{"id":26021,"date":"2015-05-08T14:55:16","date_gmt":"2015-05-08T12:55:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26021"},"modified":"2019-03-05T12:04:12","modified_gmt":"2019-03-05T11:04:12","slug":"das-ende-des-zweiten-weltkrieges-ein-beitrag-von-oskar-lafontaine-zum-8-5-2015","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26021","title":{"rendered":"Das Ende des Zweiten Weltkrieges \u2013 ein Beitrag von Oskar Lafontaine zum 8.5.2015"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Wir brauchen endlich eine eigenst&auml;ndige europ&auml;ische Au&szlig;enpolitik, die den Werten Europas, der Freiheit, der Demokratie, der sozialen Gerechtigkeit und der Menschenw&uuml;rde verpflichtet ist und auf Interventionskriege und neokoloniale Abenteuer verzichtet. Unsere Verantwortung besteht darin, einer verh&auml;ngnisvollen US-Politik in den Arm zu fallen und darauf zu bestehen, dass Russland seinen Platz im gemeinsamen Europ&auml;ischen Haus hat. Wir wollen mit Russland in Frieden leben, weil wir gem&auml;&szlig; dem Schwur der &Uuml;berlebenden von Buchenwald eine Welt des Friedens und der Freiheit bauen wollen.&ldquo;<br>\nDas ist der Schlussabsatz dieses Artikels von <strong>Oskar Lafontaine<\/strong><br>\n<!--more--><br>\n<strong>Und hier der gesamte Text.<\/strong><br>\nEr enth&auml;lt &uuml;brigens viele Gedanken und Zitate, die Sie f&uuml;r Ihre eigene Argumentation, f&uuml;r Ihre eigenen Artikel und Reden gebrauchen k&ouml;nnten:<\/p><p>Jahrestage und Gedenkveranstaltungen pr&auml;gen die Erinnerungskultur der Menschen. Das gilt besonders f&uuml;r den 8. Mai, den Tag des Kriegsendes in Europa. <\/p><p>&bdquo;Geschichte ist die L&uuml;ge, auf die man sich geeinigt hat&ldquo;, schrieb einst der Aufkl&auml;rer Voltaire. Aber wer hat sich auf was geeinigt? Marx und Engels helfen da weiter: &bdquo;Die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die herrschenden Gedanken.&ldquo; Die herrschende Geschichtsschreibung ist die Geschichtsschreibung der Herrschenden. <\/p><p>Das galt und gilt auch f&uuml;r die Jahrestage und Ged&auml;chtnisfeiern zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Als Richard von Weizs&auml;cker in seiner ber&uuml;hmten Rede am 8. Mai 1985 sagte: &bdquo;Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.&ldquo; Und weiter &bdquo;Wir d&uuml;rfen nicht im Ende des Krieges die Ursache f&uuml;r Flucht, Vertreibung und Unfreiheit sehen. Sie liegt vielmehr in seinem Anfang und im Beginn jener Gewaltherrschaft, die zum Kriege f&uuml;hrte&ldquo; und: &bdquo;Wer seine Ohren und Augen aufmachte, wer sich informieren wollte, dem konnte nicht entgehen, das Deportationsz&uuml;ge rollten.&ldquo; Da wurde er von allen zu Recht gefeiert. Einen Tag sp&auml;ter meinte Willy Brandt zu mir: &bdquo;Das habe ich schon so oft erz&auml;hlt, aber es ist wohl etwas anderes, wenn ein ehemaliger Wehrmachtsoffizier oder ein ehemaliger Emigrant so etwas sagt.&ldquo; Das deutsche B&uuml;rgertum, das sich von einigen Ausnahmen abgesehen, den Nazis weder 1933 noch in den folgenden Jahren ernsthaft entgegengestellt hatte, bewertete das Ende des Zweiten Weltkrieges anders als die Arbeiterbewegung, die schon vor 1933 und w&auml;hrend der Nazidiktatur Widerstand leistete. <\/p><p>Auch der Widerstand gegen Hitler wurde nach dem Krieg in Westdeutschland instrumentalisiert. Im Geschichtsunterricht an den Schulen wurde er auf das Attentat vom 20. Juli 1944 und auf den vereinzelten Widerstand &uuml;berzeugter Christen reduziert. Vom Kampf  und den Leiden der Arbeiterbewegung, von den Gewerkschaftern, Kommunisten und Sozialdemokraten, die in die Konzentrationslager gebracht wurden, war weniger die Rede. Auch von dem Schreiner Georg Elser, der schon am 8. November 1939 bei einer Kundgebung im M&uuml;nchner B&uuml;rgerbr&auml;ukeller ein Attentat auf Hitler und die nationalsozialistische F&uuml;hrungsspitze versuchte, h&ouml;rten wir in der Schule nichts. <\/p><p>Im Schwur von Buchenwald hie&szlig; es: &bdquo;Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.