{"id":25686,"date":"2015-04-10T12:17:41","date_gmt":"2015-04-10T10:17:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25686"},"modified":"2015-04-10T15:50:01","modified_gmt":"2015-04-10T13:50:01","slug":"kommentar-schuld-und-suehne-ich-schaeme-mich-ein-deutscher-zu-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25686","title":{"rendered":"Kommentar: Schuld und S\u00fchne &#8211; Ich sch\u00e4me mich, ein Deutscher zu sein"},"content":{"rendered":"<p>Die Art und Weise mit der die deutsche Regierung auf griechische Reparationsforderungen reagiert, ist besch&auml;mend. Wer nicht zu seiner schw&auml;rzesten Vergangenheit steht und den Opfern mit W&uuml;rde begegnet, hat auch nichts aus seiner Geschichte gelernt. Anstatt zynisch und oberlehrerhaft darauf zu pochen, dass Griechenland seine j&uuml;ngeren Schulden bei &bdquo;uns&ldquo; zur&uuml;ckbezahlt, sollten wir lieber einmal in den Spiegel schauen und uns einem moralischen Realit&auml;tscheck unterwerfen. Die Fratze, die wir dann erkennen, d&uuml;rfte uns jedoch nicht gefallen, da sie sehr deutlich von unserem sorgsam aufgebauten Selbstbildnis abweicht. Von <strong>Jens Berger<\/strong><\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1054\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-25686-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150410_Schuld_und_Suehne_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150410_Schuld_und_Suehne_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150410_Schuld_und_Suehne_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150410_Schuld_und_Suehne_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=25686-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150410_Schuld_und_Suehne_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"150410_Schuld_und_Suehne_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><em>Zu den Hintergr&uuml;nden der Reparationsdebatte siehe: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25688\">Reparationsforderungen gegen Deutschland &ndash; die Chancen stehen schlecht<\/a><\/em><\/p><p>Viel ist dar&uuml;ber debattiert worden, ob es eine deutsche Kollektivschuld an den unvorstellbaren Verbrechen geben kann, die unsere V&auml;ter- und Gro&szlig;v&auml;tergeneration w&auml;hrend des Dritten Reichs ver&uuml;bt hat. Ich selbst genie&szlig;e zwar &ndash; wie Helmut Kohl es in einem vollkommen unpassenden Zusammenhang mal genannt hat &ndash; die Gnade der sp&auml;ten Geburt, bin mir aber der Schuld, die ich qua Staatszugeh&ouml;rigkeit geerbt habe, durchaus bewusst. Als Kind der sp&auml;ten Bundesrepublik bin ich in dem Bewusstsein aufgewachsen, dass man Schuld durch S&uuml;hne tilgen kann. Bescheidenheit, Demut und der ehrliche Wille zu einer Auss&ouml;hnung mit den Opfern deutscher Gro&szlig;mannssucht geh&ouml;rten daher stets zu den Grundtugenden, die ich von mir selbst, meinen Mitb&uuml;rgern und vor allem der deutschen Politik eingefordert habe.<\/p><p>Doch wie so oft klaffen hier Anspruch und Wirklichkeit auseinander. Der Umgang mit den Reparationsforderungen der L&auml;nder, die von Deutschland vor gerade einmal zwei Generationen in Schutt und Asche gelegt wurden, ist daf&uuml;r ein frappierendes Beispiel. Es war f&uuml;r uns ein echtes Gl&uuml;ck, dass die Siegerm&auml;chte des Zweiten Weltkriegs aus den Fehlern von Versailles gelernt haben und die junge Bundesrepublik nicht mit untragbaren monet&auml;ren Forderungen belastet haben. Es war richtig, die Frage der Reparationen erst einmal auszuklammern, denn es ist stets unklug, jemanden, der am Boden liegt auch noch die Mittel zu nehmen, um aus eigener Kraft wieder aufzustehen &ndash; auch diese Lektion hat unsere heutige Politikergeneration verlernt. <\/p><p>Schulden k&ouml;nnen verj&auml;hren, moralische Schuld verj&auml;hrt nicht. Sie kann nur durch aufrichtige S&uuml;hne getilgt werden. An S&uuml;hne mag im heutigen Deutschland jedoch anscheinend niemand mehr denken. In der Nachkriegszeit zeigten sich die ehemaligen deutschen Gegner, denen die Deutschen &ndash; das man darf man nie vergessen &ndash; noch wenige Jahre zuvor uns&auml;gliches Leid zugef&uuml;gt haben, gro&szlig;z&uuml;gig, als sie ihre Forderungen an Deutschland erst einmal zur&uuml;ckstellten. Und wie reagierte Deutschland auf diese Gro&szlig;z&uuml;gigkeit? Es mauerte, taktierte und schob die Sache auf die lange Bank. Schon in den Sechzigerjahren, als die Bundesrepublik prosperierte und es sich durchaus h&auml;tte leisten k&ouml;nnen, die Opfer des Zweiten Weltkriegs ernsthaft zu entsch&auml;digen, versteckte man sich hinter formaljuristischen Floskeln. Und wenn man heute liest, mit welchen Tricksereien die Architekten der deutschen Wiedervereinigung die begr&uuml;ndeten Reparationsforderungen anderer L&auml;nder abwendeten, kann man sich nur noch sch&auml;men, ein Deutscher zu sein. <\/p><p>Niemand zahlt gerne vergessen geglaubte Schulden zur&uuml;ck. Niemand wird gerne an seine dunkle Vergangenheit erinnert. Es geh&ouml;rt jedoch doch zu unserem Verm&auml;chtnis, sich unserer Vergangenheit zu stellen und S&uuml;hne zu leisten. Gemessen an der &uuml;bergro&szlig;en Schuld, die wir auf uns geladen haben, ist dies unsere gottverdammte Pflicht. Dieser Pflicht kommen wir jedoch nicht nach. Im Gegenteil.