{"id":26113,"date":"2015-05-15T09:04:47","date_gmt":"2015-05-15T07:04:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26113"},"modified":"2015-05-15T10:45:08","modified_gmt":"2015-05-15T08:45:08","slug":"deutschlands-rekord-handelsueberschuss-ist-eine-groessere-bedrohung-fuer-den-euro-als-griechenland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26113","title":{"rendered":"Deutschlands Rekord-Handels\u00fcberschuss ist eine gr\u00f6\u00dfere Bedrohung f\u00fcr den Euro als Griechenland"},"content":{"rendered":"<p>Wenn die EU-Gesetze konsequent angewendet w&uuml;rden, m&uuml;sste Deutschland mit Strafzahlungen rechnen wegen der Gef&auml;hrdung der Stabilit&auml;t der Eurozone und der Nichteinhaltung des gesamtwirtschaftlichen Ungleichgewichtsverfahrens im f&uuml;nften Jahr in Folge. Ein Kommentar von <strong>Ambrose Evans-Pritchard<\/strong> aus dem britischen <a href=\"http:\/\/www.telegraph.co.uk\/finance\/comment\/ambroseevans_pritchard\/11584031\/Germanys-record-trade-surplus-is-a-bigger-threat-to-euro-than-Greece.html\">Telegraph<\/a> ins Deutsche &uuml;bersetzt von <strong>Carsten Weikamp<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDeutschlands aktueller Handelsbilanz&uuml;berschuss ist au&szlig;er Kontrolle. Die Fr&uuml;hjahrsvorhersage der Europ&auml;ischen Kommission zeigt, dass er dieses Jahr alle Rekorde brechen wird, indem er auf einen neuzeitlichen H&ouml;chststand von 7,9% des BIP steigen wird. 2016 wird er immer noch bei 7,7% sein.<\/p><p>Vage Versicherungen, dass der &Uuml;berschuss mit der Zeit schon nachlassen werde, haben sich wieder einmal nicht bewahrheitet. Das Land ist jetzt der gr&ouml;&szlig;te &Uuml;bertreter der Stabilit&auml;tsregeln der Eurozone. Es s&auml;he sich Strafsanktionen gegen&uuml;ber, wenn die Einhaltung der Gesetze der EU-Vertr&auml;ge konsequent durchgesetzt w&uuml;rde.<br>\nBr&uuml;ssel hat Deutschland letztes Jahr aufgefordert, seine &ldquo;Hausaufgaben&rdquo; zu machen, aber davon abgesehen, Ma&szlig;nahmen zu ergreifen. Wir werden sehen, ob es Jean-Claude Junckers Kommission dieses Mal besser machen wird.<\/p><p>Wenn nicht, k&ouml;nnten Zyniker zu Recht daraus schlie&szlig;en, dass die gro&szlig;en L&auml;nder in Europa nach eigenen Regeln spielen, und dass Deutschland sich allen Regeln widersetzen kann.<br>\nDer Strafmechanismus der Europ&auml;ischen W&auml;hrungsunion ist auf jeden Fall in h&ouml;chstem Ma&szlig;e politisch. Die Geschichte der Schuldenkrise in der Europ&auml;ischen W&auml;hrungsunion zeigt, dass die Beh&ouml;rden durchg&auml;ngig die Interessen der Gl&auml;ubiger st&auml;rker verfolgen als den gesamtwirtschaftlichen Wohlstand (eine ganz andere Sache).<\/p><p>Das f&uuml;nfte aufeinanderfolgende Jahr liegt Deutschlands &Uuml;berschuss &uuml;ber 6% des BIP. Das gesamtwirtschaftliche Ungleichgewichtsverfahren der EU sieht vor, dass die Kommission ein Vertragsverletzungsverfahren einleiten soll, wenn dies drei Jahre in Folge passiert, au&szlig;er es g&auml;be einen klaren Grund, das nicht zu tun.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/140515_01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>Es gibt in diesem Fall wenig mildernde Umst&auml;nde. Deutschlands &Uuml;berschuss kommt nicht durch Einmaleffekte zustande. Der &Uuml;berschuss bleibt selbst dann riesig, wenn die niedrigen Importkosten f&uuml;r Energie herausgerechnet werden. Es ist ein chronischer struktureller Missbrauch, der die W&auml;hrungsunion mit der Zeit unsteuerbar werden l&auml;sst und der sicher gef&auml;hrlicher f&uuml;r die Einheit der Eurozone ist als alles, was in Griechenland passiert.<br>\n&ldquo;Die Europ&auml;ische Kommission sollte ihre Zur&uuml;ckhaltung aufgeben: Deutschland sollte bestraft werden&rdquo;, sagt Simon Tilford vom Centre for European Reform.<\/p><p>&ldquo;Ihr &Uuml;berschuss sollte genauso behandelt werden wie zuvor die Defizite der s&uuml;dlichen L&auml;nder, als eine vergleichbare Bedrohung der Stabilit&auml;t der Eurozone. Das Beunruhigende ist, dass der &Uuml;berschuss in dieser Phase des Wirtschaftskreislaufs schnell sinken m&uuml;sste&rdquo;, sagte er.