{"id":25783,"date":"2015-04-21T08:41:59","date_gmt":"2015-04-21T06:41:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25783"},"modified":"2019-01-30T10:27:50","modified_gmt":"2019-01-30T09:27:50","slug":"die-verwanzung-der-kinderzimmer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25783","title":{"rendered":"Die Verwanzung der Kinderzimmer"},"content":{"rendered":"<p>Die Digitalisierung des Lebens schreitet voran und bringt st&auml;ndig neue &Uuml;berwachungstechniken hervor. &Uuml;ber das Spielzeug dringen diese nun bis in die Kinderzimmer vor und sammeln Daten &uuml;ber die W&uuml;nsche und Sehns&uuml;chte der Kleinsten. Erste Eindr&uuml;cke von <strong>G&ouml;tz Eisenberg<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nDie <em>Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung<\/em> berichtet am 29. M&auml;rz 2015 unter der &Uuml;berschrift &bdquo;Das gl&auml;serne Kind&ldquo; &uuml;ber die Entwicklung einer neuen Barbie-Puppe, die zu Weihnachten auf den Markt kommen soll. &bdquo;Hello Barbie&ldquo; hei&szlig;t die Puppe und sie fragt die Kinder mit glockenheller Stimme zum Beispiel: Was ist dein Lieblingsessen? Sie kann aber auch zuh&ouml;ren und antworten. Wenn ein kleines M&auml;dchen etwa zu ihr sagt: &bdquo;Was soll ich mal werden, wenn ich gro&szlig; bin?&ldquo;, sagt die Puppe: &bdquo;Vielleicht T&auml;nzerin?&ldquo; Die Puppe speichert die Fragen und Antworten der Kinder und schickt die Sounddatei automatisch per W-Lan an die Server der Herstellerfirma, die sie an Drittanbieter weitergibt. Auch die Eltern haben Zugriff auf die gesammelten Daten und k&ouml;nnen sich ein Bild davon machen, was ihre Kinder bewegt und mit was sie sich besch&auml;ftigen. <\/p><p>Barbie ist nicht allein bei der Verwanzung der Kinderzimmer und beim Sammeln von Daten &uuml;ber die Kleinsten. Ihr zur Seite steht ein kleiner Dinosaurier namens &bdquo;Cognitoy&ldquo;. Der Dino steigert &bdquo;im Gespr&auml;ch&ldquo; mit den Kindern peu &agrave; peu die semantischen Anforderungen und &uuml;berwacht ihre Fortschritte.<br>\nImmer mehr Ger&auml;te nehmen den Eltern den Umgang mit dem Kind ab. Die Ger&auml;te haben einfach mehr Zeit. Bislang redeten die Eltern selbst mit ihren Kindern, aber das, so res&uuml;miert die FAZ, scheint ein altmodischer Ansatz. Immer mehr Kuscheltiere und Spielzeuge werden mit GPS-Chips ausgestattet, die eine st&auml;ndige Ortung der Kleinen erlauben. Die Kinder werden von klein auf daran gew&ouml;hnt, dass sie &uuml;berwacht werden und dass diese &Uuml;berwachung zu ihrem Besten vorgenommen wird. Auch die Smartphones und Handys, mit denen die Kleinen fr&uuml;h ausgestattet werden, fungieren als elektronische Fu&szlig;fessel, mit deren Hilfe Eltern ihre Kinder &uuml;berwachen. 20 Prozent der Sechs- bis Siebenj&auml;hrigen besitzen ein eigenes Smartphone, bei den Zehn- bis Elfj&auml;hrigen sind es bereits 57 Prozent. Wie soll sich auf der Basis solcher Kindheiten Widerstand gegen das universale Aussp&auml;hen und Datensammeln regen?<\/p><p>Welche psychischen Strukturen bilden sich auf der Grundlage der Ger&auml;tesozialisation aus? Was bedeutet die Ger&auml;tesozialisation f&uuml;r den Selbst- und Weltbezug der Kinder und Heranwachsenden? Wie und woran soll sich ihr Selbstgef&uuml;hl erw&auml;rmen? K&ouml;nnen wertsch&auml;tzende Eltern durch einen Apparat ersetzt werden, der nach dem erfolgreichen L&ouml;sen einer R&auml;tselaufgabe das Kind mit blecherner Stimme &uuml;berschw&auml;nglich lobt? <\/p><p>Der amerikanische Psychologe Harlow hat in seinen Experimenten mit Rhesus&auml;ffchen schon vor Jahrzehnten nachgewiesen, dass Affen, die von Ersatzm&uuml;ttern aus Draht ern&auml;hrt wurden, schwere psychische Sch&auml;digungen davontrugen und in ihrem Sozialverhalten stark beeintr&auml;chtigt waren.&nbsp;<br>\n&ldquo;Aber nur der lernt zu lieben, der geliebt wurde&rdquo;, schreibt Peter Br&uuml;ckner, &ldquo;und nur der vermag mit anderen Lust zu empfinden, der selbst einst Lust fand. Sogar Rhesus-Affen verk&uuml;mmern, wenn sie in emotionsloser, steriler Umgebung an Draht-M&uuml;ttern aufgezogen werden und ihre Kindheit ohne Mutteraffen verbringen, also ohne die Vielfalt sinnlicher Kontakte mit einem fellwarmen, antwortenden, kommunizierenden Wesen der eigenen Gattung. Weibliche Affen, unter M&uuml;hen fast kommunikationslos aufgezogen, werden zwar biologisch, k&ouml;rperlich geschlechtsreif, aber sie verstehen nicht, was ein m&auml;nnlicher Affe will, der sich ihnen sexuell n&auml;hert, sie empfinden nichts, und wenn es dem Partner doch gelingt, sie zu schw&auml;ngern, wiederholt sich die Verst&auml;ndnislosigkeit gegen&uuml;ber den eigenen Neugeborenen. Klammern die sich reflexartig an das Fell der emotional und sinnlich verk&uuml;mmerten Mutter, so streift diese die Jungtiere von sich ab wie ein St&uuml;ck Laub oder Holz, das sich im Fell verf&auml;ngt und l&auml;stig wird.