<\/p><p>Ich sch&auml;me mich f&uuml;r deutsche Journalisten, die keine Gelegenheit auslassen, gegen die Griechen zu hetzen und fast im gleichen Atemzug die seit fast siebzig Jahren regelm&auml;&szlig;ig vorgebrachten Reparationsforderungen als &bdquo;taktische Winkelz&uuml;ge&ldquo; brandmarken. Ich sch&auml;me mich f&uuml;r einen SPD-Vorsitzenden und Bundeswirtschaftsminister, der die griechischen Forderungen lapidar als &bdquo;dumm&ldquo; <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/griechenland-berlin-bleibt-bei-reparationen-hart-1.2424347\">bezeichnet<\/a>. Ich sch&auml;me mich f&uuml;r einen Au&szlig;enminister, der die gesamte Debatte &uuml;ber Reparationen als &bdquo;gef&auml;hrlich&ldquo; <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/reparationen-an-griechenland-steinmeier-nennt-debatte-gefaehrlich-a-1024158.html\">bezeichnet<\/a> und f&uuml;r CDU-Politiker, die den Griechen raten &bdquo;sich mal [lieber] mit ihren Hausaufgaben zu besch&auml;ftigen und nicht immer woanders Schuldige zu suchen&ldquo;. Ich sch&auml;me mich auch f&uuml;r deutsche Politiker, die ihren griechischen Kollegen ins Gesicht sagen, dass die griechischen Kriegsopfer schon deshalb keinen Anspruch auf Wiedergutmachung h&auml;tten, &bdquo;weil das Land bereits Milliarden von deutschen Touristen kassiert habe.&rdquo; [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] Und ich sch&auml;me mich erst recht f&uuml;r Deutschland, wenn es sich &ndash; wie im Fall des <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Massaker_von_Distomo\">Massakers von Distomo<\/a> &ndash; &uuml;ber die &bdquo;Staatenimmunit&auml;t&ldquo; vor Klagen dr&uuml;ckt und sich im Gegenzug nicht einmal der internationalen Gerichtsbarkeit unterwirft, um dieses traurige Kapitel deutsch-griechischer Geschichte durch Gerichte pr&uuml;fen zu lassen. Ja, wenn es um die Frage der nicht geleisteten Reparationen geht, sch&auml;me ich mich ein Deutscher zu sein.<\/p><p>H&auml;tte unsere Gesellschaft und mit ihr unsere Politik nur einen Hauch von Anstand im Leibe, w&uuml;rden wir uns einer &Uuml;berpr&uuml;fung s&auml;mtlicher im Raum stehender Reparationsforderungen stellen. Das hei&szlig;t freilich nicht, dass jede Forderung auch eine Aussicht auf Erfolg haben kann. Dies im Einzelfall zu pr&uuml;fen, ist jedoch die origin&auml;re Aufgabe internationaler Gerichte. Um eine juristische Pr&uuml;fung zu erm&ouml;glichen, m&uuml;sste Deutschland sich lediglich dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag unterwerfen &ndash; dies ist sicher nicht zu viel verlangt. Insbesondere wenn es um die griechischen Forderungen geht, w&auml;re auch noch eine andere L&ouml;sung m&ouml;glich. Deutschland wei&szlig; doch ganz genau, dass es die momentan bestehenden Forderungen an Griechenland ohnehin nicht zur&uuml;ckbekommt. Nicht weil Griechenland nicht zahlen will, sondern weil es nicht zahlen kann. Da k&ouml;nnte man doch aus der Not eine Tugend machen und die griechischen Reparationsforderungen mit den Forderungen Deutschlands aus der Eurokrise verrechnen. Sicher w&auml;re dies keine echte S&uuml;hne, sondern ebenfalls eine Trickserei. Diese Trickserei w&uuml;rde jedoch zumindest auch einmal den Opfern helfen. Und das w&auml;re doch schon mal ein Schritt in die Richtung, wenn Deutschland ansonsten nicht s&uuml;hnewillig ist.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Klaus Ronneberger &amp; Vassilis Tsianos &ndash; &ldquo;Verge&szlig;t Distomo!&rdquo; Zur Entsorgung deutscher Kriegsverbrechen in Griechenland<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Art und Weise mit der die deutsche Regierung auf griechische Reparationsforderungen reagiert, ist besch&auml;mend. Wer nicht zu seiner schw&auml;rzesten Vergangenheit steht und den Opfern mit W&uuml;rde begegnet, hat auch nichts aus seiner Geschichte gelernt. 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