{"id":25771,"date":"2015-04-20T09:53:13","date_gmt":"2015-04-20T07:53:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25771"},"modified":"2019-04-29T12:32:18","modified_gmt":"2019-04-29T10:32:18","slug":"newtopia-auf-sat-1-die-neoliberale-normalitaet-ist-der-skandal","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25771","title":{"rendered":"&#8220;Newtopia&#8221; auf Sat.1: Die neoliberale Normalit\u00e4t ist der Skandal"},"content":{"rendered":"<p>Die Sat.1-Sendung &ldquo;Newtopia&rdquo; will neue Ma&szlig;st&auml;be setzen: F&uuml;nfzehn Menschen zusammengeworfen, (fast) im Nirgendwo, ohne Regeln, ohne Hierarchien. Die Zuschauer sollen das Entstehen geradezu einer &ldquo;neuen Gesellschaft&rdquo; beobachten k&ouml;nnen. Ein Eingreifen von au&szlig;en werde es nicht geben. Vor etwa einer Woche aber wurde durch ein peinliches Versehen bekannt, dass die Produktionsfirma und der Sender dieses Versprechen nicht einhalten. Viele Zuschauer und Medien sprechen von einem Skandal &ndash; von &ldquo;Faketopia&rdquo;. Der eigentliche Skandal aber ist ein anderer: Durch Sendungen wie &ldquo;Newtopia&rdquo; wird subtil neoliberale Ideologie als normal und richtig vermittelt, wie <strong>Patrick Schreiner<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25771#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] im Folgenden beschreibt.<br>\n<!--more--><br>\n<em>Eine Gruppe von 15 verschiedenen Menschen, alle mit unterschiedlichen Vorstellungen von der idealen Gesellschaft, lassen ihr jetziges Leben hinter sich. Ein Jahr lang bauen diese mutigen Pioniere eine v&ouml;llig neue Existenz auf, an einem Ort, an dem es noch keine Regeln, keine Gesetze und keine Machtverh&auml;ltnisse gibt.<\/em><\/p><p>Was Sat.1 auf <a href=\"http:\/\/www.newtopia.de\/\">der Webseite zur Sendung<\/a> mit den voranstehenden, schw&uuml;lstigen Worten beschreibt, ist im Grunde recht simpel: 15 Kandidatinnen und Kandidaten, als &ldquo;Pioniere&rdquo; bezeichnet, wurden im Februar in eine einsame brandenburgische Scheune verfrachtet. Sie bleiben dort ein Jahr (wenn das &ldquo;Experiment&rdquo; nicht vorher abgebrochen werden sollte). Sie d&uuml;rfen zwar zeitlich beschr&auml;nkt Besuch empfangen, das Gel&auml;nde aber nicht verlassen. Als &ldquo;Startkapital&rdquo; bekommen sie neben 5000 Euro etwas Ackerland, einen See mit Fischen, zwei K&uuml;he sowie 15 H&uuml;hner. Au&szlig;erdem verf&uuml;gen sie &uuml;ber ein Handy mit einem einmaligen Startkapital von 25 Euro. Die &ldquo;Pioniere&rdquo; sollen fortan ihr Auskommen selbst erwirtschaften. Dabei werden sie von einer Vielzahl Kameras beobachtet. Die Bilder werden sowohl ins Internet &uuml;bertragen als auch in Form einer regelm&auml;&szlig;igen Zusammenfassung auf Sat.1 ausgestrahlt.