{"id":2592,"date":"2007-08-28T09:00:21","date_gmt":"2007-08-28T07:00:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2592"},"modified":"2015-12-28T11:01:00","modified_gmt":"2015-12-28T10:01:00","slug":"ein-weiterer-beleg-fuer-die-oede-an-der-spd-spitze","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2592","title":{"rendered":"Ein weiterer Beleg f\u00fcr die \u00d6de an der SPD-Spitze"},"content":{"rendered":"<p>Zwei der vom SPD-Vorsitzenden Beck ausersehenen Stellvertreter f&uuml;r den Parteivorsitz, Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbr&uuml;ck, haben zusammen mit dem brandenburgischen Ministerpr&auml;sidenten Matthias Platzeck ein Buch zur Zukunft der SPD herausgegeben. Der Titel: &bdquo;Auf der H&ouml;he der Zeit&ldquo;. Die drei Herausgeber haben ein Vorwort geschrieben, dessen gek&uuml;rzte Version in der S&uuml;ddeutschen Zeitung gerade erschienen ist. <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/deutschland\/artikel\/4\/129781\/2\/print.html\">Dies<\/a> zu lesen lohnt sich nur, wenn man erfahren will, auf welch niedrigem Niveau die k&uuml;nftige SPD-Spitze angekommen ist, mit welchen Tricks sie arbeiten und was zumindest aus der Sicht der drei Herausgeber die Strategie f&uuml;r die kommenden Jahre sein soll.<br>\nSie werden bei der Lekt&uuml;re auf sonderbare Erscheinungen sto&szlig;en: Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><\/p><ol>\n<li>In dem gesamten Text gibt es keine einzige Verkn&uuml;pfung der wortreich vorgetragenen Zukunftsvorstellungen und Lobeshymnen auf die eigene bisherige Politik, mit einer praktischen politischen Tat, einer Ma&szlig;nahme, einem Gesetz, einem durchgesetzten oder einem beabsichtigten &ndash; nichts, nichts wird belegt, nur behauptet und proklamiert.<br>\nSie fordern die &bdquo;zeitgem&auml;&szlig;e Erneuerung der sozialen Demokratie f&uuml;r unsere Zeit&ldquo;, aber sagen nicht einmal andeutungsweise, was dies praktisch hei&szlig;t: War Hartz IV eine solche zeitgem&auml;&szlig;e Erneuerung? Hat dies dem &bdquo;sozialen Zusammenhalt&ldquo; gedient? &bdquo;Zusammenhalt&ldquo;, &bdquo;Demokratie&ldquo; und &bdquo;wirtschaftliche Dynamik&ldquo; sind nach Meinung der Autoren die drei Wesenselemente der sozialen Demokratie. &ndash; Dient die Steuerbefreiung der Heuschrecken der marktwirtschaftlichen Dynamik? Sie dient dem Ausverkauf deutscher Unternehmen. &ndash; Einer der Autoren, Steinbr&uuml;ck, will den Anteil der teilprivatisierten &ouml;ffentlichen Unternehmen nach dem Schema &Ouml;PP an den &ouml;ffentlichen Investitionen &auml;hnlich wie in Gro&szlig;britannien auf 15% erh&ouml;hen. Sie lassen zu, dass das &ouml;ffentliche Unternehmen Deutsche Bahn an der B&ouml;rse teil-verscherbelt wird. Soll das der Demokratie dienen? &ndash; Dient die Senkung der Unternehmenssteuern und die gleichzeitige Erh&ouml;hung der Mehrwertsteuer dem sozialen Zusammenhalt? Wir h&auml;tten ja gerne gewusst, wie die netten Formeln der Herausgeber sachlich unterf&uuml;ttert werden. Sie lassen uns das nicht wissen. &ndash; Sind die Milliarden-Subventionen f&uuml;r die Privatisierung der Altersvorsorge Symbole der dynamischen Marktwirtschaft? &ndash; Soll die F&ouml;rderung von Minijobs und prek&auml;ren Arbeitsverh&auml;ltnissen dem Zusammenhalt dienen? &ndash;<br>\nWarum scheuen die Herausgeber jegliche Konkretisierung ihrer Formeln. Vermutlich weil sie hohl sind, Luftblasen. &ndash; Was ist denn die &bdquo;zeitgem&auml;&szlig;e Erneuerung der sozialen Demokratie&ldquo;? Wir w&uuml;rden das gerne konkret wissen.