{"id":260,"date":"2005-08-08T14:15:09","date_gmt":"2005-08-08T13:15:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=260"},"modified":"2016-03-06T11:04:00","modified_gmt":"2016-03-06T10:04:00","slug":"memo-karlsruhe-berat-uber-ein-phantom","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=260","title":{"rendered":"Memo &#8211; Karlsruhe ber\u00e4t \u00fcber ein Phantom"},"content":{"rendered":"<p>N&auml;chste Woche ber&auml;t der Zweite Senat des Bundesverfassungsgerichtes &uuml;ber die Klagen gegen die Entscheidung des Bundespr&auml;sidenten zur Aufl&ouml;sung des Deutschen Bundestages. Das wird ein spannender Vorgang, denn bei einer der Hauptbegr&uuml;ndungen f&uuml;r Neuwahlen haben wir es mit einem Phantom zu tun. Mehr und mehr Beobachter glauben, Blockaden seien schuld an unserem wirtschaftlichen Desaster. Der Bundespr&auml;sident hat diese Einsch&auml;tzung in besonderer Weise bef&ouml;rdert, als er in seiner Begr&uuml;ndung f&uuml;r die Aufl&ouml;sung des Bundestags davon sprach, die f&ouml;derale Ordnung sei &uuml;berholt.<br>\n<!--more--><br>\nEr hat damit die schon vom SPD-Vorsitzenden M&uuml;ntefering am Abend der NRW-Wahl ins Spiel gebrachte Begr&uuml;ndung f&uuml;r das Neuwahlbegehren festgezurrt: es gebe ein strukturelles Patt zwischen Bundestag und Bundesrat, das von den W&auml;hlerinnen und W&auml;hlern gekl&auml;rt werden m&uuml;sse. Auch der Bundeskanzler beklagte die schwierige Blockadesituation durch die Unionsl&auml;nder im Bundesrat. Das ist der Grundtenor eines Strangs der Argumentation, die wir seitdem in Variationen immer wieder h&ouml;ren &ndash; von Journalisten, von Wissenschaftlern und von Politikern. <\/p><p>Diese Debatte ist hochinteressant und ein Beleg daf&uuml;r, dass wir uns schon mitten in einer Orwellschen Welt befinden. Die &ouml;ffentliche Meinung, die von Meinungsf&uuml;hrern gepr&auml;gt ist, vermag sich nahezu vollst&auml;ndig von den Fakten abzul&ouml;sen. Es stimmt n&auml;mlich nahezu nichts an der so g&auml;ngigen Begr&uuml;ndung f&uuml;r Neuwahlen. Schon die uns mitgeteilte Vorstellung von Gerhard Schr&ouml;der und Franz M&uuml;ntefering, mit einem neuen Bundestag w&uuml;rde die Blockade des Bundesrats, so sie es gibt, aufgel&ouml;st, ist eine beachtliche konstruktive Meisterleistung. Denn ein Wahlsieg ihrer Partei, w&uuml;rde an der Blockadem&ouml;glichkeit des Bundesrats gar nichts &auml;ndern. Es w&uuml;rde sich nur etwas &auml;ndern, wenn Schwarz-Gelb gew&ouml;nne. So kann es aber weder vom SPD-Vorsitzenden und vom Bundeskanzler gemeint sein, noch entspr&auml;che dies dem Geist unserer Verfassung: Den Bundestag aufzul&ouml;sen und Neuwahlen auszuschreiben, um auf diese Weise neue Mehrheiten zu organisieren, das sieht das Grundgesetz nicht vor. <\/p><p>Viel wichtiger, von einer Blockade kann man nicht sprechen: Von wenigen Ausnahmen wie z.B. Zuwanderungsgesetz und Eigenheimzulage abgesehen sind die als wichtig erachteten Reformen reihenweise und nicht sonderlich besch&auml;digt durchgekommen. Das gilt gerade f&uuml;r die viel diskutierten Steuer- und Arbeitsmarktreformen. Aber die erwarteten Wirkungen sind nicht eingetreten. Unsere Meinungsf&uuml;hrer schreiben die Wirkungslosigkeit der Reformen f&auml;lschlicherweise ihrem Fixpunkt &bdquo;Blockade&ldquo; zu, einem Phantom. <\/p><p>Das Bundesverfassungsgericht wird sich n&auml;chste Woche also mit einem Geb&auml;ude aus Lug und Trug befassen m&uuml;ssen. Man kann nur hoffen, dass sich die Verfassungsrichter nicht mit den ausgegebenen Parolen sondern mit den Fakten besch&auml;ftigen und konkrete Fragen stellen, zum Beispiel: Bei welchen Vorhaben ist konkret blockiert worden? Welche Folgen hatten diese Blockaden f&uuml;r unsere wirtschaftliche Entwicklung? Wie h&auml;tte zum Beispiel Hartz IV ausgesehen, wenn kein Kompromiss notwendig gewesen w&auml;re? H&auml;tte Hartz IV dann etwas gebracht? <\/p><p>Zum vollen Verst&auml;ndnis des Brainwashing, dem wir zur Durchsetzung von Neuwahlen ausgesetzt sind, w&auml;re den Verfassungsrichtern zu empfehlen, eine Art zeitlichen Mediensprung in die Zeit vor der Neuwahlentscheidung des Bundeskanzlers zu unternehmen. Vor