{"id":26010,"date":"2015-05-08T14:03:26","date_gmt":"2015-05-08T12:03:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26010"},"modified":"2015-05-09T11:55:31","modified_gmt":"2015-05-09T09:55:31","slug":"wie-in-hamburger-medien-durch-fragwuerdige-heldenverehrung-das-leid-von-ns-opfern-und-deren-nachkommen-70-jahre-nach-der-befreiung-verdraengt-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26010","title":{"rendered":"Wie in Hamburger Medien durch fragw\u00fcrdige Heldenverehrung das Leid von NS-Opfern und deren Nachkommen 70 Jahre nach der Befreiung verdr\u00e4ngt wird."},"content":{"rendered":"<p>In der Hamburger Medienwelt wurde des 70. Jahrestages der Befreiung vor allem mit einer  Heldengeschichte zur &bdquo;Kapitulation&ldquo; gedacht. Im Mittelpunkt steht ein &bdquo;Dokumentarspiel&ldquo;, verantwortet vom &ouml;ffentlich-rechtlichen Sender NDR: <em>&bdquo;Unsere Geschichte &ndash; Hamburg 1945. Wie die Stadt gerettet wurde&ldquo;<\/em>, ausgestrahlt am 23. April 2015 (N3).  Grundlage war eine Auftragsarbeit der Hamburger Handelskammer &uuml;ber &bdquo;Hanseaten unter dem Hakenkreuz&ldquo;. Im Vorfeld und danach stiegen fast alle regionalen Medien ein, vor allem auf die in Film und Buch ausgebreiteten Heldentaten des damaligen Direktors der Phoenix Gummiwerke, Albert Sch&auml;fer. Die Autorin Brigitta Huhnke forscht und unterrichtet seit vielen Jahren &uuml;ber Erinnerung, Gedenken und Leugnen nach der NS-Zeit. Vor diesem Hintergrund besch&auml;ftigt sie sich auch mit Albert Sch&auml;fer. Dieser war aktiv in das NS-System verstrickt. F&uuml;r die kriegswichtige Phoenix befehligte er mehrere Zwangsarbeiterlager. Doch davon ist weder im Film noch in der Hamburger Presse die Rede. Von <strong>Brigitta Huhnke<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nNichts ist wirklich vorbei, im Leben danach, f&uuml;r keine Seite. Das Geschehene bleibt in den Generationen der Kinder und Enkel von &Uuml;berlebenden nicht nur im  Gedenken an die verlorenen Familienmitglieder pr&auml;sent. Viele Erinnerungen sind fragmentiert, auch solche, die von der jeweils individuellen Kraft des Widerstandes und des &Uuml;berlebens zeugen. Nur zu oft lassen sich Erinnerungen schwer in Sprache fassen,  ebenso nur sehr bedingt in Rituale oder bestimmte (Gedenk-) Orte bannen. Aber sie tauchen weiter im Familiengeschehen auf, als Symbole oder bestimmte Handlungen, k&ouml;nnen so zum Ausgangspunkt produktiver Aneignungen von Geschichte in der Gegenwart werden. Diese Zusammenh&auml;nge hat der Psychoanalytiker Markus Z&ouml;chtmeister untersucht: <em>Vom Leben danach. Eine transgenerationelle Studie &uuml;ber die Shoah<\/em>. [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]<\/p><p>Demgegen&uuml;ber scheint das Fundament, auf dem sich die Auseinandersetzung von Nachkommen der NS-Gesellschaft bewegt, noch sehr br&uuml;chig zu sein, hat sich vor allem das Schweigen im Sinne aktiver Verleugnung noch nicht ausreichend aufgel&ouml;st. Diesen Eindruck erweckt aktuell in Hamburg ein Medienhype anl&auml;sslich des 70. Jahrestages der Befreiung vom Nationalsozialismus. Fast so wie aus dem Nichts heraus beherrscht seit dem 18. April 2015 die Deutung von der erfolgreichen &bdquo;Kapitulation&ldquo; [<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] Hamburgs die regionale Berichterstattung. Und so fing alles an: Die Handelskammer Hamburg hatte den Welt-Journalisten Uwe Bahnsen beauftragt <em>&bdquo;Hanseaten unter dem Hakenkreuz &ndash; Die Handelskammer Hamburg und die Kaufmannschaft im Dritten Reich.&ldquo;<\/em> zu verfassen. &bdquo;JumpmediaTV&ldquo; und  NDR griffen den Stoff begierig auf und inszenierten aus dem PR-St&uuml;ck, ver&ouml;ffentlicht im April 2015, ein &bdquo;Dokumentarspiel&ldquo;  &ndash; mit Geldern der Geb&uuml;hrenzahlerInnen des &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunks. Die Printmedien stiegen ein und lobten &uuml;ber Tage hinweg vor der  TV-Ausstrahlung das Heldenepos, wonach vor allem der mutige Direktor der Gummiwerke Phoenix, Albert Sch&auml;fer, Hamburg gerettet haben soll.  <\/p><p><strong>Erinnerungen an &bdquo;die N&auml;he zum Tod&ldquo; in Familien von &Uuml;berlebenden<\/strong><\/p><p>Lisa W., Anfang der siebziger Jahre geboren, folgt einem inneren Auftrag: &bdquo;ich muss mich wehren k&ouml;nnen&ldquo;.  Das setzt die gelernte Politikwissenschaftlerin beruflich und gesellschaftlich seit vielen Jahren souver&auml;n um: vor allem als Aktivistin einer  gro&szlig;en Umweltorganisation in &Ouml;sterreich. Sie plant Proteste, achtet auf deren friedlichen Verlauf, scheut sich auch nicht vor Auseinandersetzungen mit Rechtsradikalen. Schon als kleines M&auml;dchen fand sie Demonstrationen zum 1. Mai oder solche f&uuml;r den Frieden &bdquo;super spannend&ldquo;. Anders als Erika W., ihre 1948 geborene Mutter, die sie zu diesen Manifestationen fr&uuml;h mitnahm, hatte sie nie Angst sich politisch zu zeigen.  