<\/li>\n<li>Die Herausgeber haben offensichtlich wenig Ahnung von der j&uuml;ngeren Wirtschafts- und Sozialgeschichte, sie biegen sie zurecht, wie es gerade passt, und sie &uuml;bernehmen g&auml;ngige Klischees.<br>\nVon Dahrendorf &uuml;bernehmen sie das Klischee vom 20. Jahrhundert als dem &bdquo;sozialdemokratischen Jahrhundert&ldquo;. Ohne Zweifel waren die Arbeitnehmereinkommen in den 60er und 70er des 20. Jahrhunderts mehr gestiegen als heute. Und die soziale Sicherheit war ein anerkanntes Ziel und auch ein St&uuml;ck weit realisiert. Aber die Einkommens- und Verm&ouml;gensunterschiede sind auch damals beachtlich gewesen, die Schere hat sich nicht nachhaltig geschlossen. Jedenfalls ist Dahrendorfs Behauptung weit &uuml;bertrieben. Was er mit seinem Etikett f&uuml;r das 20. Jahrhundert und was andere mit der gezielt falschen Behauptung, die Union sei heute &bdquo;sozialdemokratisiert&ldquo;, erreichen wollen, liegt auf der Hand: So kann es nicht weitergehen, es gibt genug soziale Demokratie, es muss zur&uuml;ckgedreht werden. &ndash; Die Vertreter der neuen SPD-Spitze durchschauen nicht einmal diesen Trick. Sie fallen darauf herein und verst&auml;rken ihn.\n<p>Wie wenig die Herausgeber von der j&uuml;ngeren Geschichte wissen &ndash; oder wie sehr sie sich an Klischees orientieren &ndash; wird sichtbar, wenn sie behaupten, wir seien in der zweiten H&auml;lfte des 20. Jahrhunderts eine national begrenzte Industriegesellschaft gewesen. Das stimmt einfach nicht. Wir waren auch schon in den f&uuml;nfziger und sechziger und siebziger Jahren eng mit anderen Volkswirtschaften verbunden.<br>\nHier wird wie &uuml;blich eine Z&auml;sur der Geschichte konstruiert, deren Elemente die angeblich neue Globalisierung, das Ende des angeblichen Nationalstaats und die so genannte &bdquo;Demographie&ldquo; sind. &Uuml;brigens: Den demographischen Wandel einfach &bdquo;Demographie&ldquo; zu nennen, zeigt auch, wie schlampig die Herausgeber formulieren.<br>\nSie schreiben von einem &bdquo;Zeitalter des Wissens&ldquo;, ohne angesichts des bedrohlichen Niedergangs des Wissens und der Bildung breiter Kreises auch nur Zweifel zuzulassen.<\/p><\/li>\n<li>Schon fast am&uuml;sant und kabarettreif ist die Behauptung, &bdquo;in der heutigen Globalisierungsdebatte&ldquo; st&uuml;nden sich &bdquo;prinzipiell wieder dieselben Gruppen unvers&ouml;hnlich gegen&uuml;ber, die schon vor einem Jahrhundert &uuml;ber die Zukunftsperspektiven des Kapitalismus stritten: hier die liberalen Verfechter ungez&uuml;gelter M&auml;rkte, dort die orthodoxen Linken alter Schule, denen M&auml;rkte per se mindestens verd&auml;chtig sind.