{"id":26167,"date":"2015-05-20T18:10:12","date_gmt":"2015-05-20T16:10:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26167"},"modified":"2015-05-28T08:44:17","modified_gmt":"2015-05-28T06:44:17","slug":"wie-attraktiv-ist-der-westen-was-sollen-junge-menschen-in-deutschland-und-europa-gut-daran-finden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26167","title":{"rendered":"Wie attraktiv ist der Westen? Was sollen junge Menschen in Deutschland und Europa gut daran finden?"},"content":{"rendered":"<p>Wir wurden von Lesern\/innen der NachDenkSeiten darauf aufmerksam gemacht, dass die Journalistin Jana Simon in einem Beitrag f&uuml;r das Zeitmagazin Nr.19 (einen Auszug aus dem Text finden Sie unten als Anhang) unter anderen die NachDenkSeiten daf&uuml;r mitverantwortlich gemacht hat, dass ein junger Mensch mit Namen Samuel zur Unterst&uuml;tzung des IS nach Syrien gereist war. Die Enkelin von Christa Wolf hat diesen jungen Mann aus Sachsen interviewt und beschreibt seine Geschichte. Auf Seite 20 wird dann behauptet, in den Kreisen von Samuel seien unter anderem die NachDenkSeiten gelesen worden. In der Welt dieser Seiten gebe es keine Graut&ouml;ne. &bdquo;Jeder Zwischenton ist durch eine Meinung ersetzt. Zuf&auml;lle existieren nicht, stets wird ein Komplott vermutet.&ldquo; Auch zu 9\/11. Von der Journalistin wird der Versuch gemacht, die NachDenkSeiten zum N&auml;hrboden von Terroristen zu erkl&auml;ren. Das Ziel dieser Diffamierung ist offensichtlich: Hier soll unsere Kritik an den herrschenden Umst&auml;nden und am Versagen der Medien als kritischer Instanz ins Zwielicht ger&uuml;ckt werden. &ndash; Der Artikel von Frau Simon ist ein guter Ansto&szlig; daf&uuml;r, danach zu fragen, worin eigentlich die Attraktivit&auml;t des Westens f&uuml;r einen jungen Menschen in Europa liegen soll. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong><\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_8331\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-26167-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150517_Wie_attraktiv_ist_der_Westen_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150517_Wie_attraktiv_ist_der_Westen_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150517_Wie_attraktiv_ist_der_Westen_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150517_Wie_attraktiv_ist_der_Westen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=26167-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150517_Wie_attraktiv_ist_der_Westen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"150517_Wie_attraktiv_ist_der_Westen_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Die Autorin Simon schreibt vom &bdquo;westlichen System&ldquo;, das der junge Mann Samuel f&uuml;r verlogen und widerspr&uuml;chlich gehalten habe. &bdquo;Mein Leben kam mir recht nutzlos vor. Ich habe mich recht leer gef&uuml;hlt.&ldquo; Er habe einen Halt gebraucht und dann sei er beim Koran gelandet. Er erhoffte sich wie viele andere islamistisch orientierte junge M&auml;nner und Frauen eine Antwort auf die Fragen des Lebens, eine klare Orientierung und Aufgabe sowie eine Perspektive. Vom Westen habe er nur noch das Schlimmste erwartet und sei dann eben bei deutschen &bdquo;Verschw&ouml;rungstheoretikern&ldquo; gelandet. Damit sind auch die NachDenkSeiten gemeint. <\/p><p>Es ist schade, dass die  Journalistin Simon der Frage nach der Attraktivit&auml;t des Westens f&uuml;r junge Menschen in Deutschland und Europa nicht nachgegangen ist. Es w&auml;re spannend gewesen, zu erfahren, was die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jana_Simon\">1972 in der DDR geborene Schriftstellerin<\/a>, versehen mit ihrem speziellen famili&auml;ren Hintergrund, attraktiv am Westen findet. Ersatzweise will ich dieser Frage aus der Sicht eines sehr viel &Auml;lteren und in der alten Bundesrepublik politisch Aktiven nachgehen und mich dabei in die Lage eines Jugendlichen im heutigen Europa zu versetzen versuchen.