<\/p><p>Was sich heute gegen&uuml;ber damals ver&auml;ndert hat, ist der Umfang dieser Programme: In den letzten 15 Jahren wurden sie massiv ausgeweitet. Seit 2000 ist die Zahl tempor&auml;rer Arbeitsmigranten stark angestiegen, und seit 2008 &uuml;bersteigt sie die Zahl der dauerhaft Einwandernden. Das bedeutet, dass tempor&auml;re Arbeitsmigration f&uuml;r verschiedene T&auml;tigkeiten durchaus einen strukturellen und dauerhaften Charakter hat, wenngleich sie aus individueller Perspektive zeitlich begrenzt ist. Ein zentraler Moment in dieser Entwicklung war der Start eines Pilotprojekts f&uuml;r geringqualifizierte T&auml;tigkeiten im Jahr 2002. Dieses Projekt erlaubte es, die Logik tempor&auml;rer Arbeitsmigration auf weitere Produktionssektoren auszuweiten, sofern diese geringqualifizierte Arbeitskr&auml;fte ben&ouml;tigten, solche aber nicht finden konnten. Dies betraf insbesondere den Bausektor sowie den Bergbau. Hinzu kam, dass das SAWP-Programm im Bereich der Landwirtschaft zunehmend dazu genutzt wurde, einen Wettbewerb zwischen verschiedenen Herkunftsl&auml;ndern zu entfachen.<\/p><p><strong>Was bedeutet es f&uuml;r die einzelnen Arbeiterinnen und Arbeiter, sich im Rahmen tempor&auml;rer Arbeitsmigration in Kanada aufzuhalten?<\/strong><\/p><p>Castracani: Durch die Gesetzgebung, wie ich sie eben beschrieben habe, wird eine Unterscheidung zwischen qualifizierten und geringqualifizierten Arbeitskr&auml;ften getroffen. Grundlage dieser Unterscheidung sind insbesondere auch Herkunft und Geschlecht. Dieses Gesamtkonstrukt wiederum liefert eine Rechtfertigung f&uuml;r eine Form der Einbindung mancher M&auml;nner und Frauen in den Arbeitsmarkt, die zu prek&auml;ren und nachteiligen Arbeitsbedingungen f&uuml;hrt. Menschen, die im Rahmen des Pilotprojekts f&uuml;r geringqualifizierte T&auml;tigkeiten, des SAWP oder auch im Rahmen eines Programms f&uuml;r Pflegekr&auml;fte in Privathaushalten nach Kanada kommen, unterliegen besonderen Auflagen und Einschr&auml;nkungen. Zuallererst haben sie ein sehr restriktives Arbeitsvisum &ndash; mit der Konsequenz, dass sie ihren Arbeitgeber nicht wechseln und sich am Arbeitsmarkt nicht frei bewegen k&ouml;nnen. Zweitens sind viele von ihnen gegen&uuml;ber den Einheimischen aufgrund von sprachlichen und sozialen H&uuml;rden isoliert. Manchmal kommt eine r&auml;umliche Isolation dazu, denn die Wanderarbeiter sind bez&uuml;glich ihrer Unterkunft von ihren Arbeitgebern abh&auml;ngig. Oft werden sie gezwungen, am Arbeitsplatz zu leben. Drittens schlie&szlig;lich haben tempor&auml;re Migranten aus dem SAWP oder dem Pilotprojekt f&uuml;r geringqualifizierte T&auml;tigkeiten nicht die M&ouml;glichkeit, sich um eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis zu bewerben. Zu diesen Lebens- und Arbeitsbedingungen passt das Zitat von Stephen Castles, der &uuml;ber die Gastarbeiterprogramme europ&auml;ischer Staaten w&auml;hrend der 1960er Jahre geschrieben hat, diese zielten darauf, &ldquo;Arbeit zu importieren, nicht Menschen&rdquo;. Mit anderen Worten: Ich denke, Kanadas Programme zur tempor&auml;ren Arbeitsmigration verwirklichen den Wunsch des Kapitals, Menschen zu einfachen Arbeits-Rohstoffen zu degradieren, um extrem flexible und unterw&uuml;rfige Arbeitskr&auml;fte zur Verf&uuml;gung zu haben und so die Kapitalakkumulation voranzutreiben.<\/p><p>Eine aktuelle Frage ist, wie die Zukunft dieser Programme aussieht. In den letzten Jahren haben kanadische Medien immer wieder darauf hingewiesen, dass Wanderarbeiter in Sektoren angestellt werden, die von Arbeitskr&auml;ftemangel gar nicht betroffen sind &ndash; wie etwa Banken, Fluggesellschaften oder manchen typischen &ldquo;Studentenjobs&rdquo; beispielsweise in Fastfood-Restaurants. 