{"id":26058,"date":"2015-05-11T09:32:43","date_gmt":"2015-05-11T07:32:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26058"},"modified":"2024-08-29T16:20:57","modified_gmt":"2024-08-29T14:20:57","slug":"knebelvertraege-binden-auslaendische-pflegekraefte-an-besonders-ueble-arbeitgeber","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26058","title":{"rendered":"\u201eKnebelvertr\u00e4ge binden ausl\u00e4ndische Pflegekr\u00e4fte an besonders \u00fcble Arbeitgeber&#8221;"},"content":{"rendered":"<p>Ein Gespr&auml;ch mit <strong>Kalle Kunkel<\/strong> &uuml;ber die Arbeitsbedingungen ausl&auml;ndischer Pflegekr&auml;fte in Deutschland. Kunkel ist Gewerkschaftssekret&auml;r bei ver.di im Fachbereich Gesundheit, zust&auml;ndig insbesondere f&uuml;r den Pflegebereich. Im Rahmen dieser T&auml;tigkeit kommt er immer wieder mit dem Thema der Migration in Ber&uuml;hrung. Das Interview f&uuml;hrte <strong>Patrick Schreiner<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Patrick Schreiner: Wenn wir mal versuchen, die Besch&auml;ftigung von Pflegekr&auml;ften in Deutschland zu gliedern, dann fallen mir drei Gruppen ein: station&auml;re Pflege (also Heime, Krankenh&auml;user), ambulante Pflegedienste sowie Pflege in Privathaushalten.<\/strong><\/p><p><strong>Kalle Kunkel:<\/strong> Ja, ich w&uuml;rde sagen, das sind schon die Wesentlichen, die es gibt. F&uuml;r mich liegt dabei &ndash; mit Blick auf einwandernde Pflegekr&auml;fte &ndash; der entscheidende Unterschied zwischen allen Formen von ambulanter und station&auml;rer Pflege auf der einen Seite und der 24-Stunden-Pflege in Privathaushalten auf der anderen Seite. Bei der Pflege in Privathaushalten haben diejenigen, die die Pflegekr&auml;fte besch&auml;ftigen, zwar oft ein Interesse daran, dass diese qualifiziert sind. Die Arbeitgeber brauchen aber nicht unbedingt formal anerkannte, hochqualifizierte Fachkr&auml;fte. Die berufliche Qualifikation der Fachkr&auml;fte wird daher oft nicht anerkannt. Das ist bei station&auml;rer und ambulanter Pflege &ndash; also im offiziellen Pflegebetrieb &ndash; anders. Dort haben die Arbeitgeber ein zunehmendes Interesse, &uuml;ber diese Pflegekr&auml;fte ihre Fachquoten zu erh&ouml;hen. Deshalb legen sie Wert auf die formale Anerkennung der Qualifikationen ihrer ausl&auml;ndischen Mitarbeiter. <\/p><p><strong>Was bedeutet Fachquote in diesem Zusammenhang?<\/strong><\/p><p><strong>Kalle Kunkel:<\/strong> Um Pflege im Krankenhaus betreiben zu k&ouml;nnen, braucht es ein bestimmtes Personal, braucht es einen Anteil an Fachkr&auml;ften. Es gibt da zwar leider keine definierten Quotenregelungen, aber unterhalb einer gewissen Grenze macht man sich unter Umst&auml;nden der Fahrl&auml;ssigkeit schuldig. Deshalb wollen die Arbeitgeber nachweisen, dass sie qualifiziertes Personal einsetzen. Im Altenpflegebereich gibt es sogar tats&auml;chlich definierte Fachkr&auml;ftequoten, die auf Landesebene vorgegeben werden.<\/p><p><strong>Welche Rolle spielt Migration von Pflegekr&auml;ften in diesen drei Besch&auml;ftigungsbereichen, die wir identifiziert haben?