{"id":25743,"date":"2015-04-16T09:11:58","date_gmt":"2015-04-16T07:11:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25743"},"modified":"2016-12-06T11:31:44","modified_gmt":"2016-12-06T10:31:44","slug":"interview-mit-reiner-braun-zur-klaerung-einiger-fragen-zur-friedensbewegung-zum-echo-und-zur-wohlwollenden-und-feindseligen-kritik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25743","title":{"rendered":"Interview mit Reiner Braun zur Kl\u00e4rung einiger Fragen zur Friedensbewegung, zum Echo und zur wohlwollenden und feindseligen Kritik."},"content":{"rendered":"<p>Die seit einem Jahr neu auflebende Friedensbewegung hat bisher keine Massenbasis gefunden. Das ist angesichts der neuen Konflikte mitten in Europa und der Kriegsgefahr und der Konjunktur des Milit&auml;rischen seltsam. Die Friedensbewegung selbst und noch mehr die Kritik an ihr sind schwer durchschaubar. Ich habe deshalb <strong>Reiner Braun<\/strong> gebeten, einige Fragen zum Thema zu beantworten. Reiner Braun ist Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer der Juristinnen und Juristen gegen Atomwaffen (IALANA), Co-Pr&auml;sident International Peace Bureau (IPB) und einer der Sprecher der Kooperation f&uuml;r den Frieden. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_8730\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-25743-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150416_Interview_Reiner_Braun_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150416_Interview_Reiner_Braun_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150416_Interview_Reiner_Braun_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150416_Interview_Reiner_Braun_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=25743-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150416_Interview_Reiner_Braun_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"150416_Interview_Reiner_Braun_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Hier das Interview:<\/strong><\/p><p><strong>Albrecht M&uuml;ller:<\/strong> Was macht ein Koordinator der Friedensbewegung?<\/p><p><strong>Reiner Braun:<\/strong> So etwas gibt es in der Friedensbewegung nicht. <\/p><p>Die  Friedensbewegung ist eine basisdemokratische, selbstorganisierte Bewegung mit Hunderten ja tausenden von Organisationen und Initiativen, die v&ouml;llig eigenst&auml;ndig arbeiten. Was es aber gibt, sind (internationale) Netzwerke, darunter z.B. thematisch orientierte wie das Netzwerk &bdquo;No to war &ndash; no to NATO&ldquo;, &bdquo;Atomwaffen abschaffen&ldquo; oder &bdquo;Aktion Aufschrei &ndash; stoppt den Waffenhandel&ldquo;. Bundesweit gibt es zwei gro&szlig;e friedenspolitische Netzwerke: die Kooperation f&uuml;r den Frieden und den Bundesausschuss Friedensratschlag. Zus&auml;tzlich gibt es zu bestimmten Ereignissen &bdquo;Aktionsb&uuml;ros&ldquo;, wie z.B. aktuell f&uuml;r den Friedenswinter, aber auch schon fr&uuml;her zu bundesweiten Demonstrationen.<\/p><p>Menschen wie ich, die Verantwortung in den Organisationen und Netzwerken haben, versuchen inhaltliche Veranstaltungen und vielf&auml;ltige kleine und gro&szlig;e Aktivit&auml;ten zu entwickeln, vorzubereiten und durchzuf&uuml;hren. Wir versuchen mitzuhelfen, aufzukl&auml;ren, zivile Alternativen zu Krieg und Gewalt zu entwickeln und zu propagieren, um mit unseren Inhalten eine breitere &Ouml;ffentlichkeit zu erreichen. Wir versuchen Netzwerke aufzubauen und aufrechtzuerhalten, sowie eine Lobbyarbeit zur Politik zu entwickeln. Nicht zu vergessen ist bei fast allen von uns eine internationale Zusammenarbeit.