&ldquo; Den &Uuml;berlebenden von Buchenwald ging es um die Wurzeln des Faschismus. Es bedarf keiner weiteren Erl&auml;uterung, dass sie dabei das kapitalistische Wirtschaftssystem im Auge hatten. In den Analysen der Arbeiterbewegung wird dieser Zusammenhang immer wieder hergestellt. Als Berthold Brecht schrieb: &bdquo;Der Scho&szlig; ist fruchtbar noch, aus dem das kroch&ldquo; und &bdquo;Wir m&uuml;ssen sagen, dass gefoltert wird, weil die Eigentumsverh&auml;ltnisse bleiben sollen&ldquo; wollte er uns bewusst machen, dass die ungerechte Verteilung des Eigentums und die Verachtung der menschlichen W&uuml;rde einander bedingen. <\/p><p>Schon am Vorabend des Zweiten Weltkrieges hatte Max Horckheimer seinen ber&uuml;hmten Satz formuliert: &bdquo;Wer vom Kapitalismus nicht reden will soll vom Faschismus schweigen.&ldquo; <\/p><p>Folgerichtig setzte nach dem Krieg auch in Westdeutschland eine Debatte dar&uuml;ber ein, in wie weit die kapitalistische Wirtschaftsordnung den Nationalsozialismus wenn nicht zwangsl&auml;ufig herbeigef&uuml;hrt, so doch  seinen Aufstieg entscheidend beg&uuml;nstigt hat. Selbst die christlichen Sozialisten in der CDU schrieben 1947 im Ahlener Programm: &bdquo;Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden. Nach dem furchtbaren politischen, wirtschaftlichen und sozialen Zusammenbruch als Folge einer verbrecherischen Machtpolitik kann nur eine Neuordnung von Grund aus erfolgen&hellip; Durch eine gemeinschaftliche Ordnung soll das deutsche Volk eine Wirtschafts- und Sozialverfassung erhalten, die dem Recht und der W&uuml;rde des Menschen entspricht, dem geistigen und materiellen Aufbau unseres Volkes dient und den inneren und &auml;u&szlig;eren Frieden sichert.&ldquo;<\/p><p>W&auml;hrend in der DDR der Kapitalismus als N&auml;hrboden und Ursache des Faschismus gesehen wurde, verebbte die Debatte &uuml;ber den Zusammenhang von Kapitalismus und Faschismus in Westdeutschland schnell nicht zuletzt deshalb, weil der Kapitalismus unter dem Label freie soziale Marktwirtschaft zum &bdquo;Wirtschaftswunder&ldquo; f&uuml;hrte und die Frage wie es zur Nazidiktatur kommen konnte, in den Hintergrund dr&auml;ngte. Aber die Frage ist und bleibt aktuell. <\/p><p>Auf einer Gedenkveranstaltung in Dachau vor wenigen Tagen sagte die Bundeskanzlerin Angela Merkel auch heute k&ouml;nne man die Augen nicht davor verschlie&szlig;en, dass Synagogen und j&uuml;dische Schulen nicht ohne massiven Polizeischutz auskommen und Rabbiner auf offener Stra&szlig;e angegriffen werden. Auf der selben Veranstaltung sprach der Pr&auml;sident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Josef Schuster: &bdquo;Wenn ich darauf blicke, wie heute einige B&uuml;rger gegen Fl&uuml;chtlinge hetzen oder wie abwertend &uuml;ber Juden gesprochen wird, dann frage ich mich: Wie sehr ist das hohe Gut der Menschenw&uuml;rde eigentlich noch in den K&ouml;pfen verankert?