{"id":25541,"date":"2015-03-25T16:44:59","date_gmt":"2015-03-25T15:44:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25541"},"modified":"2019-07-05T10:26:04","modified_gmt":"2019-07-05T08:26:04","slug":"das-griechische-echo-auf-den-tsipras-besuch-in-berlin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25541","title":{"rendered":"Das griechische Echo auf den Tsipras-Besuch in Berlin"},"content":{"rendered":"<p>Nach dem &bdquo;Antrittsbesuch&ldquo; von Alexis Tsipras in Berlin brachte die linke Athener Tageszeitung Efimerida ton Syntaktion (Zeitung der Redakteure) gestern (24. M&auml;rz 2015) folgenden Leitartikel, der die Bedeutung der Gespr&auml;che mit der deutschen Bundeskanzlerin jenseits der unmittelbaren Resultate bewertet.<br>\nDie &Uuml;bersetzung ist eher wortgetreu als fl&uuml;ssig; die Erg&auml;nzungen in Klammern stammen von mir. Am Ende will ich den Text in wenigen S&auml;tzen erkl&auml;ren und bewerten. <strong>Niels Kadritzke<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Gleichwertige und aufrichtige Beziehungen<\/strong><\/p><p>&bdquo;Der griechische Ministerpr&auml;sident wurde endlich in Berlin willkommen gehei&szlig;en. Mehr noch, Alexis Tsipras hat gestern diejenigen widerlegt, die geglaubt hatten, dass er auf eine unerbittliche und harte Bundeskanzlerin treffen w&uuml;rde. Widerlegt wurden aber auch die Erwartung, dass der griechische Regierungschef gegen&uuml;ber Angela Merkel dasselbe Verhalten zeigen w&uuml;rde wie sein Vorg&auml;nger Antonis Samaras (bei seinem Berlin-Besuch im September 2014).<\/p><p>Tsipras trat ihr auf Augenh&ouml;he gegen&uuml;ber, formulierte seine eigene politische Position, beschrieb die griechischen Verh&auml;ltnisse ohne zu dramatisieren, und verwies auf den Weg der L&ouml;sungen, ohne gro&szlig;e Spr&uuml;che und &Uuml;bertreibungen und unbeirrbar entschlossen, an der europ&auml;ischen Perspektive unseres Landes festzuhalten.<\/p><p>In der Darlegung seiner Positionen war er klar und direkt, ohne die Repr&auml;sentantin eines starken Landes zu f&uuml;rchten, zugleich aber auch ausgesucht h&ouml;flich gegen&uuml;ber der Kanzlerin als seiner Gastgeberin. Es bedarf eines hohen Niveaus politischer Reflexion und besonnenen Verhaltens, einige Wahrheiten auszusprechen, ohne die Gastgeberin zu beleidigen: &uuml;ber die Erfolglosigkeit der (in Griechenland) angewandten Sparprogramme, &uuml;ber den Fall Siemens (also die Bestechungsgelder des deutschen Konzerns), &uuml;ber die Frage der Kriegsreparationen. Dabei bestritt Tsipras aber auch nicht die Notwendigkeit, den &ouml;ffentlichen Sektor Griechenlands zu modernisieren und die Steuerhinterziehung zu bek&auml;mpfen. Und es erfordert durchaus Mut, in aller Offenheit zu sagen, dass an den griechischen Zust&auml;nden nicht nur die anderen schuld sind.