<\/p><p><strong>A.M.:<\/strong> &Uuml;blicherweise wird heute unterschieden zwischen der alten Friedensbewegung und der  neuen Friedensbewegung, auch Mahnwachen-Bewegung genannt. Viele Leser der Nachdenkseiten steigen durch dieses Gewebe an Bezeichnungen nicht durch. Vielleicht k&ouml;nnen Sie uns helfen?<\/p><p><strong>R.B.:<\/strong> Die moderne Friedensbewegung gibt es seit mehr als 100 Jahren &ndash; begonnen mit einer b&uuml;rgerlich-pazifistischen und antimilitaristischen. Viele der jetzigen Strukturen der  Friedensbewegung haben sich &ndash; vereinfacht gesagt &ndash; in der Folge des NATO-Doppelbeschlusses, aber auch des v&ouml;lkerrechtswidrigen Krieges von Rot-Gr&uuml;n gegen Jugoslawien, entwickelt. Neues ist durch die &bdquo;Wiedervereinigung&ldquo; hinzugekommen, einiges aber auch weggefallen. Nach wie vor werden viele Aktivit&auml;ten zu unterschiedlichen Schwerpunkten und Themen durchgef&uuml;hrt,  aber einige Organisationen sind teilweise auch &bdquo;in die Jahre gekommen&ldquo;. Viele gute Veranstaltungen beweisen die hohe Kompetenz ihrer Arbeit, au&szlig;erdem sind gute Netzwerke vorhanden. Was fehlt ist eine gro&szlig;e Mobilisierung &ndash; dieses ist eine zentrale Herausforderung angesichts der vielf&auml;ltigen Bedrohung f&uuml;r den Frieden.<\/p><p>Der Krieg gegen die Ukraine hat 2014 zu einer spontanen Entwicklung von neuen dezentralen Initiativen gef&uuml;hrt, die sich meistens &bdquo;(Montags)Mahnwachen f&uuml;r den Frieden&ldquo; genannt haben. Diese sind in ca. 90 bis 100 St&auml;dten aktiv geworden, zuerst durchaus mit gr&ouml;&szlig;erem Zulauf, viele sind jetzt immer noch aktiv, wenn auch mit weniger Beteiligung. Diese Mahnwachen sind locker untereinander vernetzt.<\/p><p>Diese spontane Bewegung war &ndash; und jetzt werde ich verallgemeinernd, vielleicht etwas grobschl&auml;chtig &ndash; politisch vielf&auml;ltig, heterogen. Auch rechtsradikale Kr&auml;fte haben Einfluss genommen. Dies f&uuml;hrte zu Diskussionen, Kl&auml;rungen innerhalb der Mahnwachen &ndash; nicht &uuml;berall  f&uuml;r immer &ndash; aber bei immer mehr Personen aus den Mahnwachen zu deutlich friedenspolitischen Positionen. Viele Mahnwachen sind klar antifaschistisch und unseren friedenspolitischen Positionen &auml;hnlich. Im Laufe des Jahres hat sich eine begrenzte Zusammenarbeit vor Ort und bei Aktionen entwickelt, diese gilt es aus meiner Sicht fortzusetzen. Ich will durchaus betonen, dass diese Diskussionen auf allen Seiten kontrovers und sicher noch nicht zu Ende sind. Ziel aller sollte sein, dass wir f&uuml;r den Frieden st&auml;rker werden, uns gegenseitig respektieren und die Antikriegsposition in den Mittelpunkt von Inhalten und Aktionen stellen. Diese Diskussion findet leider nicht im luftleeren oder politikfreien Raum statt. Die Politik der Eliten, die Kriege f&uuml;hren, und viele der Medien, die Kriege unterst&uuml;tzen und teilweise auch herbeischreiben, haben sicher kein Interesse an einer gro&szlig;en Friedensbewegung; unfreundliche Kommentierungen sind die logische Folge. F&uuml;r mich bleibt die Friedensbewegung eine Bewegung, die nur antifaschistisch sein kann (Faschismus bedeutet immer auch Krieg), in der unterschiedliche Kr&auml;fte &uuml;ber alle traditionellen Grenzen hinweg zusammenarbeiten sollen, konservative eingeschlossen. Letztere haben &uuml;brigens in der Geschichte der Friedensbewegung eine wichtige Rolle gespielt.