{"id":26019,"date":"2015-05-08T14:27:34","date_gmt":"2015-05-08T12:27:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26019"},"modified":"2019-07-05T10:24:29","modified_gmt":"2019-07-05T08:24:29","slug":"syrizias-entgegenkommen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26019","title":{"rendered":"Syrizias Entgegenkommen"},"content":{"rendered":"<p>Eine interessante kleine Meldung stand in der FAZ vom 2. Mai: Die Europafiliale von Goldman Sachs empfiehlt neuerdings den Kauf spanischer Aktien. Die Begr&uuml;ndung: Die Schwierigkeiten der Syriza-Regierung in Athen und die Tatsache, dass sie ihr Wahlprogramm nur sehr begrenzt realisieren kann, habe dazu beigetragen, dass Podemos in den spanischen Umfragen an Boden verliert. Ob der unterstellte Zusammenhang zwischen den Problemen der Regierung Tsipras und den Umfragewerten f&uuml;r Podemas zu verifizieren ist, ist gar nicht so wichtig. Denn schon indem Goldman Sachs einen solchen Zusammenhang herstellt, ergibt sich eine politische Wirkung. Sie erinnert uns daran, dass die (&uuml;ber)optimistische Erwartung, ein Sieg der Linken in Griechenland w&uuml;rde die gesamte europ&auml;ische Linke befl&uuml;geln, auch ihre Kehrseite hat. Wenn das Unternehmen Syriza misslingt oder eine Episode bleibt &ndash; ein &bdquo;Ereignis in Parenthese&ldquo;, wie man in Griechenland sagt &ndash; hat nicht nur die griechische Linke f&uuml;r l&auml;ngere Zeit verspielt. Auch im europ&auml;ischen Ma&szlig;stab h&auml;tten dann die neoliberalen Krisenmanager ihre Vorherrschaft langfristig abgesichert. Von <strong>Niels Kadritzke<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nEs liegt nahe, diesen gesamteurop&auml;ischen Zusammenhang als zentralen Erkl&auml;rungsfaktor f&uuml;r die unnachgiebige Verhandlungslinie, zu sehen, die der &bdquo;harte Kern&ldquo; der Eurozone gegen&uuml;ber Griechenland eingeschlagen hat. Die Logik liegt auf der Hand: Indem ein Erfolg der Syriza-Regierung verhindert wird, kann man alle aufm&uuml;pfigen bis rebellischen Kr&auml;fte in anderen EU- und Euro-L&auml;ndern entmutigen. Diese plausible These l&auml;sst jedoch eine wichtige Frage offen: Welcher Ma&szlig;stab soll f&uuml;r einen &bdquo;Erfolg&ldquo; der Syriza gelten? Die ausl&auml;ndischen Sympathisanten und Anh&auml;nger von Tsipras sind sich dar&uuml;ber keineswegs einig. Und viele von ihnen w&uuml;rden erhebliche Abstriche am Wahlprogramm der Syriza zweifellos als &bdquo;Verrat&ldquo; oder &bdquo;Unterwerfung&ldquo; verurteilen.  <\/p><p><strong>Transparenz und Ehrlichkeit gegen&uuml;ber den W&auml;hlern<\/strong><\/p><p>Tsipras selbst und ein Gro&szlig;teil seiner Regierung sieht das anders. Sie sind dazu verdammt, bereits einen &bdquo;ehrenvollen Kompromiss&ldquo; als Erfolg zu empfinden. Wobei das Problem ist, dass das Kriterium &bdquo;ehrenvoll&ldquo; dehnbar ist und nur im Licht der realen M&ouml;glichkeiten definiert werden kann. In diesem Punkt hat Alexis Tsipras letzte Woche eine kl&auml;rende Feststellung gemacht: Ein Kompromiss k&ouml;nne auch den R&uuml;ckzug von den eigenen Positionen erforderlich machen, allerdings m&uuml;sse man das dann auch den W&auml;hlern offen darstellen und plausibel machen.