{"id":26163,"date":"2015-05-20T14:45:52","date_gmt":"2015-05-20T12:45:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26163"},"modified":"2019-03-21T10:34:39","modified_gmt":"2019-03-21T09:34:39","slug":"europa-und-der-kalte-pipeline-krieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26163","title":{"rendered":"Europa und der kalte Pipeline-Krieg"},"content":{"rendered":"<p>Nur sehr selten werden in den deutschen Medien die Themen &bdquo;Energieversorgung&ldquo; und &bdquo;Versorgungssicherheit&ldquo; thematisiert. Dies ist vor allem aus geostrategischer Sicht vollkommen unverst&auml;ndlich, da sich das Handeln der Akteure in den aktuellen Konflikten in der Ukraine und Mazedonien nicht zufriedenstellend erkl&auml;ren l&auml;sst, wenn man diese wichtigen Faktoren au&szlig;er Acht l&auml;sst. In Europa tobt bereits seit vielen Jahren ein kalter Krieg um die Projektierung und den Bau von Erdgaspipelines, bei dem die Interessen der unterschiedlichen Akteure auch ein ma&szlig;gebliches Motiv f&uuml;r deren Handlungen in den genannten Konflikten darstellen. Eine Sonderrolle nimmt hier &ndash; wie so oft &ndash; Deutschland ein, das gegen seine eigenen Interessen handelt. Von <strong>Jens Berger<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nDamit wir es auch im Winter warm und heimelig haben, ben&ouml;tigen wir W&auml;rmeenergie. Rund die H&auml;lfte aller deutschen Haushalte heizt mit Erdgas, das zu fast 50% aus Russland kommt. Insgesamt verbrauchen deutsche Abnehmer rund 84 Mrd. Kubikmeter Erdgas pro Jahr. Dieses Gesch&auml;ft ist ein Gesch&auml;ft auf Gegenseitigkeit. Mit rund 161 Mrd. Kubikmeter gehen mehr als 80% der russischen Erdgasexporte nach Europa und stellen damit den Grundstein der f&uuml;r Russland so wichtigen Deviseneinnahmen dar. Der Handel mit Erdgas hat jedoch eine Besonderheit: Will man den Energietr&auml;ger effizient und &ouml;konomisch wie &ouml;kologisch vertretbar &uuml;ber Tausende von Kilometern transportieren, kommen nur station&auml;re Transportleitungen, sogenannte Pipelines in Frage. Und da Deutschland und Russland keine gemeinsame Grenze haben, stellt der Bau und Betrieb dieser Pipelines ein Politikum von allergr&ouml;&szlig;ter Wichtigkeit dar.<\/p><p><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/150520_pipelineistan.png\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/150520_pipelineistan.gif\" alt=\"Europa und der kalte Pipeline-Krieg\" title=\"Europa und der kalte Pipeline-Krieg\"><\/a><\/p><p><strong>Die aktuelle Versorgungssituation<\/strong><\/p><p>Die gro&szlig;fl&auml;chige Versorgung deutscher Haushalte mit Erdgas begann paradoxerweise mitten im Kalten Krieg. Als Ergebnis der &bdquo;Neuen Ostpolitik&ldquo; wurde in den fr&uuml;hen 1970ern auch Westdeutschland an das in den 1960ern gebaute sowjetische Pipelinesystem angeschlossen, mit dem westsibirisches Erdgas in die L&auml;nder des ehemaligen Ostblocks geliefert wurde. Auch heute noch stellt das sogenannte <strong>&bdquo;Transgas-System&ldquo;<\/strong>, das sich aus den russischen Pipelines <strong>Druschba<\/strong> und <strong>Sojus<\/strong> speist, mit einer maximalen Transportmenge von 120 Mrd. Kubikmeter pro Jahr das gr&ouml;&szlig;te Pipelinesystem der Welt dar. Die Transgas-Trasse verl&auml;uft mit mehreren Nebenstr&auml;ngen &uuml;ber die Ukraine, die Slowakei, Tschechien und &Ouml;sterreich. Erg&auml;nzt wurde Transgas in den sp&auml;ten 1990ern durch die <strong>Jamal-Pipeline<\/strong>, die maximal 33 Mrd. Kubikmeter Erdgas &uuml;ber Wei&szlig;russland und Polen nach Deutschland transportieren kann.