<\/p><p><strong>A.M.:<\/strong> Anders als bei den gro&szlig;en Demonstrationen der Friedensbewegung Anfang der achtziger Jahre bewegt sich heute vergleichsweise wenig. Die Friedensbewegung hat keinen guten Ruf, die Medien kommentieren kaum positiv, seltsamerweise kommentieren gerade linke oder linksliberale Medien besonders kritisch. Wie erkl&auml;ren Sie das? <\/p><p><strong>R.B.:<\/strong> Ein &bdquo;guter Ruf&ldquo; wirft bei mir sofort die Frage auf: Bei wem? Bei Bush oder auch Kissinger, Franz-Josef Strau&szlig; oder auch Joschka Fischer? Wenn wir bei denen einen guten Ruf h&auml;tten, dann w&uuml;rden wir sicher alles oder zumindest vieles falsch machen. Frieden wird immer in der Kontroverse &ndash; auch in Sch&auml;rfe &ndash; mit all denen ausgetragen, die Krieg vorbereiten, Krieg als Mittel der Politik ansehen oder gar Krieg f&uuml;hren. Deswegen ist die Friedensbewegung immer eine Bewegung in der Kontroverse. Es geht um fundamentale Interessen: Krieg oder Frieden ist die Menschheitsherausforderung. Diese Kontroverse reflektiert sich in den Medien, die ja nicht &uuml;ber den gesellschaftlichen Herausforderungen stehen. Journalisten bei der Atlantikbr&uuml;cke und Zeitungen, die Krieg geradezu herbeischreiben, werden uns immer kritisieren und angreifen. Das ist politisch nur logisch. Untersch&auml;tzen sollten wir auch nicht den Einfluss bestimmter, Kriege unterst&uuml;tzender politischer Kr&auml;fte, die sich auch NGOs oder Zivilgesellschaft nennen &ndash; wie die Antideutschen.<\/p><p>Leider haben wir (und hier meine ich uns, Personen aus den verschiedenen Friedensorganisationen und -Initiativen) auch leichte Angriffsfl&auml;chen geboten, die nicht notwendig waren und die wir besser unter und zwischen uns gekl&auml;rt h&auml;tten.<\/p><p>Politik und ein Gro&szlig;teil der Medien, die ja selbst kapitalistische Unternehmen und staatsnah sind, werden eine gro&szlig;e Friedensbewegung immer bek&auml;mpfen, aber wir haben dort oft mehr Verb&uuml;ndete als wir sehen. Eine gro&szlig;e Bewegung kann auch dort zu Ver&auml;nderungen der Positionen f&uuml;hren. Deshalb bin ich f&uuml;r Zusammenarbeit und Diskussionen mit allen aus den Medien, ich m&ouml;chte gerne den so oft formulierten aber selten eingehaltenen Pluralismus einfordern.<\/p><p>Die Notwendigkeit, Formen der solidarischen Auseinandersetzung und des gegenseitigen Verstehens statt Diffamierungen wieder oder zumindest st&auml;rker zu entwickeln, gilt erst Recht f&uuml;r den Umgang mit den &bdquo;sozialen&ldquo; Medien.<\/p><p><strong>A.M.:<\/strong> Der Vorwurf &bdquo;Querfront&ldquo; spielt in der Kampagne gegen die Friedensdemonstrationen eine gro&szlig;e Rolle. Was tun Sie praktisch, um diese Unterstellung zur&uuml;ckzuweisen? Ist man denn nicht alleine damit schon abendf&uuml;llend besch&auml;ftigt? Gibt es Zusammenarbeit zwischen fortschrittlichen Kr&auml;ften und rechten oder rechtskonservativen nationalistischen Kr&auml;ften?