<\/p><p>Nachdem die Sendung am 23. Februar unter halbwegs regem Publikumsinteresse gestartet war, gingen die Einschaltquoten seither rasch und stetig bergab. Dies d&uuml;rfte wohl der Grund daf&uuml;r gewesen sein, dass die Produktionsfirma Talpa Germany gegen&uuml;ber vier &ldquo;Pionieren&rdquo; in einem abgeschirmten Technikraum mehr Spannung einforderte und Vorschl&auml;ge f&uuml;r das weitere Vorgehen der Gruppe machte. Diese sollten unter anderem ihre K&uuml;he verkaufen und mit dem dadurch erl&ouml;sten Geld ein Restaurant er&ouml;ffnen. Ob es weitere solcher Einflussnahmen seitens der Produktionsfirma gab, ist unklar, Anl&auml;sse f&uuml;r einen solchen Verdacht gibt es aber durchaus (etwa wiederholte Unterbrechungen des Internet-Livestreams).<\/p><p>Dieser Bruch des werbewirksamen Versprechens, ein Eingreifen von au&szlig;en w&uuml;rde es nicht geben, blieb nicht unentdeckt: Die anderen &ldquo;Pioniere&rdquo; hatten das Gespr&auml;ch im Technikraum belauscht. Sie f&uuml;hlten sich &uuml;bergangen und zeigten sich &auml;u&szlig;erst aufgebracht. Dies bewog wiederum die &ldquo;Executive Producerin&rdquo; der Produktionsfirma dazu, in offenbar angetrunkenem Zustand mit einem Kasten Bier das Set aufzusuchen, um die &ldquo;Pioniere&rdquo; zu beruhigen. Diese Geschehnisse in der Nacht vom 12. auf den 13. April wurden &ouml;ffentlich bekannt, weil man vergessen hatte, die Kameras abzuschalten. <\/p><p>Das redaktionelle Eingreifen von au&szlig;en wurde anschlie&szlig;end weder von der Produktionsfirma noch von Sat.1 bestritten, man entschuldigte sich lediglich f&uuml;r den eigenm&auml;chtigen n&auml;chtlichen Auftritt der angetrunkenen Mitarbeiterin &ndash; und beurlaubte diese. Es ist Stefan Niggemeier sicherlich Recht zu geben, wenn er in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung &uuml;ber diesen Vorgang schreibt:<\/p><p><strong>Sch&ouml;n bl&ouml;d, wer dem Reality-Fernsehen seine Wirklichkeitsbeteuerungen glaubt.<\/strong><\/p><p>Tats&auml;chlich ist das redaktionelle Eingreifen von au&szlig;en als Reaktion auf nachlassendes Publikumsinteresse nicht wirklich verwunderlich. Dies gilt auch f&uuml;r die zur&uuml;ckgehenden Einschaltquoten selbst &ndash; denn anders, als Sat.1 seine Zuschauer glauben machen m&ouml;chte, ist das Konzept der Sendung keineswegs neu und keineswegs innovativ. Schon mindestens seit &ldquo;Big Brother&rdquo; (also seit dem Jahr 2000) ist es im deutschen Fernsehen gang und g&auml;be, eine gewisse Anzahl Menschen an einen festen Ort zu verfrachten und rund um die Uhr mit Kameras zu &uuml;berwachen. Und auch Castingshows wie &ldquo;Deutschland sucht den Superstar&rdquo; oder Reality-TV-Sendungen wie &ldquo;Ich bin ein Star &ndash; holt mich hier raus&rdquo;, &ldquo;Frauentausch&rdquo; und &ldquo;The biggest loser&rdquo; basieren darauf, dass Menschen &uuml;ber l&auml;ngere Zeitr&auml;ume beobachtet und gefilmt werden.