{"id":25726,"date":"2015-04-15T09:42:43","date_gmt":"2015-04-15T07:42:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25726"},"modified":"2024-09-23T01:51:50","modified_gmt":"2024-09-22T23:51:50","slug":"die-unsoziale-lage-der-jugend-im-land","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25726","title":{"rendered":"Die unsoziale Lage der Jugend im Land"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Deutschland geht es so gut wie nie zuvor&ldquo;, l&auml;sst die Regierung <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/generaldebatte-im-bundestag-merkel-deutschland-geht-es-so-gut-wie-nie-zuvor\/4584808.html\">verlauten<\/a>. Das Land strotze nur so vor Wirtschaftskraft, <a href=\"http:\/\/www.tagesschau.de\/wirtschaft\/arbeitslose-113.html\">Arbeits-<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/konjunktur\/bewerber-gesucht-tausende-ausbildungsplaetze-unbesetzt-13109278.html\">Ausbildungspl&auml;tzen<\/a>. Auftretende Probleme h&auml;tten ihre Ursachen daher niemals &bdquo;im System&ldquo;, sondern stets in den Betroffenen selbst. Sie lebten einfach bereits zu lange <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/politik\/deutschland\/article126879178\/Deutschland-geht-es-einfach-zu-gut.html\">im &Uuml;berfluss<\/a> und litten daher an verfehltem <a href=\"http:\/\/www.focus.de\/politik\/deutschland\/arbeitsmarkt-kritik-an-anspruchsdenken-von-hartz-iv-beziehern_aid_480720.html\">Anspruchsdenken<\/a>, wiesen individuelle &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25168\">Vermittlungshemmnisse<\/a>&ldquo;, &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.bibb.de\/dokumente\/pdf\/a2_passungsprobleme-ausbildungsmarkt.pdf\">Passungsprobleme<\/a>&ldquo; oder gar grunds&auml;tzliche Defizite in Bezug auf ihre &bdquo;Ausbildungsreife&ldquo; sowie &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/wirtschaft\/unternehmen\/2014-08\/betriebe-lehrstellen-ausbildungsplaetze\">Disziplin, Belastbarkeit und Leistungsbereitschaft<\/a>&ldquo; auf. Eigentlich sei alles bestens im Land &ndash; zumindest, sieht man von dessen furchtbaren Einwohnerinnen und Einwohnern einmal ab. Doch stimmt das auch? Zur sozialen Lage von Jugendlichen jenseits solch w&uuml;rdeverletzend-euphemistischer Verteidigungsrhetorik sprach <strong>Jens Wernicke<\/strong> mit <strong>Helmut Weick<\/strong>, Mitinitiator verschiedener B&uuml;ndnisse gegen Ausbildungsplatzmangel und Jugendarbeitslosigkeit sowie der Kampagne f&uuml;r ein Grundrecht auf Ausbildung.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Herr Weick, es ist immer wieder zu lesen, dass die Jugendarbeitslosigkeit im S&uuml;den Europas regelrecht explodiert ist und teilweise mehr als die H&auml;lfte aller Jugendlichen dort ohne Ausbildung und Perspektive dasteht. Hierzulande liest man hingegen eher von Fachkr&auml;ftemangel und dass viele Ausbildungspl&auml;tze gar nicht erst besetzt w&uuml;rden. Wie stellt sie sich f&uuml;r Sie dar, die soziale und berufliche Lage der Jugend im Land?