<\/strong><\/p><p><strong>Kalle Kunkel:<\/strong> Wir haben eine langj&auml;hrige Immigration im Bereich der 24-Stunden-Pflege in Privathaushalten. Sie hat sich in den letzten Jahren mit der EU-Osterweiterung nochmal ver&auml;ndert, denn dadurch kam ein Teil dieser Migration aus der Illegalisierung heraus. Das betrifft Osteuropa. Heute sind da die so genannten Vermittlungsagenturen das Hauptproblem, bei denen ein gro&szlig;er Teil des Geldes bleibt. Die Familien bezahlen relativ viel Geld f&uuml;r die Pflege der Pflegebed&uuml;rftigen, bei den Besch&auml;ftigten kommt aber nicht allzu viel an, ein guter Teil bleibt bei den Vermittlungsfirmen. Und dann haben wir das zweite Ph&auml;nomen, die seit dem Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise in den s&uuml;deurop&auml;ischen L&auml;ndern nach Deutschland kommenden Pflege-Fachkr&auml;fte. Das ist ein Krisenph&auml;nomen. Wegen der Ausblutung und Zerst&ouml;rung der sozialen Sicherungssysteme und der sozialen Infrastruktur in diesen L&auml;ndern wird insbesondere den j&uuml;ngeren Kolleginnen und Kollegen keine Perspektive mehr geboten. Sie sehen sich dann in den n&ouml;rdlichen europ&auml;ischen L&auml;ndern um &ndash; und hier insbesondere in Deutschland. <\/p><p><strong>Wo arbeiten sie hier? In Heimen, Krankenh&auml;usern, bei Pflegediensten?<\/strong><\/p><p><strong>Kalle Kunkel:<\/strong> Wir finden das inzwischen &uuml;berall. Der gr&ouml;&szlig;te Fachkr&auml;ftemangel herrscht momentan in der Altenpflege. Deswegen sind relativ viele hier t&auml;tig. Interessant daran ist, dass der Beruf der Altenpflege eine deutsche Besonderheit darstellt; in anderen L&auml;ndern gibt es das als spezielle Fachqualifikation oft gar nicht. Deswegen l&auml;uft die formale Anerkennung als Krankenpfleger, sie werden allerdings dennoch in der Altenpflege eingesetzt. Es gibt aber genauso ambulante Dienste, die in gro&szlig;er Zahl immigrierte Pflegekr&auml;fte besch&auml;ftigen. Und nat&uuml;rlich werben auch Krankenh&auml;user zunehmend ausl&auml;ndische Fachkr&auml;fte an.<\/p><p><strong>Wie alt sind die Besch&auml;ftigten? Woher kommen sie? Und &uuml;ber welche Geschlechter reden wir?<\/strong><\/p><p><strong>Kalle Kunkel:<\/strong> Statistisch gibt es dazu kaum Verl&auml;ssliches. Ich kann im Prinzip nur meine Eindr&uuml;cke, meine Erfahrungen schildern. Ich kann sagen, mit wem ich zu tun habe. Das sind Kolleginnen und Kollegen aus S&uuml;deuropa &ndash; insbesondere Spanien, Portugal und Griechenland. Zunehmend h&ouml;ren wir auch von Pflegekr&auml;ften vom Balkan, etwa aus Bosnien-Herzegowina, und auch aus Osteuropa, Bulgarien und Rum&auml;nien. Es sind junge Menschen, die aus den genannten L&auml;ndern zu uns kommen, die meisten weit unter 30. Was die Geschlechter angeht, das ist tats&auml;chlich sehr durchmischt.<\/p><p><strong>Sind das ausgebildete Pflege-Fachkr&auml;fte? Oder sind das Menschen, die vorher eigentlich etwas anderes gemacht haben, unter Umst&auml;nden etwas Hochqualifiziertes in einem anderen Bereich, und die dann in der Pflege landen? Oder sind das Menschen ohne Ausbildung?<\/strong><\/p><p><strong>Kalle Kunkel:<\/strong> Das sind &uuml;berwiegend hochqualifizierte Fachkr&auml;fte mit Hochschulstudium im Pflegebereich.<\/p><p><strong>Was hat es mit den so genannten Knebelvertr&auml;gen auf sich?<\/strong><\/p><p><strong>Kalle Kunkel:<\/strong> Das ist eine besondere Form von Arbeitsvertr&auml;gen, die wir bei den ausl&auml;ndischen Pflege-Fachkr&auml;ften finden. Die Unternehmen brauchen, wie schon geschildert, die Kolleginnen und Kollegen als Fachkr&auml;fte. Sie haben deswegen ein Interesse daran, dass deren Pflege-Qualifikation aus dem europ&auml;ischen Ausland anerkannt wird. Daf&uuml;r m&uuml;ssen die aber ein bestimmtes Sprachniveau nachweisen, und zwar das berufsqualifizierende Niveau B2. Das erreicht man mit einem ungef&auml;hr halbj&auml;hrigen