&ldquo; &ndash; Diese sozialdemokratische Spitze hat offenbar noch nicht einmal gemerkt, warum die neue Partei Die Linke ihnen so gef&auml;hrlich werden wird: weil dort n&auml;mlich &ndash; jedenfalls wohl von der Mehrheit der f&uuml;hrenden Personen &ndash; genau jene soziale Demokratie konkret eingefordert wird, die von der SPD-Spitze seit Schr&ouml;der aufgegeben worden ist. Wenn diese SPD-Spitze in der heutigen Zeit ihre Schlacht gegen &bdquo;orthodoxe Linke&ldquo; schlagen will, dann muss sie den Gegner mit der Lupe suchen. Denn im Kern geht es nur bei wenigen um das, was man &bdquo;orthodoxe Linke&ldquo; nennen k&ouml;nnte, stattdessen geht es doch darum, wie und welche Korrekturen am Marktgeschehen man heute machen muss, um die Marktperformance zu optimieren. Die nun wirklich nicht neue aber dennoch richtige Debatte um Marktversagen und dar&uuml;ber, welche Rahmensetzung man treffen muss, um ein gesellschaftlich optimales Ergebnis zu erreichen, ist an diesen drei Autoren offenbar spurlos vorbeigegangen.<\/li>\n<li>Sie verwickeln sich beim Umgang mit der eigenen Geschichte in Widerspr&uuml;che, ohne dies zu merken. Einerseits feiern sie die siebziger Jahre als den Kernabschnitt des sozialdemokratischen Jahrhunderts, andererseits polemisieren sie &ndash; wie das heute in ihren Kreisen &uuml;blich ist &ndash; gegen die politischen Inhalte und vor allem gegen die wirtschaftspolitischen Instrumente jener Epoche. Sie behaupten einfach, was damals gewesen sei, sei heute nicht mehr zeitgem&auml;&szlig;. Auch hierf&uuml;r kein einziger Beleg.<\/li>\n<li>Nat&uuml;rlich liefern die Autoren auch keinen Beleg f&uuml;r ihre Behauptung, mit Schr&ouml;ders Agenda 2010 und den Arbeitsmarktreformen sei die Grundlage f&uuml;r Hunderttausende neuer Arbeitspl&auml;tze geschaffen wurden.<br>\nSie loben sich wegen der &bdquo;Stabilisierung der &ouml;ffentlichen Haushalte&ldquo; und sehen nicht die Folgen: den Niedergang &ouml;ffentlicher Leistungen und der Infrastruktur.<\/li>\n<li>Irgendwie s&uuml;&szlig; ist ihre Behauptung, es g&auml;be den m&auml;chtigen neoliberalen &bdquo;Mainstream&ldquo; innerhalb der deutschen und europ&auml;ischen Gesellschaft nicht. Wenn man das liest und mit den t&auml;glichen Erfahrungen vergleicht &ndash; stagnierende L&ouml;hne, explodierende Managergeh&auml;lter; Privatisierung und Kommerzialisierung aller Lebensbereiche; Abbau sozialstaatlicher Regelungen; Erh&ouml;hung der Steuern f&uuml;r das normale Volk und Senkung der Steuern f&uuml;r die gro&szlig;en Einkommen &ndash; dann begreift man die Chuzpe nicht, mit der eine solche Behauptung aufgestellt wird. Aber diese Behauptung ist durchaus verst&auml;ndlich vor dem Hintergrund, dass diese Autoren die beschriebenen Erscheinungen nicht f&uuml;r neoliberal, sondern f&uuml;r &bdquo;eine zeitgem&auml;&szlig;e Erneuerung unseres Wirtschafts- und Sozialmodells halten&ldquo;, sozusagen f&uuml;r die moderne Art der sozialen Demokratie, des Leitbilds der Autoren.<\/li>\n<li>Und dann die g&auml;ngige Praxis, einen Popanz aufzubauen und draufzuschlagen. Bestes Beispiel ist die Hauptidee des neuen sozialdemokratischen Grundsatzprogramm: der &bdquo;vorsorgende Sozialstaat&ldquo; statt des &bdquo;&uuml;berkommenen Sozialstaats&ldquo;. Ich kann an dieser Stelle nur wiederholen, <a href=\"?p=2449\">was ich als Kommentar zu einem Beitrag von Kurt Beck in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung geschrieben habe<\/a>:<br>\n<blockquote><p>Soll dieses &bdquo;Markenzeichen&ldquo; des neuen Grundsatzprogramms eine Idee sein? Mich hat &uuml;berrascht, dass auch Beck dieses Konstrukt nutzt. Die Formel vom &bdquo;vorsorgenden Sozialstaat&ldquo; ist ein Konstrukt ohne Realit&auml;tsgehalt &hellip;. Bisherige sozialdemokratische Sozial- und Gesellschaftspolitik war &uuml;ber weite Strecken