{"id":25524,"date":"2015-03-23T16:05:27","date_gmt":"2015-03-23T15:05:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25524"},"modified":"2022-06-21T11:09:17","modified_gmt":"2022-06-21T09:09:17","slug":"informationen-und-anmerkungen-zum-ergebnis-der-wahlen-in-frankreich-zu-den-raeten-der-departements-am-22-maerz-2015","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25524","title":{"rendered":"Informationen und Anmerkungen zum Ergebnis der Wahlen in Frankreich zu den R\u00e4ten der D\u00e9partements am 22. M\u00e4rz 2015"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christoph Habermann<\/strong> hat f&uuml;r die NachDenkSeiten einen Blick auf die gestrigen D&eacute;partement-Wahlen in Frankreich geworfen. Klarer Gewinner ist f&uuml;r ihn die konservative UMP. Die Gewinne des rechtspopulistischen Front National h&auml;lt er f&uuml;r geringer als bef&uuml;rchtet, und die Verluste der Sozialisten f&uuml;r geringer als erwartet. Hauptausschlaggebend f&uuml;r das Ergebnis sei die Unzufriedenheit der B&uuml;rger mit Pr&auml;sident Hollande.<br>\n<!--more--><\/p><ol type=\"i\">\n<li>Gestern, am 22. M&auml;rz, haben die Franzosen und Franz&ouml;sinnen &uuml;ber die Zusammensetzung der k&uuml;nftigen R&auml;te der etwa 100 D&eacute;partements abgestimmt. Zu den wichtigsten Aufgaben der franz&ouml;sischen D&eacute;partements geh&ouml;ren die Kinder- und Jugendpolitik, Politik f&uuml;r Menschen mit Behinderungen, Wohnungsbau, Umweltschutz und Raumordnung und die mit der Sekundarstufe I in Deutschland vergleichbaren Schulen. Bei der gestrigen Wahl gab es drei grundlegende Ver&auml;nderungen:\n<ul>\n<li>zum ersten Mal wurden alle Mitglieder der D&eacute;partements-R&auml;te am gleichen Tag gew&auml;hlt; bisher war alle drei Jahre je die H&auml;lfte gew&auml;hlt worden;<\/li>\n<li>die Wahlkreise (&bdquo;cantons&ldquo;) sind v&ouml;llig neu geordnet worden und haben jetzt alle eine etwa gleich grosse Bev&ouml;lkerung;<\/li>\n<li>ein neues Wahlsystem garantiert, dass die R&auml;te sich in Zukunft je zur H&auml;lfte aus Frauen und M&auml;nnern zusammensetzen. (Bisher lag der Frauenanteil bei 13 Prozent der Sitze). In jedem der insgesamt 2054 Wahlkreise mussten Parteien oder W&auml;hlergruppen einen Mann und eine Frau aufstellen, die als &bdquo;Binome&ldquo; kandidieren und zusammen gew&auml;hlt werden.<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<li>Die Wahlbeteiligung lag bei gut 50 Prozent, gegen die Voraussagen aller Umfragen 6 Prozent h&ouml;her als bei den vergleichbaren Wahlen des Jahres 2011. Anders als von den meisten Umfrage-Instituten vorausgesagt, hat der rechtsextreme &bdquo;Front National&ldquo; sein erkl&auml;rtes Ziel, st&auml;rkste Partei zu werden, wie bei der Europawahl im vergangenen Jahr, nicht erreicht. Mit deutlichem Abstand st&auml;rkste Partei wurde die vom ehemaligen Staatspr&auml;sidenten Nicolas Sarkozy gef&uuml;hrte b&uuml;rgerliche Rechte &bdquo;UMP&ldquo; vor dem &bdquo;Front National&ldquo; und der Sozialistischen Partei von Staatspr&auml;sident Francois Hollande. Kurz zusammengefasst kann man sagen: Die b&uuml;rgerliche Rechte hat besser abgeschnitten als erwartet, der &bdquo;Front National&ldquo; weniger gut und die Sozialistische Partei weniger schlecht als erwartet.<\/li>\n<li>Entschieden wird die Zusammensetzung der D&eacute;partement-R&auml;te im zweiten Wahlgang am kommenden Sonntag, 29. M&auml;rz. Von den 1994 Wahlkreisen, f&uuml;r die das franz&ouml;sische Innenministerium bis heute Nachmittag die Ergebnisse ver&ouml;ffentlicht hat, hat die UMP und ihr verbundene Kandidatinnen und Kandidaten in 821 im ersten Wahlgang die meisten Stimmen bekommen. Die Sozialistische Partei und ihr verbundene Kandidatinnen und Kandidaten liegen in 512 Wahlkreisen vorne. Der &bdquo;Front National&ldquo; liegt in 322 Wahlkreisen auf Platz 1.