der Wahl in Nordrhein-Westfalen am 22.5. waren n&auml;mlich eine Reihe von vernichtenden Bilanzen zur Reformpolitik erschienen &ndash; auch in solchen Medien, die sich bis dahin der F&ouml;rderung der neoliberalen Reformagenda verschrieben hatten. Noch am Tag nach der Neuwahlank&uuml;ndigung, am 23.5., erschien ein gro&szlig;es Nachrichtenmagazin, DER SPIEGEL, mit dem Titel &bdquo;Total verr&uuml;ckte Reform &ndash; Milliarden Grab Hartz IV&ldquo;. In dem Beitrag wurde dokumentiert, dass die Mehrzahl der Hartz-Reformen erfolglos waren und dar&uuml;ber hinaus mindestens 20 Milliarden mehr kosten als veranschlagt. In anderen Medienbeitr&auml;gen war in den Wochen vor der NRW-Wahl zunehmend dokumentiert worden, dass die gesamte Palette der Steuerreformen und Steuersenkungen, dass die Streichung der Gewerbekapitalsteuer und der Verm&ouml;gensteuer, die Senkung der K&ouml;rperschaftsteuer und des Spitzensteuersatzes zwar dazu f&uuml;hrten, dass Deutschland eine der niedrigsten Steuerlastquoten hat, dass aber die erwarteten und versprochenen Investitionen und Arbeitspl&auml;tze ausgeblieben sind. <\/p><p>Bis zum 22.5. war in der deutschen &Ouml;ffentlichkeit nicht mehr zu verheimlichen, dass die Reformpolitik kl&auml;glich gescheitert ist. Es fehlte nur noch die Bankrotterkl&auml;rung der neoliberalen Bewegung. Gerhard Schr&ouml;ders Forderung nach Neuwahlen, verkn&uuml;pft mit dem Aufruf an die W&auml;hler, die Agenda 2010 und ihre Fortsetzung mit ihrer Stimme neu zu legitimieren, wirkte wie ein Befreiungsschlag f&uuml;r die gescheiterte Ideologie. Die zuvor anschwellende Debatte um ihr Scheitern war wie weg gefegt. Seitdem wird wieder vornehmlich &uuml;ber die Notwendigkeit der Reformen diskutiert. Und dar&uuml;ber, dass unser Land darunter zu leiden habe, dass die Strukturreformen blockiert w&uuml;rden. <\/p><p>Wenn man sich diesen Vorgang vergegenw&auml;rtigt, wenn man sich an die Diskussion des Scheiterns der Reformen erinnert, dann begreift man auch, wie fadenscheinig der andere Strang der Begr&uuml;ndung des Bundeskanzlers f&uuml;r die Neuwahlen ist. Wenn er sagt, die &bdquo;dr&auml;ngenden Probleme unseres Landes&ldquo; verlangten &bdquo;die Fortsetzung der begonnenen Reformen&ldquo;, dies dulde &bdquo;keinen Zustand der L&auml;hmung oder des Stillstandes&ldquo;, die Bundesregierung sei auf die Geschlossenheit der Koalitions-Fraktionen angewiesen, die aber vermehrt durch abweichende, jedenfalls die Mehrheit gef&auml;hrdende Stimmen gef&auml;hrdet sei, dann hat das doch nur Gewicht, wenn die Reformen erfolgreich sind. Das entspricht aber, wie die Erfahrung und die Bilanzierung der Reformen zeigen, nicht der Wahrheit. <\/p><p>Der Bundespr&auml;sident hat diesen L&uuml;gengeschichten das oberste staatliche G&uuml;tesiegel verpasst. Sollten die Verfassungsrichter diese Einsch&auml;tzung f&uuml;r &uuml;bertrieben halten, dann w&auml;re zu empfehlen, sich die Fernsehansprache des Bundespr&auml;sidenten anzusehen. Die K&ouml;rpersprache verr&auml;t alles. Da liest der erste Mann im Staat unsicheren Blickes ab, was Regierung und Opposition gleicherma&szlig;en von ihm erwarten. Man merkt dem Bundespr&auml;sidenten an: Er wei&szlig;, dass er dem Verfassungsauftrag, das Neuwahlbegehren auch verfassungsrechtlich zu pr&uuml;fen, nicht ausreichend gerecht wird und eine politische Entscheidung f&auml;llt. <\/p><p>Sich dabei auf den mittels Umfragen ermittelten W&auml;hlerwillen zu berufen ist das T&uuml;pfelchen auf dem i. Jeder Meinungsforscher wei&szlig;: wenn alle Parteif&uuml;hrungen gleich votieren, dann kommt eine Mehrheit von Befragten fast bei jedem Thema zusammen, weil sich die Anh&auml;nger der einzelnen Parteien bei einer so komplizierten Frage jeweils an der Linie der von Ihnen gerade bevorzugten Partei orientieren. <\/p><p>Es wird interessant sein zu sehen, ob die Verfassungsrichter dem T&auml;uschungsversuch nachgeben oder ob sie n&uuml;chtern pr&uuml;fen, was denn da eigentlich blockiert worden ist. Vielleicht sehen sie sich auch an, was da alles den Bundestag und Bundesrat passiert hat, obwohl es besser blockiert worden w&auml;re. Dazu ein paar Hinweise: Die