<\/p><p>Der Westen war einmal attraktiv. Aber ist er das noch? Richtig, wir k&ouml;nnen reisen, wohin wir wollen, und sagen, was wir wollen, und Politiker und Wirtschaftskapit&auml;ne kritisieren. Das ist schon richtig und auch attraktiv. Aber die Chance zum demokratischen Wechsel und auch die Aussicht, in einem einigerma&szlig;en gerechten Land zu leben, sind bedr&uuml;ckend geschrumpft. <\/p><p>Anders als manche Freunde und andere kritische Zeitgenossen fand ich an unserem System Einiges durchaus attraktiv: die Kombination aus Elementen von Markt und Wettbewerb mit sozialstaatlichen Leistungen und sozialer Sicherheit, mit dem immerhin schon  zu Beginn der siebziger Jahre begonnenen wenn auch unzureichenden Schutz f&uuml;r Umwelt und Natur und vor allem mit einer aktiven Besch&auml;ftigungspolitik, die sicherstellen sollte und teilweise auch konnte, dass die lohnabh&auml;ngigen Menschen auch Nein sagen k&ouml;nnen, jedenfalls keine Angst um ihren Arbeitsplatz und in der Regel Alternativen hatten. <\/p><p>Aber diese attraktiven Elemente des Systems sind mit der Invasion der neoliberalen Ideologie mutwillig und absichtlich zerst&ouml;rt worden. Nicht nur aus ideologischen Gr&uuml;nden, auch um die Einkommens- und Verm&ouml;gensverteilung zugunsten der oberen Einkommen und Verm&ouml;gen zu verschieben. Statistisch nachweisbar ist das gelungen. Aus meiner Sicht hat dies und anderes die Attraktivit&auml;t des Systems ma&szlig;geblich besch&auml;digt. <\/p><p>Im einzelnen:<\/p><ol>\n<li>\n<p><strong>Gibt es die demokratische Kontrolle und die Chance zum politischen Wechsel im Westen noch?<\/strong><\/p>\n<p>Wo ist denn die Attraktivit&auml;t demokratischer Willensbildung und die Chance zum demokratischen Wechsel, wenn nur noch die H&auml;lfte der W&auml;hlerinnen und W&auml;hler zur Wahl geht? Wie vor kurzem in Bremen und davor in anderen Bundesl&auml;ndern. Und in anderen L&auml;ndern Europas und den USA sowieso. Das muss doch Gr&uuml;nde haben. Sie bleiben ja nicht zu Hause, weil das System so attraktiv ist.<\/p>\n<p>Wo ist denn die Attraktivit&auml;t einer sogenannten Demokratie, wenn die W&auml;hlerinnen und W&auml;hler mehrheitlich bestraft werden, weil sie aus der Sicht der Herrschenden falsch gew&auml;hlt haben wie in Griechenland? <\/p>\n<p>Wo ist denn die Attraktivit&auml;t eines Systems so genannter demokratischer Willensbildung, bei dem die Reichen und Gut-gestellten die Chance haben, mit Geld und Propaganda die ver&ouml;ffentlichte Meinung und dann auch die &ouml;ffentliche Meinung und die Wahlergebnisse zu ihren Gunsten zu beeinflussen?<\/p>\n<p>Wo ist die Demokratie geblieben, wenn das Eigentum an Medien in wenigen H&auml;nden konzentriert ist und wenn der Kampf um Einschaltquoten und der Kommerz auch weite Teile der ehedem einigerma&szlig;en bewundernswerten &ouml;ffentlich-rechtlichen Sender beherrschen? Der junge Samuel, den die Autorin Simon beschreibt  kann nicht wissen, wie weit Public Relations schon die &ouml;ffentliche Meinungsbildung und Entscheidungsfindung beherrscht.  Er kann es nur ahnen, weil er merkt, dass die Interessen der Menschen in seinem Umfeld kaum Niederschlag in der praktischen Politik finden. Aber die Autorin Simon m&uuml;sste das wissen. Und weil wir NachDenkSeiten-Macher solche Machenschaften  aufdecken, m&uuml;ssten wir eigentlich ihre Zustimmung finden, und vielleicht sogar ein Dankesch&ouml;n.