{"id":25736,"date":"2015-04-15T14:25:14","date_gmt":"2015-04-15T12:25:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25736"},"modified":"2015-04-15T16:53:12","modified_gmt":"2015-04-15T14:53:12","slug":"rezension-alk-das-klarste-buch-ueber-die-trueben-aussichten-der-deutschen-sucht-nr-eins-alkoholismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25736","title":{"rendered":"Rezension: \u201eAlk\u201c Das klarste Buch \u00fcber die tr\u00fcben Aussichten der deutschen Sucht Nr. Eins: Alkoholismus"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Das w&auml;rmste J&auml;ckchen ist das Konj&auml;ckchen&ldquo;, so spricht der erfahrene Volksmund gern in unseren zunehmend zugigen Zeiten. Gemeint damit ist die zun&auml;chst verf&uuml;hrerisch wohltuende Wirkung von Alkohol jeglicher Art auf die menschliche Seele. Die Sorgen von M&auml;nnern und Frauen um ihre Zukunft sind gro&szlig;, die unsichere Perspektive, wie alles weiter gehen soll im Beruf, in der Familie, mit der Welt insgesamt &ndash; sie zerren betr&auml;chtlich an den Nerven. Wohin aber mit diesen qu&auml;lenden Gedanken, mit der Angst im Bauch, mit dem Gef&uuml;hl eigener Unzul&auml;nglichkeit? Eine Besprechung des Buches &bdquo;Alk. Fast ein medizinisches Sachbuch&ldquo; von Simon Borowiak von <strong>Marianne B&auml;umler<\/strong><br>\n<!--more--><br>\n&Uuml;berforderung, wohin das Auge blickt, allerdings m&ouml;glichst vertuscht, um blo&szlig; nicht bl&ouml;d aufzufallen in der perfekten Hochglanzidylle unserer medialen Umfelder. All&uuml;berall wird gestrahlt, was das Zeug h&auml;lt, der Tempowahn h&auml;lt uns in Atem, macht m&uuml;de und unfroh. Sich m&ouml;glichst nichts anmerken lassen, mit dieser latenten Resignation, blo&szlig; kein Gesichtsverlust, nach dem Motto: &bdquo;der &ndash; oder zunehmend auch &ndash; die &ndash; ist nicht mehr belastbar.&ldquo; Was l&auml;ge da n&auml;her als der Getr&auml;nkediscount um die Ecke? &bdquo;Ein Schl&uuml;ckchen in Ehren&hellip;&ldquo; Der Stoff ist billig, bezahlbar auch f&uuml;r die Armen und teuer, edler f&uuml;r die Reichen, in jedem Fall als Muntermacher oder Entspannungstrunk gesellschaftlich in allen Kreisen anerkannt. Denn die Frage lautet angesichts einer &uuml;berw&auml;ltigenden Statistik vom Pro-Kopf &ndash; Verbrauch und hohen medizinischen Folgekosten nicht: Wer verh&auml;lt sich so asozial und trinkt laufend Alkohol, sondern vielleicht eher, wer trinkt (noch) nicht.<\/p><p>&Uuml;ber alle unsch&ouml;nen Aspekte, &uuml;ber die weit verbreitete Lust an der legalen Bet&auml;ubung, &uuml;ber die verheerenden Folgen, die dieser &auml;tzende Stoff im Lauf der Zeit auf unsere inneren Organe ergie&szlig;t, hat Simon Borowiak mit &bdquo;ALK&ldquo; ein dennoch sehr lesenswertes, weil bis in die K&ouml;rperchemie hinein informatives und dabei unglaublich unterhaltsames Buch geschrieben, das vor allem eines auszeichnet: es ist nie predigthaft, obwohl es dem Autor, der selbst eine Entzugstherapie mit Erfolg hinter sich bringen konnte, gar nicht anders als todernst zumute war. <\/p><p>Selten habe ich bei der Lekt&uuml;re &uuml;ber Sucht so viel gelacht. Mit diesem genialen Buch kriegt das ganze Thema legale Droge Alkohol  trotz alledem so seine Beckett&rsquo; sche Tragikomik zur&uuml;ck, gerade wie Simon Borowiak all die phantasievollen