Sie ist auch forscher als ihr Gro&szlig;vater dies &uuml;ber Jahrzehnte hinweg nach der Befreiung gewesen war. Lisa W. lebt nicht weit von ihm. Aber wie ihre Mutter Erika. W. in deren Wohnung, braucht auch Lisa W. zwei Ausg&auml;nge. Hinter beiden dieser T&uuml;ren hat sie eine kleine Axt deponiert. Sie braucht die Schutzvorrichtungen in ihrem kleinen H&auml;uschen einer Arbeitersiedlung in Wien, <em>&bdquo;da kann man aus dem ersten Stock auch fl&uuml;chten . Und ich habe mir sogar schon ausgemalt, wenn sie mich jetzt holen kommen , quasi  k&ouml;nnte ich &uuml;bers Dach auch fl&uuml;chten. Also das, diese Fantasien habe ich ziemlich massiv.&ldquo;<\/em> Aber vor allem setzt Lisa W.  den Weg des Gro&szlig;vaters und ebenso den ihrer Mutter fort,  &bdquo;ihr Bewusstsein haben sie mir gegeben.&ldquo;<\/p><p>F&uuml;r seine umfangreiche Studie <em>&bdquo;Vom Leben danach&ldquo;<\/em> hat Markus Z&ouml;chmeister in den letzten 20 Jahren 13 Familien befragt, in denen jeweils ein Angeh&ouml;riger &Uuml;berlebender  oder &Uuml;berlebende der NS-Verfolgung und Holocaust ist.  80 Interviews sind so zusammen gekommen. Acht dieser Familiengeschichten hat der in Wien praktizierende Psychoanalytiker ver&ouml;ffentlicht. Ihn interessiert die Weitergabe der zentralen Erfahrung: die &bdquo;N&auml;he zum Tod&ldquo;, mit der alle &Uuml;berlebenden zu ringen haben. Es h&auml;tte auch der eigene Tod sein k&ouml;nnen, in diesem &bdquo;psychotischen Kosmos&ldquo; der Folterkeller, in den Gestapo-Gef&auml;ngnissen, in den Konzentrationslagern. Auch auf den Todesm&auml;rschen, in den Wochen und Tagen vor der Befreiung, waren die Gefangenen nicht nur dem Morden der SS ausgeliefert sondern auch gewaltt&auml;tigen &Uuml;bergriffen seitens Teilen der deutschen bzw. &ouml;sterreichischen Bev&ouml;lkerung. [<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] Diese &bdquo;N&auml;he zum Tod&ldquo;  bleibt aber nicht nur die zentrale Erfahrung der &Uuml;berlebenden, sie wird auch in der Familie weitergegeben. <\/p><p>Die ungew&ouml;hnliche Leistung des Psychoanalytikers Z&ouml;chmeister besteht darin, sichtbar zu machen wie diese Grenzerfahrungen, die sich eben nicht so einfach mit Sprache fassen lassen, sich weiter tradieren. Z&ouml;chmeister greift Fragmente in den Erinnerungen auf,  Symbole, Bilder, deutet, fragt weiter nach. Seine psychoanalytische Methode st&uuml;tzt sich auf das von Alfred Lorenzer entwickelte &bdquo;Szenische Verstehen&ldquo;. So versucht er &uuml;ber die Wiederbelebung der famili&auml;ren Dynamik Wissen um diese &bdquo;N&auml;he zum Tod&ldquo;, was atmosph&auml;risch in der Familie pr&auml;sent ist, frei zu legen. Daf&uuml;r gibt er auch sehr konkret Einblicke in das Geschehen der psychoanalytischen Methode von &Uuml;bertragung und Gegen&uuml;bertragung.  Z&ouml;chmeister l&auml;sst sich sehr intensiv auf die &Auml;ngste und Irritationen ein, die in den Interviews bei den Befragten, aber auch bei ihm selbst entstehen.  Vor allem l&auml;sst er die Leserin teilhaben an seinen Deutungen, ebenso an seinen Zweifeln, an seiner Spurensuche. Das Buch forciert die eigene Auseinandersetzung oft bis zur Schmerzgrenze, fordert den Kontakt mit den eigenen &Auml;ngsten geradezu heraus, gibt aber auch die M&ouml;glichkeit, sich eigener diffuser Trauer um das Geschehene bewusster  zu werden.  <\/p><p>Bis heute versucht Lisas Gro&szlig;vater, Edgar W., 1922 geboren, seine Familie zu sch&uuml;tzen. Er hat im politischen Untergrund gearbeitet, unter Lebensgefahr Flugbl&auml;tter verteilt. 1941 wird er als Mitglied eines kommunistischen Jugendverbandes verhaftet, nach Buchenwald verschleppt. Zwischenzeitlich muss Edgar W. als Funker an der Ostfront Dienst tun (aber er habe nie schie&szlig;en m&uuml;ssen, darauf ist er stolz), wird 1944 wieder verhaftet. Er kommt in ein Nebenlager von Buchenwald. Im Februar 1945 gehen die Qualen auf einem Todesmarsch nach Mauthausen weiter. Der  Gaskammer dort entgeht er nur knapp, muss aber noch Zwangsarbeit leisten. Nach dem Krieg trifft Edgar W. Mutter und Schwester wieder, die in Ravensbr&uuml;ck eingesperrt waren, ebenfalls einen Todesmarsch &uuml;berlebt haben. <\/p><p>In sich gekehrt spricht Edgar W. lange nicht &uuml;ber seine Erfahrungen. Als junger Mann entscheidet er sich gleich nach dem Krieg f&uuml;r ein Studium der Bildenden Kunst in Wien. Und er ist weiter politisch aktiv, als Kommunist in der Arbeiterbewegung. 1948 wird Erika W.  geboren. Mit der Familiengr&uuml;ndung tritt die Kunst in den Hintergrund, Edgar W. wird Beamter bei der Bahn. Er funktioniert, sorgt f&uuml;r die Familie, malt nur noch ab und zu. Dann l&auml;uft 1978 die erste Folge der US-Spielfilm- Serie &ldquo;Holocaust&ldquo;. Erika, die Tochter ist bei ihm. Edgar W. weint, bricht zusammen. Er findet keine Worte.  Doch er f&auml;ngt umgehend wieder zu malen an. Bis dahin sei er  &bdquo;in seiner inneren Dunkelkammer&ldquo; gewesen, sagt Z&ouml;chmeister. Die Tochter Erika hilft ihm, schlie&szlig;lich sogar dabei seine Bilder auszustellen. Erika W., Lisas Mutter, ist mit dem famili&auml;ren Gebot &bdquo;unterzutauchen&ldquo;  (was allerdings sehr viel komplexer ist als hier dargestellt werden kann) aufgewachsen. Schon fr&uuml;h f&auml;ngt sie an Dinge in der Wohnung zu verstecken, unbewusst vom Vater &uuml;bernommen. Dieser musste damals ebenfalls st&auml;ndig etwas verstecken: Gegenst&auml;nde, Flugbl&auml;tter oder sich selbst, aus einer realen Angst vor der Gestapo heraus. Lisa W.