\n<p>Schon nach dem ersten Wahlgang ist klar, dass die Sozialistische Partei sehr stark an politischem Einfluss auf der Ebene der D&eacute;partements verlieren wird. Bisher stellt sie in 59 D&eacute;partements die Mehrheit, w&auml;hren 41 D&eacute;partements von der b&uuml;rgerlichen Rechten regiert werden. In &uuml;ber 500 Wahlkreisen, etwa einem Viertel, k&ouml;nnen die Kandidatinnen und Kandidaten der Sozialistischen Partei im zweiten Wahlgang nicht mehr antreten, weil sie den daf&uuml;r notwendigen Stimmenanteil nicht erreicht haben. Sie m&uuml;ssen damit rechnen, dass sie von ihren bisher 59 D&eacute;partements m&ouml;glicherweise mehr als die  H&auml;lfte verlieren werden zugunsten der UMP. <\/p>\n<p>Die Chancen des &bdquo;Front National&ldquo;, in einem oder mehreren D&eacute;partements die Mehrheit der Sitze zu gewinnen, sind nach dem ersten Wahlgang geringer als erwartet. Das &auml;ndert nichts daran, dass die rechtsextreme Partei, die zum ersten Mal bei einer Wahl auf kommunaler Ebene, in fast allen Wahlkreisen angetreten war, vor allem in ihren Hochburgen im S&uuml;den und im Norden Frankreichs gegen&uuml;ber vorangegangenen Wahlen noch einmal deutlich zugelegt hat und in einigen Wahlkreisen sogar schon im ersten Wahlfang die notwendige absolute Mehrheit der Stimmen erreicht hat.<\/p>\n<p>Ein besonders deutliches Beispiel daf&uuml;r ist Fr&eacute;jus an der Cote d&acute;Azur: Dort war im M&auml;rz 2014 ein 26j&auml;hriger Aktivist des &bdquo;Front National&ldquo;, zum B&uuml;rgermeister gew&auml;hlt worden und im Herbst vergangenen Jahres zum Mitglied des franz&ouml;sischen Senats, der zweiten Kammer. In Fr&eacute;jus haben die Kandidatin und der Kandidat des &bdquo;Front National&ldquo;, beide Beigeordnete der Stadt, ihren Wahlkreis im ersten Wahlgang mit 51,2 Prozent gewonnen.<\/p><\/li>\n<li>Die Wahlen sind das Ergebnis massiver Unzufriedenheit in der Bev&ouml;lkerung &uuml;ber die Politik von Staatspr&auml;sident Francois Holland und der von ihm gebildeten sozialistischen Regierung. Auf der Ebene der Parteien hat das dazu gef&uuml;hrt, dass das linke politische Lager, anders als in Frankreich lange Jahre &uuml;blich, in den meisten Wahlkreisen getrennt und nicht mit gemeinsamen Kandidatinnen und Kandidaten angetreten ist, w&auml;hrend die b&uuml;rgerliche Rechte sehr viel geschlossener war.\n<p>Bei den W&auml;hlerinnen und W&auml;hlern hat die Unzufriedenheit dazu gef&uuml;hrt, dass potentielle W&auml;hler der Sozialistischen Partei deutlich h&auml;ufiger nicht zur Wahl gegangen sind. Wahlforscher sch&auml;tzten die unterschiedliche Mobilisierung zwischen UMP und PS auf etwa 10 Prozent. Parteien und Parteienb&uuml;ndnisse links von den Sozialisten konnten von der Unzufriedenheit so gut wie nicht profitieren; das Gleiche gilt f&uuml;r die Gr&uuml;nen.<\/p><\/li>\n<li>Staatspr&auml;sident Hollande und Premierminister Manuel Valls haben in den vergangenen Wochen immer wieder deutlich gemacht, dass sie nicht bereit sind, ihre Wirtschafts- und Sozialpolitik zu ver&auml;ndern, wie das eine nicht ganz kleine Minderheit von Abgeordneten und Mitgliedern der Sozialistischen Partei seit langem fordert. Stattdessen ist damit zu rechnen, dass der Pr&auml;sident versuchen wird, die innerparteilichen Auseinandersetzungen bei den Gr&uuml;nen zu nutzen, die sich in den meisten Wahlkreisen gegen ein B&uuml;ndnis mit den Sozialisten entschieden hatten und stattdessen gemeinsame Sache mit Parteien links von den Sozialisten gemacht haben.\n<p>Prominente Gr&uuml;ne in Parlament und Senat haben in den vergangenen Wochen aber erkennen lassen, dass sie bereit sind, der Regierungsmehrheit beizutreten, nachdem die Gr&uuml;ne Partei mit ihren Regierungsmitgliedern im vergangenen Jahr wegen zu gro&szlig;er inhaltlicher Meinungsunterschiede aus der Regierung ausgeschieden war.<\/p>\n<p>Staatspr&auml;sident Francois Hollande bereitet damit schon die Pr&auml;sidentenwahl 2017 vor. Er will unbedingt verhindern, dass sich die Situation des Jahres 2001 wiederholt. Damals konnte sich der sozialistische Kandidat Lionel Jospin nicht f&uuml;r den entscheidenden zweiten Wahlgang qualifizieren, weil es konkurrierende Kandidaturen der Gr&uuml;nen und links von der Sozialistischen Partei gab. In der Stichwahl wurde damals Jacques Chirac gegen Jean-Marie Le Pen gew&auml;hlt.<\/p>\n<p>Sozialistische Partei und Premierminister haben die W&auml;hlerinnen und W&auml;hlerinnen des linken Lagers aufgerufen, in allen Wahlkreisen f&uuml;r den Kandidaten und  die Kandidatin der Linken zu stimmen, die im zweiten Wahlgang antreten k&ouml;nnen. In den vielen Wahlkreisen, in denen  im zweiten Wahlgang b&uuml;rgerliche Rechte und &bdquo;Front National&ldquo; gegeneinander antreten lautet die Empfehlung: &bdquo;Front R&eacute;publicain&ldquo;, also Unterst&uuml;tzung der b&uuml;rgerlichen Rechten gegen die Rechtsextremisten.