{"id":26070,"date":"2015-05-12T09:16:14","date_gmt":"2015-05-12T07:16:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26070"},"modified":"2015-05-13T14:28:53","modified_gmt":"2015-05-13T12:28:53","slug":"die-rolle-des-porsche-piech-clan-bei-volkswagen-ende-des-patriarchats","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26070","title":{"rendered":"Die Rolle des Porsche-Pi\u00ebch-Clan bei Volkswagen &#8211; Ende des Patriarchats?"},"content":{"rendered":"<p>Der Autor dieses Beitrags, Stephan Krull, war 16 Jahre Mitglied des Betriebsrates bei VW Wolfsburg. Da in der deutschen &Ouml;ffentlichkeit der Eindruck entstanden ist, als ginge es beim Gerangel um die F&uuml;hrungspersonen und die Kontrolle von Volkswagen eher um den Machtkampf  zwischen Familienmitgliedern, haben wir <strong>Stephan Krull<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26070#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] gebeten, seine Sicht der Entwicklung des vermeintlich &bdquo;volkseigenen&ldquo; Unternehmens zu skizzieren. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9721\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-26070-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150513_Porsche_Piech_Clan_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150513_Porsche_Piech_Clan_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150513_Porsche_Piech_Clan_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150513_Porsche_Piech_Clan_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=26070-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150513_Porsche_Piech_Clan_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"150513_Porsche_Piech_Clan_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Der Abgang von Ferdinand Pi&euml;ch aus dem Aufsichtsrat von Volkswagen lie&szlig; die Automobilindustrie erbeben. Die Besch&auml;ftigten hielten den Atem an &ndash; &bdquo;Gott sei Dank nicht die B&auml;nder&ldquo;, so ein Aktion&auml;r &ndash; und &ouml;ffentlich bedankten sich VW-Chef Winterkorn und der kommissarische AR-Vorsitzende Berthold Huber bei dem &bdquo;genialen Techniker&ldquo; (Winterkorn), bei dem &bdquo;gro&szlig;artigen Unternehmer, Ingenieur und Vision&auml;r&ldquo; der &ndash; so Winterkorn &ndash; die Automobilindustrie der zur&uuml;ckliegenden f&uuml;nf Jahrzehnte gepr&auml;gt h&auml;tte. Das sind &uuml;brigens die gleichen Zuschreibungen, die seinem Gro&szlig;vater Ferdinand Porsche (SS-Oberf&uuml;hrer und Kriegsverbrecher) gemacht wurden &ndash; allerdings von Adolf Hitler, der den Titel &bdquo;genialer Konstrukteur&ldquo; bei der Grundsteinlegung des Volkswagenwerkes am 26. Mai 1938 vor 70.000 begeisterten Claqueuren in die Welt setzte. Seither geistert mit Porsche das Attribut &bdquo;genialer Konstrukteur&ldquo; durch die Welt und wird von interessierter Seite immer wieder befeuert. <\/p><p>Porsches Schwiegersohn Anton Pi&euml;ch, dem fanatischen Nazi und Vater von Ferdinand Pi&euml;ch, wurde diese zweifelhafte Ehre nicht zu Teil &ndash; schlie&szlig;lich war er als Jurist nur der &bdquo;Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer&ldquo; des R&uuml;stungsbetriebes &bdquo;Volkswagenwerk&ldquo;, dessen Kasse mit 10 Millionen Reichsmark er bei seiner Flucht aus Wolfsburg im Fr&uuml;hjahr 1945 raubte und sicher nach &Ouml;sterreich brachte &ndash; eine der Quellen des Reichtums des Familienclans. <\/p><p>Am 10. April 1945 befreiten die