Intensiv-Sprachkurs Deutsch. Die Kosten f&uuml;r solche Kurse sind also im Prinzip Kosten f&uuml;r die Adaption der Ausbildung im Ausland an die deutschen Verh&auml;ltnisse. Man muss sich bewusst machen, dass die Unternehmen ja die gesamten Ausbildungskosten sparen, die haben ja schon die Gesellschaften in den Herkunftsl&auml;ndern getragen. Dennoch benutzen die Unternehmen ihre eigenen Kosten &ndash; insbesondere die f&uuml;r die L&ouml;hne in der Sprachkurs-Zeit &ndash; als Argument f&uuml;r Knebelvertr&auml;ge. Dabei handelt es sich um Weiterbildungsvertr&auml;ge mit Klauseln, die dazu verpflichten, das Geld an die Unternehmen zur&uuml;ckzubezahlen, wenn die Besch&auml;ftigten vor einer bestimmten Frist k&uuml;ndigen. Wir kennen Fristen von 1,5 bis 3 Jahren. Die R&uuml;ckzahlungen selbst reichen etwa von 7.000 bis 12.000 Euro. Die Sprachkurskosten werden gleichwohl oft aus Mitteln des Europ&auml;ischen Sozialfonds finanziert. Dieser macht wiederum eine Kofinanzierung durch das Unternehmen zur Bedingung &ndash; wobei Lohnzahlungen als Kofinanzierung anerkannt werden. <\/p><p><strong>Dann w&auml;re diese Kofinanzierung nicht mehr geleistet, wenn die L&ouml;hne zur&uuml;ckgefordert werden. Der Europ&auml;ische Sozialfonds k&ouml;nnte von den Unternehmen die Kursgeb&uuml;hren zur&uuml;ckverlangen.<\/strong><\/p><p><strong>Kalle Kunkel:<\/strong> Das w&auml;re in der Tat eine m&ouml;gliche Interpretation. Wir haben das dem zust&auml;ndigen Bundesamt f&uuml;r Flucht und Migration auch schon mitgeteilt und sie &uuml;ber die g&auml;ngigen Praktiken der Unternehmen informiert. Wir wissen aber nicht, ob man dort auch t&auml;tig geworden ist. <\/p><p><strong>Was sind das f&uuml;r Unternehmen, die so agieren?<\/strong><\/p><p><strong>Kalle Kunkel:<\/strong> Zumindest in Berlin und Brandenburg ist auff&auml;llig, dass die Unternehmen, die mit diesen Praktiken arbeiten, allesamt nicht tarifgebunden sind. In einigen von ihnen gibt es nicht einmal Betriebsr&auml;te. Die ausl&auml;ndischen Kolleginnen werden angeworben von Unternehmen, die berechtigterweise Fachkr&auml;ftemangel haben, weil zu ihren Bedingungen n&auml;mlich niemand mehr arbeiten will. Sie werben die Besch&auml;ftigten in den Herkunftsl&auml;ndern bei bis zu 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit an. Und durch die Weiterbildungs- und Knebelvertr&auml;ge haben die Arbeitgeber die M&ouml;glichkeit, die Angeworbenen im Unternehmen zu halten. Die Besch&auml;ftigten merken nat&uuml;rlich sehr schnell, dass sie anderswo mehr verdienen k&ouml;nnen. Wenn sie aber versuchen zu wechseln, realisieren sie, dass sie ein paar tausend Euro Schulden haben. Die Knebelvertr&auml;ge binden die eingewanderten Pflegekr&auml;fte also gerade an die besonders &uuml;blen Arbeitgeber.<\/p><p><strong>Folglich sind die Arbeitsbedingungen und die Entlohnung dieser nach Deutschland kommenden Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer besonders schlecht?<\/strong><\/p><p><strong>Kalle Kunkel:<\/strong> Zun&auml;chst m&uuml;ssen wir festhalten, dass nicht die Demographie, sondern die schlechten L&ouml;hne und Arbeitsbedingungen der Grund f&uuml;r den Mangel an Arbeitskr&auml;ften im Pflegebereich sind. Die Kollegen, die aus dem Ausland kommen, erleben es geradezu als einen Kulturschock, dass im angeblichen Wirtschaftswunderland Deutschland die Arbeitsbedingungen im Pflegebereich oft schlechter sind als in ihren Herkunftsl&auml;ndern. Hinzu kommt, wie bereits erw&auml;hnt, dass zumindest in den Bereichen Berlin und Brandenburg, die ich &uuml;berblicke, die Unternehmen, die offensiv auf das Anwerben setzen, gerade die mit besonders schlechten Arbeitsbedingungen und L&ouml;hnen sind. <\/p><p><strong>Was kann ver.di als zust&auml;ndige Gewerkschaft tun?