<\/p><p>Auf der anderen Seite hat die deutsche Bundeskanzlerin diejenigen widerlegt, die erwartet haben, sie werde Tsipras wie einen Schulanf&auml;nger behandeln, dem man erst mal das ABC beibringen muss. Beide Politiker haben ihre F&auml;higkeit bewiesen,  eine gemeinsame Basis der Verst&auml;ndigung zu finden, wenn die Realit&auml;t es erfordert. Sie haben es geschafft, Differenzen zugunsten einer Konvergenz zu &uuml;berwinden, und die Botschaft auszusenden, dass Europa nur Fortschritte machen kann, wenn man sich am Ende einigt. <\/p><p>Zu Freudenfeiern gibt es keinen Anlass. Aber dass die Dreierformel, die der Ministerpr&auml;sident betonte &ndash; wonach die Begriffe &bdquo;Europa, Verpflichtungen, Perspektiven&ldquo; zusammen geh&ouml;ren &ndash; die Zustimmung der Kanzlerin fand, ist ein Beleg daf&uuml;r,  dass die beiden Seiten die &bdquo;Hakenkreuze&ldquo; und das gegenseitige Misstrauen hinter sich gelassen haben. Der Erfolg, den der griechische Ministerpr&auml;sident und das ganze Land damit erzielen, liegt darin, dass Griechenland und Deutschland die Zukunft nicht mehr durch verzerrende Brillen betrachten, sondern sich am Richtma&szlig; der Realit&auml;ten orientieren &ndash; so hart diese Realit&auml;ten auch sein m&ouml;gen.&ldquo;<\/p><p><strong>Anmerkung Niels Kadritzke:<\/strong><\/p><p>Der Leitartikel einer Zeitung, die der Tsipras-Regierung sehr wohlwollend, aber nicht unkritisch gegen&uuml;ber steht, l&auml;sst klar erkennen, dass der Auftritt und die Aussagen von Tsipras in Berlin mindestens ebenso sehr auf das griechische wie auf das deutsche Publikum wirken sollten. Ich habe die Pressekonferenz Merkel\/Tsipras in Athen &uuml;ber die griechischen TV-Kan&auml;le verfolgt und hatte den Eindruck, dass die Darlegungen von Tsipras sehr direkt auch an seine eigenen Landsleute und W&auml;hler gerichtet waren. Das gilt vor allem f&uuml;r folgende Punkte:<\/p><ul>\n<li>Den Appell, das deutsch-griechische Verh&auml;ltnis zu normalisieren und die Klischees abzubauen, die in Deutschland und Griechenland &uuml;ber die jeweils andere Seite nicht nur existieren, sondern in den letzten Monaten eine gef&auml;hrliche Zuspitzung erfahren haben. Tsipras nannte dabei explizit das primitive Bild vom &bdquo;faulen&ldquo; Griechen einerseits, und die &bdquo;simplistische&ldquo; Darstellung der heutigen Deutschen (und ihrer Politiker) als alte und neue Nazis. Dabei ging Tsipras so weit, in Berlin noch einmal explizit die uns&auml;glichen Karikaturen in seiner eigenen Parteizeitung zu verurteilen.<\/li>\n<li>Die Klarstellung, dass die Frage der Reparationen und des Zwangskredits, die sich auf die Nazi-Okkupation beziehen, nichts mit den aktuellen Forderungen nach einer finanziellen Entlastung f&uuml;r Griechenland zu tun haben und auf keinen Fall mit dem jetzigen Schuldenstand &bdquo;verrechnet&ldquo; werden sollen und k&ouml;nnen. Das ist zwar in erster Linie ein Signal an die deutsche &Ouml;ffentlichkeit, tritt aber auch den populistischen Stimmen im eigenen Lande entgegen, die argumentieren, die griechischen Schulden k&ouml;nnten durch Reparationsgelder quasi gel&ouml;scht werden. An beide Adressen ging auch die Aussage, dass seine Regierung auf keinen Fall wichtige Institutionen wie das Goethe-Institut konfiszieren werde, dessen Arbeit im Sinne einer griechisch-deutschen Verst&auml;ndigung er ausdr&uuml;cklich w&uuml;rdigte (das wurde in den griechischen Medien auch als Zurechtweisung des eigenen Justizministers empfunden). <\/li>\n<li>Den Satz, den der Kommentar als besonders &bdquo;mutig&ldquo; bezeichnet, n&auml;mlich