2013 hat die kanadische Regierung ein Reformprogramm vorgestellt, um in dieser Kontroverse eine politische Antwort zu geben. Allerdings zeigt sie dabei keinerlei Bem&uuml;hen, das Problem der unterschiedlichen Bedingungen am Arbeitsmarkt zu l&ouml;sen. Ganz im Gegenteil habe ich den Eindruck, dass die Reform die Segregation am Arbeitsmarkt sogar noch verst&auml;rken wird.<\/p><p><strong>Was meinen sie, wenn sie sagen, dass Herkunft und Geschlecht Grundlage der Unterscheidung zwischen qualifizierten und geringqualifizierten Migranten sind?<\/strong><\/p><p>Castracani: Ich meine damit, dass die Segregation am Arbeitsmarkt nach wie vor auf solchen Kategorien beruht. Im Rahmen des Pilotprojekts f&uuml;r geringqualifizierte T&auml;tigkeiten werden Statistiken gef&uuml;hrt. Wenn man sich diese ansieht, so stellt man fest, dass die Zahl der Frauen ansteigt, die als tempor&auml;re Arbeitsmigranten in Kanada ankommen. Zudem haben wir noch immer eine gr&ouml;&szlig;ere Zahl an Menschen aus Asien und Lateinamerika in der Kategorie der Geringqualifizierten, w&auml;hrend zwei Drittel der qualifizierten Immigranten aus Europa und den USA kommen.<\/p><p><strong>Welche Rolle spielen internationale Freihandelsabkommen und insbesondere die nordamerikanische Freihandelszone NAFTA f&uuml;r tempor&auml;re Arbeitsmigration?<\/strong><\/p><p>Castracani: NAFTA spielt eine aktive Rolle f&uuml;r diese Form der Immigration. So gr&uuml;ndet die internationale Migration hochqualifizierter Arbeitnehmer ganz wesentlich auf NAFTA und den anderen internationalen Abkommen, wie etwa dem Allgemeinen Abkommen &uuml;ber den Handel mit Dienstleistungen (GATS). Wenn wir diese Abkommen auf einer &uuml;bergeordneten Ebene betrachten, so m&uuml;ssen wir feststellen, dass sie sich auch auf alle Formen tempor&auml;rer Arbeitsmigration auswirken. Der Anthropologe Leigh Binford beispielsweise hat gezeigt, wie NAFTA mexikanischen Kleinbauern die wirtschaftliche Existenzgrundlage entzog, wodurch sie gedr&auml;ngt wurden, etwa mittels des Programms SAWP als Saisonarbeiter in die kanadische Landwirtschaft zu kommen. Es ist wichtig, solche Programme nicht nur aus einem nationalen Blickwinkel heraus zu betrachten, sondern im internationalen Kontext unter der Beachtung von Herkunfts- und Ziell&auml;ndern.<\/p><p><strong>Versuchen kanadische Gewerkschaften, tempor&auml;re Arbeitsmigranten zu organisieren oder ihnen zu helfen? Und gibt es Versuche der Wanderarbeiter, sich selbst zu organisieren und f&uuml;r die eigenen Rechte zu k&auml;mpfen?<\/strong><\/p><p>Castracani: Ja, das machen die Gewerkschaften. &ldquo;United Food and Commercial Workers&rdquo;, zum Beispiel, unterh&auml;lt gemeinsam mit der &ldquo;Agriculture Workers Alliance&rdquo; mehrere Hilfs- und Beratungszentren in ganz Kanada. Sie versuchen, tempor&auml;re Arbeitsmigranten in der Landwirtschaft zu verteidigen. Wenn ich mir die Besonderheiten dieser Gruppe von Arbeiter vor Augen f&uuml;hre, denke ich allerdings, dass wir diese Aktivit&auml;ten mit Erfahrungen von unten kombinieren sollten, um Isolation, zeitliche Befristungen und Beliebigkeit in den Arbeitsverh&auml;ltnissen zu bek&auml;mpfen. In Montreal etwa hat das &ldquo;Immigrant Workers Center&rdquo;, ein Netzwerk von Arbeitern, Aktivisten und Wissenschaftlern, eine &ldquo;Vereinigung der Wanderarbeiter&rdquo; (Temporary Foreign Workers Association, TFWA) gegr&uuml;ndet. Auch ich bin dort engagiert. Unser Ziel ist es, tempor&auml;re Arbeitsmigranten aller Branchen in Quebec zu st&auml;rken und zu organisieren. Wir probieren dazu neue Formen der Mobilisierung aus, indem wir einzelne F&auml;lle mit breiteren programmatischen Themen verkn&uuml;pfen, indem wir einen informellen Ansatz verfolgen und indem wir Unterst&uuml;tzungsleistungen und eine Selbstorganisation der Wanderarbeiter zugleich anbieten. Ich denke, es ist wichtig, dass Gewerkschaften mit dieser Art von Netzwerken zusammenarbeiten. Angesichts der Fragmentierung und Prekarisierung von Arbeit brauchen wir flexible Allianzen auch bei der Organisation von Arbeitern.