<\/p>\n<p>Eine erwachsene Journalistin m&uuml;sste auch wissen, dass die Konkurrenz der ma&szlig;geblichen Parteien in Deutschland schon nicht mehr richtig funktioniert, weil ihre innere Willensbildung auf unertr&auml;gliche Weise gleichgerichtet ist. Nicht aus sachlichen Gr&uuml;nden.  Jene, die im Westen das Sagen haben, bestimmen inzwischen nicht nur &uuml;ber weite Strecken den &ouml;ffentlichen Konkurrenzkampf bei Wahlen, sie haben auch die Finger in der inneren Willensbildung und in den Personalentscheidungen unserer etablierten f&uuml;nf Parteien  CDU, CSU, SPD, FDP und Gr&uuml;ne. Und bei der Linkspartei wird diese Einflussnahme vehement versucht und ge&uuml;bt. Wer diese Analyse f&uuml;r &uuml;bertrieben h&auml;lt, m&ouml;ge mir bitte drei Fragen beantworten: A. Wer hat wie daf&uuml;r gesorgt, dass der Wahlverlierer und SPD Spitzenkandidat von 2009, Frank-Walter Steinmeier mit &bdquo;sagenhaft&ldquo;en 23 % f&uuml;r die SPD, gerade mal die H&auml;lfte des besten Ergebnisses der SPD, ohne jeglichen Widerstand mit dem nach der Wahl wichtigsten Amt belohnt wurde, mit dem des Fraktionsvorsitzenden? B. Wie ist es m&ouml;glich, dass in der jetzigen Auseinandersetzung zwischen Ost und West der von der SPD im Berliner Grundsatzprogramm vom Dezember 1989 festgeschriebene Wille, auch die NATO aufzul&ouml;sen und Europas Sicherheit in einem System gemeinsamer Sicherheit auch mit Russland und anderen Mitgliedsstaaten des Warschauer Paktes anzustreben und erreichen zu wollen? Wer hat das alles vergessen gemacht? Das waren doch nicht die Mitglieder und W&auml;hlerinnen und W&auml;hler der SPD. C. Haben die Mitglieder und Sympathisanten der Gr&uuml;nen oder gar ihre fr&uuml;heren W&auml;hler diese Partei so ver&auml;ndert, dass man sie nicht mehr wiedererkennt?<\/p>\n<p>Kann man als junger Mensch irgendwo noch erkennen, dass in dieser westlichen Demokratie eine grundlegend andere Politik noch eine Chance hat? TINA, There Is No Alternative hat sich nahezu vollst&auml;ndig durchgesetzt und wird als Erkenntnis und Handlungsleitlinie propagiert. Ist es attraktiv, in einem System zu leben, in dem die Einflussreichen propagieren, es g&auml;be keine Alternative zur herrschenden Gesellschafts- und Wirtschaftspolitik? Die Parole TINA macht das Land unattraktiv f&uuml;r junge Menschen. Der Westen kennt keine demokratische Alternative mehr. Damit ist Demokratie nur noch ein wertloses Etikett.<\/p><\/li>\n<li>\n<p><strong>Kennt der Westen noch das gro&szlig;artige und viel gepriesene Konzept der Chancengleichheit?<\/strong><\/p>\n<p>Glaubt die Autorin Simon, junge Menschen wie Samuel w&uuml;rden nicht erkennen, dass es heute einen gravierenden Unterschied macht, in welche Familie und Gesellschaftskreise man hineingeboren wird? Wer verm&ouml;gend ist hat um vieles h&ouml;here Chancen als der arm Geborene.<\/p>\n<p>Wie attraktiv ist ein System, das in L&auml;ndern der Europ&auml;ischen Union wie Spanien oder Griechenland jeden zweiten Jugendlichen arbeitslos l&auml;sst und ohne berufliche Perspektive und damit auch ohne die Perspektive, auf gesicherter Basis eine Familie zu gr&uuml;nden? <\/p>\n<p>Ist es attraktiv, wenn junge Menschen sich die M&uuml;he einer Ausbildung machen und dann ihre Heimat verlassen m&uuml;ssen, wenn sie etwas verdienen wollen? Soll ein System Eindruck auf einen jungen Menschen machen, wenn die handelnden Politiker und Wirtschaftskapit&auml;ne davon schw&auml;rmen, dass sie die gut ausgebildeten Menschen eines anderen Landes gut gebrauchen k&ouml;nnten und deshalb abwerben? Was ist das f&uuml;r eine doppelb&ouml;dige miese Moral? Davon sollen sich junge Menschen beeindrucken lassen?