<\/p>\n<p>Die UMP bleibt bei ihrer vor kurzem neu definierten Linie des &bdquo;ni &ndash; ni&ldquo;, des &bdquo;weder noch&ldquo;. UMP-Vorsitzender Sarkozy hat in einer Erkl&auml;rung wenige Minuten nach Schlie&szlig;ung der Wahllokale erkl&auml;rt, die UMP gebe f&uuml;r Wahlkreise, in denen sich linke Kandidaten und &bdquo;Font National&ldquo; gegen&uuml;berstehen, keine Empfehlung ab.<\/p>\n<p>Der zweite Wahlgang am kommenden Sonntag wird zeigen, wie die W&auml;hlerinnen und W&auml;hler auf dieses Verhalten reagieren. F&uuml;r die k&uuml;nftige innenpolitische Diskussion und Situation Frankreichs wird es eine grosse Rolle spielen, ob es bei der Wahl der D&eacute;partement-Pr&auml;sidenten Anfang April zu B&uuml;ndnissen oder Absprachen zwischen b&uuml;rgerlichen Rechten und &bdquo;Front National&ldquo; in den D&eacute;partements kommen wird, in denen weder die b&uuml;rgerliche Rechte noch das linke politische Lager eine absolute Mehrheit der Sitze hat.<\/p>\n<p>Sarkozy hat das sowohl f&uuml;r die nationale als auch f&uuml;r die regionale Ebene gestern ausgeschlossen. Erfahrungen aus den 90er Jahren erinnern aber daran, dass sich nicht alle an solche Erkl&auml;rungen gebunden f&uuml;hlen, wenn es darum geht, die notwendigen Stimmen f&uuml;r die Wahl des D&eacute;partement-Pr&auml;sidenten zu organisieren. Wegen des Mehrheitswahlrechts sind es die politischen Parteien und Gruppierungen in Frankreich gewohnt, dass es auf allen Ebenen klare Mehrheiten gibt. Die guten Ergebnisse des &bdquo;Front National&ldquo; werden dazu f&uuml;hren, dass er vor allem in seinen Hochburgen in den D&eacute;partement-R&auml;ten vertreten sein wird. Das macht neue Formen der Zusammenarbeit und Mehrheitsbildung zwischen allen vertretenen Parteien notwendig.<\/p>\n<p>Der Vizepr&auml;sident des &bdquo;Front National&ldquo; Florian Phillipot, hat bereits angek&uuml;ndigt, seine Partei werde die UMP nur dann unterst&uuml;tzen, wenn sie bereit sei, eine &bdquo;Charta&ldquo; mit inhaltlichen Forderungen zu unterzeichnen. Der &bdquo;Front National&ldquo; will die b&uuml;rgerliche Rechte damit in die Zwickm&uuml;hle bringen: Entweder macht sie gemeinsame Sache mit ihm oder aber sie verb&uuml;ndet sich mit den Sozialisten und best&auml;tigt damit die These, dass Frankreich ein neues Zwei-Parteien-System hat: der &bdquo;Front National&ldquo; auf der einen Seite und die &bdquo;UMPS&ldquo;, so der Sprachgebrauch von Marine Le Pen und ihren Freunden, auf der anderen Seite.<\/p><\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Christoph Habermann<\/strong> hat f&uuml;r die NachDenkSeiten einen Blick auf die gestrigen D&eacute;partement-Wahlen in Frankreich geworfen. Klarer Gewinner ist f&uuml;r ihn die konservative UMP. Die Gewinne des rechtspopulistischen Front National h&auml;lt er f&uuml;r geringer als bef&uuml;rchtet, und die Verluste der Sozialisten f&uuml;r geringer als erwartet. Hauptausschlaggebend f&uuml;r das Ergebnis sei die Unzufriedenheit der B&uuml;rger mit Pr&auml;sident<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25524\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[20,125,190],"tags":[1043,1299,1094,1352,736,1300,426],"class_list":["post-25524","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-landerberichte","category-rechte-gefahr","category-wahlen","tag-frankreich","tag-front-national-rassemblement-national","tag-hollande-francois","tag-rechtsruck","tag-sarkozy-nicolas","tag-ump","tag-wahlbeteiligung"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/25524","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=25524"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/25524\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":85023,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/25524\/revisions\/85023"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=25524"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=25524"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=25524"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}