<\/p><p>Bereits in den 1990ern war die Abh&auml;ngigkeit von russischen Erdgaslieferungen in Deutschland ein hei&szlig;es Thema. Um sich nicht all zu sehr von Russland abh&auml;ngig zu machen, erg&auml;nzte man in diesem Jahrzehnt das Ost-West-Versorgungssystem durch ein Nord-S&uuml;d-Versorgungssystem, &uuml;ber das norwegisches Erdgas aus der Nordsee nach Ostfriesland und von dort in die gro&szlig;en deutschen Fernversorgungssysteme eingespeist wird. &Uuml;ber die Pipelines <strong>Europipe I<\/strong> und <strong>II<\/strong> und <strong>Norpipe<\/strong> k&ouml;nnen bis zu 55 Mrd. Kubikmeter Erdgas ins deutsche Versorgungsnetz eingespeist werden. Erg&auml;nzt werden diese Lieferungen durch kleinere Nordsee-Kontingente aus den Niederlanden. <\/p><p><strong>Diversifikation erw&uuml;nscht<\/strong><\/p><p>Sp&auml;testens im Winter 2005 wurden die Forderungen nach einer noch gr&ouml;&szlig;eren Diversifikation der Erdgaseinfuhren immer lauter. Dies war eine direkte Folge des ersten ukrainisch-russischen Gasstreits und hatte zwei unterschiedliche Aspekte. Da die so wichtigen Transgas-Leitungen komplett &uuml;ber ukrainisches Territorium verlaufen, hat die Ukraine als Transitland eine elementare Bedeutung f&uuml;r die Versorgungssicherheit Deutschlands und gro&szlig;en Teilen Ost- und Mitteleuropas. Gleichzeitig ist die Ukraine jedoch einer der gr&ouml;&szlig;ten europ&auml;ischen Gasverbraucher, was vor allem eine Folge der vorsintflutlichen Energieeffizienz im Lande ist. Diese Situation war nur dann aufrechtzuerhalten, wenn die Ukraine entweder weiterhin von Russland einen riesigen Preisnachlass f&uuml;r &bdquo;politisches Wohlverhalten&ldquo; bekommt oder ihrerseits unilateral horrende Transitgeb&uuml;hren f&uuml;r das Gas erhebt, das via Transgas in andere L&auml;nder transportiert wird. <\/p><p>2005 wurden zwei Punkte offensichtlich: Die Ukraine nutzt ihre Rolle als Transitland f&uuml;r Erdgaslieferungen r&uuml;cksichtslos, um &ouml;konomische Vorteile zu erlangen und Russland nutzt die Erdgaslieferungen in die Ukraine, um politischen Druck zu machen. Es ist v&ouml;llig egal, wem man nun die Schuld an diesen immer wiederkehrenden ukrainisch-russischen Gaststreits gibt &ndash; es steht jedoch fest, dass das R&uuml;ckgrat der europ&auml;ischen Gasversorgung, die Transgas-Leitungen, im Zweifel als unsicher zu bewerten sind. <\/p><p>Hinzu kommt ein weiterer Punkt: Es ist aus Kundensicht nicht besonders klug, sich einem Monopolanbieter auszuliefern. Und der russische Gaskonzern Gazprom verf&uuml;gt mit seinem Marktanteil von fast 50% zweifelsohne &uuml;ber eine sehr m&auml;chtige Position auf der Angebotsseite. So besteht die sehr reale Gefahr, dass Gazprom k&uuml;nftig die Preise diktieren kann, zumal bei den leitungsgebundenen Versorgungssystemen keine denkbare Substitution der russischen Gaslieferungen m&ouml;glich ist.<\/p><p><strong>Die europ&auml;ische Perspektive<\/strong><\/p><p>F&uuml;r Deutschland stellte sich die Situation 2005 dank Jamal (&uuml;ber Wei&szlig;russland und Polen) und der norwegischen Nordseepipelines jedoch vergleichsweise entspannt dar. Wesentlich unsicherer war hingegen die Versorgungssicherheit der Balkanstaaten und mit Abstrichen auch die Ungarns und &Ouml;sterreichs, die allesamt zu einem gro&szlig;en Teil von Lieferungen abh&auml;ngen, die &uuml;ber ukrainisches Gebiet transportiert werden. Zu allem &Uuml;berfluss mischte sich nun auch die EU ein und machte die &bdquo;Diversifizierung der Energieimporte&ldquo; zur Sache Br&uuml;ssels.