<\/p>\n<p>Wo ist die Attraktivit&auml;t eines Systems geblieben, in dem die Reichen immer reicher werden und die Armen &auml;rmer und die Mittelschicht absinkt? Vielleicht hat die Autorin Simon keine &ouml;konomischen Probleme. Dann kann man in der Tat &uuml;bersehen, dass es viele Menschen mit wirtschaftlichen Problemen gibt und dass sie sich als Opfer einer Propaganda sehen, die allen einzureden versucht, uns allen ginge es gut. Aber die Qualit&auml;t einer guten Journalistin und Schriftstellerin m&uuml;sste sich gerade darin erweisen, dass sie sich in die Lage anderer Menschen zu versetzen vermag. Das schafft sie offenbar genauso wenig wie Bundespr&auml;sident Gauck, dessen t&auml;gliches Schwadronieren &uuml;ber die Freiheit offensichtlich missachtet, dass die tats&auml;chliche Freiheit eines Menschen auch von den &ouml;konomischen Mitteln und von der sozialen Sicherheit abh&auml;ngt, &uuml;ber die sie oder er verf&uuml;gt.<\/p>\n<p>Was ist das f&uuml;r ein System, indem es &uuml;blich geworden ist, dass die spekulativ begr&uuml;ndeten Geldverm&ouml;gen der Reichen im Krisenfall gerettet werden und die Steuerzahler und die Allgemeinheit daf&uuml;r zahlt?<\/p><\/li>\n<li>\n<p><strong>Wo ist die Wertorientierung des Westens geblieben?<\/strong><\/p>\n<p>Soll ein System f&uuml;r junge Menschen attraktiv sein, wenn sie erleben, dass Egoisten am erfolgreichsten sind und Solidarit&auml;t allenfalls noch als Caritas gew&uuml;rdigt und ansonsten der L&auml;cherlichkeit preisgegeben wird? Der Idealismus junger Menschen findet in diesem System tats&auml;chlich keinen Platz zur Entfaltung. Sie erleben ein Auseinanderbrechen der Gesellschaft, in einen fast schon feudalen und sich jedenfalls feudal gebenden Bereich der Oberschicht auf der einen Seite und die schaffende oder arbeitslose Mittel- und Unterschicht auf der anderen Seite.<\/p><\/li>\n<li>\n<p><strong>Das System war attraktiv wegen seiner Sozialstaatlichkeit. Wo ist sie geblieben?<\/strong><\/p>\n<p>Ist der Westen noch attraktiv, wenn dort zugelassen wird, dass Sozialstaatlichkeit diskreditiert und dann auch tats&auml;chlich geschliffen wird? Ist der Westen noch attraktiv, wenn die &ouml;ffentlichen Leistungen begleitet von einer &uuml;blen Sparagitation heruntergefahren werden und privaten Interessen immer mehr Spielraum verschafft wird? Ist ein System attraktiv, wenn die Basis der Freiheit der Mehrheit, n&auml;mlich die soziale Sicherheit, systematisch kaputt gemacht wird, zum Beispiel durch bewusste Erosion der Leistungsf&auml;higkeit der staatlichen Altersvorsorgesysteme? Angesichts der absichtlich betriebenen Erosion der Leistungsf&auml;higkeit der gesetzlichen Rente ist Altersarmut die Perspektive der  jungen Menschen, selbst dann wenn sie zu den Gl&uuml;cklichen geh&ouml;ren, einen Job zu haben.<\/p>\n<p>In guten Zeiten des Westens geh&ouml;rte die Erkenntnis zum Wissen politisch engagierter Menschen, dass nur Reiche sich einen armen Staat leisten k&ouml;nnen, die Mehrheit jedoch auf ein System guter &ouml;ffentlicher Leistungen angewiesen ist:  von der Schule  &uuml;ber Schwimmb&auml;der bis zur Wasserversorgung, von der Verkehrsinfrastruktur und einem guten &ouml;ffentlichen Nahverkehr bis zur Gesundheitsversorgung. Ist ein System attraktiv, wenn &ouml;ffentliche Unternehmen und die Versorgung mit &ouml;ffentlichen Leistungen privatisiert und\/oder privat finanziert werden, obwohl diese privaten kommerziellen Wege weniger effizient sind und damit teurer werden?<\/p><\/li>\n<li>\n<p><strong>Nie wieder Krieg, der Krieg ist kein vern&uuml;nftiges Mittel zur L&ouml;sung von Konflikten und das Konzept: Gemeinsame Sicherheit in Europa. Wo Sind diese Einsichten geblieben?