<\/p><p>Der Regierungschef setzt also auf das Prinzip der Transparenz und der Ehrlichkeit, das auch das Eingestehen von Fehlern einschlie&szlig;t: &bdquo;Fehler und Vers&auml;umnisse geh&ouml;ren nun mal zur menschlichen Existenz&ldquo;, sagte Tsipras letztes Wochenende in einem langen Interview mit dem TV-Sender Star, &bdquo;und das Beste, was eine Regierung tun kann, ist aus den Fehlern zu lernen.&ldquo; Genau das unterscheide seine Regierung von ihren Vorl&auml;ufern. <\/p><p>Die &Auml;u&szlig;erung bezog sich zwar auf eine Frage nach der &bdquo;Neuorganisierung&ldquo; seines Teams f&uuml;r die Verhandlungen mit der &bdquo;Br&uuml;sseler Gruppe&ldquo;. Aber sie ist auch ein Signal f&uuml;r die prinzipielle Bereitschaft zur Selbstkritik und zur Flexibilit&auml;t in Positionen, die sich als nicht durchsetzbar erweisen. <\/p><p><strong>Varoufakis und das &bdquo;Fiasko von Riga&ldquo;<\/strong><\/p><p>In welchen Punkten sich substantielle Zugest&auml;ndnisse der Syriza-Regierung abzeichnen, die eine &bdquo;ehrenvolle&ldquo; Vereinbarung erm&ouml;glichen sollen, werde ich sp&auml;ter darlegen. Zun&auml;chst noch einige Anmerkungen zur Causa Varoufakis. Wenn ich unseren Lesern das <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25929\">Interview<\/a> zug&auml;nglich machen wollte, dass der Finanzminister nach dem von allen Medien kolportierten &bdquo;Fiasko von Riga&ldquo; gegeben hat, dann nicht nur, um die &bdquo;Gegendarstellung&ldquo; des viel gescholtenen Ministers zu verbreiten. Aus dem Interview kann man auch erfahren, wie intelligent, &uuml;berzeugend und &ndash; ja &ndash; pragmatisch und realit&auml;tsnah der Intellektuelle Varoufakis argumentiert, und wie klar er die verh&auml;ngnisvollen Wirkungen eines Grexit oder Graccident einsch&auml;tzt. <\/p><p>Vor allem aber sp&uuml;rt man den tiefen Zwiespalt, in dem sich der realistische &Ouml;konom Varoufakis gegen&uuml;ber dem Realpolitiker gleichen Namens befindet. Der erste ist nach wie vor fest &uuml;berzeugt von der Notwendigkeit eines Schuldenschnitts; der zweite musste erfahren, dass diese logische und vern&uuml;nftige Einsicht derzeit keine reale Durchsetzungschance hat. Angesichts dessen muss sich der Finanzminister tagt&auml;glich um die Frage k&uuml;mmern, wie man das Geld zusammenkratzen kann, um einen sofortigen Graccident zu verhindern. In der Hoffnung, in einer sp&auml;teren Verhandlungsphase m&ouml;ge die Einsicht obsiegen, dass eine Schuldenentlastung f&uuml;r Griechenland unvermeidbar ist. Eine Entlastung, die &uuml;brigens ein Versprechen der alten Troika&ldquo; aus dem Jahr 2011 darstellt, das unter der Bedingung gegeben wurde, dass in Athen ein &Uuml;berschuss des Prim&auml;rhaushalts erzielt wird. Was inzwischen geschehen ist und was auch die Regierung Tsipras anstrebt.<\/p><p>Man fragt sich angesichts dessen, wie Varoufakis es schafft, nicht verr&uuml;ckt zu werden. Zumal er st&auml;ndig Zuspruch von anderen intelligenten und realistischen &Ouml;konomen und Beobachtern bekommt. Wie zuletzt von Mohammed El Erian, der durchaus ein Mann des Marktes  ist. Der Chefberater des Allianz-Konzerns schrieb am 4. Mai in einem Gastkommentar f&uuml;r Bloomberg, die Gl&auml;ubiger Griechenlands m&uuml;ssten endlich &bdquo;eine Wahrheit akzeptieren, die Varoufakis ihnen st&auml;ndig klarzumachen versucht hat: dass Reformen der griechischen Wirtschaft, und seien sie noch so k&uuml;hn, erfolglos bleiben werden, wenn man nicht die strengen Haushaltsauflagen lockert und eine weitere Schuldenentlastung