<\/p><p>Doch woher sollen die Gasimporte kommen, wenn man sich von Russland unabh&auml;ngig machen will? Die ebenfalls relativ reichhaltigen Erdgasvorkommen in Nordafrika sind bereits damit ausgelastet, die geografisch benachbarten Regionen auf der iberischen Halbinsel, in S&uuml;dfrankreich und S&uuml;ditalien zu versorgen. Deutschland und Nordeuropa bekommen nahezu die H&auml;lfte ihres Erdgases aus F&ouml;rdergebieten in der Nordsee. Doch diese Vorkommen haben ihren F&ouml;rderpeak bereits &uuml;berschritten und die Reserven neigen sich langsam dem Ende zu.<\/p><p>Fl&uuml;ssiggas f&uuml;r den europ&auml;ischen Markt stammt vor allem aus Nigeria und Katar, die hohen Preise f&uuml;r Transport und Logistik lassen jedoch eine Expansion nur in Grenzen zu. Russisches Gas ist bereits heute nicht substituierbar. Wenn man sich die Weltkarte anschaut, so kommen nur zwei Regionen in Frage, aus denen alternative Erdgaslieferungen nach Mitteleuropa kommen k&ouml;nnten &ndash; das Kaspische Meer und der Persische Golf.<\/p><p><strong>Nabucco &ndash; &ldquo;Great Game&rdquo; am Kaspischen Meer<\/strong><\/p><p>Da der Persische Golf aus politischen und vor allem sicherheitstechnischen Gr&uuml;nden keine sinnvolle Alternative darstellt, konzentrierte man sich auf die Gasvorkommen am Kaspischen Meer. Als Deutschland im ersten Halbjahr 2007 die EU-Ratspr&auml;sidentschaft &uuml;bernahm, legten Kanzlerin Merkel und Au&szlig;enminister Steinmeier den Fokus der EU-Au&szlig;enpolitik auf die Anrainerstaaten des Kaspischen Meeres. Unter dem Schlagwort &bdquo;neue EU-Ostpolitik&rdquo; wollte man im &bdquo;Great Game&rdquo; um die Energiereserven der Region k&uuml;nftig eine bedeutendere Rolle spielen. Um das Gas nach Europa zu transportieren, projektierten europ&auml;ische Gasversorger eine Pipeline mit dem sch&ouml;nen Namen <strong>Nabucco<\/strong>, die Gas aus Aserbaidschan, Kasachstan, Usbekistan und Turkmenistan &uuml;ber Georgien, die T&uuml;rkei, Bulgarien, Rum&auml;nien und Ungarn zum zentralen Energiehub im &ouml;sterreichischen Baumgarten transportieren sollte. Politisch flankiert wurde dieses Projekt unter anderem vom ehemaligen deutschen Au&szlig;enminister Joschka Fischer, der bei Nabucco als Lobbyist anheuerte. <\/p><p>Auch wenn sich Steinmeier und &bdquo;EU-Au&szlig;enminister&rdquo; Solana bei den &bdquo;lupenreinen Despoten&rdquo; in Turkmenistan, Usbekistan und Kasachstan gegenseitig die Klinke in die Hand gaben, gen&uuml;tzt hat es ihnen nicht viel. Die russische Gazprom stellte sinnbildlich Blankoschecks aus und erwarb binnen weniger Monate das Kaufrecht f&uuml;r einen Gro&szlig;teil des gef&ouml;rderten Erdgases am Kaspischen Meers. Nabucco existierte zwar auf dem Rei&szlig;brett noch bis 2013 &ndash; ohne nennenswerte Gasmengen, die in eine solche Pipeline eingespeist werden k&ouml;nnen, rechnet sich ein solches Projekt jedoch nicht. Die an sich gute Idee einer europ&auml;ischen Pipeline, die Gas unter kompletter Umgehung russischen und ukrainischen Gebiets in das Herz Europas transportieren sollte, ging schlussendlich am Dilettantismus der Verantwortlichen und der europ&auml;ischen Au&szlig;enpolitik zugrunde.