<\/p><p>Das Problem solcher Sendungen: Das allermeiste von dem, was sie zeigen, ist schlicht g&auml;hnend langweilig. Es ist f&uuml;r das Publikum einfach nicht spannend, den Menschen beim Herumd&ouml;sen, beim Bejammern ihrer immer gleichen Probleme, beim Essen oder beim Erz&auml;hlen der immer gleichen schlechten Witze zuzusehen. Die Sender greifen deshalb auf verschiedenste Mittel zur&uuml;ck, um dem Ganzen Pepp zu geben: Sie erteilen Handlungsanweisungen von au&szlig;en, wie dies nun j&uuml;ngst bei &ldquo;Newtopia&rdquo; bekannt wurde. Sie sch&uuml;ren Konflikte zwischen den beteiligten Kandidaten. Sie w&auml;hlen als Kandidaten eine gewisse Anzahl &ldquo;schr&auml;ger Typen&rdquo; aus. Sie schaffen k&uuml;nstliche Konkurrenzen und Knappheiten (etwa bei Big Brother: &ldquo;Challenges und Matches&rdquo;). Sie setzen gezielt Pers&ouml;nlichkeiten (wie Dieter Bohlen) ein, die f&uuml;r deftige Beleidigungen immer gut sind. Sie qu&auml;len die Kandidaten k&ouml;rperlich und psychisch (und tarnen dies oft als &ldquo;Lernprozess&rdquo;). Sie provozieren sexuelle Gespr&auml;che oder &ndash; besser &ndash; Handlungen. Sie stellen Kandidaten aufgrund tats&auml;chlicher oder angeblicher Defizite blo&szlig;. Und: Die Geschichte solcher Sendungen ist immer auch die Geschichte von Regel&auml;nderungen, durch die die genannten Mechanismen ausgeweitet und best&auml;ndig angepasst werden.<\/p><p>Sieht man sich das Konzept von &ldquo;Newtopia&rdquo; an, so wird klar: Auch dort sind eine Reihe solcher Mittel eingebaut, die Spannung schaffen sollen. Der wohl wichtigste Mechanismus ist der regem&auml;&szlig;ige Austausch einzelner &ldquo;Pioniere&rdquo;, der nach derzeitigem Stand monatlich erfolgt: <\/p><ul>\n<li>Auf der Webseite der Sendung werden drei Bewerber um die zuk&uuml;nftige Teilnahme an &ldquo;Newtopia&rdquo; vorgestellt. Die Zuschauer w&auml;hlen zwei davon aus.<\/li>\n<li>Jeder der 15 Kandidaten verteilt drei Stimmen nach eigenem Ermessen auf die anderen Kandidaten, die Zuschauer vergeben als &ldquo;16. Pionier&rdquo; ebenfalls drei Stimmen. Die drei Kandidaten, die die meisten Stimmen erhalten, sind &ldquo;nominiert&rdquo;. Ihnen droht, durch einen der beiden neuen Bewerber ersetzt zu werden.<\/li>\n<li>Die zwei neuen Bewerber leben f&uuml;r vier Tage in der &ldquo;Newtopia&rdquo;-Scheune.<\/li>\n<li>Danach bestimmen die Kandidaten, welcher der zwei neuen Bewerber in der Sendung bleiben darf.<\/li>\n<li>Dieser neue Kandidat wiederum w&auml;hlt unter den drei &ldquo;nominierten&rdquo; alten Kandidaten denjenigen aus, der &ldquo;Newtopia&rdquo; verlassen muss.<\/li>\n<\/ul><p>Dies ist das aktuelle Verfahren, wobei zuk&uuml;nftige &Auml;nderungen nicht unwahrscheinlich sind. Insbesondere, wenn das Zuschauerinteresse niedrig bleibt, d&uuml;rften die Produktionsfirma und Sat.1 auch an der Stellschraube &ldquo;Austausch von Pionieren&rdquo; drehen. Eines aber wird mit Sicherheit bestehen bleiben: Die grunds&auml;tzliche M&ouml;glichkeit, Kandidaten rauszuwerfen. Denn nur durch sie kann die Sendung &uuml;berhaupt so etwas wie Spannung und Ver&auml;nderung bekommen.