gew&auml;hrt&hellip;&ldquo;<\/p><p><strong>Verst&auml;ndnis f&uuml;r Varoufakis vom Allianz-Chefberater<\/strong><\/p><p>El Erian versteht also sehr gut, dass Varoufakis &ndash; auch bei den Verhandlungen der Eurogruppe &ndash; von Ungeduld getrieben ist und versucht hat, seine Kollegen &bdquo;wachzur&uuml;tteln&ldquo;. Er benennt aber auch das Problem: &bdquo;In seinem Bestreben, eine big bang-L&ouml;sung zu erreichen, hat er die kleinen vertrauensbildenden Schritte vernachl&auml;ssigt, die daf&uuml;r notwendig sind.&ldquo;<\/p><p>Das hat wohl auch Tsipras im Auge, wenn er von Fehlern spricht, aus denen man lernen m&uuml;sse. Ob dies Varoufakis und seinen Kollegen gelingt, wird man abwarten m&uuml;ssen. In jedem Fall bleibt der Finanzminister &ndash; wie der Regierungssprecher am 4. Mai noch einmal hervorhob &ndash; Leiter des Team der griechischen Unterh&auml;ndler mit der &bdquo;Br&uuml;sseler Gruppe&ldquo; und genie&szlig;t nach wie vor das Vertrauen der Regierung. Auch zum n&auml;chsten Treffen der Euro-Finanzminister am 11. Mai wird Varoufakis nach Br&uuml;ssel reisen. Davor konzentriert er sich auf Gespr&auml;che mit den Finanzministern, zu denen er einen besseren Draht hat. So reiste er diese Woche zu den Kollegen Padoan in Rom und Sapin in Paris, und dann weiter nach Br&uuml;ssel zu seinem speziellen Freund, EU-Finanzkommissar Moscovici. All diese Gespr&auml;che beurteilte Varoufakis als fruchtbar und konstruktiv; auch Mosovici meldete &bdquo;bedeutende Fortschritte&ldquo; in den Verhandlungen, ohne allerdings von einem Durchbruch der Euro-Finanzminister am 11. Mai zu sprechen.<\/p><p>Trotz der aktiven Rolle von Varoufakis: Die wichtigen Gespr&auml;che werden neuerdings von dem &bdquo;Koordinator&ldquo; des Teams, Tsakalotos, und Vize-Premier Dragasakis gef&uuml;hrt, der ohnehin als eine Art Superminister f&uuml;r die Bereiche Wirtschaft und Finanzen fungiert. Beide fuhren  am Dienstag nach Frankfurt, um politische Gespr&auml;che mit EZB-Pr&auml;sident Draghi zu f&uuml;hren, die f&uuml;r Athen von herausragender Bedeutung sind. Denn in Frankfurt wird dar&uuml;ber entschieden, ob die griechischen Banken den finanziellen Spielraum bekommen, um den griechischen Staat durch Ankauf von T-bills noch bis Ende Mai &uuml;ber Wasser zu halten.<\/p><p><strong>Die Rolle der EZB wird immer wichtiger<\/strong><\/p><p>Nach Berichten der Athener Presse waren die Gespr&auml;che in Frankfurt freilich nicht besonders erfolgreich. Zwar hat die EZB am Mittwoch der griechischen Zentralbank weitere 2 Mrd. Euro an ELA-Mitteln bewilligt, die f&uuml;r die Liquidit&auml;t der griechischen Banken unabdingbar sind. Aber Draghi wiederholte die Drohung, die Bewertung griechischer Staatspapiere zu senken, die den Athener Banken als Sicherheit (collateral) bei weiteren K&auml;ufen von T-Bills vorweisen m&uuml;ssen. Damit w&uuml;rde die F&auml;higkeit dieser Banken, den Fiskus zahlungsf&auml;hig zu halten, erheblich beschnitten. <\/p><p>Diese Frage ist auch deshalb so wichtig, weil sich der Zeithorizont f&uuml;r den angestrebten Kompromiss zwischen Athen und der Br&uuml;sseler Gruppe weiter verschoben hat. Niemand geht noch davon aus, dass eine endg&uuml;ltige Vereinbarung bis zum 11. Mai noch m&ouml;glich ist. Bis zu diesem Zeitpunkt strebt die griechische Seite jetzt nur noch eine erste &bdquo;positive Evaluierung&ldquo; ihres Reformpakets