{"id":25535,"date":"2015-03-24T14:26:02","date_gmt":"2015-03-24T13:26:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25535"},"modified":"2024-09-23T01:56:08","modified_gmt":"2024-09-22T23:56:08","slug":"weit-ueber-1-million-opfer-durch-krieg-gegen-den-terror","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25535","title":{"rendered":"Weit \u00fcber eine Million Opfer durch \u201eKrieg gegen den Terror&#8221;"},"content":{"rendered":"<div style=\"float:right;margin: 0 0 15px 15px\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/150324_jens_wagner.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Das erste Opfer des Krieges ist immer die Wahrheit: Es wird gelogen, verf&auml;lscht, verleumdet, stigmatisiert. Der Gegner wird d&auml;monisiert, die eigenen Taten dagegen werden als &bdquo;Verteidigung&ldquo; und Heldenhaftigkeit in Szene gesetzt. Eigene Gr&auml;uel und Kriegsverbrechen werden geleugnet und bagatellisiert. Dieses Allgemeingut der Kriegsgegner belegte nun einmal mehr eine am Freitag anl&auml;sslich des 12. Jahrestages des &bdquo;Krieges gegen den Terror&ldquo; vorgestellte Studie der Internationalen &Auml;rzte f&uuml;r die Verh&uuml;tung des Atomkrieges (IPPNW). Denn diese ergab: Die tats&auml;chliche Zahl an Todesopfern, die der &bdquo;Krieg gegen den Terror&ldquo; bereits kostete, ist fast 10-mal so wie bisher bekannt. F&uuml;r die US-amerikanische IPPNW-Sektion unterstreichen die Ergebnisse dabei einmal mehr ein Ausma&szlig; vom Westen gemachter Zerst&ouml;rung, das weltweit Hass sch&uuml;re, liefere &uuml;berdies den Kontext, um den Aufstieg brutaler Kr&auml;fte wie beispielsweise des IS zu verstehen, die als Folge der US-Politik immer weiter gediehen. <strong>Jens Wernicke<\/strong> sprach mit <strong>Jens Wagner<\/strong>, dem Koordinator des Projekts, zum Studienbefund.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Herr Wagner, anl&auml;sslich des 12. Jahrestag des Beginns des Irakkrieges am 20. M&auml;rz diesen Jahres ver&ouml;ffentlichten die  Internationalen &Auml;rzte f&uuml;r die Verh&uuml;tung des Atomkrieges (IPPNW) eine Studie mit dem Titel &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.ippnw.de\/commonFiles\/pdfs\/Frieden\/Body_Count_first_international_edition_2015_final.pdf\">Body Count<\/a>&ldquo; zur Gesamtzahl der Todesopfer der Kriege in Afghanistan, Pakistan und  dem Irak. Sie sind der Ideengeber f&uuml;r diese Studie. Wie kam es dazu?<\/strong><\/p><p>Ich kam auf die Idee weil ich merkte, dass selbst innerhalb der Friedensbewegung die tats&auml;chliche Dimension der Zerst&ouml;rung in Kriegen mit modernen Waffen stark untersch&auml;tzt wird. Ich recherchierte 2007\/2008 speziell zum Irak-Krieg und wurde f&uuml;r meine Bemerkung unter Kollegen, dass im Irak von 2003 -2008 wahrscheinlich bereits an eine Million Menschen durch den Krieg umgekommen waren fast ausgelacht. Das Fernsehen und die g&auml;ngigen Zeitungen sprachen damals von etwa 10.000 bis 100.000 Todesopfern im Irak.  Man brauchte allerdings keine drei Stunden Recherche und ein bisschen Erfahrung im Umgang mit Kriegsberichten, Zahlen und Statistiken, um zu erahnen, dass die wirkliche Anzahl der Opfer viel h&ouml;her war. <\/p><p><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/150324_illustration1.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/150324_illustration1_small.