<\/p><p>Indem n&auml;mlich jeder &ldquo;Pionier&rdquo; bef&uuml;rchten muss, beim n&auml;chsten Austausch aus der Sendung gew&auml;hlt zu werden, entsteht pers&ouml;nliche Unsicherheit. Man muss sich st&auml;ndig bew&auml;hren und &ldquo;Leistung&rdquo; zeigen (was auch immer &ldquo;Leistung&rdquo; in einer solchen Situation sein soll). Zwischen den Kandidaten entsteht damit zugleich Konkurrenz: Sie alle sind gezwungen, stets &ldquo;besser&rdquo; bzw. beliebter als mindestens einer der anderen zu sein. In den Worten von Sat.1:<\/p><p><strong>Jeder Einzelne muss daher bis zum Ende sein Bestes geben, um sich seinen Platz zu sichern.<\/strong><\/p><p>&ldquo;Sein Bestes geben&rdquo; kann dabei vieles bedeuten: Die Gunst der Zuschauer erh&auml;lt ein Kandidat m&ouml;glicherweise durch gute Witze oder gruppenfreundliches Verhalten, vielleicht aber auch durch Provokationen und hei&szlig;e Sex-Szenen. Die Gunst einer ausreichenden Zahl seiner &ldquo;Mit-Pioniere&rdquo; erh&auml;lt man m&ouml;glicherweise durch Initiative und aktives Handeln, vielleicht aber auch durch Opportunismus und Intrigen. Wie auch immer: Die &ldquo;Pioniere&rdquo; sind gezwungen, Strategien zu entwickeln, um sich von anderen zu unterscheiden und sich gegen andere durchzusetzen.<\/p><p>Von den Kandidaten wird damit letztlich der f&uuml;r neoliberale Gesellschaften typische Dreischritt &ldquo;angemessenen&rdquo; individuellen Verhaltens erwartet: Sie sollen sich erstens permanent selbst <em>thematisieren<\/em>, also ihre eigene Situation, die eigenen St&auml;rken und Schw&auml;chen sowie die an sie gerichteten Anforderungen durchdenken. Sie sollen sich zweitens permanent selbst <em>optimieren<\/em>, also dieser Situation und diesen Anforderungen bestm&ouml;glich gerecht werden, die eigenen Schw&auml;chen ausmerzen und St&auml;rken ausbauen. Und sie sollen sich drittens schlie&szlig;lich permanent selbst <em>darstellen<\/em>, also daf&uuml;r sorgen, dass andere (Kandidaten und Zuschauer) von alldem auch etwas mitbekommen. <\/p><p>Die Kandidaten leben und zeigen diesen Dreischritt nicht nur in der Sendung, sondern ihnen ist auch schon vor Drehbeginn klar, was von ihnen erwartet wird. Auch aus dieser Perspektive ist &ldquo;Newtopia&rdquo; also schlicht eine Fortsetzung oder Kopie des Lebens in einer neoliberalen Gesellschaft. Dies zeigt sich etwa an den Steckbriefen, die Sat.1 zu jedem einzelnen &ldquo;Pionier&rdquo; auf der Homepage zur Sendung ver&ouml;ffentlicht. Einige Beispiele:<\/p><ul>\n<li>Gleich mehrfach bekunden Kandidaten, dass Regeln (auch) dazu da seien, gebrochen zu werden &ndash; wohl wissend, dass der neoliberale Kapitalismus geradezu verlangt, eigenst&auml;ndig und kreativ alte Pfade zu verlassen und neue Wege zu gehen. Entsprechend verk&uuml;ndet eine weitere Kandidatin, dass sie hoffe, mit Ihrer Kreativit&auml;t &ldquo;punkten zu k&ouml;nnen&rdquo;.<\/li>\n<li>An Selbstbewusstsein mangelt es den Kandidaten nicht. Einer verk&uuml;ndet: &ldquo;Ich bin ein Finanzgenie.&rdquo; Ein anderer: &bdquo;Ich bin das Atomkraftwerk, das alles am Laufen h&auml;lt.&ldquo; Ein weiterer: &ldquo;Ich bin ein Sexobjekt, ohne es zu wollen.&rdquo; Und ein Vierter: &ldquo;Ich bin meine eigene Droge und s&uuml;chtig nach mir!!