Soldaten der US-Army die &Uuml;berlebenden der 20.000 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus den Klauen von Porsche, Pi&euml;ch und der SS: Zwangsarbeit als weitere Quelle des Reichtums des Clan. Das Volkswagenwerk war &bdquo;herrenlos&ldquo;, da die Nazi-Organisation DAF (Deutsche Arbeitsfront), die bisher &uuml;ber das Werk als &bdquo;Eigent&uuml;mer&ldquo; verf&uuml;gte, als verbrecherische Organisation aufgel&ouml;st war. Finanziert wurden Entwicklung des Fahrzeuges und Bau der Fabrik durch eben diese Nazi-Organisation mit dem den freien Gewerkschaften geraubten Verm&ouml;gen &ndash; der wesentlichen Reichtums-Quelle des Clan.<\/p><p>Im Oktober 1949, kurz nach der Gr&uuml;ndung des westdeutschen Teilstaates, &uuml;bergaben die Briten das Werk &bdquo;treuh&auml;nderisch&ldquo; der Bundesregierung. Der vormalige Wehrwirtschaftsf&uuml;hrer Heinrich Nordhoff war bereits zum Generaldirektor bestellt (gelegentlich wurde &uuml;ber Werkfunk noch das &bdquo;Horst-Wessel-Lied&ldquo; gespielt). Der kalte Krieg war so weit fortgeschritten, dass an eine R&uuml;ckgabe an die Gewerkschaften nicht zu denken war. Volkswagen blieb ein &bdquo;volkseigener Betrieb&ldquo; unter Aufsicht des Landes Niedersachsen. Auch die Verbindungen zwischen Volkswagen und Porsche blieben vielf&auml;ltig &ndash; von Lizenzgeb&uuml;hren an Porsche &uuml;ber viele Entwicklungsleistungen und exklusive Vertriebsrechte profitierte der Familienclan mit den beiden Str&auml;ngen Porsche (Sohn Ferdinand &bdquo;Ferry&ldquo;) und Pi&euml;ch (Tochter Louise, verheiratete Pi&euml;ch) mit ihrer kleinen Sportwagenfabrik in Stuttgart. Gefestigt wurde die Partnerschaft 1959 durch die Verheiratung der Nordhoff-Tochter Elisabeth mit Porsche-Enkel Ernst Pi&euml;ch.<\/p><p>Die restaurativen Kr&auml;fte in der Bundesrepublik Deutschland dr&auml;ngten immer auf eine Privatisierung dieses &bdquo;Fremdk&ouml;rpers&ldquo; in der &bdquo;freien Marktwirtschaft&ldquo;. 1960 war es soweit, VW wurde in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, 60% der Aktien wurden verkauft, je 20% blieben beim Bund und beim Land Niedersachsen. Verbunden war diese Umwandlung mit der Neu-Inszenierung der Volks- und Betriebsgemeinschaftsideologie der Nazis, indem &bdquo;Volksaktien&ldquo; bzw. &bdquo;Belegschaftsaktien&ldquo; ausgegeben wurden. Zugleich mussten an Gewerkschaft und Belegschaft Zugest&auml;ndnisse gemacht werden: Die Geburtsstunde des VW-Gesetzes. Dieses gew&auml;hrt dem Betriebsrat und der Gewerkschaft Mitbestimmungsrechte &uuml;ber das Mitbestimmungsgesetz und das Aktiengesetz hinaus. Gegen den Widerstand der Gewerkschaft wurde 1988 die zweite Teilprivatisierung unter Helmut Kohl gestartet, die Bundesregierung ver&auml;u&szlig;erte ihre Anteile an Volkswagen. Es folgten Angriffe der EU-Kommission &ndash; das VW-Gesetz behindere den &bdquo;freien Kapitalverkehr&ldquo;; in seiner Substanz konnte das Gesetz jedoch erhalten bleiben.<\/p><p><em><strong>Notwendiger Einschub:<\/strong> Durch Emissionsvorgaben der EU (CO2-Richtlinie) sind alle Automobilfirmen gezwungen, ihre Flottenverbr&auml;uche zu reduzieren. Insbesondere f&uuml;r Hersteller von Oberklasse-Fahrzeugen ist das eine schwierige Aufgabe, die durch Produkterweiterung in die unteren Segmente gel&ouml;st wird. F&uuml;r die Sportwagenschmiede Porsche, im Eigentum des Familien-Clan, war das keine Option. Porsche musste, um zu &uuml;berleben, einen Partner finden, mit dem ein Modellmix zu dem maximal zul&auml;ssigen CO2-Verbrauch f&uuml;hrt.