<\/strong><\/p><p>Zur Jugendarbeitslosigkeit in s&uuml;deurop&auml;ische L&auml;nder kursieren je nach Berechnungsgrundlage unterschiedliche Zahlen. Legen wir die <a href=\"http:\/\/www.bpb.de\/internationales\/europa\/europa-kontrovers\/172132\/standpunkt-leire-salazar-und-luis-garrido-medina\">eher positiven<\/a> zugrunde, m&uuml;ssen wir jedoch immer noch davon ausgehen, dass etwa in Spanien, Griechenland und Portugal etwa jeder dritte bis vierte Jugendliche ohne Arbeit dasteht. <\/p><p>Das ist nat&uuml;rlich eine katastrophale Situation. Doch ob nun 50, 40, 25 oder auch nur 1 Prozent &ndash; Arbeitslosigkeit bedeutet f&uuml;r jeden einzelnen jungen Menschen <em>immer<\/em> auch eine soziale Benachteiligung und inakzeptable Lage, weshalb sich hierbei jegliche relativierende Betrachtung verbietet. Will sagen: Nicht 25 oder 50 Prozent sind zu viel &ndash; jeder einzelne arbeitslose Jugendliche ist es. <\/p><p>F&uuml;r Deutschland wird die Quote der Jugendarbeitslosigkeit derzeit mit 5,4 Prozent angegeben. Im November 2014 waren 310.000 Jugendliche arbeitslos. Was im europaweiten Vergleich zwar nicht gar so schlecht aussieht, den betroffen Jugendlichen aber auch nicht weiterhilft. Geradezu zynisch wird es aber, wenn die Bundesregierung die noch h&ouml;here Jugendarbeitslosigkeit in anderen L&auml;ndern dazu benutzt, um die Lage der Jugendlichen hierzulande sch&ouml;nzureden. <\/p><p>Hier muss man schlicht wissen, dass die schlechte wirtschaftliche Lage in anderen europ&auml;ischen L&auml;ndern urs&auml;chlich auch mit einer Politik des Sozialabbaus und der Lohndr&uuml;ckerei, wie sie in Deutschland verst&auml;rkt mit der Agenda 2010 eingeleitet wurde, zusammenh&auml;ngt. Die hohe Jugendarbeitslosigkeit in diesen L&auml;ndern hat auch und vor allem mit der kapitalistischen Konkurrenz- und Standortpolitik zu tun, die letztlich auch zu den g&uuml;nstigen Exportbedingungen der Bundesrepublik zulasten aller anderen EU-L&auml;nder gef&uuml;hrt hat. Wenn sich unsere Regierung nun also zum Retter in der Not aufschwingt und Fachkr&auml;fte sowie Jugendliche aus kriselnden Staaten abwirbt, ist darin nicht wirkliche Hilfe oder eine L&ouml;sung gar zu sehen, sondern vielmehr eine Versch&auml;rfung der innereurop&auml;ischen Not und Konkurrenz. <\/p><p>Und es gibt noch etwas anderes, das wichtig ist: Egal n&auml;mlich, ob Jugendliche heute Ausbildung und Arbeit finden oder nicht, die allgemein zunehmende soziale Not geht auch an diesen nicht vorbei. Die Prekarisierung und <a href=\"http:\/\/www.der-paritaetische.de\/armutsbericht\/die-zerklueftete-republik\/\">Verarmung<\/a> macht auch vor den Familien nicht Halt, die Hoffnungslosigkeit und Ohnmacht nimmt allerorten zu &ndash; und: F&uuml;r viele Betriebe sind Auszubildende nur gut ausnutzbare Arbeitskr&auml;fte, die zudem heute Dinge als &bdquo;Fachberufe&ldquo; erlernen, die immer weniger der Entwicklung des Menschen und seiner Pers&ouml;nlichkeit und immer mehr mit Halbbildung und Lohndr&uuml;ckerei zu tun haben. <\/p><p><strong>Eric Schweitzer, der Pr&auml;sident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages Schweitzer hat in der aktuellen Diskussion &uuml;ber ein Einwanderungsgesetz und unter Bezug auf einen angeblichen Fachkr&auml;ftemangel gerade die Losung ausgegeben: &bdquo;Wer einen Job findet, soll bleiben d&uuml;rfen&ldquo;. Auch sollen Asylbewerber unbesetzbare Ausbildungspl&auml;tze einnehmen d&uuml;rfen. Was halten Sie von diesen Vorschl&auml;gen im Umgang mit Fl&uuml;chtlingen?