an, das wenigstens die Auszahlung der Zinsgewinne von 1,9 Mrd. Euro erm&ouml;glicht, die bei der EZB f&uuml;r die dort lagernden griechischen Bonds aufgelaufen sind. Das w&uuml;rde knapp ausreichen, um die bis 12. Mai f&auml;lligen R&uuml;ckzahlungen von IWF-Krediten zu gew&auml;hrleisten. <\/p><p>Schon jetzt ist klar, dass die Regierung ohne finanzielle Zufuhr &bdquo;von au&szlig;en&ldquo; am Ende dieses Monats, wenn der Gro&szlig;teil der Geh&auml;lter und Renten ausgezahlt werden muss, nicht mehr zahlungsf&auml;hig w&auml;re. Zwar hat sie sich &ndash; durch eine &bdquo;Notverordnung&ldquo; und politischen Druck &ndash;  eine Art Liquidit&auml;tsreserve von den Kommunen, &ouml;ffentlichen Betrieben und Institutionen wie auch von den Sozialkassen beschafft (siehe dazu meinen letzten Bericht vom 28. April). Die Kassen haben zugesagt, der Zentralbank insgesamt 290 Millionen Euro zu &uuml;berweisen, wobei die gr&ouml;&szlig;ten Summen von der IKA (der griechischen AOK) und der Versicherungskasse der selbst&auml;ndigen Berufe (ETAA) stammen. Diese Kassen haben allerdings ein Problem: Da sie die geforderten Gelder von ihren Konten bei Gesch&auml;ftsbanken abziehen m&uuml;ssen, sind daf&uuml;r hohe Strafgeb&uuml;hren f&auml;llig. Das Finanzministerium hat deshalb die Banken gebeten, sich gegen&uuml;ber den Kassen &bdquo;flexibel&ldquo; zu zeigen (weitere Details in einem Bericht der Kathimerini vom 1. Mai).<\/p><p>Die eingetriebenen Summen sind aber weit geringer als erwartet (anfangs war von erhofften 2,5 Mrd. Euro die Rede). Hinzu kommt, dass diese kurzfristig transferierten Gelder von Kassen stammen, die gro&szlig;enteils auf staatliche Subventionen angewiesen sind. Hier werden also L&ouml;cher gestopft, die den k&uuml;nftigen Subventionsbedarf nur noch weiter erh&ouml;hen; zumal die an die Zentralbank &uuml;berwiesenen Gelder von dieser mit 2,5 Prozent verzinst werden.  <\/p><p>Ein Staat, der sich sein Geld auf rechtlich so problematische und auch kostspielige Weise zusammen kratzen muss, pfeift tats&auml;chlich aus dem letzten Loch. Zumal die zuvor von den Gemeinden und &ouml;ffentlichen Unternehmen &bdquo;konfiszierten&ldquo; Gelder  bereits gro&szlig;enteils f&uuml;r die letzten April-Geh&auml;lter ausgegeben. Die R&uuml;ckzahlung von 890 Millionen Euros an den IWF zum 12. Mai ist damit ebenso wenig abgedeckt wie die Gehalts- und Pensionszahlungen, die Ende Mai f&auml;llig werden.  <\/p><p><strong>Der Zeithorizont der Athener Regierung<\/strong><\/p><p>Von der fiskalischen Front kommen weitere Hiobsbotschaften. Nach einem Zeitungsbericht, der sich auf das Finanzministerium beruft (Kathimerini vom 30. April) werden die Steuereinnahmen des Monats April um mindestens 400 Millionen unter dem erwarteten Aufkommen liegen. <\/p><p>Noch viel gr&ouml;&szlig;ere Gefahr droht von einer anderen Seite. Bis 11. Mai will das Oberste Verwaltungsgericht des Landes (Symvoulio tis Epikratias, StE) ein letztinstanzliches Urteil &uuml;ber die Anspr&uuml;che von Staatspension&auml;ren f&auml;llen, die gegen die K&uuml;rzung ihrer Altersbez&uuml;ge geklagt haben. Bek&auml;men die Kl&auml;ger Recht, w&uuml;rde dem Fiskus eine zus&auml;tzliche Belastung von bis zu 4,5 Mrd. Euro drohen, was alle Haushaltsplanungen zur Makulatur machen w&uuml;rde.