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/a><\/p><p style=\"text-align:center\"><strong>An Iraqi woman looks on as U.S. Army Soldiers from 1st Battalion, 23rd Infantry Regiment, 3rd Stryker Brigade Combat Team search the courtyard of her house during a cordon and search in Ameriyah, Iraq, May 14, 2007. (U.S. Army photo by Sgt. Tierney Nowland)<\/strong><\/p><p>Ich hatte mich in der Vergangenheit bereits mit dem Vietnamkrieg besch&auml;ftigt und stie&szlig; nun auf viele Parallelen bei der Recherche. Die Anzahl der get&ouml;teten ist dabei als ein Ma&szlig; der Zerst&ouml;rung eines Landes zu werten. Speziell eine Studie zur Erh&ouml;hung der Sterblichkeit im Irak nach der US-Invasion in der medizinischen Fachzeitschrift &bdquo;Lancet&ldquo; aus dem Jahr 2006 brachte den Stein dabei ins Rollen. Nach dieser Studie waren bereits 2006 mehr als eine halbe Million Menschen durch Waffengewalt zus&auml;tzlich zur &bdquo;normalen&ldquo; Sterblichkeit im Irak umgekommen.  Wenn man bedenkt, dass dort 2006 der B&uuml;rgerkrieg mit 3.000 get&ouml;teten Zivilisten pro Woche erst richtig begann, kann man bereits ahnen, dass die gesamte Anzahl der Kriegstoten bis zum Abzug der US-Truppen insgesamt nicht nur bei ca. 10.000 liegen kann, wie dies die US-Amerikaner und Briten bis heute <a href=\"http:\/\/antiwar.com\/blog\/2013\/10\/15\/new-study-on-iraq-death-count-50-times-higher-than-americans-think\/\">mehrheitlich glauben<\/a>.<\/p><p><strong>Und wie sind Sie, diesem Anliegen folgend, vorgegangen? Was wurde untersucht und welches Bild zeichnete sich dabei?<\/strong><\/p><p>Ich suchte mir Autoren, die sich mit den damals aktuellen Kriegsgebieten und dem vorhandenen Datenmaterial auskannten. Dabei waren zun&auml;chst Irak und Afghanistan im Gespr&auml;ch, sp&auml;ter entwickelte sich die Notwendigkeit, auch noch einen k&uuml;rzeren Teil zu Pakistan und speziell dem Drohnenkrieg hinzuzuf&uuml;gen, f&uuml;r Jemen und Somalia gab es zu wenig Datenmaterial. Die Arbeit wurde mit etwas Versp&auml;tung zum 10. Jahrestag der Anschl&auml;ge vom 11. September 2001 von der IPPNW als kleines Heft herausgegeben, als Bilanz nach 10 Jahren &bdquo;Krieg gegen den Terror&ldquo;. Die Arbeit wurde dann 2013 und 2014 mit inzwischen vorhandenen neueren Daten erg&auml;nzt und nun aktuell als internationale Ausgabe herausgegeben.  <\/p><p>Dabei zeichnet sich deutlich ab, dass die Entscheidung f&uuml;r einen &bdquo;Krieg gegen den Terror&ldquo; zwischen 2001 und Ende 2014 mindestens 1,3  Million Menschen das Leben gekostet hat. Wobei wir als Friedensorganisation ausdr&uuml;cklich nicht zwischen Kombattanten, Soldaten und Zivilisten unterscheiden. Im Irak sind die Zahlen dabei relativ gut belegt, in Afghanistan und Pakistan ist es wegen der fehlenden Infrastruktur hingegen wesentlich schwerer, die Situation einzusch&auml;tzen. Leider wurden von den ISAF- und OEF-Truppen in Afghanistan, aber auch im Irak in dicht besiedelten Gebieten viele Luftangriffe mit schweren Waffen geflogen, bei denen viele kleine Siedlungen auf einmal zerst&ouml;rt wurden.  In Afghanistan lassen &uuml;berhaupt nur Stichproben das wahre Ausma&szlig; der Zerst&ouml;rung erahnen. Katastrophal sind aber auch und insbesondere die Verseuchung ganzer Landstriche mit abgereichertem Uran und die Folgen der amerikanischen Chemiewaffeneins&auml;tze beispielsweise in Fallujah im Irak.    <\/p><p><strong>Das hei&szlig;t, neben der Barbarei der unmittelbaren kriegerischen Aktion hat der &bdquo;Krieg gegen den Terror&ldquo; auch dar&uuml;berhinaus Opfer gefordert &ndash; durch Umweltzerst&ouml;rung, Vergiftung und auch die zahlreichen Drohnenmorde, die kaum je  als &bdquo;kriegerische Akte&ldquo; benannt und verstanden werden, verstehe ich recht?