<\/strong><\/p><p>Der DIHK <a href=\"http:\/\/www.echo-online.de\/nachrichten\/hintergruende\/Wer-einen-Job-findet-soll-bleiben-duerfen;art2638,5901217\">versucht<\/a>, und auch die Positionierung der Bundesregierung unterscheitet sich davon nicht wesentlich, arbeitsmarkt- und ausbildungspolitische Probleme der BRD unter Ausnutzung der wirtschaftlichen Probleme anderer L&auml;nder und der dort lebenden Menschen zu l&ouml;sen. <\/p><p>Perfiderweise soll dies durch eine &bdquo;Bestenauslese&ldquo; der qualifiziertesten Fl&uuml;chtlinge geschehen. Oder auch durch L&uuml;ckenb&uuml;&szlig;er f&uuml;r Ausbildungsberufe mit schlechten Einkommens- und Arbeitsbedingungen. Alles nach dem Motto: &bdquo;Wer gebraucht wird, darf bleiben, sonst geht uns euer Elend nichts an.&ldquo;<\/p><p>Damit ich hier nicht missverstanden werde: Selbstverst&auml;ndlich geht es darum, auch Fl&uuml;chtlingen eine Perspektive zu erm&ouml;glichen, aber nicht unter der &ouml;konomischen Diktion ihrer Verwertbarkeit, sondern aus Achtung ihrer W&uuml;rde und ihrer Menschenrechte heraus. <\/p><p>Dass inzwischen so offen &uuml;ber die &bdquo;N&uuml;tzlichkeit&ldquo; von Menschen, die in gro&szlig;er Not sind, gesprochen wird, und kaum jemand wiederspricht, halte ich &uuml;brigens f&uuml;r ein Syndrom der zunehmenden Menschenfeindlichkeit, die jedoch erst sichtbar wird, wenn man das Argument einmal zu Ende denkt. Denn dasselbe lautet doch wohl: &bdquo;Wenn Du n&uuml;tzlich bist, leb, ansonsten stirb.&ldquo; Solange <a href=\"http:\/\/jungle-world.com\/artikel\/2010\/50\/42287.html\">derlei<\/a> als &bdquo;normal&ldquo; gilt und solche Verachtung und Menschenfeindlichkeit also als legitim gilt, brauchen wir &uuml;ber PEGIDA und Co. gar nicht zu reden: Die &bdquo;da unten&ldquo; vollziehen doch nur, was &bdquo;von oben&ldquo; <a href=\"http:\/\/www.publikative.org\/2010\/12\/03\/rohe-burgerlichkeit-und-klassenkampf-von-oben\/\">seit Langem vorgedacht<\/a> wird.<\/p><p><strong>Kommen wir zur&uuml;ck zur Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland. Was bedeutet sie f&uuml;r die Jugendlichen konkret?<\/strong><\/p><p>Vorweg: Die Jugendarbeitslosenquote allein sagt wenig &uuml;ber Armut und soziale Not aus. Wer arbeitslos ist, wird von gesellschaftlicher Teilhabe ausgegrenzt und hat auch nicht wirklich eine Zukunftsperspektive. Das soziale Auseinanderdriften der Gesellschaft macht diesbez&uuml;glich allerdings auch vor Menschen mit Arbeit oder Ausbildung immer weniger Halt. Die Hartz IV-Bedingungen haben hier bekanntlich die Lage von arbeitslosen Jugendlichen noch weiter versch&auml;rft und somit gleichwohl den Druck auf die L&ouml;hne und Arbeitsbedingungen der in Ausbildung befindlichen Jugendlichen erh&ouml;ht sowie die gegenw&auml;rtige Zunahme autorit&auml;rer, rechtsextremer und antidemokratischer Tendenzen ma&szlig;geblich <a href=\"http:\/\/le-bohemien.net\/2015\/01\/05\/hartz-iv-zehn-jahre-untertanenstaat\/\">bef&ouml;rdert<\/a>. <\/p><p>Doch das eigentliche Problem vieler Jugendlicher beginnt nach wie vor bereits beim &Uuml;bergang von der Schule in den Beruf mit der erfolglosen Suche nach einem Ausbildungsplatz. Mehr als eine viertel Million Jugendliche befinden sich Jahr f&uuml;r Jahr in Ma&szlig;nahmen des so genannten &Uuml;bergangssystems, obwohl der gr&ouml;&szlig;te Teil von ihnen eine Ausbildung machen m&ouml;chte und auch dazu in der Lage w&auml;re. Diesen unn&ouml;tigen Warteschleifen folgt, wenn &uuml;berhaupt, ggf. ein sp&auml;terer Eintritt in die Arbeitswelt mit weiteren nachteiligen Folgen, beispielsweise bei Einkommen und Rente. Oft f&uuml;hren aber auch diese Warteschleifen nur ins Leere, sodass &ndash; unabh&auml;ngig aller anderslautender oder ablenkender Beteuerungen von Wirtschaft und Politik &ndash; laut