&rdquo; Das &ldquo;ideale&rdquo; neoliberale Individuum ist ein selbstbewusstes Individuum.<\/li>\n<li>Ein Kandidat bekundet seinen Glauben an die unbegrenzten M&ouml;glichkeiten in &ldquo;Newtopia&rdquo; &ndash; was nicht zuf&auml;llig an den Glauben an die angeblich unbegrenzten M&ouml;glichkeiten jedes Menschen im Kapitalismus erinnert: &ldquo;Es gibt &lsquo;nur&rsquo; zwei Dinge, die mir fehlen werden: mein soziales Umfeld und meine Freiheit zu reisen, wann und wohin ich m&ouml;chte. Alles andere k&ouml;nnen wir in Newtopia selbst erschaffen!&rdquo; (Was zugegebenerma&szlig;en nicht &uuml;berrascht, h&auml;lt der Kandidat doch den Kapitalismus explizit f&uuml;r die ideale Gesellschaftsform.)<\/li>\n<li>In &auml;hnlicher Weise verk&uuml;ndet eine Kandidatin: &ldquo;Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg!&rdquo; Und eine andere will vermitteln, dass alles m&ouml;glich sei, &ldquo;wenn man an sich glaubt und authentisch bleibt.&rdquo; <\/li>\n<li>Die Biografien mehrerer Kandidaten werden als Biografien von Menschen erz&auml;hlt, die Hindernisse &uuml;berwunden und Krisen gemeistert haben. Hier werden Menschen vorgestellt, die aus eigener Kraft wieder nach oben gekommen seien. Es werden &ldquo;ideale&rdquo; neoliberale Vorbilder konstruiert. Welche Rolle die solidarische Unterst&uuml;tzung durch Dritte in diesen Biografien gespielt hat, welchen Anteil sozialstaatliche Leistungen dabei hatten &ndash; man erf&auml;hrt es nicht (zwar wird Hartz IV bisweilen erw&auml;hnt, aber lediglich als Symbol und Synonym f&uuml;r &ldquo;ganz unten&rdquo;).<\/li>\n<li>Von Solidarit&auml;t h&auml;lt vermutlich auch jener Kandidat wenig, der ein Friedrich-Nietzsche-Zitat als sein Lebensmotto nennt: &ldquo;Wir leben in einem System, in dem man entweder Rad sein muss oder unter die R&auml;der ger&auml;t.&rdquo; &Auml;hnlich auch ein weiterer Kandidat: &ldquo;Lebe dein Leben und schei&szlig; drauf, was die anderen sagen!&rdquo;<\/li>\n<\/ul><p>Sendungen wie &ldquo;Newtopia&rdquo; f&uuml;hren dem Publikum neoliberale Denkmuster und Verhaltensweisen als normal und angemessen vor. Es sind Denkmuster und Verhaltensweisen, die im Zeitalter des Neoliberalismus von jedem und jeder erwartet werden: Bew&auml;hre dich, thematisiere dich, optimiere dich und zeige dies den anderen. Sei von dir &uuml;berzeugt, diszipliniere dich, nimm die Herausforderungen des Marktes an. Das menschliche Leben wird im Neoliberalismus genauso wie in &ldquo;Newtopia&rdquo; zu einer Abfolge von Handlungen, die dem Erhalt und der Verbesserung des eigenen sozialen Status dienen sollen. Die menschliche Biografie wird zu einer Art unternehmerischem Projekt. Und wer bei alldem versagt, gilt als selbst schuld &ndash; h&auml;tte er sich doch einfach intensiver thematisieren, radikaler optimieren und besser darstellen sollen.