<\/p><p><strong>North-Stream &ndash; Schr&ouml;ders Geniestreich<\/strong><\/p><p>Wesentlich mehr Erfolg hatte ein Projekt, das sowohl Wladimir Putin als auch Gerhard Schr&ouml;der zur Chefsache machten: die Ostseepipeline <strong>North-Stream<\/strong>. North-Stream verl&auml;uft von russischen Wyborg bis ins deutsche Lubmin komplett auf dem Boden der Ostsee und umgeht somit teure und potentiell unsichere Transitstaaten. &Uuml;ber die 2011 eingeweihte Pipeline k&ouml;nnen pro Jahr bis zu 55 Mrd. Kubikmeter Erdgas nach Deutschland transportiert werden. Damit sinkt die Abh&auml;ngigkeit Deutschlands vom Transitland Ukraine und den Lieferungen &uuml;ber das Transgas-System erheblich. Anders als Nabucco ist North-Stream jedoch ein Pipelinesystem, das zu 100% russisches Gas der Gazprom liefert. Die Abh&auml;ngigkeit von Russland und den &ouml;konomischen Interessen der Gazprom hat sich durch North-Stream also nicht verringert, sondern erh&ouml;ht.<\/p><p><strong>Unterschiedliche Akteure, unterschiedliche Interessen<\/strong><\/p><p>F&uuml;r <strong>Deutschland<\/strong> stellt sich die Situation vergleichsweise einfach und dennoch unl&ouml;sbar dar: Deutschland hat Interesse an einer sicheren und ausreichenden aber wenn m&ouml;glich auch diversifizierten Gasversorgung. Nabucco w&auml;re im gr&ouml;&szlig;ten Interesse Deutschlands gewesen, scheiterte jedoch an politischer Inkompetenz. Jede Pipeline, mit der die unsichere Ukraine umgangen werden kann, liegt ebenfalls im strategischen Interesse Deutschlands.<\/p><p>Russland hat ein Interesse, m&ouml;glichst viele Pipelines mit m&ouml;glichst gro&szlig;en Transportvolumen zu bauen, mit denen russisches und kaspisches Erdgas unter Umgehung der Ukraine in die EU geliefert werden kann.<\/p><p>Die <strong>Balkanstaaten inkl. Griechenland<\/strong> haben wiederum ein Interesse, dass eine der gro&szlig;en Pipelines &uuml;ber ihr eigenes Territorium verl&auml;uft, so dass sie einerseits von rabattierten Preisen profitieren und anderseits Transitgeb&uuml;hren kassieren k&ouml;nnen. Eine besondere Rolle spielt hier die <strong>T&uuml;rkei<\/strong>, die liebend gerne die Rolle der Ukraine als gr&ouml;&szlig;tes Transitland &uuml;bernehmen w&uuml;rde und sich davon nicht nur eine St&auml;rkung ihrer geostrategischen Position, sondern vor allem preiswertes Gas f&uuml;r die energieintensive Industrie verspricht. <\/p><p>Anders sieht es f&uuml;r die <strong>USA<\/strong> und <strong>Gro&szlig;britannien<\/strong> aus. Beide Staaten haben kein Interesse daran, dass Kontinentaleuropa &uuml;berhaupt Erdgas aus Russland bekommt. Hier kommt auch ein weiterer Aspekt ins Spiel: Bei allen vorhandenen und geplanten Projekten, bei denen es um russisches Gas geht, spielen die Multis von &bdquo;Big Oil&ldquo; keine Rolle. Die Ausnahme von der Regel bildete das Projekt <strong>&bdquo;White-Stream&ldquo;<\/strong>, eine Totgeburt, die auf Julia Timoschenko zur&uuml;ckgeht und die der EU sogar zeitweise &bdquo;Priorit&auml;t&ldquo; einr&auml;umte. White-Stream sollte die Ukraine via Aserbaidschan, Georgien und Rum&auml;nien mit rund 9 Mrd. Kubikmetern Gas pro Jahr versorgen und in einer sp&auml;teren Ausbauphase bis zu 32 Mrd. Kubikmeter &uuml;ber ukrainisches Gebiet nach Westeuropa liefern. Das &ndash; &ouml;ffentlich nicht bekannte &ndash; White-Stream-Konsortium soll aus Finanzunternehmen aus London und New York bestanden haben. Nach der Abwahl von Julia Timoschenko im Jahre 2010 h&ouml;rte man jedoch nie wieder etwas von diesem Projekt und damit war auch der Einstieg von &bdquo;Big Oil&ldquo; in den europ&auml;ischen Gasmarkt kein Thema mehr.