&rdquo; (Sch&uuml;lerliebe, Hamburg 1971, S. 100) <\/p><p>Ashley Montagu erg&auml;nzt diesen Bericht &uuml;ber die Harlowsche Versuchsreihe durch den Hinweis, dass die emotional unterern&auml;hrten Affenm&uuml;tter ihre Jungen gelegentlich sogar grob misshandelten. (K&ouml;rperkontakt, Stuttgart 1974, S. 29ff) W&uuml;rde eine solche Gleichg&uuml;ltigkeit sich der menschlichen Mutter(Eltern)-Kind-Beziehung bem&auml;chtigen, w&auml;ren durch und durch kalte, kontaktgest&ouml;rte, in ihrer Lern- und Erfahrungsf&auml;higkeit besch&auml;digte Kinder die Folge, die, weil man mit ihnen nie mitgef&uuml;hlt hat, mit niemandem mitzuf&uuml;hlen imstande w&auml;ren. Ihr schwach entwickeltes Selbstgef&uuml;hl h&auml;tte sich nur an erfahrener elterlicher Zuwendung erw&auml;rmen k&ouml;nnen. Denkt man an die Berichte &uuml;ber das, was Sch&uuml;ler sich heute auf Schulh&ouml;fen und via soziale Netzwerke untereinander antun, k&ouml;nnte man meinen, dass diese Horrorvision bereits Wirklichkeit ist.  <\/p><p>Die gesellschaftliche Produktion von Psychopathen nimmt Formen an und bildet ein neues Kindheitsmuster aus, das dem System des flexiblen Kapitalismus entspricht.<\/p><p>Kein Wunder, dass immer mehr Menschen bei der Partnersuche auf Dating-Apps zur&uuml;ckgreifen und analoge Formen der Anmache und des Flirts sich auf dem R&uuml;ckzug befinden. Es gibt einige Dating-Apps, aber <em>Tinder<\/em> ist die bekannteste von ihnen. Allein in Deutschland nutzen sie bereits zwei Millionen Menschen. Das Programm kann kostenlos runtergeladen werden, die Anmeldung funktioniert nur mit einem <em>Facebook<\/em>-Profil. Aus diesem zieht sich <em>Tinder<\/em> die Daten: f&uuml;nf Profilbilder, Freundesliste, Gef&auml;llt-mir-Angaben, Alter, Geschlecht. Via GPS sucht das Programm nach passenden Kandidaten in der Umgebung. So simpel das System, so simpel die Spielregeln. Nach links wischen hei&szlig;t &bdquo;Nein Danke, verschwinde, weg mit dir ins digitale Nirwana.&ldquo; Nach rechts wischen bedeutet &bdquo;Ja, kann was werden, ab in den Warenkorb.&ldquo; Das Praktische daran: Ist man nicht erw&uuml;nscht, gibt es auch keine Benachrichtigung. Wenn sich zwei Nutzer aber gegenseitig nach rechts wischen, ergibt das ein sogenanntes <em>Match<\/em> &ndash; und nur dann kann man miteinander chatten. <\/p><p>Diese Form der Beziehungsanbahnung schafft die Furcht vor Zur&uuml;ckweisung ab, sagt der <em>Tinder<\/em>-Erfinder Sean Rad. Dating-Apps bieten eine Art von Versicherung gegen Ablehnung. Bei Amazon einkaufen, bei <em>Tinder<\/em> einen Partner suchen. So l&auml;uft das heute. Warum sollte eine Gesellschaft, die alles und jedes in eine Ware verwandelt, vor der Intimsph&auml;re halt machen? Die Mentalit&auml;t des Tausches und der Austauschbarkeit findet die ihr gem&auml;&szlig;e Technik. Und <em>Big Brother<\/em> ist nat&uuml;rlich bei diesen Treffen immer mit von der Partie, aber die Leute haben ja, wie sie beteuern, &bdquo;nichts zu verbergen&ldquo;. <\/p><p>Leute, die nichts zu verbergen haben, tun mir leid.<br>\nSch&ouml;ne neue Welt! Das Bemerkenswerteste an der sch&ouml;nen, neuen digitalen Welt ist, dass sie es fertig bringt, dass man in der H&ouml;lle lebt und diese H&ouml;lle gleichzeitig f&uuml;r den Himmel h&auml;lt. Die Leute erleben ihre Totalerfassung und &ndash;kontrolle als intimste ihrer Leidenschaften. Die Leute stehen Schlange, um ihren Kopf freiwillig unter die Guillotine zu legen, wie es in Dave Eggers Roman <em>Der Circle<\/em> hei&szlig;t.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>Im Verlag Brandes &amp; Apsel ist gerade G&ouml;tz Eisenbergs neues Buch <em>Zwischen Amok und Alzheimer. Zur Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus<\/em> erschienen.<\/p><p>Siehe dazu die <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25005\">Rezension von Joke Frerichs auf den NachDenkSeiten<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Digitalisierung des Lebens schreitet voran und bringt st&auml;ndig neue &Uuml;berwachungstechniken hervor. &Uuml;ber das Spielzeug dringen diese nun bis in die Kinderzimmer vor und sammeln Daten &uuml;ber die W&uuml;nsche und Sehns&uuml;chte der Kleinsten. 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