Bundesinstitut f&uuml;r Berufsbildung inzwischen etwa 2,1 Millionen Menschen im Alter von 20 bis 34 Jahren ohne Berufsausbildung dastehen. Tendenz weiter steigend, wohlgemerkt. <\/p><p>Hinterfragt man die verbreitete Ideologie von &bdquo;Fachkr&auml;ftemangel&ldquo; und &bdquo;leeren Ausbildungspl&auml;tzen&ldquo; einmal empirisch, wird derlei auch rasch verst&auml;ndlich. Denn laut Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2014 bel&auml;uft sich die Zahl der erfassten ausbildungsinteressierten jungen Menschen auf 816.540. Dem stehen allerdings nur 530.700 neue Ausbildungsvertr&auml;ge gegen&uuml;ber, noch einmal etwa 4 Prozent weniger als im Vorjahr bereits. Was hier also zuerst organisiert und dann medial &bdquo;weggeredet&ldquo; wird, ist eine gro&szlig;e Zahl von Unqualifizierten, die &uuml;ber die Zeit immer mehr w&auml;chst. Diese schwere gesellschaftliche Hypothek bedeutet f&uuml;r Millionen Menschen, dass sie ihr Leben lang kaum wirklich eine Lebensperspektive entwickeln k&ouml;nnen. Daf&uuml;r sind alle bisher regierenden Parteien verantwortlich, denn sie haben die erforderlichen bildungspolitischen Ver&auml;nderungen nicht realisiert. <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p style=\"text-align:center\"><strong>Hauptsch&uuml;lern bleiben zwei von drei Ausbildungspl&auml;tzen verwehrt<\/strong><\/p><p style=\"text-align:center\">Fast zwei Drittel aller Ausbildungspl&auml;tze in der IHK-Lehrstellenb&ouml;rse schlie&szlig;en Hauptsch&uuml;lerinnen und Hauptsch&uuml;ler von vornherein von Bewerbungen aus. Das zeigt eine DGB-Auswertung. Dieses Vorgehen passt nicht zu den ewigen Klagen der Betriebe &uuml;ber den vermeintlichen Fachkr&auml;ftemangel, kritisiert DGB-Vize Elke Hannack.<\/p><p style=\"text-align:center\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.dgb.de\/themen\/++co++56c2e0a8-e145-11e4-961d-52540023ef1a\">DGB<\/a><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Wenn ich recht verstehe, werden immer mehr junge Menschen immer weiter &hellip; sozial und kulturell &bdquo;abgeh&auml;ngt&ldquo;, ja?<\/strong><\/p><p>Ja. Gleichwohl ist das gesellschaftliche Problem des <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/artikel\/33\/33791\/1.html\">Ausbildungsplatzmangels alles andere als neu<\/a>. Seit 1995 bereits befinden wir uns in der dritten Ausbildungskrise. <\/p><p>Inzwischen pfeifen es die Spatzen von den D&auml;chern: Wer das Problem wirklich angehen und l&ouml;sen will, wird einen Rechtsanspruch auf Ausbildung, also eine <a href=\"http:\/\/www.gew.de\/Binaries\/Binary81406\/Studie%20-%20Fechner%20komplett-web-neu.pdf\">Ausbildungsplatzgarantie<\/a>, schaffen m&uuml;ssen. Durch eine beachtliche Zahl von Untersuchungen, Expertisen und Studien wird diese Position inzwischen untermauert. <\/p><p>Und auch rechtlich besteht &uuml;berhaupt kein Problem, wie eine Ausarbeitung des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages vom 23. Juni 2014 feststellt: <em>&bdquo;Ein solcher Rechtsanspruch auf einen Ausbildungsplatz k&ouml;nnte sowohl im Grundgesetz als auch in einem einfachen Gesetz verankert werden.