<\/strong><\/p><p>Beides trifft zu. Wir haben in unserer Studie aus Gr&uuml;nden der Durchf&uuml;hrbarkeit allerdings meist nur die direkt im Zusammenhang mit kriegerischer Gewalt umgekommenen Menschen z&auml;hlen konnten. Das &bdquo;endlose Leiden&ldquo; der Menschen, die durch mangelnde medizinische Versorgung und Hunger in Afghanistan sterben und die durch Verletzungen und Brandverletzungen, Uran- und Chemiewaffen sp&auml;ter noch einen qualvollen Tod sterben oder lebenslang behindert sind, lie&szlig; sich zahlenm&auml;&szlig;ig kaum erfassen und k&auml;me sozusagen auf unsere Zahlen &bdquo;noch obenauf&ldquo;. <\/p><p><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/150324_illustration2.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/150324_illustration2_small.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/a><\/p><p style=\"text-align:center\"><strong>Ausschnitt aus dem Wikileaks-Video &ldquo;Collateral Murder&rdquo; von 2007, in dem Kampfhubschrauber Journalisten, Zivilisten und Kinder im Irak t&ouml;ten<\/strong><\/p><p>Und leider sind die B&uuml;rgerkriege durch die Zerst&ouml;rung der staatlichen Strukturen inzwischen ja wieder aufgeflammt. Im Irak und in Syrien hat sich der &bdquo;Islamische Staat&ldquo; ausgebreitet und Afghanistan ist im UNICEF-Report in fast jeder Disziplin heute das lebensfeindlichste Land, insbesondere was Kindersterblichkeit, Alphabetisierung und Frauenrechte angeht. All das fordert Opfer &ndash; und auch diese sind, auch wenn das selten jemand so sagt, nat&uuml;rlich sp&auml;te Opfer der vorangegangenen Kriege. <\/p><p><strong>Vermute ich recht, dass Sie daher kein Freund dieses so genannten &bdquo;Krieges gegen den Terror&ldquo; sind? Was halten Sie von diesem denn?<\/strong><\/p><p>Der Einsatz des Milit&auml;rs zur Bek&auml;mpfung des Terrorismus war von vornherein nur ein Vorwand und als solcher auch f&uuml;r jeden halbwegs politisch erfahrenen Menschen erkennbar. Ganz allgemein ist ein Milit&auml;reinsatz zur Verbesserung einer humanit&auml;ren Situation &ndash; wie es heute oft angegeben wird &ndash; doch nichts anderes als der Versuch, Feuer mit Benzin zu l&ouml;schen. Milit&auml;reins&auml;tze f&uuml;hren praktisch nie zu einer Verbesserung der politischen oder humanit&auml;ren Situation, schon gar nicht Milit&auml;reins&auml;tze in fremden L&auml;ndern. <\/p><p>Unangenehm f&auml;llt zudem auf, dass in unseren Medien diese Tatsache jedoch gar nicht angekommen ist. Hier gibt man sich in fast jeder konkreten Situation kriegsbereit, so in Afghanistan und jetzt aktuell hinsichtlich der Ukraine. Die Kriegsbereitschaft und Unterst&uuml;tzung der aktuellen und auf Konfrontation ausgerichteten Politik kann dabei nur aufrechterhalten werden, wenn die Folgen von Kriegen verharmlost werden. Hier ein Gegengewicht zu schaffen und die Tatsachen offenzulegen, war unsere Intention und sehen wir auch als unsere Pflicht als &Auml;rzte in sozialer Verantwortung an. <\/p><p><strong>Der Terrorismus ist also &hellip; nur ein Vorwand, um Kriege zu f&uuml;hren?<\/strong><\/p><p>Fr&uuml;her war ich &uuml;berzeugt, dass die Ursachen des Terrorismus so sind, wie sie uns durch die Medien vermittelt werden, also dass vereinfacht gesagt: b&ouml;se Menschen aus mehr oder weniger unbekannten Gr&uuml;nden b&ouml;se Dinge tun.