<\/p><p><strong>R.B.:<\/strong> Querfront ist einfach Quatsch! Wir brauchen eine Volksfront, eine Zusammenarbeit aller Friedenswilligen. Der Begriff Querfront ist unter historischen Gesichtspunkten einfach falsch und es geht und ging niemals um eine Zusammenarbeit mit &bdquo;rechtsradikalen&ldquo; Kr&auml;ften. Die hat es, seitdem es zwischen Teilen der Mahnwachen und der traditionellen Friedensbewegung Ans&auml;tze der Kooperation gibt, nie gegeben. Die Friedensbewegung &ndash; f&uuml;r mich gibt es nur eine, mit vielen ganz unterschiedlichen Organisationen und Initiativen &ndash; war niemals offen f&uuml;r rechtsradikale Kr&auml;fte und wurde auch niemals von diesen instrumentalisiert oder hegemonisiert. Aber ich wende mich auch dagegen, leichtfertig Menschen als &bdquo;rechtsradikal&ldquo; oder &bdquo;Antisemit&ldquo; oder gar &bdquo;Faschist&ldquo; zu bezeichnen und zu versuchen, dieses mit verzerrten oder zusammengestoppelten Zitaten zu belegen bzw. Zitaten einen rechtsradikalen Inhalt zu geben, die aber nur einen kontroversen nicht mainstreamkonformen Inhalt formulieren. Hier ist eine Kultur der Diffamierung und Ausgrenzung eingetreten, die ich f&uuml;rchterlich finde. Nicht die TAZ oder die sogenannten Antideutschen entscheiden, mit wem wir reden und zusammenarbeiten d&uuml;rfen. Wir sollten viel souver&auml;ner mit anderen Meinungen umgehen. Wir m&uuml;ssen diese nicht teilen, aber uns sachlich damit auseinandersetzen, ihnen widersprechen, aber auch zuh&ouml;ren.<\/p><p>Ich will es vielleicht einmal provokativ sagen: wenn wir zu oft &bdquo;faschistisch&ldquo; sagen und damit viele bezeichnen, die politisch anders denken, dann verharmlosen wir auch die reale Gefahr der wirklich faschistischen Kr&auml;fte in diesem Lande.<\/p><p>Offenheit hei&szlig;t nicht Verharmlosung rechten Gedankengutes, Offenheit hei&szlig;t anzuerkennen, dass neue junge Menschen andere Zug&auml;nge mit vielen indifferenten Positionen zur Bewegung haben. Ich will zur Politisierung dieser Menschen beitragen und daf&uuml;r offen sein<\/p><p><strong>A.M.:<\/strong> Meine regionale Tageszeitung hatte am 10. April auf der ersten Seite ganz oben ein gro&szlig;es Foto mit Soldaten, Kanonen, Maschinengewehren und Sp&auml;heinrichtungen und daneben einen kurzen Bericht &uuml;ber die &Uuml;bungen der neu gebildeten schnellen Eingreiftruppe der NATO, 1500 Soldaten, 900 Deutsche,. Dar&uuml;ber stand die &Uuml;berschrift &ldquo;Test f&uuml;r den Ernstfall&rdquo;. Es geht also nicht wie vor etwa 35 Jahren um Kriegsvermeidung. Heute wird ger&uuml;stet, um notfalls Krieg zu f&uuml;hren. Offenbar ist nicht mehr im Bewusstsein, was Kriege bedeuten. Sehen Sie &uuml;berhaupt noch eine Chance, Menschen die Wirklichkeit eines Krieges zu vermitteln?<\/p><p><strong>R.B.:<\/strong> Es gibt die strategische Orientierung der politischen Elite: Deutschland soll wieder kriegstauglich werden und die Bev&ouml;lkerung ideologisch &bdquo;kriegsreif&ldquo; geschossen werden. Das ist die zentrale Herausforderung f&uuml;r die politische Klasse, solange sie die angestrebte deutsche europ&auml;ische Hegemonialrolle mit weltweitem Einfluss realisieren will. Sie muss den in allen Umfragen deutlich werdenden Unwillen der Bev&ouml;lkerung gegen Krieg &uuml;berwinden. Dazu dienen die Schaffung von Feindbildern, die Verteufelungen, die Medienkampagnen, etc.