<\/p><p>An Transgas sind neben der Gazprom und zahlreichen lokalen Versorgungsunternehmen die deutsche E.ON Ruhrgas und die &ouml;sterreichische OMV beteiligt. An Jamal ist neben der Gazprom das polnische Staatsunternehmen PGNiG beteiligt und an North-Stream sind neben der Gazprom E.ON Ruhrgas, die BASF-Tochter Wintershall und zwei niederl&auml;ndische und franz&ouml;sische Versorger beteiligt. Die  Energie-Giganten USA und Gro&szlig;britannien stehen beim Gesch&auml;ft rund um die europ&auml;ische Gasversorgung au&szlig;en vor. Und dies passt ihnen nat&uuml;rlich gar nicht. Auch das deutsch-russische North-Stream-Projekt wollten die USA damals <a href=\"http:\/\/www.handelsblatt.com\/politik\/international\/druck-auf-schweden-usa-wollen-ostseepipeline-stoppen\/3019768.html\">am liebsten stoppen<\/a> &ndash; sie scheiterten jedoch. Ginge es nach den &ouml;konomischen und geostrategischen Interesse der USA und Gro&szlig;britanniens m&uuml;ssten s&auml;mtliche russisch-europ&auml;ischen Pipeline-Projekte in der Planung gestoppt werden und stattdessen sollte Europa sich auf den Import von Fl&uuml;ssiggas konzentrieren.<\/p><p>Vor allem von Seiten der USA wird bereits seit Jahren international kr&auml;ftig die Werbetrommel f&uuml;r LNG-Lieferungen in die EU ger&uuml;hrt . Daf&uuml;r gibt es einen guten Grund. Durch den Fracking-Boom verf&uuml;gen die USA &uuml;ber ein &Uuml;berangebot an Gas, das krisenbedingt kaum mehr Abnehmer findet, wodurch der Preis fast ins Bodenlose fiel. Nennenswerte Exporte in die EU w&uuml;rden den Preis stabilisieren und damit die Investitionskosten der gro&szlig;en Erdgasf&ouml;rderer, die zugleich auch die gr&ouml;&szlig;ten Erd&ouml;lkonzerne sind (z.B. Exxon, Chevron, BP), retten. Selbstverst&auml;ndlich w&auml;ren auch die Lieferungen in die EU ganz sicher nicht zum wirtschaftlichen Nachteil dieser Konzerne. Wichtig ist jedoch hervorzuheben, dass Fracking-Gas &ndash; wenn man einmal die Folgekosten ignoriert &ndash; zwar vor Ort sehr preisg&uuml;nstig ist, der Transport in ferne Regionen das billige Fracking-Gas jedoch extrem teuer macht. Die Zeche m&uuml;sste, wie meist, der europ&auml;ische Endabnehmer zahlen. Und wenn man bedenkt, dass eine theoretische vollst&auml;ndige Substitution der russischen Gaslieferungen durch LNG-Importe Kosten in Billionenh&ouml;he mit sich bringen w&uuml;rde, kann einem da nur angst und bange werden.<\/p><p><strong>TAP und South-Stream &ndash; neue Pipelines f&uuml;r die S&uuml;dschiene<\/strong><\/p><p>Einen Achtungserfolg konnten die Konkurrenten der Gazprom 2013 erzielen, als Aserbaidschan einem Konsortium aus europ&auml;ischen Energieversorgern den Zuschlag f&uuml;r den Abtransport f&uuml;r das Erdgas, das im neu erschlossenen Schah-Denis-II-Feld gef&ouml;rdert wird, erteilt hat. An diesem Projekt ist &uuml;ber den Umweg des Schah-Denis-Konsortiums &uuml;brigens auch die britische BP beteiligt. &Uuml;ber die <strong>Trans-Adria-Pipeline<\/strong> TAP sollen via T&uuml;rkei ab 2018 bis zu 20 Mrd. Kubikmeter pro Jahr &uuml;ber Griechenland, Albanien und die Adria nach S&uuml;ditalien und von dort aus gen Norden transportiert werden. Im M&auml;rz dieses Jahres feierte man in der T&uuml;rkei den <a href=\"http:\/\/www.trt.net.tr\/deutsch\/t%C3%BCrkei\/2015\/03\/17\/baubeginn-f%C3%BCr-tanap-erdgas-f%C3%BC-europa-187157\">Spatenstich<\/a> f&uuml;r die Zubringer-Pipeline f&uuml;r TAP.