&ldquo;<\/em><\/p><p>Dabei w&auml;re eine solche Garantie nicht nur ein simpler Rechtsanspruch, sondern h&auml;tte auch R&uuml;ckwirkung auf die F&ouml;rder- und Unterst&uuml;tzungspolitik gegen&uuml;ber Jugendlichen mit schlechten Ausbildungsvoraussetzungen. <\/p><p>In &Ouml;sterreich ist man hier schon weiter. Dort gibt es seit einigen Jahren eine Ausbildungsgarantie, wenngleich auch noch nicht auf gesetzlicher Grundlage. Ebenso beschreiten inzwischen Hamburg und NRW erste Schritte in diese Richtung. <\/p><p><strong>Nun hat ja aber die &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.bmwi.de\/DE\/Themen\/Ausbildung-und-Beruf\/allianz-fuer-aus-und-weiterbildung.html\">Allianz f&uuml;r Aus- und Weiterbildung<\/a>&ldquo;, ein B&uuml;ndnis von Wirtschaft, Politik und Gewerkschaften, im Dezember 2014 als Kernpunkte vereinbart, f&uuml;r das Jahr 2015 &bdquo;20.000 zus&auml;tzliche Ausbildungspl&auml;tze bereitzustellen&ldquo; und will &bdquo;jedem vermittlungsbereiten Jugendlichen, der zum 30.9. noch keinen Ausbildungsplatz hat, drei Angebote f&uuml;r betriebliche Ausbildung machen&ldquo;. Wie bewerten Sie diese Vereinbarungen der Allianz, die die Umsetzung der im Koalitionsvertrag angestrebten &bdquo;Ausbildungsgarantie&ldquo; darstellen sollen?<\/strong><\/p><p>Diese Vereinbarung ist sicherlich schon eine erkennbare Verbesserung gegen&uuml;ber den bisherigen Absichtserkl&auml;rungen des alten &bdquo;Ausbildungspakts&ldquo; seitens Wirtschaft und Politik der Jahre 2003 bis 2013. Sie bleibt aber meilenweit von einer Ausbildungsgarantie in Sinne eines Rechtsanspruchs auf Ausbildung entfernt, wie sie Landessch&uuml;lervertretungen, der Kooperationsverbund Jugendsozialarbeit, Gewerkschaften sowie andere Institutionen und Organisationen seit &uuml;ber einem Jahrzehnt konkret fordern. Hierzu w&auml;re letztlich eine gesetzliche, sprich parlamentarische Absicherung n&ouml;tigt. <\/p><p>Auch steht nichts von einem auswahlf&auml;higen Angebot an Ausbildungspl&auml;tzen in der Vereinbarung der Allianz. Dies w&auml;re jedoch eine verfassungsrechtliche Grundvoraussetzung der &bdquo;freien Wahl des Ausbildungsplatzes&ldquo;, wie es das Bundesverfassungsgericht in seinem richtungweisenden Urteil aus dem Jahr 1980 ausgef&uuml;hrt hat. <\/p><p>Stattdessen beschr&auml;nkt sich die Allianz auf eine Krisenvermittlungsstrategie, sie spricht von zu l&ouml;senden &bdquo;<em>Passungsproblemen<\/em>&ldquo; etc. &ndash; und zwar ab jeweils Ende September und also einen ganzen Monat nach Beginn des Ausbildungsjahres. Es ist daher davon auszugehen, dass weiterhin viele Jugendlichen in eine Warteschleife auf einen Ausbildungsplatz gedr&auml;ngt werden und darin &bdquo;<em>wertvolle Lebenszeit verlieren<\/em>&ldquo;, wie es im Koalitionsvertrag hei&szlig;t, und das grundlegende Problem also weiterhin gar nicht angegangen wird.<\/p><p><strong>Wir befinden uns in der BRD nun ja bereits im 20. Jahr der dritten gro&szlig;en Ausbildungsplatzkrise. Sehen Sie &uuml;berhaupt noch eine Perspektive, das Problem auf absehbare Weise wirklich zu l&ouml;sen &ndash; jenseits also von durch die Politik ignorierten Vorschl&auml;gen und kleinsten Schritten an verschiedenen Stellen im Land?<\/strong><\/p><p>Die nun seit 1995 gef&uuml;hrte Auseinandersetzung um ein <a href=\"http:\/\/www.ausbildung-fuer-alle.de\">Recht auf Ausbildung<\/a> hat leider einmal mehr gezeigt: Auch &uuml;ber die Zukunft der Jugendlichen wird am wenigsten im Parlament entschieden. Dar&uuml;ber entscheiden letztlich &bdquo;die Wirtschaft&ldquo; und &bdquo;der Markt&ldquo;, sprich: die Unternehmer im Land. <\/p><p>Doch auch diese k&ouml;nnen nicht frei handeln: Die Konkurrenz und der &bdquo;Zwang zur Gewinnmaximierung&ldquo; diktieren ihnen, was