<\/p><p>Begleitet wird das durch eine immense Aufr&uuml;stungskampagne. 2% des Bruttosozialproduktes sollen f&uuml;r die R&uuml;stungsausgaben zur Verf&uuml;gung gestellt werden, so der Beschluss der NATO von Sommer 2014. Das hei&szlig;t f&uuml;r Deutschland 56 Milliarden statt der aktuell 33 Milliarden Euro. Das wird nicht ohne massive Einschnitte im Sozial- und Bildungsbereich gehen. <\/p><p>Krieg ist f&uuml;r die politischen Eliten auch unseren Landes  ein Instrument der Politik,. Die Bundeswehr ist an 17 Interventionseins&auml;tzen weltweit beteiligt. &Uuml;ber die Notwendigkeit entscheidet die Bundesregierung aus CDU\/CSU und SPD unterst&uuml;tzt von den Gr&uuml;nen. Interventionen f&uuml;r wirtschaftliche Interessen &uuml;berall in der Welt sind das Credo dieser Politik, nur notd&uuml;rftig getarnt mit &bdquo;humanit&auml;ren&ldquo; Argumenten.<\/p><p>Die Bilder des Krieges, die t&auml;glich &uuml;ber die Medien vermittelt werden, stumpfen &ndash; ohne Erkl&auml;rung und Aufkl&auml;rung &ndash; eher ab. Aufkl&auml;rung und Protest tut Not, diese Aufgabe nimmt keiner der Friedensbewegung ab.  <\/p><p><strong>A.M.:<\/strong> Eigentlich m&uuml;ssten sich doch die Menschen freuen, dass andere auch f&uuml;r sie gegen Krieg und f&uuml;r Frieden demonstrieren und auch sonst etwas tun daf&uuml;r, dass es nicht wieder zu t&ouml;dlichen Konflikten kommt. Was ist der psychologische Hintergrund daf&uuml;r, dass die engagierten Menschen heute diffamiert statt gefeiert werden?<\/p><p><strong>R.B.:<\/strong> Diffamiert werden wir ja im Wesentlichen durch die politischen Eliten und ihre Ideologietr&auml;ger. Die Bev&ouml;lkerung ist uns ja durchaus wohlgesonnen, sie mischt sich nur zu wenig ein. Dies hat sicher viel zu tun mit den t&auml;glichen Belastungen, mit der verinnerlichten Ideologie: Mann\/Frau kann ja sowieso nichts erreichen angesichts der verankerten Ellbogenmentalit&auml;t. Oft &uuml;berwiegt auch die Unklarheit, auf was sich der einzelne einl&auml;sst: Durchschaue ich das Problem, die Herausforderung? Werde ich vielleicht auch von den Friedensfreund_innen f&uuml;r etwas eingespannt? Sicher wirkt auch die &bdquo;Hetze&ldquo; gegen uns.<\/p><p>Es gibt also keine monokausale Begr&uuml;ndung sondern eher einen schwierig zu durchdringenden Knoten von Argumenten, die vom Engagement abhalten. Entt&auml;uschung aus fr&uuml;herem Engagement kommt sicher bei vielen noch hinzu.<\/p><p><strong>A.M.:<\/strong> Wo ist das linksliberale B&uuml;rgertum geblieben? Wo die Schriftsteller, die K&uuml;nstler, die Pfarrer und Intellektuellen, die Gewerkschaften?<\/p><p><strong>R.B.:<\/strong> Sie warten oft noch ab, aber wir sprechen sie auch zu wenig an. Wir m&uuml;ssen viel mehr aufeinander zugehen. Wir brauchen ein gegenseitiges Ermuntern angesichts der Kriegsgefahren. Vielleicht ist auch die Betroffenheit noch nicht gro&szlig; genug oder anders gesagt, die Gefahren, in denen wir uns befinden, werden noch nicht erkannt. Die Politik versucht ja auch alles, diese zu verniedlichen oder mit Feindbildern zu belegen.