Ausfl&uuml;chte, die Lebensl&uuml;gen, die panische Egozentrik von Alkoholabh&auml;ngigen schildert, indem er deren Neigung, sich den eigenen Niedergang noch boh&egrave;mehaft sch&ouml;n zu trinken, in aller kuriosen Tragik auf den existenziellen Punkt schlimmsten Schadens bringt &ndash; echt sensationell. Damit kann er in der Tat etliche Abh&auml;ngige erreichen, denn er nimmt sie ernst, ihre Besch&auml;mung und ihr Leiden, und: er belehrt sie &uuml;berhaupt nicht. <\/p><p>Die Einstiegsdrogen &bdquo;bei alkoholisch durchtrainierten Kulturen wie der unsrigen&ldquo; sind Bier und Sekt. &bdquo;Wenn Frau Kr&ouml;ger um 10 Uhr 30 mit den Worten &sbquo;auf meine baldige Bef&ouml;rderung!&rsquo; im Gro&szlig;raumb&uuml;ro eine Sektflasche entkorkt, ist das relativ unauff&auml;llig. Die Kollegen gratulieren, w&uuml;rgen erst ihren Sozialneid und dann den Sekt runter, und mit einem Pegel von 0,3 bis 0,8 sieht die Bef&ouml;rderung der dummen Kuh Kr&ouml;ger schon rosiger aus. W&uuml;rde Frau Kr&ouml;ger um 10 Uhr 30 mit den Worten &sbquo;auf meine baldige Bef&ouml;rderung!&rsquo; eine Flasche Doppelkorn aufschrauben, man w&uuml;rde sie relativ schief ansehen.&ldquo; <\/p><p>Simon Borowiak schildert kenntnisreich manche Trickserei, wie die steigernde Alkohol-Abh&auml;ngigkeit eine Weile vor den Angeh&ouml;rigen und in der Arbeitsstelle sich verheimlichen l&auml;sst, aber er zeigt auch: es gibt nichts zu besch&ouml;nigen an der allt&auml;glichen Zerst&ouml;rungsmacht von Alkohol, und es ist im Grunde eine Schande, dass unser Markt &ndash; Staat mit all der offiziell erlaubten Reklame sich zynisch an diesem Big Deal in Form von Steuern cool beteiligt. Insofern handelt es sich um beim &bdquo;Alk&ldquo; um <strong>die<\/strong> &bdquo;Angebotsdroge&ldquo; schlechthin. <\/p><p>Der sch&ouml;ne menschliche K&ouml;rper &ndash; sinnvoll in seinem Aufbau, die Milliarden Zellen unserer Organe, der Haut, des sch&ouml;pferischen Gehirns &ndash; all diese Potenzen gehen kaputt, erst allm&auml;hlich, schlie&szlig;lich rasant. Die unheilvollen Trinkgewohnheiten von Familienv&auml;tern hat oft f&uuml;rchterliche Gewalt zur Folge. Von dieser Bedrohtheit, von dieser Ma&szlig;losigkeit wissen etliche Kinder ein trauriges Lied zu singen. Und da h&ouml;ren dann die sarkastischen Formulierungen des Autors Borowiak auch wieder auf. Er zeigt, dass es konkrete Hilfe gibt, station&auml;r &bdquo;Entgiftungen&ldquo; m&ouml;glich sind, die immer einher gehen sollten mit fundierter Psychotherapie, um sich endlich auch den versch&uuml;tteten Ursachen zu widmen, damit ein Weiterleben ohne diese Volksdroge Nummer Eins m&ouml;glich ist, er empfiehlt schwere Wege auch mit ambulanter Beratung und Selbsthilfegruppen, die konkrete Chancen bieten, die Sucht als solche zu erkennen, und aus ihr sich zu befreien. <\/p><p><strong>Simon Borowiak:<br>\nAlk. Fast ein medizinisches Sachbuch.<\/strong><br>\nHeyne Verlag, 2014 Taschenbuch, 192 Seiten &euro; 8,99<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Das w&auml;rmste J&auml;ckchen ist das Konj&auml;ckchen&ldquo;, so spricht der erfahrene Volksmund gern in unseren zunehmend zugigen Zeiten. Gemeint damit ist die zun&auml;chst verf&uuml;hrerisch wohltuende Wirkung von Alkohol jeglicher Art auf die menschliche Seele. 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