<\/p><p>Was hei&szlig;t das f&uuml;r die inhaltliche und zeitliche Strategie der Regierung? Bis Anfang n&auml;chster Woche muss von irgendwo Geld herkommen. Und nachdem die Barmittel aller &ouml;ffentlichen Institutionen abgesch&ouml;pft sind, kommen nur zwei Quellen in Frage: die Ertr&auml;ge neuer T-bills oder Geld von den Gl&auml;ubigern, sei es von der EU oder der EZB, wobei letztere die entscheidende Instanz ist. Denn sie muss im ersten Fall den Absatz kurzfristiger Bonds erm&ouml;glichen,  oder im zweiten Fall die Zinsen f&uuml;r die von ihr gehaltenen langfristigen griechischen Obligationen nach Athen &uuml;berweisen. <\/p><p>Zwar konnten in Athen vor zwei Tagen noch einmal  T-Bills mit einer Laufzeit von sechs Wochen in H&ouml;he von 1,14 Milliarden Euro verkauft werden. Ohne diese Einnahme h&auml;tte Athen nicht &uuml;ber die 200 Millionen Euro verf&uuml;gt,  die am selben Tag als R&uuml;ckzahlung an den IWF f&auml;llig waren. Aber die T-Bills wurden eben nur von  einheimischen Banken gekauft, da es derzeit keine ausl&auml;ndischen Interessenten gibt. Wie lange sich der griechische Staat auf diese Weise noch &bdquo;von der Hand in den Mund&ldquo; finanzieren kann, h&auml;ngt wiegesagt davon, ob die EZB den Spielraum f&uuml;r derartige K&auml;ufe erweitert oder einschr&auml;nkt.<\/p><p>Um die Gl&auml;ubiger und insbesondere der EZB zu einer dieser finanziellen Rettungsaktionen zu &bdquo;erweichen&ldquo;, hat das &bdquo;&ouml;konomische Kernkabinett&ldquo; am Sonntag eine neue Strategie beschlossen. An der Diskussion im Amtssitz von Tsipras waren (nach dem Bericht der regierungsnahen Efimerida ton Syntakton vom 4. Mai) alle wirtschafts- und finanzpolitischen K&ouml;pfe  der Regierung beteiligt, also Vize-Regierungschef Dragasakis, Varoufakis, Tskakalotos und Stathakis. Der Plan sieht vor,  mit der Vorlage neuer Kompromissvorschl&auml;ge mehrere wichtige kontroverse Punkte bis zur Eurofin-Runde vom 11. Mai beizulegen. Aufgrund eines ermutigenden Zwischenberichts der Euro-Minister k&ouml;nnte dann die EZB jene Geldspritze bewilligen, die erforderlich ist, um den IWF-Kredit zum 12. Mai bedienen zu k&ouml;nnen.<\/p><p>Entscheidend an dem Plan ist, dass die beiden wichtigsten strittigen Themen (Arbeitsmarkt und Renten bzw. Sozialkassen) einerseits kein Tabu mehr sind, andererseits aber zun&auml;chst ausgespart bleiben sollen. Man will sie in die &bdquo;Hauptverhandlungen&ldquo; verschieben, die nach der angestrebten &bdquo;Zwischenl&ouml;sung&ldquo; beginnen sollen. Darauf scheint sich Tsipras in einem Gespr&auml;ch mit EU-Kommissionschef Juncker am Mittwoch geeinigt zu haben. <\/p><p>Daf&uuml;r will man diese zweite Verhandlungsphase beschleunigt angehen, in der die schwierigen Themen auf den Tisch kommen &ndash; aber endlich auch ein &bdquo;positives&ldquo; Programm und eine langfristige Strategie der Wirtschaftsbelebung. Diese schwierigen Verhandlungen will man jetzt bis sp&auml;testens Anfang Juni abschlie&szlig;en (und nicht, wie am 20. Februar vereinbart, erst Ende Juni). <\/p><p><strong>Zu einem Kompromiss geh&ouml;ren zwei<\/strong><\/p><p>Nat&uuml;rlich kommt alles darauf an, ob die Partner und Gl&auml;ubiger auf diesen Plan eingehen. Die ersten Signale aus Br&uuml;ssel, Frankfurt und Washington sind widerspr&uuml;chlich und &ndash; wie schon in den letzten beiden Wochen &ndash; in fast t&auml;glich wechselnder Tonlage zwischen Ermutigung, v&auml;terlicher Ermahnung und handfester Drohung.  