<\/p><p>Besonderes Gewicht hat sicher ein verst&auml;rktes Engagement der Gewerkschaften f&uuml;r den Frieden. Dazu gibt es nach vielen Entt&auml;uschungen in den letzten Jahren durchaus interessante Ans&auml;tze. Es gibt eine neue Initiative &bdquo;GewerkschafterInnen f&uuml;r den Frieden&ldquo;, ich rede am 1.Mai auf der DGB-Kundgebung in Freiburg. Aber das reicht sicher noch lange nicht aus, wir brauchen die Gewerkschaften wieder als aktiven Teil der Friedensbewegung. Eine gr&ouml;&szlig;ere Durchschlagskraft und mehr Erfolge werden wir sicher nur in einer engeren Zusammenarbeit zwischen Friedens- und Arbeiter_innenbewegung erreichen.<\/p><p>Es bleibt sicher auch dabei, dass sich Bewegungen nicht befehligen lassen. Sie ben&ouml;tigen einen &bdquo;Funken&ldquo;, der oft spontan und oft dann kommt, wenn wir ihn nicht erwarten. Wir k&ouml;nnen den Boden f&uuml;r mehr Aktionen bereiten und die besonders ansprechen, die bereit sind, sich zu wehren. Diese sind mehr, als wir oft denken. Richtig ist aber sicher auch, dass das Engagement linksliberaler Kr&auml;fte zur&uuml;ckgegangen ist, was m&ouml;glicherweise auch etwas mit ihrer ver&auml;nderten sozialen Situation im Neoliberalismus zu tun hat und mit dem Verlust an geistigem Einfluss gerade dieser so wichtigen gesellschaftlichen Denkrichtung.<\/p><p><strong>A.M.:<\/strong> Wie erkl&auml;ren Sie den besonderen Fall des Herrn Sch&auml;del und seines Verbandes? Wie erkl&auml;ren Sie den Mangel an Solidarit&auml;t mit der gesamten Friedensbewegung? Hat da jemand Einfluss genommen? Wer steuert so etwas?<\/p><p><strong>R.B.:<\/strong> Es muss als erstes feststellt werden, dass wir eine politische Strategie, n&auml;mlich das &Ouml;ffnen der Friedensbewegung zu neuen Kr&auml;ften unterschiedlich einsch&auml;tzen und bewerten, und die Chancen und Risiken des Zusammengehens mit einer spontan entstandenen sozialen Bewegung sehr verschieden bewerten. Dabei haben wir viel Porzellan zerschlagen und eine Menge Frustration erzeugt. Langj&auml;hrige Freundschaften sind mehr als in Gefahr. Einseitige Schuldzuweisungen, die auch ich sicher vornehmen k&ouml;nnte, helfen nicht weiter. Dazu ist der Frieden in viel zu gro&szlig;er Gefahr. Wir m&uuml;ssen wieder aufeinander zugehen und versuchen, Konflikte und Kontroversen solidarisch zu &uuml;berwinden. Ich w&uuml;nsche mir ein wenig mehr die Einsicht, dass es uns allen um den Frieden geht, und deshalb etwas mehr Fairness und Akzeptanz der Argumente des anderen, eine gr&ouml;&szlig;ere Sachlichkeit und weniger Diffamierungen. Vielleicht haben wir einfach verlernt, mit Kontroversen umzugehen. Pers&ouml;nliche Diffamierungen und Angriffe auch teilweise unter die G&uuml;rtellinie  helfen nicht, sondern versch&auml;rfen nur. Das Austragen der Kontroversen in bestimmten Medien ist sicher auch nicht hilfreich. Facebook ersetzt nicht das pers&ouml;nliche Gespr&auml;ch, und die Einsicht, dass Mann und Frau nicht alles sofort posten oder twittern muss, w&auml;re manchmal auch hilfreich.<\/p><p>Steuern tun wir uns nur selber, aber wir werden sicher von der Politik und von bestimmten Diensten ziemlich genau beobachtet.<\/p><p>Neue Wege zu gehen, sich zu &ouml;ffnen f&uuml;r neue Kr&auml;fte, die nicht unbedingt &bdquo;wie wir&ldquo; sind bringen sicher auch viele Diskussionen mit sich. Es sto&szlig;en wohl auch unterschiedliche Lebensstile und Politikverst&auml;ndnisse aufeinander. Vielleicht haben wir dieses ja auch untersch&auml;tzt. Ich bleibe aber dabei, die Friedensbewegung muss sich erneuern, nicht von den Inhalten, aber von ihrer Ausstrahlungskraft, ihrer Mobilisierungsf&auml;higkeit, der Gewinnung neuer Mitstreiter_innen und mindestens teilweise auch in der Kultur des Umganges miteinander.