<\/em><\/p><p>Der strategische Plan, um k&uuml;nftig noch mehr Profit zu realisieren, war eine Vertiefung der Kooperation Porsche und Volkswagen &ndash; selbstverst&auml;ndlich unter dem Kommando von Porsche. Porsche-Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer Wiedekind wurde beauftragt, die &Uuml;bernahme des VW-Konzerns in die Wege zu leiten &ndash; und ging &ndash; so der Verdacht &ndash; mit krimineller Energie (Marktmanipulation) daran, die Vorgabe des Familien-Clans zu erf&uuml;llen. Als klar wurde, dass der David Porsche den Goliath Volkswagen nicht stemmen kann, stand Porsche mit 11 Milliarden Euro Schulden unmittelbar vor dem Absturz. Nun wurde der Spie&szlig; zweimal gedreht: Erst &bdquo;kaufte&ldquo; Volkswagen die Automobilfertigung von Porsche und  entschuldete damit den Laden. Die von Wiedekind gekauften Volkswagen-Aktien waren bei der inzwischen neu gegr&uuml;ndeten Porsche Holding SE gelandet und verblieben  dort. Nun geh&ouml;rt die Automobilfertigung von Porsche zum VW-Konzern, die H&auml;lfte von Volkswagen geh&ouml;rt aber dem Familien-Clan von Porsche und Pi&euml;ch &ndash; weiterer Gro&szlig;aktion&auml;r ist das Emirat Katar (&uuml;ber dessen menschenverachtende Politik wir ja durch die Vergabe der Fu&szlig;ball-WM inzwischen mehr wissen). Diesen beiden Gro&szlig;aktion&auml;ren ist eigentlich nur noch die gesetzliche Mitbestimmung im Wege. Ferdinand Pi&euml;ch will den bald weltgr&ouml;&szlig;ten Automobilproduzenten endg&uuml;ltig heim ins Familienreich f&uuml;hren. Und da ist der gegenw&auml;rtige Vorstandsvorsitzende mit guten Beziehungen zum Betriebsrat und mit Ambitionen auf den Aufsichtsratsvorsitz im Wege &ndash; also erkl&auml;rt Pi&euml;ch, er sei &bdquo;auf Distanz&ldquo; zu Winterkorn &ndash; was dem gesenkten Daumen aus Gladiatorenk&auml;mpfen sp&auml;tr&ouml;mischer Zeit entspricht.<\/p><p>Volkswagen geh&ouml;rt zwar mehrheitlich dem Familien-Clan, es ist jedoch kein Familienbetrieb! Die Mehrheit im Aufsichtsrat, Arbeitnehmervertreter und Vertreter des Landes Niedersachsen, st&uuml;rzten den Patriarchen vom Sockel. Wie in seiner Anfangszeit bei Volkswagen war er unberechenbar geworden, autorit&auml;r und herrschs&uuml;chtig; Eigenschaften, die auch seinem Gro&szlig;vater Ferdinand Porsche nachgesagt werden: er musste gehen. Zwei Nichten von ihm nehmen nun im Aufsichtsrat statt seiner und seiner Frau Ursula Platz: die 34-j&auml;hrige Julia Kuhn-Pi&euml;ch, Tochter vom Bruder Hans-Michel Pi&euml;ch und die 57-j&auml;hrige Louise Kiesling, Tochter der Schwester Louise Daxer-Pi&euml;ch. Sie werden als Urenkel von Ferdinand Porsche genetisch ausreichend qualifiziert sein f&uuml;r diese gut dotierten Jobs im Aufsichtsrat. Und sie werden den Einfluss des Familien-Clan dezenter sichern, als Ferdinand Pi&euml;ch das je konnte.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Der Autor war Mitglied des Betriebsrates bei VW in Wolfsburg von 1990 bis 2006<br>\nSiehe auch: <a href=\"http:\/\/www.ossietzky.net\/buecher&amp;textfile=2213\">75 Jahre &raquo;Stadt des KdF-Wagen&laquo; \/ Wolfsburg, Stephan Krull (Hg.)<\/a><br>\nVolksburg \/ Wolfswagen, 1. Auflage 2013, Ossietzky-Verlag<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Autor dieses Beitrags, Stephan Krull, war 16 Jahre Mitglied des Betriebsrates bei VW Wolfsburg. 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