schon vorsorgend und nicht nur f&uuml;rsorgend. Zur Erinnerung: Ist die 1975 von der SPD erreichte Einf&uuml;hrung des gleichen Kindergeldes statt der ungerechten Steuerfreibetr&auml;ge ein Akt der F&uuml;rsorge gewesen? Sie hat die Familien finanziell fairer ausgestattet, um Kinder zu ern&auml;hren und gro&szlig;zuziehen. &ndash; Waren die Investitionen der SPD-gef&uuml;hrten Regierungen in Bund und L&auml;ndern in den Hochschulbau und die &Ouml;ffnung der Bildung f&uuml;r die Kinder von Arbeitnehmerfamilien &bdquo;f&uuml;rsorgende&ldquo; Akte? Waren die 1972 eingef&uuml;hrte flexible Altersgrenze oder die in der gro&szlig;en Koalition 1968 eingef&uuml;hrte Lohnfortzahlung im Krankheitsfall auch f&uuml;r Arbeiter (und nicht nur f&uuml;r Angestellte) Akte der F&uuml;rsorge? Waren das Abwasserabgabengesetzes und die Gr&uuml;ndung des Bundesumweltamtes und die vielen anderen, in der Zeit der Regierung Brandt begonnenen, umweltpolitischen Ma&szlig;nahmen Akte der F&uuml;rsorge oder der Vorsorge? Wer als Sozialdemokrat das Konstrukt vom &raquo;vorsorgenden Sozialstaat&laquo; f&uuml;r die eigene Grundsatzprogrammdebatte aufrechterh&auml;lt, der meint es nicht gut mit der SPD.<\/p><\/blockquote>\n<\/li>\n<li>Zum vorsorgenden Staat w&uuml;rde eine gute Makropolitik, also eine gute Konjunkturpolitik zum Ausgleich konjunktureller Schwankungen geh&ouml;ren. Aber dazu f&auml;llt den Autoren nichts ein. Diese wichtigen bis wichtigsten Akte der Vorsorge zur Sicherung von Arbeitspl&auml;tzen kommen in der Welt dieser SPD-Spitze nicht einmal vor. Deshalb reden sie in ihrem Vorwort von &bdquo;kr&auml;ftigem Wirtschaftswachstum&ldquo;, obwohl die Daten bei weitem kein &bdquo;kr&auml;ftiges&ldquo; Wachstum signalisieren und der Konsum schon wieder stagniert.<\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwei der vom SPD-Vorsitzenden Beck ausersehenen Stellvertreter f&uuml;r den Parteivorsitz, Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbr&uuml;ck, haben zusammen mit dem brandenburgischen Ministerpr&auml;sidenten Matthias Platzeck ein Buch zur Zukunft der SPD herausgegeben. Der Titel: &bdquo;Auf der H&ouml;he der Zeit&ldquo;. Die drei Herausgeber haben ein Vorwort geschrieben, dessen gek&uuml;rzte Version in der S&uuml;ddeutschen Zeitung gerade erschienen ist. <a<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2592\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[144,191,11],"tags":[268,1723,273,312,253,252,278],"class_list":["post-2592","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-private-public-partnership","category-spd","category-strategien-der-meinungsmache","tag-deutsche-bahn","tag-platzeck-matthias","tag-privatvorsorge","tag-reformpolitik","tag-steinbrueck-peer","tag-steinmeier-frank-walter","tag-steuersenkungen"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2592","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2592"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2592\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":29754,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2592\/revisions\/29754"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2592"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2592"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2592"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}