<\/p><p><strong>In Deutschland wird Kanada (mitsamt seinem Immigrationssystem, das auf der Bepunktung von Alter, Sprachkenntnissen, Qualifikationen u.a. beruht) oft als gutes Vorbild f&uuml;r eine erfolgreiche Einwanderungspolitik gesehen. Was denkst Du &uuml;ber dieses kanadische System? Wie ist es mit tempor&auml;rer Arbeitsmigration verkn&uuml;pft?<\/strong><\/p><p>Castracani: Das ist eine gute Frage, denn wir k&ouml;nnen Programme zur tempor&auml;ren Arbeitsmigration nicht verstehen, ohne auch das &uuml;bergeordnete Migrationsregime Kanadas in den Blick zu nehmen. Das Punktesystem bei der Einwanderung wurde 1967 eingef&uuml;hrt, im gleichen Jahr wie das Programm f&uuml;r tempor&auml;re Arbeitsmigration NIEAP also. Das sind zwei Seiten der gleichen Medaille. Wie Victor Pich&eacute; betont, f&uuml;hrt die Kombination von Programmen zur tempor&auml;ren Arbeitsmigration mit dem kanadischen Punktesystem zu einem &ldquo;Zwei-Schichten-Migrationsregime&rdquo;: Auf der einen Seite gibt es hochqualifizierte Immigranten, die durch ein Punktesystem ausgew&auml;hlt werden und die eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis erhalten. Auf der anderen Seite gibt es Arbeitskr&auml;fte, denen man den dauerhaften Aufenthalt verweigert, weil sie lediglich als Arbeits-Rohstoffe angesehen werden. Um dieses System am Laufen zu halten, ist es wichtig, manchen Immigranten keinen dauerhaften Aufenthalt zu erlauben und ihre M&ouml;glichkeiten des Aufenthalts zu begrenzen. Der &ldquo;Immigration and Refugee Protection Act&rdquo; (IRPA), ein Gesetz, das wenige Monate vor dem Pilotprojekt f&uuml;r geringqualifizierte T&auml;tigkeiten verabschiedet wurde, verdeutlicht diese Logik. Durch IRPA wurden Asylverfahren schwieriger, w&auml;hrend Abschiebungen und Einwanderungshaft zugenommen haben. Dadurch sind heute Programme zur tempor&auml;ren Arbeitsmigration f&uuml;r viele Migranten der einzige Weg, um die eigene Abschiebung zu vermeiden und einen legalen Status in Kanada zu erlangen, wenngleich nur zeitlich begrenzt.<\/p><p>Dies spiegeln auch die Migrationsverl&auml;ufe der Wanderarbeiter wieder. Einer der Saisonarbeiter in der Landwirtschaft, mit denen ich im Rahmen meiner Feldforschung sprechen konnte, entschied sich, nicht in sein Herkunftsland Mexiko zur&uuml;ckzukehren, nachdem sein Arbeitsvisum ausgelaufen war. Er beabsichtigte, in Kanada zu bleiben und Fl&uuml;chtlingsstatus zu erlangen. Das Problem war allerdings, dass die kanadische Regierung 2013 Mexiko in eine Liste &ldquo;sicherer Herkunftsl&auml;nder&rdquo; aufgenommen hatte. Die M&ouml;glichkeit, Fl&uuml;chtlingsstatus zu bekommen, ist dadurch &auml;u&szlig;erst schlecht. Der Arbeiter begann daraufhin, undokumentiert (&ldquo;illegal&rdquo;, d.&Uuml;.) in Kanada zu leben; er arbeitete im gleichen Sektor, in dem er auch zuvor t&auml;tig war. Seine Geschichte zeigt, wie dieses Immigrationsregime funktioniert: Um manche Menschen in die Programme zur tempor&auml;ren Arbeitsmigration zu dr&uuml;cken, wird ihnen einwanderungspolitisch jede andere M&ouml;glichkeit des Aufenthalts verweigert. Die einzige Alternative zu diesen Programmen ist der undokumentierte Weg &ndash; mit dem Risiko, in Haft genommen und abgeschoben zu werden.