{"id":2565,"date":"2007-08-18T11:13:53","date_gmt":"2007-08-18T09:13:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2565"},"modified":"2019-03-02T13:24:26","modified_gmt":"2019-03-02T12:24:26","slug":"heiner-flassbeck-finanzmaerkte-an-die-kandare","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2565","title":{"rendered":"Heiner Flassbeck: Finanzm\u00e4rkte an die Kandare!"},"content":{"rendered":"<p>Wovor ich im Mai an dieser Stelle gewarnt hatte, ist nun schon eingetreten: Der Luftballon, der von Spekulationen am amerikanischen Hypothekenmarkt aufgeblasen worden war, ist geplatzt. Das ist nicht verwunderlich an einem Markt, der, wann immer der Staat glaubt, sich zur&uuml;ckziehen zu k&ouml;nnen, an seiner eigenen absurden Dynamik zugrunde geht. Erstaunlich ist nur, wie viele scheinbar seri&ouml;se Banker in diesem Kasino waren und sich die Finger verbrannt haben. Mehr als erstaunlich ist auch, dass die gro&szlig;en Marktstrategen, die &uuml;ber viele Jahre nichts Besseres zu tun hatten, als den Staat auszuhungern und ihm jede Kompetenz im Finanzbereich abzusprechen, immer sofort nach dem Staat und seiner Zentralbank schreien, wenn&rsquo;s ernst wird. Beim Geldverdienen wollen sie gerne allein gelassen werden, beim Geldverlieren wollen sie immer sofort den Steuerzahler beteiligen.<br>\n<!--more--><br>\nHier liegt das eigentliche Problem. Die raschen Interventionen der Zentralbanken waren zwar angebracht, weil sonst weit gr&ouml;&szlig;ere Sch&auml;den gedroht h&auml;tten, aber das darf nicht hei&szlig;en, dass der Staat, nachdem er wieder einmal Banken und andere Spekulanten vor dem Schlimmsten bewahrt hat, zur Tagesordnung &uuml;bergeht. Damit provoziert er ja nur die n&auml;chste Krise, weil die Spieler im Kasino dann systematisch damit rechnen, dass es schon nicht so schlimm kommen wird. Wer, wie die Deutsche Bank, mit 30 % Rendite protzt, dem muss man auch abverlangen, dass er 30 % Verlust an seinem Kapital hinnimmt, ohne nach dem Staat zu schreien. Schreit er im Verlustfall doch nach dem Staat und kann der Staat dann nicht einfach die Augen zumachen, weil eine erhebliche Ansteckungsgefahr f&uuml;r gesunde Institute droht, muss der Staat vorher handeln.<\/p><p>Dann muss der Staat sich n&auml;mlich viel st&auml;rker in die Gesch&auml;fte solcher Spekulanten einmischen, wenn sie noch mit ihren Gewinnen protzen. Das geht zum einen &uuml;ber eine st&auml;rkere Besteuerung von finanziellen Transaktionen im allgemeinen, Stichwort ist hier die so genannte Tobin-Steuer, also eine geringe Steuer auf alle Transaktionen an bestimmten M&auml;rkten. Noch wichtiger aber ist es, die Gewinne dieser Unternehmen wieder weit st&auml;rker zu besteuern. Die massiven Steuersenkungen f&uuml;r die Unternehmen im Allgemeinen und die Abschaffung der Besteuerung von Ver&auml;u&szlig;erungsgewinnen durch die rot-gr&uuml;ne Regierung waren eklatante Fehlentscheidungen. <\/p><p>Doch das reicht bei weitem nicht, um solche gravierenden Fehlentwicklungen zu vermeiden, wie sie jetzt wieder zutage getreten sind. Die Tatsache, dass eine halbstaatliche Bank wie die IKB (mit mehr als 38 % ist der Bund &uuml;ber die Kreditanstalt f&uuml;r Wiederaufbau beteiligt und der Bundesfinanzminister stellt ein Mitglied des Aufsichtsrates), deren Aufgabe es sein sollte, die deutsche mittelst&auml;ndische Industrie mit g&uuml;nstigen Krediten zu versorgen, sich in Gesch&auml;ften mit unterwertigen amerikanischen Hypotheken verzockt, spricht B&auml;nde. Sie spricht nicht nur B&auml;nde hinsichtlich der Unf&auml;higkeit der Aufsichtsr&auml;te, sie spricht auch B&auml;nde hinsichtlich der mangelnden Regulierung der Gesch&auml;ftst&auml;tigkeit der Banken im Allgemeinen und einer halbstaatlichen Bank im Besonderen.