<\/strong><\/p><p><strong>Kalle Kunkel:<\/strong> Unser oberstes Ziel ist, Tarifvertr&auml;ge abzuschlie&szlig;en. Tarifvertr&auml;ge sind der einzige Schutz vor unterschiedlichen Bezahlungen. Au&szlig;erdem gehen wir nat&uuml;rlich rechtlich und politisch gegen die genannten Knebelvertr&auml;ge vor. Grunds&auml;tzlich sind sie legal, wir pr&uuml;fen aber genau, ob etwa F&ouml;rderkonditionen nicht eingehalten wurden, ob bestimmte Formulierungen in Vertr&auml;gen zu unspezifisch sind oder ob Kosten nicht transparent berechnet werden. Wir beraten die Kolleginnen, wie sie damit umgehen k&ouml;nnen. Zudem organisieren wir sie. Dort, wo sich starke Kollektive bilden, gehen wir auch kollektiv und &ouml;ffentlich gegen einzelne Arbeitgeber und ihre Knebelvertragspraxis vor.<\/p><p><strong>Meinst du mit &bdquo;Kollektive&rdquo; die Selbstorganisation der Betroffenen?<\/strong><\/p><p><strong>Kalle Kunkel:<\/strong> Genau, mit Unterst&uuml;tzung von uns als Gewerkschaft.<\/p><p><strong>Arbeitet ihr mit Beratungsstellen f&uuml;r mobile Besch&auml;ftigte zusammen?<\/strong><\/p><p><strong>Kalle Kunkel:<\/strong> Ja, wir arbeiten sehr intensiv mit den unterschiedlichen Beratungsstellen zusammen, die es in Berlin gibt. Insbesondere mit dem DGB-Projekt &bdquo;Faire Mobilit&auml;t&rdquo;, aber auch mit dem B&uuml;ro f&uuml;r entsandte Besch&auml;ftigte. Dort melden sich relativ viele Kollegen, obwohl diese Beratungsstellen f&uuml;r s&uuml;deurop&auml;ische Herkunftsl&auml;nder eigentlich gar nicht ausgelegt sind.<\/p><p><strong>Welche Rolle spielt aus deiner Sicht Rassismus f&uuml;r diese ganze Problematik? Inwiefern werden die Besch&auml;ftigten nach rassistischen Kriterien in Schubladen gepackt und hierarchisiert?<\/strong><\/p><p><strong>Kalle Kunkel:<\/strong> Die wichtigste Form von Rassismus, die wir hier erleben, ist Wohlstandschauvinismus. Argumentationen, die man seitens der Verantwortlichen in Politik und Verwaltung durchaus h&auml;ufig h&ouml;rt, lauten etwa so: Die Kolleginnen sollen doch froh sein, dass sie hier &uuml;berhaupt eine Arbeit haben. Die deutschen Unternehmen bieten denen doch angesichts der prek&auml;ren Arbeitsmarktlage in den Herkunftsl&auml;ndern eine Chance. Die Besch&auml;ftigten sollen sich doch nicht so anstellen. Hinzu kommt eine Dequalifizierung in der Argumentation der Unternehmen: Sie sagen zum Beispiel, niedrigere L&ouml;hne seien legitim, denn die Besch&auml;ftigten beherrschten ja die Sprache nicht und seien deshalb nicht so gut einsetzbar wie andere. Das sind die zwei wichtigsten Formen rassistischer Argumente. Das ist kein biologistischer Rassismus, sondern eher ein sozialchauvinistischer.<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/07c8a02f872246249690d634a23ad393\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Gespr&auml;ch mit <strong>Kalle Kunkel<\/strong> &uuml;ber die Arbeitsbedingungen ausl&auml;ndischer Pflegekr&auml;fte in Deutschland. Kunkel ist Gewerkschaftssekret&auml;r bei ver.di im Fachbereich Gesundheit, zust&auml;ndig insbesondere f&uuml;r den Pflegebereich. Im Rahmen dieser T&auml;tigkeit kommt er immer wieder mit dem Thema der Migration in Ber&uuml;hrung. 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