<\/p><p>Ich will aber nicht verschweigen, dass mich die Sch&auml;rfe ja Brutalit&auml;t der Auseinandersetzung auch pers&ouml;nlich getroffen und mir ziemlich zugesetzt hat.<\/p><p><strong>A.M.:<\/strong> Haben Sie gelegentlich Gespr&auml;che mit Mitgliedern der Bundesregierung oder mit den F&uuml;hrungskr&auml;ften der Parteien?<\/p><p><strong>R.B.:<\/strong> Zuerst eine allgemeine Antwort, dann eine pers&ouml;nliche: viele Initiativen und Organisationen stehen bei ihren Sachthemen mit der Politik in Kontakt und diskutieren mit Politiker_innen aus Regierung und Parlamenten, sei es &uuml;ber Atomwaffenabbau oder R&uuml;stungsexportbeschr&auml;nkungen. Die IALANA, f&uuml;r die ich arbeite, hat Kontakte sowohl ins Au&szlig;enministerium als auch zu Abgeordneten. Wir suchen das Gemeinsame und wissen zugleich, dass uns zumindest von der gro&szlig;en Mehrheit des Deutschen Bundestages &ndash; in unterschiedlichen Nuancierungen &ndash; auch vieles trennt. Es ist ein offenes Geheimnis, dass es die meisten &Uuml;berschneidungen mit den friedenspolitischen Positionen der Linken gibt. Trotzdem, das Gespr&auml;ch mit allen demokratischen Parteien ist unverzichtbar. Vielleicht ergeben sich ja auch in Zukunft in der einen oder anderen Frage mehr gemeinsame Handlungsm&ouml;glichkeiten. <a href=\"http:\/\/ialana.de\/files\/pdf\/arbeitsfelder\/atomwaffen\/NuB\/Appell_GDAMS_Deu_150413_lv.pdf\">Der Aufruf von Abgeordneten aus drei Parteien des Deutschen Bundestages zur Abr&uuml;stung [PDF &ndash; 172 KB]<\/a>, der von uns initiiert wurde, ist sicher ein gutes Beispiel f&uuml;r Kooperation.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die seit einem Jahr neu auflebende Friedensbewegung hat bisher keine Massenbasis gefunden. Das ist angesichts der neuen Konflikte mitten in Europa und der Kriegsgefahr und der Konjunktur des Milit&auml;rischen seltsam. Die Friedensbewegung selbst und noch mehr die Kritik an ihr sind schwer durchschaubar. Ich habe deshalb <strong>Reiner Braun<\/strong> gebeten, einige Fragen zum Thema zu beantworten.<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25743\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,35,170,209,123],"tags":[1152,2017,1120,1367],"class_list":["post-25743","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-audio-podcast","category-aufbau-gegenoeffentlichkeit","category-friedenspolitik","category-interviews","category-kampagnentarnworteneusprech","tag-basisdemokratie","tag-braun-reiner","tag-friedensbewegung","tag-ruestungsausgaben"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/25743","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=25743"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/25743\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":25746,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/25743\/revisions\/25746"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=25743"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=25743"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=25743"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}