Seit einigen Tagen dominiert wieder eine optimistischere Sicht der Dinge. Zum Beispiel bei dem Chef&ouml;konomen der Londoner Berenberg Bank Holger Schmieding. Er sah Anfang der Woche eine Wahrscheinlichkeit von 70 Prozent f&uuml;r einen Kompromiss in letzter Stunde, der den griechischen Verbleib in der Eurozone sichert (Bloomberg 4. Mai). <\/p><p>Das aber erfordert nicht nur Flexibilit&auml;t auf griechischer Seite. Sondern auch strategisches Denken und &bdquo;guten Willen&ldquo; bei den Verhandlungspartnern, der bislang noch nicht zu sehen ist. Zwar hoffen Varoufakis und Tsipras immer noch, am Ende die konzilianteren Partner, etwa Rom und Paris, und vor allem auf den Kommissionsvorsitzenden  Juncker als F&uuml;rsprecher zu gewinnen. Aber in Athen hat man schon des &ouml;fteren vergeblich auf diese &bdquo;Verb&uuml;ndeten&ldquo; gehofft, die es letztlich nie wagten, die Berliner Linie zu verlassen (die allerdings auch von den meisten kleineren Euro-Partnern unterst&uuml;tzt wird, und zwar durchaus nicht unter Druck). <\/p><p>In Athen sieht man heute sehr klar, dass eine Einigung in dieser Phase von Griechenland zwei Dinge voraussetzt: erstens ein einigerma&szlig;en glaubw&uuml;rdiges Zahlenwerk &uuml;ber die Entwicklung der &ouml;ffentlichen Finanzen, was zweitens eine Reihe von Ma&szlig;nahmen und Reformen voraussetzt, die auch die wichtigsten Erwartungen\/Forderungen der Partner\/Gl&auml;ubiger ber&uuml;cksichtigt.  Das hei&szlig;t aber, dass die griechische Seite eine Reihe von &bdquo;roten Linien&ldquo; &uuml;berschreiten, sich also mit Themen befassen muss, die eigentlich auf ihrer Tabuliste stehen. <\/p><p>Was die Diskussion um diese Tabuthemen betrifft, so muss die Ex-Troika ihrerseits beweisen, dass sie im Sinne eines &bdquo;beiderseits akzeptablen Kompromisses&ldquo; auch der Regierung Tsipras einen Verhandlungserfolg zugesteht.  Sie muss also endlich aufh&ouml;ren, den Griechen &bdquo;eine Lektion erteilen zu wollen&ldquo;.  Solange die ma&szlig;geblichen Akteure der Eurozone diese psychologisch &bdquo;harte Linie&ldquo; nicht verlassen, steuern sie &ndash; ob gewollt oder ungewollt &ndash; auf einen &bdquo;Bruch&ldquo; mit der Regierung Tsipras hin.<\/p><p><strong>Verglichen mit den Euro-Politikern ist Tsipras ein Staatsmann<\/strong><\/p><p>Dies ist kein &bdquo;linker&ldquo; Vorwurf an den Euro-Partnern Griechenlands. Sie wird vielmehr von einem in der Wolle gef&auml;rbten Liberalen vorgebracht. Clive Crook ist leitender Redakteur beim Wirtschaftsnachrichtendienst Bloomberg und hat f&uuml;r die Financial Times und den Economis kommentiert. Crook schrieb noch vor dem Rigaer Treffen (am 22. April bei Bloomberg), die Partner Griechenlands wollten die Regierung Tsipras in die Knie zwingen, indem sie demonstrieren, dass die Syriza alle ihre Wahlversprechen brechen muss. Dieser Kurs sei eine Katastrophe, weil er auf einen Grexit zu steuere, den Crook f&uuml;r eine gro&szlig;e Gefahr h&auml;lt &ndash; f&uuml;r Griechenland wie f&uuml;r die EU insgesamt. Denn das Letzte, was die noch fragile EU brauche, sei eine Grexit-Krise. Er bef&uuml;rwortet ein Programm mit langem Atem, einer fiskalischen Entlastung und einem neuen Programm, das Griechenland wirtschaftliche Entwicklung und auf lange Sicht stabile Finanzen sichert. Aber deshalb m&uuml;sse die Drohung eines sofortigen finanziellen Zusammenbruchs gestoppt werden.