<\/p><p>&ldquo;Newtopia&rdquo; bildet damit eine Art Mikrokosmos neoliberaler Gesellschaften. Die &ldquo;Pioniere&rdquo; k&ouml;nnen nicht anders als genau so handeln wie oben beschrieben. Damit trifft einmal mehr nicht zu, was Sat.1 behauptet: Weder zeigt &ldquo;Newtopia&rdquo; zu irgendeinem Zeitpunkt eine Gesellschaft ohne Regeln, noch sind die Kandidaten in ihrem Handeln frei und unabh&auml;ngig. Auch k&ouml;nnen sie in ihrem Miteinander keine eigenst&auml;ndige Moral entwickeln. Selbst, wenn es tats&auml;chlich kein Eingreifen durch die Produktionsfirma g&auml;be, w&auml;ren die &ldquo;Pioniere&rdquo; nicht autonom.<\/p><p>Dass die Kandidaten ihren Lebensunterhalt sichern m&uuml;ssen, indem sie Waren oder Dienstleistungen produzieren und am kapitalistischen Markt verkaufen, vervollst&auml;ndigt dieses Bild. Sie f&uuml;hren damit nicht nur ein unternehmerisches Leben, sondern sind faktisch selbst Unternehmer. Diese Einbindung in die herrschenden wirtschaftlichen Verh&auml;ltnisse zeigt einmal mehr, dass &ldquo;Newtopia&rdquo; mit einer Robinsonade rein gar nichts zu tun hat. Erz&auml;hlt wird stattdessen einmal mehr das altbekannte M&auml;rchen vom Erfolg, der jenen winke, die ihn wirklich wollen &ndash; und das M&auml;rchen vom Aufstieg aus dem Nichts, das der eigenen Anstrengung zu verdanken sei.<\/p><p>&ldquo;Newtopia&rdquo; ist bei Weitem nicht die einzige Sendung, die in der beschriebenen oder einer &auml;hnlichen Weise neoliberale Ideologie vermittelt. Ganz im Gegenteil ist insbesondere das Privatfernsehen geradezu &uuml;bervoll von solchen &ldquo;Unterhaltungsangeboten&rdquo;. Doch sollte der aktuelle &ldquo;Skandal&rdquo; um die Sendung vielleicht ein guter Anlass sein, sich diesen Umstand einmal mehr bewusst zu machen. Und vielleicht w&auml;re er auch ein guter Anlass, &uuml;ber die Sinnhaftigkeit von Privatfernsehen grunds&auml;tzlich nachzudenken. Denn sicher ist: Man kann sich pers&ouml;nlich und individuell diesen Sendungen entziehen, indem man sie schlicht nicht einschaltet. Das Problem ihrer gef&auml;hrlichen gesellschaftspolitischen Wirksamkeit aber beseitigt man damit nicht.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Der Autor hat j&uuml;ngst ein Buch &uuml;ber die subtile Vermittlung neoliberaler Ideologie im allt&auml;glichen Leben ver&ouml;ffentlicht und sich darin unter anderem mit Stars, Sport, Konsum, Ratgeberliteratur und einschl&auml;gigen TV-Sendungen befasst: Patrick Schreiner, &ldquo;<a href=\"http:\/\/www.annotazioni.de\/unterwerfung-als-freiheit\">Unterwerfung als Freiheit. Leben im Neoliberalismus<\/a>&ldquo;, erschienen im PapyRossa-Verlag.<\/p>\n<\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/f8e630d3d96c4f56b24877902b5a4de3\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Sat.1-Sendung &ldquo;Newtopia&rdquo; will neue Ma&szlig;st&auml;be setzen: F&uuml;nfzehn Menschen zusammengeworfen, (fast) im Nirgendwo, ohne Regeln, ohne Hierarchien. Die Zuschauer sollen das Entstehen geradezu einer &ldquo;neuen Gesellschaft&rdquo; beobachten k&ouml;nnen. Ein Eingreifen von au&szlig;en werde es nicht geben. 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