&rsquo;s Mutter ist ohne Zweifel ebenfalls eine mutige Frau, mehr als das Bild, das sie von sich selbst in den Gespr&auml;chen mit Z&ouml;chmeister zun&auml;chst zeigt. Sie setzt sich lange in leitender Funktion in der sozialistischen Partei ein, ist in der Umweltbewegung aktiv, in der politischen Bewegung gegen rechtsradikale Entwicklungen, &uuml;bernimmt viel Verantwortung. Aber die latente Angst bleibt.  Das tendenzielle Chaos, das Erika durch das Verstecken von Gegenst&auml;nden so erzeugt ist ihre &lsquo;Methode&rsquo;  weiter &lsquo;unterzutauchen&rsquo;.<\/p><p><strong>Die andere Seite<\/strong><\/p><p>Wie aber hat die andere Seite, die Mehrheitsgesellschaft im Nationalsozialismus, nach der Befreiung die Geschehen des Nationalsozialismus und Holocaust weitergegeben? Was haben diese Kinder und Kindeskinder, Neffen und Nichten der T&auml;ter und T&auml;terinnen, der Profiteure, Karrieristen und Kriegsgewinnler vermittelt bekommen? Welche konkreten Phantasien und Symbole f&uuml;hren in den Familien der T&auml;ter weiter ein Eigenleben? Vergleichbare psychoanalytische oder soziologische Untersuchungen &uuml;ber drei Generationen liegen f&uuml;r diese Seite nicht vor. <\/p><p>Vor 70 Jahren wurde auch Hamburg, die Stadt, in der ich lebe, befreit, von der britischen Armee, nach letzten Zerst&ouml;rungsorgien und einem unvorstellbarem Blutrausch der T&auml;ter noch in den letzten Tagen und Wochen, was hier nur mit wenigen Stichworten erw&auml;hnt werden kann: Der gr&ouml;&szlig;te Teil des Aktenbestandes wird, wie auch anderswo im &bdquo;Reich&ldquo;, gezielt in Beh&ouml;rden sowie in den B&uuml;ros der NS-Organisationen vernichtet. In der Nacht des 20. April ermorden SS-T&auml;ter in der Hamburger Schule Bullenhuser Damm 20 Kinder im Alter von 5-12 Jahren, gehen dabei mit kaum vorstellbarem Sadismus zu Werk, ebenso ermorden sie 28 Erwachsene, der &uuml;berwiegende Teil sind sowjetische Kriegsgefangene, deren Namen bis heute nicht bekannt sind. Vor der R&auml;umung des KZ Neuengamme fielen hier noch mindestens 70 Menschen zwischen dem 21. und 24. April bestialischer Mordlust zum Opfer.  Im Zuge der R&auml;umung des KZ Neuengamme transportiert die SS 4500 d&auml;nische und norwegische Gefangene an die Grenzen. 10.000 weitere Menschen werden auf die Cap Arcona und andere Schiffe vor Neustadt an der Ostsee verbracht, wo sie den Bombenangriffen der Engl&auml;nder ausgesetzt sind, 7000 Menschen sterben. Und nicht zuletzt m&uuml;ssen in diesen Tagen vor der Befreiung die vielen ZwangsarbeiterInnen um ihr Leben f&uuml;rchten. <\/p><p>Im Jahr 2013 stellte der damalige Hamburger Staatsrat Nikolas Hill anl&auml;sslich einer  Gedenkfeier fest: &bdquo;Dank der Forschungen (&hellip;) wissen wir von &uuml;ber 1200 Lagern, die es insgesamt in Hamburg gab, mit bis zu 500.000 Insassen aus der Sowjetunion, Polen und allen weiteren besetzten L&auml;ndern Europas. Die Kriegswirtschaft funktionierte in Hamburg wie andernorts nur noch &uuml;ber Zwangsarbeit. Wohl jede Firma und Handwerksbetrieb nutzte sp&auml;testens ab dem Jahr 1944 Zwangsarbeiter. Das gilt auch f&uuml;r &ouml;ffentliche Betriebe wie die M&uuml;llabfuhr und sogar f&uuml;r etliche Privathaushalte.&ldquo; [<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>] Nach Erkenntnissen des Holocaust Museum in Washington hatte Hamburg sogar 1300 Lager.<\/p><p>Kinder und Enkel von &Uuml;berlebenden haben mittlerweile eine kaum zu &uuml;berblickende Kultur des Gedenkens, des Erinnerns, des Auseinandersetzens mit der Geschichte der eigenen Familie geschaffen, eingebettet in viele Debatten, Kontroversen und k&uuml;nstlerische Auseinandersetzungen. Auch im wissenschaftlichen Bereich sind ihre Studien zu Nationalsozialismus und Holocaust wegweisend.  Angenommen werden kann: All diesen Aktivit&auml;ten wohnt immer auch eine pers&ouml;nliche Suche nach der &bdquo;N&auml;he zum Tod&ldquo; in der eigenen Familie inne, nicht zuletzt  ist das auch Bestandteil der bewussten Suche nach der eigenen Identit&auml;t.  <\/p><p>Obwohl auf der anderen Seite eine kollektive Auseinandersetzung mit den T&auml;tern, Dabeigewesenen und Mitl&auml;ufern der eigenen Familien immer noch weitgehend aussteht, ist ehrliches Bem&uuml;hen der  Kinder und EnkelInnen dieser Seite nicht zu &uuml;bersehen. Auch in Hamburg, wie in anderen deutschen St&auml;dten, versuchen in diesen Wochen und vor allem aber an diesem heutigen Tag, dem 8. Mai, Nachkommen der T&auml;ter dem Gedenken an die Gr&auml;uel der NS-Zeit Ausdruck zu verleihen. Damit unterst&uuml;tzen sie durchaus die immer weniger werdenden &Uuml;berlebenden. In Hamburg finden seit Wochen auch in &ouml;ffentlichen Geb&auml;uden, wie in Bibliotheken oder im Rathaus, Veranstaltungen statt, unterst&uuml;tzt vom Hamburger Senat und den Bildungseinrichtungen der Stadt.