<\/p><p>Weniger Erfolg hatte das russisch-europ&auml;ische Projekt <strong>South-Stream<\/strong>. South-Stream war von russischer Seite als Rundumschlag gegen die Ukraine konzipiert. &Uuml;ber das Schwarze Meer wollte man via Bulgarien, Serbien, Ungarn und &Ouml;sterreich maximal 63 Mrd. Kubikmeter pro Jahr nach Mitteleuropa liefern und damit das alte Transgas-System komplett &uuml;berfl&uuml;ssig machen und nebenbei auch die Position von Wei&szlig;russland und Polen als Transitl&auml;nder schw&auml;chen. Doch das Projekt, an dem neben Gazprom auch die italienische ENI, die franz&ouml;sische EDF sowie die deutsche Wintershall beteiligt waren, erfuhr bereits ziemlich fr&uuml;h Gegenwind aus der EU, da South-Stream angeblich keinen diskriminierungsfreien Zugang zur Pipeline gew&auml;hrleistete. Hinter den Kulissen wurde jedoch recht schnell klar, dass die EU South-Stream blockieren wollte, um Nabucco zu pushen. Nach dem Ende von Nabucco nahmen auch die South-Stream Planungen wieder Fahrt auf und 2013 wurde sogar der Baubeginn gefeiert.<\/p><p>Mit der Annexion der Krim &auml;nderte sich die Einstellung der EU zum Projekt jedoch abermals. Im M&auml;rz 2014 <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/wirtschaft\/article125605615\/EU-bremst-Pipeline-Verhandlungen-mit-Moskau.html\">verk&uuml;ndete EU-Energiekommissar G&uuml;nther Oettinger<\/a> den Bau von South-Stream zu verz&ouml;gern. Und dies verfolgte er auch mit allen Mitteln. Im Juni 2014 leitete die EU ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Bulgarien ein, das ziemlich schnell einknickte und seine weitere Unterst&uuml;tzung des Projekts von der Zustimmung der EU-Kommission abh&auml;ngig machte. Im Dezember 2014 wurde South-Stream dann endg&uuml;ltig und offiziell beerdigt.<\/p><p>Das Ende von South-Stream ist ein frappierendes Beispiel daf&uuml;r, wie die EU und vor allem Deutschland seit Beginn der Ukraine-Krise gegen die eigenen Interessen handelt. South-Stream h&auml;tte Mitteleuropa und vor allem den Balkan endg&uuml;ltig unabh&auml;ngig vor dem unsicheren Transitland Ukraine gemacht. Doch dies ist offenbar weder in Br&uuml;ssel noch in Berlin gewollt. Warum eigentlich? Es ist klar, dass eine St&auml;rkung der Energiesicherheit Mittel- und Osteuropas nicht im Sinne (s.o.) der USA, Gro&szlig;britanniens und der mit ihnen assoziierten Transatlantiker ist. Dies kann und darf aber nicht der Ma&szlig;stab f&uuml;r politische Entscheidungen sein. <\/p><p><strong>Turkish-Stream &ndash; der kalte Pipeline-Krieg erreicht Mazedonien<\/strong><\/p><p>Erstaunlich schnell zauberte die Gazprom jedoch bereist im Januar 2015 ein Alternativprojekt f&uuml;r South-Stream aus dem Hut &ndash; eine Pipeline, die &uuml;ber die T&uuml;rkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien und Ungarn die f&uuml;r South-Stream geplanten maximal 63 Mrd. Kubikmeter Erdgas zum &ouml;sterreichischen Gas-Hub Baumgarten liefert. Der Arbeitstitel f&uuml;r dieses Projekt ist Turkish-Stream. Im Prinzip &auml;hnelt <strong>Turkish-Stream<\/strong> ziemlich genau dem gescheiterten South-Stream-Projekt, nur dass die Trassenf&uuml;hrung ge&auml;ndert wurde und man das renitente Bulgarien nun gegen Griechenland und Mazedonien ausgetauscht hat. Und von da an ging es Schlag auf Schlag. Am 7. April trafen sich die Au&szlig;enminister Griechenlands, Mazedoniens, Serbiens und Ungarns in Budapest, um M&ouml;glichkeiten f&uuml;r eine Beteiligung an Turkish-Stream <a href=\"http:\/\/www.euractiv.de\/sections\/energie-und-umwelt\/griechenland-mazedonien-serbien-und-ungarn-erwaegen-beteiligung-turkish\">auszuloten<\/a>. Kurz