die Aussage, dass an der griechischen Misere von heute &bdquo;nicht nur die anderen Schuld sind&ldquo;, sondern dass daf&uuml;r auch viele eigene Vers&auml;umnisse und eingefleischte &Uuml;bel wie die Korruption und die mangelnde Steuerdisziplin verantwortlich sind. <\/li>\n<\/ul><p>Dieser letzte Satz ist von besonderer Bedeutung, zumal  in der entscheidenden Phase der Verhandlungen zwischen Griechenland und den &bdquo;Institutionen&ldquo; , die fr&uuml;her Troika genannt wurden. Zwar hat die Syriza dem klientelistischen Erzb&uuml;bel, das die griechische Gesellschaft in die Situation von 2009 gebracht hat, bereits in ihrem Wahlkampf entschieden den Kampf angesagt. Aber dass Tsipras seine Landsleute mit der komplexen &bdquo;Schuldfrage&ldquo; gerade jetzt konfrontiert, ist kein Zufall. Da die Regierung in allern&auml;chster Zeit einschneidende Reformen beschlie&szlig;en und auch umsetzen muss, die gesellschaftlich notwendig und &uuml;berf&auml;llig sind, aber nicht allen Leuten gefallen werden, muss sie ein Narrativ von der &bdquo;eigenen Verantwortung&ldquo; entwickeln. Griechenland selbst soll endlich mit den Reformen vorangehen und sich die Priorit&auml;ten nicht mehr von au&szlig;en diktieren lassen. Wenn die Tsipras- Regierung die Einsicht in die Notwendigkeit dieses Reformprogramms st&auml;rken will, muss sie die F&auml;higkeit der Gesellschaft zur Selbstkritik st&auml;rken. Die ist zwar grunds&auml;tzlich vorhanden &ndash; mehr als es nach au&szlig;en sichtbar wird &ndash;  aber im &ouml;ffentlichen Diskurs wird diese Einsicht immer wieder durch das entlastende Argument blockiert, dass nur &bdquo;das Ausland&ldquo; an der griechischen Misere schuld sei. Dar&uuml;ber ist bei vielen die Erinnerung verloren gegangen, dass Griechenland vor allem auch deshalb zum Opfer der Finanzm&auml;rkte und in der Folge der katastrophalen und gescheiterten Troika-Politik werden konnte, weil die &ouml;ffentlichen Finanzen schon vorher durch die &bdquo;griechische Krankheit&ldquo; des Klientelismus geschw&auml;cht und ausgeh&ouml;hlt waren.<\/p><p>So gesehen ist der Versuch, das griechisch-deutsche Verh&auml;ltnis zu verbessern und die &ndash; keinesfalls beendeten &ndash;  politischen Auseinandersetzungen zwischen Athen, Berlin und Br&uuml;ssel zu ent-hysterisieren, ein Beitrag auch zur Versachlichung der Debatte in Griechenland. Eine &bdquo;klare und direkte&ldquo; Bestandsaufnahme der eigenen Situation und der selbstgemachten Probleme ist die Voraussetzung daf&uuml;r, dass der Syriza-Regierung jener Neuanfang gelingt, den die Regierungen der alten, verbrauchten Parteien weder gewollt noch angepackt haben. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach dem &bdquo;Antrittsbesuch&ldquo; von Alexis Tsipras in Berlin brachte die linke Athener Tageszeitung Efimerida ton Syntaktion (Zeitung der Redakteure) gestern (24. M&auml;rz 2015) folgenden Leitartikel, der die Bedeutung der Gespr&auml;che mit der deutschen Bundeskanzlerin jenseits der unmittelbaren Resultate bewertet.<br \/> Die &Uuml;bersetzung ist eher wortgetreu als fl&uuml;ssig; die Erg&auml;nzungen in Klammern stammen von mir. 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