<\/p><p>Deutschlands Arbeitslosenquote ist mit 4,7% auf dem niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung. Deutschland m&uuml;sste deshalb einen Anstieg des Konsums erleben. Der findet aber nicht statt, weil der Ausgleichsmechanismus blockiert ist. Das zeigt, dass die Europ&auml;ische W&auml;hrungsunion in Schieflage ist und dazu verdammt, von Krise zu Krise zu taumeln, selbst in der Erholung.<\/p><p>Jede Erholung in S&uuml;deuropa wird zum Aufbau von Ungleichgewichten innerhalb der EWU f&uuml;hren und dadurch genau solche Kapitalfl&uuml;sse, Kreditfinanzierungen und Spekulationsblasen nach sich ziehen, die die Krise erst ausgel&ouml;st haben.<\/p><p>Der Internationale W&auml;hrungsfonds hat letztes Jahr gewarnt, dass der deutsche &Uuml;berschuss &ndash; damals 8,25% des BIP, wenn man es auf den Zyklus anpasst &ndash; f&uuml;r die EWU als ganze zerst&ouml;rerisch wirkt. Er ist zwischen drei und sechs Prozentpunkten h&ouml;her als &bdquo;erw&uuml;nscht&ldquo; oder durch Fundamentaldaten gerechtfertigt w&auml;re. Es ist nicht einmal in Deutschlands eigenem wirtschaftlichen Interesse, und es macht es den Krisenstaaten der EWU noch schwerer, sich aus den Schwierigkeiten heraus zu k&auml;mpfen.<\/p><p>Dem IWF zufolge ist der deutsche Wechselkurs nach der Handelselastizit&auml;tstheorie um ganze 18% unterbewertet, und zwar bereits vor dem letzten Einbruch des Euro. Dies war durch Dr&uuml;cken der L&ouml;hne in den fr&uuml;hen Jahren der W&auml;hrungsunion erzielt worden, womit der S&uuml;den unterboten wurde.<\/p><p>Die Anstrengungen Frankreichs, Spaniens, Italiens, Portugals und Griechenlands (das super-wettbewerbsf&auml;hige Irland ist in dieser Sache irrelevant), verlorenen Boden zur&uuml;ckzugewinnen, indem sie zu einem sp&auml;teren Zeitpunkt dasselbe tun, ist genau das, was das EWU-System zwischen 2011 und 2014 als ganzes in einen quasi-deflatorischen Absturz man&ouml;vriert hat.<\/p><p>Deutschland leugnet, ein Wiederholungst&auml;ter bei der Nichteinhaltung des gesamtwirtschaftlichen Ungleichgewichtsverfahrens zu sein. Es gibt zwar zu, dass Effekte der W&auml;hrungsunion zu einer Unterbewertung  gef&uuml;hrt haben, verneint aber, dass dies eine Folge &bdquo;politischer Verzerrungen&ldquo; sei, geschweige denn die einer vors&auml;tzlichen, zynischen, egoistischen Strategie merkantilistischer Ausbeutung.<\/p><p>Es ist kein Mysterium, warum das Ungleichgewicht schlimmer wird. Die deutsche Gesetz- und Steuerstruktur ist ausgerichtet zugunsten von Produktivit&auml;t und Exporten, nicht von Konsum. Es ist das Spiegelbild Gro&szlig;britanniens. Keine der Formeln ist gesund.<br>\n&bdquo;Deutschland sollte die Steuern auf niedrige Einkommen und die Mehrwertsteuer senken. Es hat einen betr&auml;chtlichen fiskalischen Spielraum. Es entscheidet sich aber dagegen&ldquo;, sagt Tilford.<\/p><p>Berlin lehnt ab, die blasse Nachfrage durch zus&auml;tzliche &ouml;ffentliche Ausgaben auszugleichen. Die &bdquo;Ordoliberalen&ldquo; im deutschen Finanzministerium steuern stattdessen einen Haushalts&uuml;berschuss von 0,6% des BIP an, in einer beinahe religi&ouml;sen Glorifizierung des Sparens.<\/p><p>Und das, obwohl der Nord-Ostsee-Kanal zerbr&ouml;ckelt und Deutschlands Infrastruktur langsam auseinanderf&auml;llt. Marcel Fratzscher, Leiter des DIW und Autor von &lsquo;Die Deutschland-Illusion&ldquo;, stellt fest, dass die Investitionen seit den fr&uuml;hen 1990ern von 23% auf 17% des BIP zur&uuml;ckgegangen sind.<\/p><p>Deutsche &Uuml;bersch&uuml;sse waren zu Zeiten der D-Mark kein Problem. Von Zeit zu Zeit machte das Land eine Neubewertung, die das Problem behob. Wie Deutschland seine inneren Angelegenheiten regelte, war im wesentlichen seine eigene Sache. Wie der IWF aber wiederholt festgestellt hat, ist das in einer W&auml;hrungsunion eine ganz andere Sache. Der deutsche &Uuml;berschuss ist die Wurzel der Kluft zwischen Nord und S&uuml;d in der EWU.<br>\nNach dem gesamtwirtschaftlichen Ungleichgewichtsverfahren &ndash; das Deutschland zum Gesetz gemacht hat, weil es dachte, dass es h&ouml;chstens einmal gegen Defizit-S&uuml;nder zur Anwendung k&auml;me &ndash; kann die Eurozone Deutschland anweisen, einen &bdquo;Aktionsplan&ldquo; vorzulegen, um den &Uuml;berschuss abzubauen. Wenn das nicht geschieht, sitzen EU-Minister zu Gericht &uuml;ber Deutschland. Sie k&ouml;nnen Berlin zwingen, eine Sicherheit von bis zu 0,1% des BIP (2,4 Mrd. Euro) auf ein spezielles Konto zu hinterlegen, w&auml;hrend es auf Bew&auml;hrung ist. Das Geld kann schlussendlich eingezogen werden, wenn nichts getan wird.