<\/p><p>Der Erzliberale Crook ist kein Freund der Syriza-Regierung, dem er &bdquo;taktische Unf&auml;higkeit&ldquo; vorwirft. Aber sein Hauptvorwurf geht an die Partner Griechenlands, die er wie Gegner agieren sieht. Denn statt Tsipras zu helfen, einen ertr&auml;glichen Kompromiss zu erzielen, wolle man ihn dem&uuml;tigen, auf die Knie zwingen. &bdquo;Tsipras hat einen schrecklichen Job abgeliefert&ldquo;, lautet das Fazit des liberalen Kommentators, &bdquo;aber verglichen mit all den &uuml;brigen europ&auml;ischen Politikern steht er wie ein Staatsmann da.&ldquo;<\/p><p><strong>Die bereits vollzogenen Abstriche am Syriza-Programm<\/strong><\/p><p>Im &uuml;brigen weist Crook darauf hin, dass die Regierung Tsipras bereits erhebliche Abstriche an ihrem Wahlprogramm gemacht hat. Das ist eine sehr h&ouml;fliche Formulierung. Tats&auml;chlich hat die Syriza bereits in allen wichtigen Punkten ihres Wahlprogramms nachgegeben. Ich nenne nur die wichtigsten f&uuml;nf Beispiele: <\/p><ol>\n<li><strong>Renten:<\/strong><br>\nDas Versprechen, f&uuml;r die niedrigsten Renten eine 13. Rente auszuzahlen, kann nicht eingehalten werden. Daf&uuml;r fehlt den Kassen das Geld; und auch der Staat kann die n&ouml;tigen Subventionen nicht aufbringen.<\/li>\n<li><strong>Mindestlohn<\/strong><br>\nDer allgemeine Mindestlohn wird  nicht sofort erh&ouml;ht, vielmehr soll die Erh&ouml;hung etappenweise bis Ende 2016 erfolgen, und zwar in Absprache mit Gewerkschaften und Arbeitgebern.<\/li>\n<li><strong>Steuern<\/strong>\n<ol type=\"a\">\n<li>Die versprochene Anhebung der Schwelle eines steuerfreien Einkommens auf 12 000 Euro pro Jahr (von bisher 5000 Euro) wird auf 2016 verschoben<\/li>\n<li>Die unbeliebte Einheitliche Immobiliensteuer (ENFIA) wird nicht abgeschafft und wie versprochen durch eine sozial gerechtere Steuer ersetzt, die auf Immobilien der gehobenen Preisklasse beschr&auml;nkt ist (FMAP).  Sehr wahrscheinlich wird die alte ENFIA auch noch (mindestens) 2015 erhoben, weil der Staat auf diese Einnahmequelle ( 2,65 Mrd. Euro wurden 2014 erzielt) nicht verzichten kann. Wom&ouml;glich wird sie aber geringer ausfallen, weil als Bemessungsgrundlage die (niedrigeren) Marktpreise gelten sollen.<\/li>\n<\/ol>\n<\/li>\n<li><strong>Entlassungen im &ouml;ffentlichen Sektor<\/strong><br>\nDie sofortige Wiedereinstellung aller Entlassenen ist nicht erfolgt (noch nicht einmal im Fall der Putzkr&auml;fte des Finanzministeriums, die monatelang bis zum Wahlsieg der Syriza ihre alte Arbeitsst&auml;tte belagert hatten). Die Kosten der Wiedereinstellung m&uuml;ssen erst im einzelnen durchgerechnet und durch andere Einsparungen finanzierbar gemacht werden.<\/li>\n<li><strong>Privatisierungen<\/strong><br>\nDie laufenden Privatisierungsverfahren wurden nicht gestoppt und die vollzogenen Privatisierungen werden nicht &uuml;berpr&uuml;ft, wie es im Wahlprogramm vorgesehen war (dazu ausf&uuml;hrlich weiter unten).