danach vereinbarten der griechische Premier Tsipras mit Wladimir Putin eine Absichtserkl&auml;rung f&uuml;r den griechischen Teil von Turk-Stream. Wenige Tage sp&auml;ter rauschte der Sondergesandte f&uuml;r Energiefragen im US-Au&szlig;enministerium Amos Hochstein in Athen auf und mache den Griechen unmissverst&auml;ndlich <a href=\"http:\/\/www.politico.eu\/article\/us-urges-greece-to-drop-russian-pipeline-project\/\">klar<\/a>, dass es nicht  im &bdquo;Interesse der Griechen&ldquo; sein k&ouml;nne, ein russisches Pipeline-Projekt zu unterst&uuml;tzen. Wie Athen sich entscheiden wird, ist noch vollkommen offen. Fest steht zumindest, dass die potentielle Zusage f&uuml;r Turkish-Stream f&uuml;r die griechische Regierung einen wertigen Pfand in den fortlaufenden Verhandlungen darstellt. <\/p><p>Als schw&auml;chstes Glied in der Trassenf&uuml;hrung von Turkish-Steam scheinen die Gegner der Pipeline den kleinen Balkanstaat Mazedonien ausgemacht zu haben. Die herrschende konservative Regierung Gruesvski bef&uuml;rwortet Turkish-Stream, die Opposition unter Zoran Zaev lehnt das Pipeline-Projekt ab. Es gibt zwar keine Anzeichen daf&uuml;r, dass die Pipeline-Frage bei den momentan stattfinden Massenprotesten und Auseinandersetzungen in Mazedonien eine Rolle spielt &ndash; die Einsch&auml;tzung, Haltung und Handlungsoptionen der &uuml;brigen Akteure sind jedoch zweifelsohne von der Pipeline-Frage beeinflusst. So ist es kein Zufall, dass die USA und &ndash; mit Abstrichen auch die EU &ndash; die auf dem Papier sozialdemokratische Opposition ausgerechnet jetzt verbal unterst&uuml;tzten und die Regierung ermahnen, die Menschenrechte und die Pressefreiheit zu achten &ndash; gerade so, als h&auml;tte dies f&uuml;r sie je eine Rolle gespielt, schlie&szlig;lich sind diese Vergehen alles andere als neu und lie&szlig;en sich m&uuml;helos auf s&auml;mtliche Vorg&auml;ngerregierungen, egal ob konservativ oder sozialdemokratisch, anwenden. Spiegelbildlich ist auch die pl&ouml;tzliche Begeisterung Moskaus f&uuml;r die konservative Regierung, die bis dato als einer der letzten Fans von Ronald Reagan und der NeoCons galt, ohne die Pipeline-Frage kaum zu erkl&auml;ren. Ohne dies direkt zu verantworten scheint das kleine Mazedonien durch das Ende von South-Stream in den Fokus der gro&szlig;en geostrategischen Interessen der Gro&szlig;m&auml;chte geraten zu sein. Ende offen.<\/p><p><strong>Der Balkan hat die Schl&uuml;sselrolle inne<\/strong><\/p><p>Wenn Russland seine Energieexporte in die EU beibehalten oder gar steigern will, kommt es beim momentanen Kr&auml;fteverh&auml;ltnis nicht um den Neubau einer Pipeline auf dem Balkan herum. Lediglich die deutsch-russische North-Stream-Pipeline ist nicht durch politisch wankelm&uuml;tige Transitl&auml;nder bedroht. Jamal f&uuml;hrt &uuml;ber das oft widerspenstige Wei&szlig;russland und das nationalistisch und streng transatlantisch orientierte Polen. Das Transgas-System f&uuml;hrt &uuml;ber den Boden der Ukraine und ist damit im h&ouml;chsten Ma&szlig;e gef&auml;hrdet. Au&szlig;ereurop&auml;ische Alternativen sind ebenfalls rar. Die T&uuml;rkei ist bereits erschlossen, zwischen Russland und S&uuml;dasien gibt es mit dem Himalaya und dem Hindukusch zwei geographische H&uuml;rden, die kaum &uuml;berwindbar sind und Ostasien ist ein Markt, der sehr weit entfernt von den westsibirischen und kaspischen Energievorkommen ist. Zwar wird momentan im Osten des Landes mit der &bdquo;Kraft Sibiriens&ldquo; (O-Ton Putin: &bdquo;Das gr&ouml;&szlig;te Bauprojekt der Welt&ldquo;) eine gigantische Erdgaspipeline gebaut, die eines Tages bis zu 38 Mrd. Kubikmeter nach China transportieren soll. Doch das Gas stammt aus dem ostsibirischen Jakutien und k&ouml;nnte ohnehin nie nach Europa geliefert werden. West-China soll eines Tages &uuml;ber die Altai-Pipeline an die westsibirischen Gasvorkommen angeschlossen werden. Aber die 30 Mrd. Kubikmeter pro Jahr, die &uuml;ber die Altai in die Provinz Xinjiang geliefert werden sollen, sind bereits das Maximum, das vor Ort ben&ouml;tigt wird. Die Entfernung zwischen Xinjiang und den energiehungrigen Industrieregionen Ostchinas ist ungef&auml;hr so gro&szlig; wie die Entfernung von Lissabon nach Moskau &ndash; selbst f&uuml;r die emsigen Chinesen stellt dies ein gro&szlig;es Problem dar. <\/p><p>Daher stellt der Balkan f&uuml;r Russland eine geostrategisch ungemein wichtige Region als Energiekorridor f&uuml;r die Gaslieferungen nach Mittel- und Westeuropa dar. Dies wissen die USA und ihre Verb&uuml;ndeten ganz genau. Nicht die Menschenrechte, Freiheit oder Demokratie, sondern der Verlauf der Blutbahnen unserer modernen Gesellschaft, der Pipelines, &uuml;ber die wir unsere Energie beziehen, ist der Grund f&uuml;r das au&szlig;en- und sicherheitspolitische Engagement auf dem Balkan. Was wir hier erleben, ist eine Neuauflage des &bdquo;Great Game&ldquo; &ndash; wer den Balkan beherrscht, beherrscht die energiepolitische Zukunft Mitteleuropas und vor allem Deutschlands. Es ist vollkommen unverst&auml;ndlich, warum Deutschland hier nicht f&uuml;r seine eigenen Interessen, sondern stattdessen im Schlepptau der Transatlantiker gegen seine eigenen Interessen k&auml;mpft. Eben so unverst&auml;ndlich ist, warum die gro&szlig;en Medien dieses Thema weitestgehend ignorieren, so dass der Bev&ouml;lkerung &uuml;berhaupt nicht bewusst wird, um was hier gespielt wird.<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/ae63cb3bf9c44da299356b4409b1528e\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nur sehr selten werden in den deutschen Medien die Themen &bdquo;Energieversorgung&ldquo; und &bdquo;Versorgungssicherheit&ldquo; thematisiert. Dies ist vor allem aus geostrategischer Sicht vollkommen unverst&auml;ndlich, da sich das Handeln der Akteure in den aktuellen Konflikten in der Ukraine und Mazedonien nicht zufriedenstellend erkl&auml;ren l&auml;sst, wenn man diese wichtigen Faktoren au&szlig;er Acht l&auml;sst. In Europa tobt bereits seit<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26163\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,162,178,150],"tags":[877,878,879,1417,2608,870,259,260],"class_list":["post-26163","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-energiepolitik","category-ressourcen","category-verbraucherschutz","tag-erdgas","tag-fracking","tag-gazprom","tag-mazedonien","tag-nord-stream","tag-oettinger-guenther","tag-russland","tag-ukraine"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26163","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=26163"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26163\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":26228,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26163\/revisions\/26228"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=26163"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=26163"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=26163"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}