<br>\nDoch Hamburger Medien berichten &uuml;ber diese Aktivit&auml;ten, wenn &uuml;berhaupt, eher karg. <\/p><p>Wie br&uuml;chig das Fundament der Gedenkkultur in Hamburg ist, zeigt die mangelnde Kritik am Versuch Hamburger Medien Akteure des NS-Regimes zu Helden der &bdquo;Kapitulation&ldquo; von Hamburg zu stilisieren.<br>\nHier wird im Folgenden exemplarisch das Augenmerk besonders auf Albert Sch&auml;fer (1881-1971) gelegt, auf den langj&auml;hrigen Direktor der Phoenix-Werke in Hamburg-Harburg, der angeblich mit dem Stabsarzt Hermann Burchard und dem Generalmajor Alwin Wolz Hamburg Anfang Mai so glorreich gerettet haben soll.  <\/p><p>70 Jahre nach der Befreiung Europas und auch Hamburgs k&uuml;ndigte der Norddeutsche Rundfunk schon Tage vorher das am 23. April 2015 ausgestrahlte &bdquo;Dokumentarspiel&ldquo; wie folgt an: <\/p><blockquote><p>&bdquo;Unsere Geschichte:  Hamburg 1945 &ndash; Wie die Stadt gerettet wurde&ldquo;<br>\nNDR<\/p>\n<p>Das Dokumentarspiel von Autor Jobst Thomas schaut zur&uuml;ck auf die Schicksalstage, die der Kapitulation Hamburgs am 3.Mai 1945 vorausgegangen sind, und stellt deren dramatische<br>\nEreignisse in aufwendig inszenierten Spielsequenzen (Regie Torsten Wacker) nach. Im Mittelpunkt stehen dabei drei M&auml;nner, die damals wesentlich &ndash; auch unter Einsatz ihres Lebens &ndash; zur unblutigen Beendigung des Krieges beigetragen haben. In den Geschichtsb&uuml;chern kommen sie jedoch, wenn &uuml;berhaupt, nur als Randfiguren vor. &bdquo;Hamburg 1945 &ndash; wie die Stadt gerettet wurde&ldquo; erz&auml;hlt die Geschichte hinter der Geschichte. In den letzten Apriltagen haben die britischen Truppen Hamburgs s&uuml;dlichen Stadtrand erreicht. Ihre Artillerie er&ouml;ffnet das Feuer auf den Stadtteil Harburg. Dabei werden die Phoenix-Werke, ein kriegswichtiger Reifenhersteller, mehrfach getroffen. Seit einem Bombenangriff wenige Monate zuvor sind bereits alle umliegenden Krankenh&auml;user vollkommen zerst&ouml;rt. Deshalb ist in den Kellern der Phoenix-Werke ein Reservelazarett eingerichtet worden, nicht nur f&uuml;r deutsche Verwundete, sondern auch f&uuml;r verletzte, in Gefangenschaft geratene britische Soldaten. Um das Lazarett vor weiteren Zerst&ouml;rungen zu sch&uuml;tzen, hat Stabsarzt Hermann Burchard eigenm&auml;chtig angeordnet, auf dem Werksdach ein weit sichtbares Rotes Kreuz anzubringen. Werksleiter Albert Sch&auml;fer, ein angesehener Hamburger Kaufmann, f&uuml;hlt sich &uuml;bergangen und stellt Burchard zur Rede. Er sieht in dem Roten Kreuz auf dem Werksdach einen Versto&szlig; gegen die Genfer Konvention, weil in einigen Hallen noch gearbeitet wird. Burchard seinerseits wirft Sch&auml;fer vor, die Reifenproduktion trotz des eingerichteten Lazaretts nicht eingestellt zu haben. Der Streit endet unvers&ouml;hnlich. Dennoch raufen sich die beiden zusammen, denn pl&ouml;tzlich verbindet sie ein verwegener Plan. Zu Fu&szlig; wollen sie sich an die Frontlinie heranwagen und die britischen Kommandeure um Verschonung des Lazaretts bitten. Als sie sich am 29. April morgens zu den britischen Stellungen aufmachen, beginnen ereignisreiche Tage voller Dramatik. Bevor am 3. Mai f&uuml;r die Hansestadt der Krieg &ndash; anders als befohlen &ndash; kampflos zu Ende geht, ist Hamburgs Schicksal g&auml;nzlich ungewiss.<\/p><\/blockquote><p>Im Hamburger Abendblatt  vom  23.4.2015 sieht die Heldenverehrung  folgenderma&szlig;en aus:<\/p><blockquote><p>Dokumentation zeigt, wie Hamburg gerettet wurde <\/p>\n<p>Hamburg 1945 &ndash; Wie die Stadt gerettet wurde&rdquo; ist das aufw&auml;ndigste Dokumentarspiel, das je f&uuml;r ein drittes Programm produziert wurde. <\/p>\n<p>Es war Anfang Mai 1945. Deutschland lag in Schutt und Asche. Und Albert Sch&auml;fer, Chef der Harburger Phoenix-Werke, stapfte mit dem Schicksal Hamburgs, das er in einem seiner Schuhe versteckt hatte, durch die L&uuml;neburger Heide. Er hat Briefe dabei, die belegen sollen, dass er in friedlicher, moralisch einwandfreier Absicht unterwegs ist. Klingt abenteuerlich? Ist es. Klingt so abenteuerlich, dass es nur wahr sein kann? War es auch.<\/p>\n<p>Fast genau 70 Jahre sp&auml;ter stapft Hubertus Meyer-Burckhardt auf den Spuren Sch&auml;fers durch die L&uuml;neburger Heide. Hauptberuflich ist er ein versierter TV-Produzent, bekannt ist er vor allem als launiger Talkshow-Gastgeber. Jetzt ist der ehemalige Geschichts-Student in einer ganz neuen Rolle unterwegs, als &ldquo;Presenter&rdquo;, als Erz&auml;hler und Erkl&auml;rer einer wahren Begebenheit, von der bislang nur sehr wenige wussten. In der Hand tr&auml;gt er ebenjene wei&szlig;e Fahne, mit der sich Sch&auml;fer damals vor den Kugeln britischer Soldaten sch&uuml;tzen wollte.<\/p><\/blockquote><p>Die Welt vom 21,04.15 kommt ebenfalls ohne jegliche Recherche aus und h&auml;lt unter der Rubrik &bdquo;Regionales Kriegsende&ldquo; fest: <\/p><blockquote><p>&ldquo;Hamburg 1945&rdquo; ist Dokumentarspiel wie es so noch keines gab im NDR<\/p>\n<p>Wie Kaufleute Hamburgs Kapitulation aushandelten<\/p>\n<p>In einem eindrucksvollen Buch, aus dem auch ein NDR-Film entstand, schildert &ldquo;Welt&rdquo;-Autor Uwe Bahnsen das Kriegsende in Hamburg. Dabei spielten Kaufleute um Albert Sch&auml;fer eine gro&szlig;e Rolle.