<\/li>\n<\/ol><p>Diese und andere Ma&szlig;nahmen, die den Ank&uuml;ndigungen des Syriza-Wahlprogramms zuwiderlaufen, erfolgten keinesfalls auf &bdquo;Befehl&ldquo; der Br&uuml;sseler Institutionen. Viele Abstriche an den Wahlversprechen muss die Regierung angesichts des vorgefundenen Kassenstands &ndash; und der weiter schrumpfenden Steuereinnahmen &ndash; in eigener Verantwortung beschlie&szlig;en. Tsipras selbst hat ehrlicherweise einger&auml;umt, dass man die ENFIA nur abschaffen k&ouml;nne, wenn 2015 ein Wirtschaftswachstum von mindestens 1,4 Prozent erreicht wird (die Prognosen liegen derzeit bei 0,5 bis 1, 0 Prozent BIP-Zuwachs und gelten eher als zu optimistisch). Dabei stellte er explizit klar: &bdquo;Wenn wir es nicht schaffen, hat das nichts mit der Troika zu tun, sondern mit unseren eigenen Priorit&auml;ten. Die Abschaffung der ENFIA h&auml;ngt mit von unserer wirtschaftlichen Entwicklung ab, von den Chancen, unsere Ziele zu erreichen.&ldquo;(Interview mit dem TV-Sender Star am 28. April). <\/p><p>Zu einem gro&szlig;en Teil sind diese von der (&ouml;konomischen) Realit&auml;t diktierten Abstriche am eigenen Programm jedoch gleichbedeutend mit &bdquo;Konzessionen&ldquo; an die Verhandlungspartner: Viele der erzwungenen Korrekturen entsprechen den Forderungen der alten Troika wie auch der Vereinbarung, die am 20. Februar mit den nicht mehr Troika genannten &bdquo;Institutionen&ldquo; unterzeichnet wurde. Das gilt etwa f&uuml;r die Themen Mindestlohn, ENFIA und Privatisierungen.  <\/p><p>Ich werde in meinem n&auml;chsten Beitrag die wichtigsten strittigen Punkte darstellen, die bislang verhindern, dass die Vereinbarung vom 20. Februar in ein konkretes griechisches &bdquo;Reformprogramm&ldquo; umgesetzt wurde, das die Gl&auml;ubiger abzusegnen bereit sind. Es handelt sich um die Fragen, <\/p><ul>\n<li>wie zus&auml;tzliche Steuereinnahmen generiert werden k&ouml;nnen;<\/li>\n<li>mit welchen Mitteln und in welchem Zeitraum die Sozialkassen saniert werden sollen;<\/li>\n<li>ob und wann weitere &bdquo;Reformen&ldquo; im Bereich Arbeitsbeziehungen und Arbeitnehmerrechte gefordert werden;<\/li>\n<li>nach welchen Kriterien und unter welchen Bedingungen weitere Privatisierungen erfolgen sollen.<\/li>\n<\/ul><p>Dazu mehr in der Fortsetzung dieses Beitrags Anfang n&auml;chster Woche.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine interessante kleine Meldung stand in der FAZ vom 2. Mai: Die Europafiliale von Goldman Sachs empfiehlt neuerdings den Kauf spanischer Aktien. Die Begr&uuml;ndung: Die Schwierigkeiten der Syriza-Regierung in Athen und die Tatsache, dass sie ihr Wahlprogramm nur sehr begrenzt realisieren kann, habe dazu beigetragen, dass Podemos in den spanischen Umfragen an Boden verliert. Ob<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26019\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[22,173,156,30],"tags":[507,1045,1402,312,1224,1230,1292],"class_list":["post-26019","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-europaische-union","category-griechenland","category-schulden-sparen","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-ezb","tag-grexit","tag-podemos","tag-reformpolitik","tag-syriza","tag-tsipras-alexis","tag-varoufakis-yanis"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26019","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=26019"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26019\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53055,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26019\/revisions\/53055"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=26019"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=26019"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=26019"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}