&nbsp;<\/p><p>Sp&auml;ter habe ich mich aus Sicht der Friedensforschung damit besch&auml;ftigt und bin letztendlich zu v&ouml;llig anderen Schlussfolgerungen gekommen:&nbsp;Entweder ist Terrorismus ein Resultat von Unterdr&uuml;ckung und haupts&auml;chlich sozialen Ursachen &ndash; Beispiel Pal&auml;stina &ndash; oder, und das ist die tiefere Ebene der Analyse, bei der man die Historie und die von den Massenmedien gern versteckten Tatsachen des Terrorismus betrachten muss, es handelt sich um ein verdecktes politisches Instrument von Geheimdiensten und m&auml;chtigen Interessensgruppen, in aller Regel Staaten. Die Liste der Terroranschl&auml;ge, die diesem Muster entsprechen, ist dabei endlos, angefangen vom Reichstagsbrand und dem &Uuml;berfall auf den Sender Gleiwitz, &uuml;ber den Golf von Tonkin bis hin zu neuesten Entwicklungen. <\/p><p>Der &bdquo;Krieg gegen den Terror&ldquo; hat ja vor allem ja Feldz&uuml;ge in den &ouml;lreichen Regionen legitimiert und neue geostrategische Realit&auml;ten geschaffen, die langfristige Gegner wie etwa Russland, China und den Iran schw&auml;chen. Au&szlig;erdem spielen wirtschaftliche und finanzpolitische Interessen wie etwa die Stabilisierung des Dollar durch die Kontrolle der Erd&ouml;lwirtschaft eine wichtige Rolle. <\/p><p>Den Massenmedien kommt dabei die unr&uuml;hmliche Aufgabe zu, die &Ouml;ffentlichkeit auf die falsche F&auml;hrte zu locken. Das war beim Reichstagsbrand schon so und ist es bei der aktuellen Hetze gegen Russland nicht minder. <\/p><p>Aber darum geht es im &ldquo;Body Count&rdquo; nicht, er ist eine n&uuml;chterne Betrachtung der Resultate von Kriegen und soll eine Analyse von politischen und medialen Konzepten erm&ouml;glichen. Fast alle Zeitungs- und Rundfunkbeitr&auml;ge unserer Medien ver&ouml;ffentlichen Opferzahlen, die mindestens um den Faktor 10 zu niedrig sind, jedenfalls, wenn es um Kriege geht, die der &ldquo;Westen&rdquo; zu verantworten hat, was dann auch, grob gesagt, das Fazit unseres &ldquo;Body Count&rdquo; ist.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Jens Wagner<\/strong> (Dr. med.), Jahrgang 1972, ist ehemaliges Vorstandsmitglied der IPPNW (Internationalen &Auml;rzte f&uuml;r die Verh&uuml;tung des Atomkrieges \/ &Auml;rzte in sozialer Verantwortung e.V.). Seit Ende der 1990er Jahre besch&auml;ftigt er sich mit den Themen Globalisierung, Neoliberalismus, Kriegsursachenforschung, Milit&auml;rstrategie und Geopolitik. In der IPPNW ist er haupts&auml;chlich mit den Themen Friedenspolitik und Medienanalyse befasst. <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>Eine automatische E-Mail-Benachrichtigung &uuml;ber <strong>neue Texte von Jens Wernicke<\/strong> k&ouml;nnen Sie <a href=\"http:\/\/feedburner.google.com\/fb\/a\/mailverify?uri=JensWernicke&amp;loc=de_DE\">hier<\/a> bestellen.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/26b27e4371fd48e19a4438867997b41e\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float:right;margin: 0 0 15px 15px\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/150324_jens_wagner.jpg\" alt=\"\" title=\"\"\/><\/div>\n<p>Das erste Opfer des Krieges ist immer die Wahrheit: Es wird gelogen, verf&auml;lscht, verleumdet, stigmatisiert. Der Gegner wird d&auml;monisiert, die eigenen Taten dagegen werden als &bdquo;Verteidigung&ldquo; und Heldenhaftigkeit in Szene gesetzt. Eigene Gr&auml;uel und Kriegsverbrechen werden geleugnet und bagatellisiert. 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