<\/p>\n<p>Ein Gang ins Ungewisse: Die Risiken sind kaum kalkulierbar, und auch ein t&ouml;dliches Ende ist nicht auszuschlie&szlig;en. Am Vormittag des 30. April 1945 verabschiedet sich Albert Sch&auml;fer, der 64-j&auml;hrige Generaldirektor der Harburger Ph&ouml;nix-Gummiwerke, am Ortsausgang von Meilsen nahe Buchholz von Captain Thomas Martin Lindsay, dem 30-j&auml;hrigen Feindlageoffizier der britischen 7. Panzerdivision. Mit einer wei&szlig;en Fahne, einem St&uuml;ck Bettlaken an einem Besenstil, tritt Sch&auml;fer den gefahrvollen R&uuml;ckweg durch das Niemandsland mit seinen Minenfeldern zu den deutschen Stellungen s&uuml;dlich von Harburg an.<\/p>\n<p>Es ist eine der Schl&uuml;sselszenen des Dokumentarspiels &ldquo;Hamburg 1945 &ndash; wie die Stadt gerettet wurde&rdquo;, das der NDR am 23. April um 20.15 Uhr senden wird.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>F&uuml;r die Illustrierte <strong>Stern<\/strong> wird alles schon am 21. April ganz einfach:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Der Held der dramatischen Geschichte ist der Direktor der Phoenix-Gummiwerke in Hamburg-Harburg, Albert Sch&auml;fer&ldquo;.<\/p><\/blockquote><p><strong>Albert Sch&auml;fer<\/strong><\/p><p>Albert Sch&auml;fer  war  von 1934 bis 1946 Direktor der Phoenix-Gummiwerke in Hamburg-Harburg, f&uuml;hrte von 1946 bis 1956 als Pr&auml;sident die Handelskammer Hamburg, zus&auml;tzlich von 1951 bis 1954 war er Pr&auml;sident des Deutschen Industrie- und Handelstages.<br>\nWas keiner der Lobges&auml;nge festh&auml;lt:  Albert Sch&auml;fer war w&auml;hrend des Nationalsozialismus Herr &uuml;ber mindestens acht Lager f&uuml;r ZwangsarbeiterInnen, die aus der Ukraine, Russland und Polen verschleppt worden sind, um f&uuml;r die Profite der Phoenix ausgebeutet zu werden, die milit&auml;risches Zubeh&ouml;r f&uuml;r den Vernichtungskrieg herstellen mussten. <\/p><p>Der namentlich gezeichnete &bdquo;Tagesbefehl Nr. 18&ldquo;,  vom 16. Oktober 1942  zeugt von Sch&auml;fers Brutalit&auml;t: <\/p><p><em>&bdquo;<strong>Ostarbeiter:<\/strong> jeder pers&ouml;nliche Verkehr, jede Schenkung, Verkauf, Tausch usw. ist verboten. Das Werk hat die Auflage, alle F&auml;lle der geheimen Staatspolizei  mitzuteilen. Dasselbe gilt f&uuml;r Nachl&auml;ssigkeiten der mit der Aufsicht betrauten Personen. &Uuml;ber Verst&ouml;sse und Schwierigkeiten  mit den Russen ist sofortige Mitteilung an den Werkschutz (Bergmann  oder Fabrikpf&ouml;rtner) notwendig.&ldquo;<\/em> [<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>]<\/p><p>Bis zu 1000 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus Osteuropa sollen in den letzten Monaten in der Phoenix f&uuml;r die Kriegsproduktion geschunden worden sein. <\/p><p>Sch&auml;fer ist bestens in der Gemeinschaft der T&auml;ter vernetzt.  Atmosph&auml;risches dazu ist folgendem  Artikel aus dem Harburger Anzeiger vom 29. Januar 1943 zu entnehmen: <\/p><blockquote><p>&ldquo;<strong>Drei Ritterkreuztr&auml;ger sprachen zu  Harburger Bev&ouml;lkerung. Erlebnisreiche Stunden.<\/strong><\/p>\n<p>Der im neuen Verwaltungsgeb&auml;ude der Phoenix eingerichtete pr&auml;chtige Gemeinschaftsraum, geschm&uuml;ckt mit der B&uuml;ste des F&uuml;hrers und Blumen, war bis auf den letzten Platz besetzt, als die drei Ritterkreuztr&auml;ger, die vorher schon  den genannten Betrieb besichtigt hatten , zusammen mit Kreisleiter Drescher, DAF Vogler und dem Stab der Kreisleitung erschienen.  G e n e r a l d i r e k t o r  S c h &auml; f e r  hielt die Begr&uuml;&szlig;ungsansprache, in der er betonte, es sei f&uuml;r die Phoenix eine Ehre, die drei Ritterkreuztr&auml;ger  in ihren R&auml;umen begr&uuml;&szlig;en zu k&ouml;nnen: Sch&auml;fer warf die Frag auf, warum die Ritterkreuztr&auml;ger zu den Werkt&auml;tigen sprechen. Die Antwort sei klar. Die M&auml;nner von der Front wollen ihren t&auml;glichen Einsatz, st&auml;ndig von Gefahren umlauert, vor Augen f&uuml;hren, der Heimat zeigen, was der Soldat vollbringe, um sie zu sch&uuml;tzen. Und die Heimat erkl&auml;re, da&szlig; sie ihre ganze Kraft noch mehr als bisher einsetze, um der Front zu helfen.<\/p>\n<p>Zur Gefolgschaft sich wendend, betonte Direktor Sch&auml;fer, da&szlig; unter ihnen viele ihr ganzes Wissen hergeben, um betriebstechnische Verbesserungen herbeizuf&uuml;hren. Im letzten Jahr seien von 56 Arbeitskameraden 79 Verbesserungsvorschl&auml;ge eingegangen, von denen nur neun abgelehnt werden brauchten. Er freue sich , mitteilen zu k&ouml;nnen, da&szlig; heute 34 Gefolgschaftsmitglieder zusammen 12  Pr&auml;mien erhalten h&auml;tten.  28 Arbeiten seien noch in der Pr&uuml;fung begriffen. Die pr&auml;mierten Arbeitskameraden wurden namentlich aufgerufen. <\/p>\n<p>R i t t e r k r e u z t r &auml; g e r Feldwebel N &uuml;  r  n  b e r g e r  gab fesselnde  Bilder seiner Kriegserlebnisse unter Hervorheben der Leistungen der Infanterie. Er f&uuml;hrte daher eine gro&szlig;e Anzahl schwerer K&auml;mpfe  gegen die Bolschewisten  vor Augen, die gewiss z&auml;h und verbissen k&auml;mpfen, aber  immer wieder trotz mehrfacher feindlicher &Uuml;bernahme sein Ziel fest im Auge hat. , restlos jede ihnen aufgetragene Aufgabe erf&uuml;llt. Jeder einzelne Soldat sei Idealist, er baue auf die Heimat. Die Ritterkreuztr&auml;ger h&auml;tten bei ihren Vortr&auml;gen erlebt, da&szlig; die Heimat fest zusammenhalte, und wenn sie wieder an der Front seien, werden sie erz&auml;hlen k&ouml;nnen, da&szlig; in Deutschland gearbeitet werde, in dem unersch&uuml;tterlichen Glaube an den Endsieg.