Streichung der Gewerbekapitalsteuer wurde schon zu Kohls Zeiten parlamentarisch abgesegnet; sie w&auml;re uns besser erhalten geblieben; dann h&auml;tten die Gemeinden noch ein Entgelt daf&uuml;r, was sie gro&szlig;en, kapitalintensiven Betrieben an Leistungen zur Verf&uuml;gung stellen und die Staatsverschuldung w&auml;re nicht so gestiegen. Genau das gleiche gilt f&uuml;r die Senkung der K&ouml;rperschaftsteuer. Ein weiteres, sehr aktuelles Beispiel: Die Besteuerung der Gewinne beim Verkauf von Unternehmen und Unternehmensteilen. Sie ist von der rot-gr&uuml;nen Regierung gestrichen worden &ndash; ohne Widerstand durch die Union, deren wirtschafts- und finanzpolitischer Experte Friedrich Merz direkt von dieser Steuerbefreiung profitiert. Denn er ber&auml;t ausl&auml;ndische Investoren, die hierzulande gesunde Unternehmen aufkaufen und die Befreiung ihrer Gewinne von der Steuer genie&szlig;en. Wir haben es wirklich nicht mit einer gro&szlig;en Koalition der Blockierer zu tun sondern eher, wenn es um gro&szlig;e Interessen geht, mit einer solchen der Durchwinker. <\/p><p>Die Verfassungsrichter k&ouml;nnten sachlich fragen, wo und wie und was denn bei der Reform der Rentenversicherung blockiert worden ist und was uns dann noch ins Haus steht, wenn die restlichen Blockaden durch die neuen Wahlen gel&ouml;st werden: Die Riester-Rente hat doch alle parlamentarischen H&uuml;rden &uuml;berwunden, der Staat f&ouml;rdert seitdem mit &ouml;ffentlichem Geld das Gesch&auml;ft der Lebensversicherungskonzerne und tut dem Wunsch des Mainstream entsprechend alles, um das Vertrauen in die gesetzliche Rente weiter zu zerst&ouml;ren. Wenn die letzte Scham f&auml;llt, dann wird vermutlich hierzulande die Eigenverantwortung zur Privatvorsorge auch noch staatlich verordnet zur Pflicht gemacht. Zu solchen perversen Ergebnissen wird die Lockerung der letzten Blockade f&uuml;hren: Der Staat als Vertriebsagent, als B&uuml;ttel der Versicherungswirtschaft. Wollen unsere Verfassungsrichter auch den Weg dahin ebnen? Und was das schlimmste ist: Das Bundesverfassungsgericht w&uuml;rde die Fortsetzung eines Weges &ouml;ffnen, der bisher erfolglos war, gescheitert ist und sich in vielen anderen L&auml;ndern wie in Chile, in Gro&szlig;britannien oder auch in den USA als teuer und unsicher erweist. <\/p><p>Das Scheitern der Reformen ist inzwischen nahezu v&ouml;llig aus der Diskussion, mit wenigen Ausnahmen. Das zeigt, dass wir es mit einer vergesslichen &Ouml;ffentlichkeit zu tun haben. <\/p><p>So entscheidet nun das Bundesverfassungsgericht auf der Basis eines Phantoms, und dann &ndash; falls das Bundesverfassungsgericht der Aufl&ouml;sung des Bundestages zustimmt &ndash; am 18.9.2005 auch unser Volk.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>N&auml;chste Woche ber&auml;t der Zweite Senat des Bundesverfassungsgerichtes &uuml;ber die Klagen gegen die Entscheidung des Bundespr&auml;sidenten zur Aufl&ouml;sung des Deutschen Bundestages. Das wird ein spannender Vorgang, denn bei einer der Hauptbegr&uuml;ndungen f&uuml;r Neuwahlen haben wir es mit einem Phantom zu tun. Mehr und mehr Beobachter glauben, Blockaden seien schuld an unserem wirtschaftlichen Desaster. Der Bundespr&auml;sident<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=260\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[96,186,190],"tags":[531,251,312],"class_list":["post-260","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bundespraesident","category-bundesverfassungsgerichtverfassungsgerichtshof","category-wahlen","tag-koehler-horst","tag-muentefering-franz","tag-reformpolitik"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/260","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=260"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/260\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":31902,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/260\/revisions\/31902"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=260"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=260"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=260"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}