&ldquo; <\/p><p>Die Antwort der Linken, und das ist ihre historische Aufgabe, muss immer folgende sein: Nur eine Wirtschaftsverfassung, die das hohe Gut der Menschenw&uuml;rde zur Grundlage ihrer inneren Ordnung macht, kann dieses hohe Gut in den K&ouml;pfen der Menschen verankern. Es f&uuml;hrt kein Weg daran vorbei. Die Alltagserfahrung pr&auml;gt die Einstellung der Menschen und eine Wirtschaftsordnung mit Leiharbeit, Werkvertr&auml;gen, prek&auml;rer Besch&auml;ftigung, Hungerl&ouml;hnen und Hungerrenten verankert in den K&ouml;pfen der Menschen das Gef&uuml;hl von  Ohnmacht und ausgeliefert sein, aber nicht das hohe Gut der Menschenw&uuml;rde. Und die Nutznie&szlig;er dieser Ordnung in Wirtschaft, Politik und ver&ouml;ffentlichter Meinung verg&ouml;ttern das Gewinnstreben und sehen die Beachtung der Menschenw&uuml;rde als nachrangig an. <\/p><p>Wenn der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Marx, ein falsches Freiheitsverst&auml;ndnis in der Moderne beklagt, dann legt er den Finger in die Wunde: &bdquo;Eine Freiheit die sich bindungslos entfaltet und die orientiert ist am &ouml;konomischen Profit, l&auml;uft in die Leere und schl&auml;gt um in Unfreiheit und blinde Anpassung&hellip; Ein solches Verst&auml;ndnis von Freiheit kann nur in die Krise kommen und ist letztlich zerst&ouml;rerisch.&ldquo; Wie diese Krise aussieht, haben wir gelernt als im Namen der Freiheit in Guantanamo und Abu Ghraib gefoltert wurde. <\/p><p>Deshalb muss die Linke im Gegensatz zu den systemkonformen Parteien CDU\/CSU, SPD, FDP und Gr&uuml;ne, die diese Wirtschaftsordnung nicht mehr hinterfragen, unbeirrbar f&uuml;r den Aufbau einer Wirtschaftsordnung eintreten, in der die Besch&auml;ftigten die Erfahrung eines selbstbestimmten Arbeitslebens machen k&ouml;nnen, in der sie nicht Objekte, sondern Subjekte sind. Nur so k&ouml;nnen sie der Unfreiheit und der blinden Anpassung entkommen. Das gilt f&uuml;r jede kapitalistische Wirtschaftsordnung, ob in den USA oder in Europa oder wo auch immer in der Welt und selbstverst&auml;ndlich auch f&uuml;r den Oligarchen-Kapitalismus in der Ukraine oder in Russland. Kennzeichen dieser Wirtschaftsverfassungen, denen das millionenfache Unrecht der Enteignung zu Grunde liegt, ist die Verachtung der Menschenw&uuml;rde. <\/p><p>Wir haben heute einen Ehrengast bei uns, Manolis Glezos, mit dem das griechische Volk den Widerstand gegen den nationalsozialistischen Terror verbindet. Lieber Manolis Glezos, deine Anwesenheit heute ist f&uuml;r uns eine gro&szlig;e Ehre. Du bist f&uuml;r viele Linke ein Vorbild. &Uuml;ber 11 Jahre sa&szlig;t du im Gef&auml;ngnis und &uuml;ber vier Jahre warst du im Exil, weil du unbeugsam und aufrecht f&uuml;r unsere Ideale gek&auml;mpft hast. <\/p><p>Der griechische Geschichtsschreiber Thykidides &uuml;berlieferte uns eine Definition der Demokratie, die von Perikles stammt. Perikles sah in einer Gesellschaftsordnung, in der sich die Interessen der Mehrheit durchsetzen, das entscheidende Merkmal der Demokratie. Heute, in einer Zeit in der wir in der Diktatur der Finanzm&auml;rkte leben, kann nirgendwo in Europa von einer Gesellschaft die Rede sein, in der sich die Interessen der Mehrheit durchsetzen. Besonders aber in deiner Heimat, lieber Manolis Glezos, f&uuml;hren die Diktatur der Finanzm&auml;rkte, der Abbau von Demokratie und Sozialstaat unter dem Druck der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel f&uuml;r viele Menschen zu unhaltbaren Lebensverh&auml;ltnissen. Die deutsche Linke steht an eurer Seite, wenn ihr das Troika-Diktat absch&uuml;tteln und den Abbau von Demokratie und Sozialstaat stoppen wollt. Und wir sagen wie du: Nur wenn die Oligarchen-Herrschaft in Athen, wenn die Macht der wenigen reichen Familien, die die griechische Wirtschaft und den politisches Klientelismus dominieren, gebrochen wird, ist ein demokratischer Neubeginn m&ouml;glich. Und Syriza muss diesen Schritt machen, auch wenn diese Familien die griechischen Medien kontrollieren und jeden nach allen Regeln der Kunst fertigmachen, der ihnen an die Pfr&uuml;nde geht, wie wir gestern in der Welt lesen konnten. <\/p><p>Wir haben auch G&auml;ste aus Russland. Sie erinnern uns an die Verpflichtung, die wir gegen&uuml;ber dem russischen Volk haben. Richard von Weizs&auml;cker sagte in seiner bereits erw&auml;hnten Rede zum 8. Mai: &bdquo;Lassen sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Hass gegen andere Menschen, gegen Russen oder Amerikaner, gegen Juden oder T&uuml;rken, gegen Alternative oder Konservative, gegen schwarz oder wei&szlig;. Lernen sie miteinander zu leben, nicht gegeneinander.