<\/p><p><strong>W&uuml;rden sie also sagen, dass Immigrationssysteme f&uuml;r hochqualifizierte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nicht ohne die Ausbeutung Geringqualifizierter funktionieren k&ouml;nnen? Wenn ja, weshalb?<\/strong><\/p><p>Castracani: Manchmal ist diese Unterscheidung weniger eindeutig, als wir meinen. Zum Beispiel, wenn die Menschen als qualifizierte Arbeitskr&auml;fte ankommen und dann in &ldquo;geringqualifizierten Sektoren&rdquo; arbeiten m&uuml;ssen, um zu &uuml;berleben. Dennoch w&uuml;rde ich sagen, dass &ldquo;Qualifikationen&rdquo; oftmals schlicht als angeblich &ldquo;neutrale&rdquo; Kriterien verwendet werden, um Differenzen und Hierarchien bei der Kontrolle von Migration und Arbeit zu legitimieren. Ziel dessen ist es, (auch) billige und unterw&uuml;rfige Arbeitskr&auml;fte zur Verf&uuml;gung zu haben. Immigrationssysteme f&uuml;r Hochqualifizierte k&ouml;nnen ohne geringqualifizierte Arbeiter nicht existieren, denn in solchen Systemen dr&uuml;ckt sich immer die gesellschaftliche Arbeitsteilung aus. Hochqualifizierte brauchen immer Landarbeiter, um ihre Fr&uuml;chte zu ernten, sie brauchen Hausarbeiterinnen, um ihre Kinder zu versorgen, und sie brauchen K&uuml;chenhilfen, um im Restaurant ihre Teller zu waschen. Interessanterweise stimmen Bef&uuml;rworter des bestehenden Immigrationssystems mit dessen Kritikern ja bez&uuml;glich dieser Notwendigkeiten der Hochqualifizierten &uuml;berein. Der Unterschied ist allerdings, dass die Kritiker diese Form der Segregation am Arbeitsmarkt nicht einfach hinnehmen.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Lucio Castracani ist Anthropologe und PhD-Student an der Universit&auml;t Montreal (Quebec\/Kanada). Er ist Mitglied des Immigrant Workers Centre (IWC) in Montreal, wo er in einer Kampagne zur Gr&uuml;ndung einer Vereinigung der Wanderarbeiter (Temporary Foreign Workers Association, TFWA) aktiv ist.<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/dcbdd4c31bfe40659a1a176204fabb6d\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float:right;margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/150320_castr.jpg\" alt=\"Lucio Castracani\" title=\"Lucio Castracani\"\/><\/div>\n<p>Migration ist nicht nur mit gesellschaftlicher Ausgrenzung, sondern auch mit Arbeitsausbeutung der Eingewanderten eng verbunden. Extreme Beispiele in diesem Zusammenhang finden sich in der deutschen Fleischindustrie und in der Landwirtschaft S&uuml;ditaliens und S&uuml;dspaniens. Die Ausbeutung immigrierter Arbeiter ist allerdings keineswegs nur ein europ&auml;isches Ph&auml;nomen.<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25480\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,37,209,20],"tags":[895,1200,288,340],"class_list":["post-25480","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-globalisierung","category-interviews","category-landerberichte","tag-freihandel","tag-kanada","tag-prekaere-beschaeftigung","tag-zuwanderung"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/25480","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=25480"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/25480\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":121659,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/25480\/revisions\/121659"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=25480"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=25480"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=25480"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}