<\/p>\n<p>Major Briel erkl&auml;rte, dass gewiss in der Heimat manche Entbehrungen hingenommen werden m&uuml;&szlig;ten, doch das alles sei nichts gegen&uuml;ber dem, was der Soldat im Osten und in Afrika  t&auml;glich, st&uuml;ndlich, st&auml;ndig in Lebensgefahr leiste. Niemand  in der Heimat k&ouml;nne sich einen Begriff  von den ungeheuren Strapazen bei schlimmster K&auml;lte im Osten  und bei st&auml;rkster Hitze in Afrika  machen. Pers&ouml;nlicher Einsatz sei stets die Hauptsache, und  er werde auch von der Heimat gefordert.  Wir k&auml;mpfen f&uuml;r eine gro&szlig;e gemeinsame Sache. Totaler Krieg hei&szlig;e, das Letzte hergeben, unter Einsatz des leben. Das m&uuml;sse auch die Heimat  beherzigen und alle Kr&auml;fte  dem Vaterland zur Verf&uuml;gung stellen. Es gebe nur eine Losung: &bdquo;F&uuml;hrer befiehl, wir folgen.&ldquo; Betriebsobmann S i e m a n  schlo&szlig; den Appell mit Dank an die Sprecher und dem Gel&ouml;bnis  der Treue zum F&uuml;hrer. <\/p>\n<p>Hier sprechen Taten<\/p>\n<p>Zum zweiten Male war der Gemeinschaftssaal der Harburger Gummiwarenfabrik Phoenix voll besetzt, beim  A  p e  l l  d e r  H i t l e r j u g e n d. Fanfarenruf, das gemeinsam gesungene Lied &lsquo;Ein junges Volk steht auf&rsquo;. Trommelwirbel, ein Wort des F&uuml;hrers von der deutschen Infanterie und  Begr&uuml;ssungsworte des Bannf&uuml;hrers  T e l j u n g ,  der hervorhob,  da&szlig; die Tat spreche, folgten die Darlegungen des R i t t e r k r e u z t r &auml; g e r s  H a u p m a n n  Kl&auml;rmann. <\/p>\n<p>Er machte die Feldz&uuml;ge in Polen, im Westen, gegen de Bolschewisten und zuletzt in Afrika mit,  wurde dreimal verwundet und konnte somit ein treffendes Bild  von dem gewaltigen Kriegsgeschehen geben. Der Sprecher sch&auml;lte besonders die die ungeheuren Aufgaben heraus, die an die Infanterie  gestellt werden, die mit jeder Waffe vertraut sein m&uuml;&szlig;te. Er wisse aus eigener Erfahrung bei vielen K&auml;mpfen , wie die Infanterie  immer wieder Schlachten entschied, sie diejenige war, die nach den Vorbereitungen der Artillerie die St&uuml;rme unternehmen und in die  schwierigsten K&auml;mpfe verwickelt werden. Hauptmann Kl&auml;rmann  pries seinen General von Briesen, den Generalfeldmarschall Rommel, die beide immer in vorderster Linie standen, er wies auf seine tapferen M&auml;nner darunter der anwesende Unteroffizier Wodrich hin, denen er zu verdanken habe, da&szlig; ihm das Ritterkreuz verliehen wurde. Er trage die Auszeichnung f&uuml;r seine Kameraden. Der Sprecher schloss mit der festen Zuversicht, da&szlig; eines Tages der Zeitpunkt kommen w&uuml;rde, an dem England  alles heimgezahlt werde. Der Bannf&uuml;hrer gelobte  namens der Jugend, da&szlig; die bestrebt sein werden, auch t&uuml;chtige K&auml;mpfer zu werden und da&szlig; sie auch jetzt ihre Aufgabe kennen und handeln.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Der Artikel umrahmt ein Foto, auf dem Albert Sch&auml;fer Major Briel, Kreisleiter Drescher, und Hauptmann Kl&auml;rmann zu sehen sind. Die Phoenix ist zu dieser Zeit ein wichtiger Betrieb der Kriegswirtschaft. <\/p><p>Sch&auml;fer hat auch allerbeste Verbindungen nach Berlin, durch Otto A. Friedrich, seinen jahrelangen Stellvertreter und Ziehsohn, der sp&auml;ter auch Direktor der Phoenix wird. Friedrich, eingetreten in den Vorstand der Phoenix 1939, schreibt 1956 sehr offen: Sch&auml;fer sei von der Reichsstelle Kautschuk gebeten worden, ihn Friedrich zu beurlauben, <em>&bdquo;um als Sachverst&auml;ndiger in der Reichsstelle Kautschuk mitzuwirken&ldquo;<\/em>. [<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>] <\/p><p>Friedrich schildert den Aufschwung durch die Kriegsproduktion. Die Phoenix sei <em>&bdquo;jetzt wieder eines der leistungsf&auml;higsten deutschen Werke&ldquo;<\/em>. Sch&auml;fer unterzeichnet Vertr&auml;ge mit Firmen in Norwegen, Belgien, Frankreich und D&auml;nemark. Das genaue Zustandekommen ist bisher kaum  erforscht. Und wie Sch&auml;fer sp&auml;ter eingestehen wird, hat er &bdquo;Lizenzvertr&auml;ge auf Verarbeitung von Buna&ldquo; [<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>] abgeschlossen.