<\/p><p>Man braucht nicht extra zu erw&auml;hnen, dass solche Sanktionen Entr&uuml;stung im Bundestag hervorrufen w&uuml;rden und das Risiko, in Deutschland den politischen Konsens f&uuml;r den Euro zu zerst&ouml;ren. Viele deutsche B&uuml;rger glauben bereits heute, dass ihr Land zu viel daf&uuml;r ausgibt, S&uuml;deuropa aus der Klemme zu helfen.<\/p><p>Wir verfolgen mit Interesse, wie Herr Juncker sich durch dieses t&uuml;ckische politische Riff man&ouml;vrieren wird, besonders, da er seinen aktuellen Posten deutscher Gunst zu verdanken hat. Es war Kanzlerin Angela Merkel, die ihn voriges Jahr gegen britische Einw&auml;nde ins Berlaymont gehievt hat. Abgesehen von einigen honorige Ausnahmen &ndash; wie zum Beispiel Herrn Fratzscher &ndash; weigert sich die deutsche Politikelite nach wie vor, zur Kenntnis zu nehmen, dass etwas falsch an der &Uuml;berschuss-Politik ist, nicht einmal, dass es Bedarf gibt, das Thema &uuml;berhaupt einmal zu diskutieren.<\/p><p>Die Weigerung, die Dinge aus den Augen der anderen zu sehen, strapaziert &uuml;berall in der Welt die Geduld. Deutschland hat China in den Berichten des US-Finanzministeriums an den Kongress abgel&ouml;st als Erz-B&ouml;sewicht in Sachen W&auml;hrungsmanipulationen, aus offensichtlichen Gr&uuml;nden.<\/p><p>Chronische &Uuml;bersch&uuml;sse sind eine Art, Nachfrage von anderswo zu stehlen. Sie exportieren Arbeitslosigkeit in andere L&auml;nder. Das ist in Zeiten &bdquo;langanhaltenden Stillstands&ldquo; und exzessiven globalen Sparens von Belang. Gesellschaften haben das Recht auf Vergeltung, wenn das erst au&szlig;er Kontrolle ger&auml;t. <\/p><p>Ebensowenig ist diese merkantilistische Politik f&uuml;r Deutschland selbst sinnvoll. Die &Uuml;bersch&uuml;sse werden im Ausland in Kapitalfl&uuml;ssen mit negativem Ertrag recyclet, wodurch der Wohlstand erodiert, den das Land in den n&auml;chsten zehn Jahren brauchen wird, wenn der steile demografische R&uuml;ckgang kommt. Historiker werden auf die &Auml;ra Schr&ouml;der\/Merkel als eine Folge grober politischer Schnitzer zur&uuml;ckblicken.<\/p><p>Je fr&uuml;her Deutschland seinen Fiskalfetischismus aufgibt und sein eigenes Geld zum eigenen Wohl im eigenen Land investiert, um so besser wird das f&uuml;r alle sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn die EU-Gesetze konsequent angewendet w&uuml;rden, m&uuml;sste Deutschland mit Strafzahlungen rechnen wegen der Gef&auml;hrdung der Stabilit&auml;t der Eurozone und der Nichteinhaltung des gesamtwirtschaftlichen Ungleichgewichtsverfahrens im f&uuml;nften Jahr in Folge. Ein Kommentar von <strong>Ambrose Evans-Pritchard<\/strong> aus dem britischen <a href=\"http:\/\/www.telegraph.co.uk\/finance\/comment\/ambroseevans_pritchard\/11584031\/Germanys-record-trade-surplus-is-a-bigger-threat-to-euro-than-Greece.html\">Telegraph<\/a> ins Deutsche &uuml;bersetzt von <strong>Carsten Weikamp<\/strong>.<\/p>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[22,137,157,30],"tags":[290,427,499,319,449,1085],"class_list":["post-26113","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-europaische-union","category-steuern-und-abgaben","category-wettbewerbsfaehigkeit","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-binnennachfrage","tag-einkommensteuer","tag-handelsbilanz","tag-lohnentwicklung","tag-umsatzsteuer","tag-wechselkurse"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26113","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=26113"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26113\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":26115,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26113\/revisions\/26115"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=26113"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=26113"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=26113"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}