{"id":26147,"date":"2015-05-19T09:25:41","date_gmt":"2015-05-19T07:25:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26147"},"modified":"2026-02-02T15:56:45","modified_gmt":"2026-02-02T14:56:45","slug":"die-ohrfeige-und-das-neue-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26147","title":{"rendered":"Die Ohrfeige und das \u201eneue Deutschland\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Bundespr&auml;sident Gauck <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/ns-aufarbeitung-gauck-zeichnet-ehepaar-klarsfeld-aus-a-1033660.html\">verleiht Beate und Serge Klarsfeld<\/a> das Bundesverdienstkreuz f&uuml;r ihre Verdienste bei der Aufkl&auml;rung von NS-Verbrechen und ihren Kampf gegen Antisemitismus. Welch noble Geste der Bundesrepublik Deutschland, mit Beate Klarsfeld eine Aktivistin auszuzeichnen, deren ber&uuml;hmteste Tat es war, 1968 den damaligen CDU-Bundeskanzler Kurt Georg  Kiesinger wegen seiner Verstrickungen in den Nationalsozialismus symbolisch geohrfeigt zu haben. Bei genauerem Hinsehen allerdings entpuppt sich diese Auszeichnung ebenso wie die zahlreichen Bekenntnisse deutscher Politiker zur <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/zweiter-weltkrieg-steinmeier-mahnt-verantwortung-an-a-1030003.html\">&bdquo;deutschen Verantwortung&ldquo;<\/a> eher als ein Akt der Freisprechung von eben dieser Verantwortung (von Schuld ist schon gar nicht mehr die Rede). Von <strong>Erik Jochem<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nMit den gerade im 70. Jahr nach dem Ende der Nazi-Herrschaft geradezu massenhaften &ouml;ffentlichen Bekenntnissen der deutschen Politik zur deutschen Verantwortung f&uuml;r die Verbrechen des Nationalsozialismus werden wir mit der Auszeichnung der Eheleute Klarsfeld mit dem Bundesverdienstkreuz Zeugen eines formelhaften Beschw&ouml;rungsritus zur Austreibung b&ouml;ser Geister, die das gloriose Selbstbild Deutschlands als europ&auml;ische F&uuml;hrungsmacht bedrohen k&ouml;nnten (n&auml;mlich die Erinnerung an das Gro&szlig;macht- und Herrenmenschendenken der Deutschen im Nationalsozialismus). <\/p><p>Die politische Klasse &ndash; angef&uuml;hrt durch den Bundespr&auml;sidenten &ndash; bescheinigt sich selbst und den Deutschen eine gr&ouml;&szlig;tm&ouml;gliche Erinnerungskultur und damit einhergehend eine gr&ouml;&szlig;tm&ouml;gliche Distanz zu den deutschen Verbrechen des Zweiten Weltkriegs. Wer sich derma&szlig;en politisch korrekt zum Unrecht der V&auml;ter bekennt, den sch&uuml;tzt hinfort die Mauer der eigenen demonstrativ aufgebauten Rechtschaffenheit vor Inanspruchnahme f&uuml;r eben diese Verbrechen. Die Ritualisierung und die Penetranz des Gedenkens inflationiert seinen Wert, die Verbrechen und ihr Gedenken verblassen zur zeitgeschichtlichen Banalit&auml;t. <\/p><p>Die Hohlheit und zugleich der praktische Nutzen dieser Art von Exorzismus zeigen sich etwa in der Diskussion um die Entsch&auml;digungsforderungen Griechenlands f&uuml;r deutsche Verbrechen w&auml;hrend des Zweiten Weltkriegs. Mit welchem Recht, wird die politische Klasse k&uuml;nftig fragen, kann das Deutschland, das sich derma&szlig;en deutlich von den alten Verbrechen distanziert, f&uuml;r diese noch in Anspruch genommen werden?  Unmoralisch handelt nicht, wer Entsch&auml;digung verweigert, sondern wer solche von dem gel&auml;uterten &bdquo;neuen Deutschland&ldquo; immer noch &ndash; nach all den L&auml;uterungen und  &bdquo;all den Jahren&ldquo; &ndash; fordert.<\/p><p>Der eigentliche Mehrwert einer solchen Verantwortungsrhetorik aber liegt darin, Deutschland &uuml;berzeitlich auf der Seite &bdquo;des Guten&ldquo; zu verankern. Wenn der (deutsche) Nationalsozialsozialismus &bdquo;das B&ouml;se&ldquo; war, dann konstituiert die maximale verbale Distanzierung das &bdquo;gute Deutschland&ldquo;. Und das &bdquo;gute Deutschland&ldquo; kann schlechterdings nichts mehr &bdquo;B&ouml;ses&ldquo; tun. Auch deutsche Kriegseins&auml;tze geh&ouml;ren k&uuml;nftig zur &bdquo;Normalit&auml;t&ldquo; und man steht auf der Seite &bdquo;des Guten&ldquo;.<\/p><p>Es feiert eine deutsche Geschichtsideologie fr&ouml;hliche Urst&auml;nd, deren Vorl&auml;ufer Nietzsche in seinen Unzeitgem&auml;&szlig;en Betrachtungen einen &bdquo;Vom Nutzen und Nachteil der Historie f&uuml;r das Leben&ldquo;  schon beschrieben hat. Die &bdquo;kritische Historie&ldquo; beseitige sch&auml;dliche Erinnerungen. <\/p><p>Wie solche Erinnerungen beiseite geschoben werden, zeigt sich gleichfalls am Beispiel der Haltung der deutschen Regierung gegen&uuml;ber Griechenland.<\/p><p>W&auml;hrend die politische Klasse Deutschlands ihre Distanz zum Nationalsozialismus zelebriert, exekutiert sie im Fall Griechenland denselben zynischen Legalismus, der zur &Auml;ra des Nationalsozialismus geh&ouml;rte. Warum konnte es Unrecht sein, so fragten viele Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg, Gesetze und Befehle befolgt zu haben, egal was menschlich daraus folgte? Wie &ndash; so fragt dieses &bdquo;neue Deutschland&ldquo; &ndash; kann es Unrecht sein, einer Generation von Griechen das Recht auf Selbstbestimmung und sogar auf menschenw&uuml;rdiges Leben zu verweigern, wenn das nun mal die Konsequenz (aufgezwungener) Vertr&auml;ge ist?<\/p><p>Wann ohrfeigt Beate Klarsfeld Wolfgang Sch&auml;uble?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bundespr&auml;sident Gauck <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/ns-aufarbeitung-gauck-zeichnet-ehepaar-klarsfeld-aus-a-1033660.html\">verleiht Beate und Serge Klarsfeld<\/a> das Bundesverdienstkreuz f&uuml;r ihre Verdienste bei der Aufkl&auml;rung von NS-Verbrechen und ihren Kampf gegen Antisemitismus. 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