<\/p><p>&Uuml;ber das Konzentrationslager Buna &ndash; Monowitz, auch Auschwitz III genannt, informiert das  Wollheim-Memorial folgenderma&szlig;en: <\/p><blockquote><p>&bdquo;Ende Oktober 1942 er&ouml;ffnete die I.G. Farben ihr firmeneigenes Konzentrationslager Buna\/Monowitz zur Unterbringung der zumeist j&uuml;dischen H&auml;ftlinge, die auf dem Werksgel&auml;nde der I.G. Auschwitz Zwangsarbeit leisten mussten. Das Lager entstand an der Stelle des polnischen Dorfes Monowice, dessen Einwohner vertrieben worden waren. Die ersten 2.100 H&auml;ftlinge kamen im Oktober und November 1942 aus den KZ Buchenwald, Sachsenhausen und Dachau sowie aus den Niederlanden. In den folgenden zwei Jahren wurden von der SS aus den nach Auschwitz deportierten Juden ganz Europas zehntausende M&auml;nner zur Zwangsarbeit in Buna\/Monowitz selektiert; ihre Angeh&ouml;rigen, Eltern, Frauen und Kinder, wurden zumeist direkt nach der Ankunft in Auschwitz ermordet. Die meisten H&auml;ftlinge des KZ Buna\/Monowitz, etwa 25&ndash;30.000, gingen an der miserablen Ern&auml;hrung und Kleidung und durch die harten Arbeitsbedingungen zugrunde, wurden auf der Baustelle ermordet oder bei einer Selektion in die Gaskammern nach Birkenau geschickt.&ldquo;  (zitiert nach: <a href=\"http:\/\/www.wollheim-memorial.de\/de\/kz_bunamonowitz_2\">Wollheim Memorial<\/a><\/p><\/blockquote><p>Otto A. Friedrich wird 1943 (kommissarischer) Reichsleiter f&uuml;r Kautschuk und in der Eigenschaft war er auch in Buna\/Monowitz vor Ort.  Doch Jahre sp&auml;ter, in einem Gespr&auml;ch mit seinem Sohn, will er von den Vorg&auml;ngen in Auschwitz &uuml;berhaupt nichts gewusst haben. Die H&ouml;lle von Monowitz hat am eindringlichsten Primo Levi beschrieben, in seinem kurz nach dem Krieg niedergelegten Zeugnis &bdquo;Ist das ein Mensch?&ldquo;, das aber erst Jahrzehnte sp&auml;ter weltweit zur Kenntnis genommen wurde. Im Archiv der Gedenkst&auml;tte Auschwitz finden sich einige Aussagen &Uuml;berlebender von Monowitz.  Zu diesem Lager, erbaut zur Ausnutzung von H&auml;ftlingen f&uuml;r Buna-IG Farben, geh&ouml;rte auch das sogenannte &bdquo;Erziehungslager Monowitz&ldquo;. Hier wurden die H&auml;ftlinge besonders grausam misshandelt, viele starben unter der Folter und infolge der Sklavenarbeit. <\/p><p>Der Pole Jozef Jakubik berichtet 1947 &uuml;ber die Gewalt und auch &uuml;ber die Gegenw&auml;rtigkeit des Todes [<a href=\"#foot_8\" name=\"note_8\">8<\/a>]: <\/p><blockquote><p>&bdquo;Von den 74 Mann in unserem Erziehungsh&auml;ftlings Kommando waren jeden Tag 7-8 Mann tot. Dieser Ausfall wurde aber immer wieder erg&auml;nzt durch neue H&auml;ftlinge. Die auf dem IG Werksgel&auml;nde verstorbenen Kameraden trugen wir abends durch das Bunawerk nach Monowitz, wo wir mit den Toten auf dem Appellplatz antreten mussten. Nach dem Appell wurden sie in ein Magazin gebracht, wo sie meist eine Woche gestapelt wurden, um dann &ndash; wenn es etwa 300  waren &ndash; mit dem Lastauto  nach Birkenau zur Verbrennung gebracht zu werden.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Friedrichs Sohn, Paul J. Friedrich,  gibt sich damit zufrieden, sein Vater sei zwar in Monowitz gewesen, aber habe nichts gesehen.  Stattdessen schreibt er, der Vater habe sich zum &bdquo;Kassiberschmuggel bereit erkl&auml;rt&ldquo;. Wo er das in diesem &bdquo;psychotischen Kosmos&ldquo;  Monowitz\/ Auschwitz III, von dem er nichts gemerkt haben will, getan haben soll, wird nicht klar. Zur NSDAP &ndash; Mitgliedschaft seines Vaters wei&szlig;  Paul J. Friedrich zu berichten: &bdquo;Man mag vermuten, da&szlig; er zu jenem Zeitpunkt (1943) innerlich kein Anh&auml;nger  des Nationalsozialismus mehr war. Andererseits war er seit Juli 1941 Mitglied der NSDAP.&ldquo; [<a href=\"#foot_9\" name=\"note_9\">9<\/a>]<\/p><p>Sch&auml;fer, so schreibt der Sohn von Otto A. Friedrich, habe den Vater 1940\/1941 zum Parteieintritt &uuml;berredet, das habe dieser 1945 aufgeschrieben:  &bdquo;der [Sch&auml;fer] meinte, wenn er gebeten worden w&auml;re, oder wenn er noch jung w&auml;re, w&uuml;rde er auch eintreten. Junge Leute wie ich m&uuml;&szlig;ten in die Partei hineingehen, um in ihr zum Besseren zu wirken; auch verlange es die Sache des Werkes [d.h. Der Phoenix].&ldquo; [<a href=\"#foot_10\" name=\"note_10\">10<\/a>]<\/p><p>Ein weiterer Befehl Sch&auml;fers, mit dem Vermerk &bdquo;G e h e i m  !&ldquo;, datiert vom 11. M&auml;rz 1944&ldquo;,  gibt <em>&bdquo;Anweisung an die Lagerf&uuml;hrer der Ausl&auml;nderlager f&uuml;r das Verhalten bei schweren Schadensf&auml;llen (S-F&auml;lle)&ldquo;  Generell verf&uuml;gt Sch&auml;fer darin: &bdquo;Das selbstst&auml;ndige Verlassen des Lagers durch Ausl&auml;nder ist verboten. N&auml;here Anweisungen von mir oder meinen Beauftragten sind abzuwarten.