sie zu tun und zu lassen haben. Der Mensch, auch der Jugendliche, verkommt hier zum reinen Kostenfaktor. Die &bdquo;W&uuml;rde des Menschen&ldquo;, als h&ouml;chster Verfassungsgrundsatz, existiert f&uuml;r viele daher nur noch auf dem Papier. <\/p><p>Wer also demokratische Entscheidungsfreiheit f&uuml;r die Politik, f&uuml;r das Parlament und f&uuml;r alle Menschen will, der muss sich diese zuerst einmal auf den Stra&szlig;en und Pl&auml;tze des Landes erstreiten und sukzessive das &bdquo;Diktat des Kapitals&ldquo; &uuml;berwinden. Der muss daf&uuml;r sorgen, dass die Verf&uuml;gung &uuml;ber &bdquo;die Wirtschaft&ldquo; in die H&auml;nde des Volkes und des Parlamentes gelegt wird. <\/p><p>Es ist und bleibt unhinnehmbar, dass weiterhin j&auml;hrlich Hunderttausende Jugendliche nach der Schule ausgegrenzt und in eine ungewisse Zukunft entlassen werden. Wir sind daher weiterhin gefordert, die n&ouml;tigen politischen und gesellschaftlichen Ver&auml;nderungen zu erk&auml;mpfen, damit das ewige Gezeter um eine qualifizierte Berufsausbildung f&uuml;r alle endlich beendet werden kann. <\/p><p>Gleichwohl m&uuml;ssen wir aber auch, ich deutete es bereits mehrfach an, klar sehen, dass auch Jugendliche in oder mit einer abgeschlossenen Ausbildung arm und\/oder arbeitslos und sodann hierdurch ausgegrenzt werden. Eine Ausbildung ist in unserer Gesellschaft also kein Garant f&uuml;r einen guten oder sicheren Arbeitsplatz und schon gleich gar nicht f&uuml;r ein ertr&auml;gliches Einkommen. <\/p><p><strong>Ich bedanke mich f&uuml;r das Gespr&auml;ch.<\/strong><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Helmut Weick<\/strong> ist Berufsschullehrer und GEW-Mitglied. Er unterrichtet in allen Schulformen vor allem Jugendliche ohne Ausbildungs- oder Arbeitsplatz und ist seit 1995 aktiv in der lokalen sowie landes- und bundesweiten B&uuml;ndnisarbeit f&uuml;r ein Recht auf Ausbildung. Er ist Mitherausgeber des Buches &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.ausbildung-fuer-alle.de\/2008\/10\/buch_ausbildung.htm\/\">Ausbildung f&uuml;r Alle! Wege aus der Ausbildungskrise<\/a>&ldquo;.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Weiterlesen:<\/strong><\/p><ul>\n<li>Interview: &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/artikel\/33\/33791\/1.html\">Die Jugendlichen m&uuml;ssen sich doch schlichtweg veralbert vorkommen<\/a>&ldquo;<\/li>\n<li>Artikel: &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/951735.300-000-bewerber-ohne-ausbildungsplatz.html\">300.000 Bewerber ohne Ausbildungsplatz<\/a>&ldquo;<\/li>\n<li>Studie: &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.dgb.de\/-\/7Rv\">DGB Jugend-Ausbildungsreport 2014<\/a>&ldquo;<\/li>\n<\/ul><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>Eine automatische E-Mail-Benachrichtigung &uuml;ber <strong>neue Texte von Jens Wernicke<\/strong> k&ouml;nnen Sie <a href=\"http:\/\/feedburner.google.com\/fb\/a\/mailverify?uri=JensWernicke&amp;loc=de_DE\">hier<\/a> bestellen.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/f5cb89cdc5d144e29d469367dee9c1c5\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Deutschland geht es so gut wie nie zuvor&ldquo;, l&auml;sst die Regierung <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/generaldebatte-im-bundestag-merkel-deutschland-geht-es-so-gut-wie-nie-zuvor\/4584808.html\">verlauten<\/a>. 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