<\/p><p>Hinzu kommen internationale L&uuml;cken. Die besten Vorschriften &uuml;ber die Hinterlegung von Bankaktivit&auml;ten mit Eigenkapital, wie sie z. B. in Basel bei der Bank f&uuml;r Internationalen Zahlungsausgleich formuliert werden, nutzen nichts, wenn die Einsch&auml;tzung von Risiken allein einer kleinen Gruppe von Rating-Agenturen &uuml;berlassen wird, die wiederum wegen Unf&auml;higkeit oder Unwissen die wildesten Derivat-Konstruktionen mit hohen Qualit&auml;tsmerkmalen versehen. Auch hier m&uuml;ssen die staatlichen Organe selbst Hand anlegen und daf&uuml;r sorgen, dass solche ratings von nicht interessengebundenen Institutionen wie einer Finanzaufsicht kritisch &uuml;berpr&uuml;ft und n&ouml;tigenfalls korrigiert werden.<\/p><p>Noch wichtiger und mein Ceterum Censeo seit vielen Jahren: Das gr&ouml;&szlig;te Kasino, dasjenige, in dem internationale W&auml;hrungen gehandelt werden, muss schlicht geschlossen werden. Es geht weniger denn je an, dass der wichtigste Preis einer Volkswirtschaft, der Wechselkurs, den kurzfristigen Gewinninteressen internationaler Spekulanten und Finanzhaie &uuml;berlassen wird. <\/p><p>Insgesamt gesehen, kann ich nur wiederholen, was ich schon oft in dieser Kolumne geschrieben habe: Finanzm&auml;rkte braucht man, aber man muss sich dar&uuml;ber im Klaren sein, dass sie massiv reguliert werden m&uuml;ssen, weil sie gef&auml;hrliche Spielzeuge erzeugen und im &Uuml;brigen in keiner Weise innovativ sind. All das Gerede von den &bdquo;neuen innovativen Produkten&ldquo; an den internationalen Finanzm&auml;rkten hat sich gerade einmal wieder als Schall und Rauch erwiesen. Das einzige, was Finanzm&auml;rkte in ihrer Gier nach kurzfristigem Gewinn immer auf&rsquo;s Neue tun, ist auf unverantwortliche Weise mit dem Geld anderer Leute zu spekulieren in der Hoffnung, dass es gen&uuml;gend Dumme auf der Welt gibt, die nicht merken, wie sie von smarten Bankern &uuml;ber den Tisch gezogen werden.<\/p><p>Schlimm ist, wie viele einfache Leute auch diesmal ihre letzten Ersparnisse und ihre Zukunftsperspektiven verloren haben, weil sie zu gutgl&auml;ubig gegen&uuml;ber den Finanzm&auml;rkten waren. Das betrifft zwar vor allem den amerikanischen Hypothekenmarkt, aber nicht nur dort wurden die Kunden systematisch in die Irre gef&uuml;hrt. Es sind auch die unverantwortlichen Irrsinnsrenditen, die sich deutsche Banken zum Ziel setzen, die bei den Menschen auf der Stra&szlig;e den Eindruck erwecken, die Finanzm&auml;rkte h&auml;tten Zauberinstrumente, mit denen man ohne zu arbeiten &uuml;ber Nacht reich werden kann. <\/p><p>In Zukunft sollte jedes Prahlen mit extremen Renditen von der Finanzaufsicht, den Finanzministerien und den Zentralbanken sofort zum Anlass genommen werden zu pr&uuml;fen, zu wessen Lasten die &uuml;berm&auml;&szlig;igen Gewinne des betreffenden Finanzinstituts gehen. Auch f&uuml;r die Geh&auml;lter von Vorst&auml;nden und Aufsichtsr&auml;ten m&uuml;ssen staatlicherseits Grenzen gesetzt werden, weil es ja offensichtlich ist, dass diese Vorst&auml;nde und Aufsichtsr&auml;te systematisch eine Beteiligung des Staates  an den Verlusten erwarten. W&auml;re das nicht so, w&uuml;rden sie viel gr&uuml;ndlicher pr&uuml;fen, woher ihre Gewinne kommen und mit welchen Risiken sie behaftet sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wovor ich im Mai an dieser Stelle gewarnt hatte, ist nun schon eingetreten: Der Luftballon, der von Spekulationen am amerikanischen Hypothekenmarkt aufgeblasen worden war, ist geplatzt. Das ist nicht verwunderlich an einem Markt, der, wann immer der Staat glaubt, sich zur&uuml;ckziehen zu k&ouml;nnen, an seiner eigenen absurden Dynamik zugrunde geht. 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