&ldquo;<\/em> [<a href=\"#foot_11\" name=\"note_11\">11<\/a>]<\/p><p>In der Berichterstattung der Hamburger Medien tauchen diese und andere historischen Fakten nicht auf. Auch erfahren wir nichts &uuml;ber den Nationalsozialisten Hermann Burchard, der als Stabsarzt Sch&auml;fer begleitet und als Oberarzt im Hamburger Universit&auml;tskrankenhaus Eppendorf Bef&uuml;rworter der Euthanasie von Kindern gewesen sein soll. Auch Generalmajor Alwin Wolz, der von den Engl&auml;ndern immerhin bis Juli 1947 in Haft genommen worden ist, bleibt in seinen Taten v&ouml;llig blass. <\/p><p><em>Epilog:<\/em> In Hamburg hat ein Freund f&uuml;r den heutigen Abend des 8. Mai Menschen aus seinem privaten und politischen Umfeld zu einem kleinen Fest eingeladen. Die Geschichte seiner Familie kennen die Wenigsten. Er wollte immer vor allem als politischer Mensch wahrgenommen werden. Im Sp&auml;tsommer wird er 70 Jahre alt. Doch er feiert schon an diesem 8. Mai sein &Uuml;berleben, das er den &bdquo;Alliierten unter F&uuml;hrung der sowjetischen Soldaten&ldquo; verdankt. Er hat zwei sehr starke Frauen in seiner Familie. Seine Tochter, sanft und klug, hat sich vor wenigen Jahren in der Geschichtswissenschaft promoviert und erforscht Themen des Holocaust. Seine Mutter, bis zu ihrem Tod vor einigen Jahren, wach und resolut, hatte sich im Wissen um ihr baldiges Ableben eine  Wissenschaftlerin an ihr Bett bestellt und dieser ihre Geschichte der Befreiung erz&auml;hlt, erstmals in ihrem Leben ausf&uuml;hrlich. Daraus ist ein ber&uuml;hrendes Dokument des &Uuml;berlebens entstanden. Damals werden die hochschwangere Mutter des Freundes, der Vater und die Schwester im von der Wehrmacht und SS verw&uuml;steten Polen als verfolgte Juden befreit.<br>\nDer Freund wird uns den sowjetischen Anti-Kriegsfilm &bdquo;Geh und sieh&ldquo; \/&bdquo;Komm und sieh&ldquo; (1985) des Regisseurs Elem Klimow (1933-2003) zeigen. <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Z&ouml;chmeister, Markus (2013):Vom Leben danach. Eine transgenerationelle Studie &uuml;ber die Shoah&ldquo;. Gie&szlig;en.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] In Wahrheit handelt es sich um eine alte Verkl&auml;rung der T&auml;ter, die sofort nach der Befreiung einsetzte, vgl. dazu Grolle, Joist (1997): Hamburg und seine Historiker. Hamburg.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Vgl. Blatmann, Daniel (2011): Die Todesm&auml;rsche 1944\/45. Das letzte Kapitel des nationalsozialistischen Massenmordes. Reinbek bei Hamburg.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Vgl. dazu ausf&uuml;hrlich Littmann, Friederike (2006): Ausl&auml;ndische Zwangsarbeiter in der Hamburger Kriegswirtschaft 1939-1945. M&uuml;nchen; ebenso die von ihr erstellte Datenbank:\t<a href=\"http:\/\/www.zwangsarbeit-in-hamburg.de\">www.zwangsarbeit-in-hamburg.de<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] Das Dokument befindet sich im Hamburger Museum der Arbeit\/Phoenix-Archiv. Den wertvollen Hinweis und Kenntnisnahme der Quelle verdanke ich J&uuml;rgen Ellermeyer, langj&auml;hriger Kunsthistoriker des Museums.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] Friedrich, Otto A.(1956): Ein Werk im Spiegel der Weltwirtschaft. Zum 100j&auml;hrigen Gr&uuml;ndungstag der Phenix Gummiwerke AG 1856-1956. Freiburg, S. S.35f.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] Vgl. Brigitta Huhnke: Die Dabeigewesenen. Im Erscheinen 2015.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_8\" name=\"foot_8\">&laquo;8<\/a>] Das Zeugnis von Jozef Jakubik findet sich im Archiv des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau als Document No. NI-9818, unter der Signatur D-AIII Monowitz, Nr. inw. 151234.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_9\" name=\"foot_9\">&laquo;9<\/a>] Berghahn, Volker, Friedrich, Paul J. (1993) Otto A. Friedrich, ein politischer Unternehmer. Frankfurt a. M., S. 20f.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_10\" name=\"foot_10\">&laquo;10<\/a>] Ebenda, S. 21.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_11\" name=\"foot_11\">&laquo;11<\/a>] Das Dokument befindet sich im Museum der Arbeit\/Phoenix-Archiv. <\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Hamburger Medienwelt wurde des 70. Jahrestages der Befreiung vor allem mit einer Heldengeschichte zur &bdquo;Kapitulation&ldquo; gedacht. Im Mittelpunkt steht ein &bdquo;Dokumentarspiel&ldquo;, verantwortet vom &ouml;ffentlich-rechtlichen Sender NDR: <em>&bdquo;Unsere Geschichte &ndash; Hamburg 1945. Wie die Stadt gerettet wurde&ldquo;<\/em>, ausgestrahlt am 23. April 2015 (N3). Grundlage war eine Auftragsarbeit der Hamburger Handelskammer &uuml;ber &bdquo;Hanseaten unter dem<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26010\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[212,41,171],"tags":[1403,304,416,1548,906,966],"class_list":["post-26010","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-gedenktagejahrestage","category-medienanalyse","category-militaereinsaetzekriege","tag-konzentrationslager","tag-kriegsverbrechen","tag-nationalsozialismus","tag-ndr","tag-ruestungsindustrie","tag-weltkrieg"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26010","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=26010"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26010\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":26023,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26010\/revisions\/26023"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=26010"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=26010"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=26010"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}