&ldquo; <\/p><p>Heute geht es um das Miteinander mit Russland und um die L&uuml;ge, die die offizielle zeithistorische Deutung verbreitet. Was passiert ist, hat der Grandseigneur der amerikanischen Au&szlig;enpolitik, George Kennan, schon 1997 in der New York Times vorausgesagt: &bdquo;Die Entscheidung der Regierung Clinton, die Nato bis zu den Grenzen Russlands zu erweitern, ist der verh&auml;ngnisvollste Fehler der amerikanischen Politik in der &Auml;ra nach dem Kalten Krieg. Diese Entscheidung muss erwarten lassen, dass die nationalistischen, antiwestlichen und militaristischen Tendenzen in der Meinung Russlands entz&uuml;ndet werden, dass sie einen sch&auml;dlichen Einfluss auf die Entwicklung der Demokratie in Russland haben, dass sie die Atmosph&auml;re des Kalten Krieges in die Beziehungen zwischen Osten und Westen wiederherstellen und die russische Au&szlig;enpolitik in Richtungen zwingen, die uns entschieden missfallen werden.&ldquo; <\/p><p>Kennan hat Ursache und Wirkung der Ukraine-Krise klar benannt. Die L&uuml;ge, auf die man sich geeinigt hat, um Voltaire zu zitieren, macht nicht diesen verh&auml;ngnisvollen Fehler der amerikanischen Politik, sondern Putin zum Verursacher dieser Krise. Aufgabe der Linken gerade an dem heutigen Tag ist es, auch in Erinnerung an die weit &uuml;ber 20 Millionen Kriegstoten der V&ouml;lker der ehemaligen Sowjetunion, darunter 5 bis 7 Millionen Ukrainer, daf&uuml;r zu werben, die Politik der Entspannung und der guten Nachbarschaft mit Russland und der Ukraine, f&uuml;r die Willy Brandt den Friedensnobelpreis erhielt, wieder aufzunehmen. Sicherheit in Europa, auch das ist die Lehre des Zweiten Weltkrieges, ist nicht gegen sondern nur mit Russland zu erreichen. Auch am heutigen Tag haben wir den Beitrag der USA zum Sieg &uuml;ber den Nationalsozialismus nicht vergessen, aber wenn der aggressive US-Imperialismus nach dem Zusammenbruch der UdSSR jede Selbstbeschr&auml;nkung aufgegeben hat und in fahrl&auml;ssiger Weise seine Expansionspolitik weiterverfolgt, dann reklamieren auch wir Linke eine neue Verantwortung Deutschlands in der Welt. Allerdings begreifen wir diese Verantwortung anders als es die herrschenden Parteien tun. Wir brauchen endlich eine eigenst&auml;ndige europ&auml;ische Au&szlig;enpolitik, die den Werten Europas, der Freiheit, der Demokratie, der sozialen Gerechtigkeit und der Menschenw&uuml;rde verpflichtet ist und auf Interventionskriege und neokoloniale Abenteuer verzichtet. Unsere Verantwortung besteht darin, einer verh&auml;ngnisvollen US-Politik in den Arm zu fallen und darauf zu bestehen, dass Russland seinen Platz im gemeinsamen Europ&auml;ischen Haus hat. Wir wollen mit Russland in Frieden leben weil wir gem&auml;&szlig; dem Schwur der &Uuml;berlebenden von Buchenwald eine Welt des Friedens und der Freiheit bauen wollen. <\/p><p><em>(Ein Beitrag f&uuml;r die &bdquo;junge welt&ldquo;)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Wir brauchen endlich eine eigenst&auml;ndige europ&auml;ische Au&szlig;enpolitik, die den Werten Europas, der Freiheit, der Demokratie, der sozialen Gerechtigkeit und der Menschenw&uuml;rde verpflichtet ist und auf Interventionskriege und neokoloniale Abenteuer verzichtet. 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