<\/strong><\/p>\n<p>Was soll attraktiv an einem System sein, dessen Politiker st&auml;ndig auf dem Weg sind, neue Felder f&uuml;r milit&auml;rische Experimente zu entdecken, bevor sie alle M&ouml;glichkeiten zur friedlichen L&ouml;sung von Konflikten ausgelotet haben? Was ist attraktiv an einem System, das mit diesen milit&auml;rischen Interventionen L&auml;nder und Kulturg&uuml;ter zerst&ouml;rt und Menschen zur Flucht n&ouml;tigt und dessen Verantwortliche dann nicht einmal erkennen und schon gar nicht bekennen, dass die Fl&uuml;chtlingsstr&ouml;me mit ihren eigenen Fehlentscheidungen und milit&auml;rischen Aktionen zu tun haben? Glaubt die Autorin Simon wirklich, f&uuml;r Samuel und seine Altersgenossen k&ouml;nnte ein so verlogenes System attraktiv sein? Die Autorin hat &uuml;brigens auch nicht ausreichend analysiert,  welche Rolle der Westen bei der  Entstehung und F&ouml;rderung des Terrorismus des islamischen Staates gespielt hat. Wie kann man ein so langes St&uuml;ck von neun eng beschriebenen Seiten &uuml;ber die Abwanderung junger Deutscher zum islamischen Staat schreiben, ohne die Rolle des Westens bei der Entstehung dieses Terrors zu beschreiben?<\/p><\/li>\n<li>\n<p><strong>Prinzipielle Gleichheit und Gleichberechtigung der V&ouml;lker und unantastbare Souver&auml;nit&auml;t &ndash; das geh&ouml;rt zumindest zum Glaubensbekenntnis westlicher Philosophie und Politik<\/strong><\/p>\n<p>Aber wo sind diese Versprechen geblieben? Meint die Autorin Simon, junge Menschen w&uuml;rden nicht wahrnehmen, dass der Westen schon lange keine Versammlung von Gleichen unter Gleichen ist? Merkt sie nicht, dass die USA eine vorherrschende Weltmachtrolle beanspruchen und dass diese Form des Zusammenlebens der V&ouml;lker alles andere als attraktiv ist? <\/p>\n<p>Kann man als Journalistin unterstellen, dass junge Leute nicht mitbekommen, dass von Deutschland aus t&ouml;dliche Drohnenangriffe auf Menschen in anderen L&auml;ndern mit gesteuert werden? Kann man Ignoranz und Blindheit junger Menschen gegen&uuml;ber der Verletzung unserer Souver&auml;nit&auml;t durch ausl&auml;ndische Geheimdienste unterstellen?<\/p><\/li>\n<li>\n<p><strong>Freiheit des Denkens und freier Meinungsaustausch unter Menschen, und Schutz der Privatsph&auml;re &ndash; das sind wichtige Errungenschaften des Westens. Wo sind sie geblieben?<\/strong><\/p>\n<p>Wir werden prinzipiell alle ausspioniert &ndash; das ist zumindest die M&ouml;glichkeit. Und unsere Regierung sch&uuml;tzt uns nicht dagegen. Ja sie bel&uuml;gt uns in dieser Angelegenheit sogar. Das merken auch junge Menschen. Und eine erwachsene Journalistin wundert sich, dass junge Menschen das Vertrauen in ein solches System verlieren?<\/p><\/li>\n<\/ol><p>P.S.: Junge Menschen haben wie auch die Erwachsenen angesichts der herrschenden Umst&auml;nde allen Grund, das Vertrauen in solche Journalisten\/innen zu verlieren. Diese tun n&auml;mlich nichts, um die Qualit&auml;t des von ihnen gepriesenen Westens wiederzugewinnen und dann zu erhalten.<\/p><p><strong>Anhang:<\/strong><\/p><p><strong>Auszug aus dem Zeitmagazin Nr. 19<br>\nEinschl&auml;gige Passagen. Passage zu den NachDenkSeiten ist gefettet:<\/strong><\/p><blockquote><p>SYRIEN<\/p>\n<p>VON JANA SIMON<\/p>\n<p>Dreimal die Woche muss sich Samuel bei der Polizei melden. Es ist ein Don&shy;nerstagabend im Fr&uuml;hjahr, er zieht die schwarze Wollm&uuml;tze &uuml;ber seine rotblon&shy;den Haare, die Jeans h&auml;ngt ein wenig im Schritt, in seinen Ohren stecken Kopf&shy;h&ouml;rer. Der Vater wartet im Auto. Es ist schon dunkel, als Samuel einsteigt. Vor dem Hof der Familie steht ein Polizei&shy;wagen, er steht jetzt &ouml;fter dort. Der Vater f&auml;hrt Samuel zum Polizeirevier von Dippoldiswalde in Sachsen. Es liegt direkt am Markt in einem Haus aus dem Mit&shy;telalter. Samuel gr&uuml;&szlig;t den Beamten am Empfang, der bringt ein Formular, no&shy;tiert die Zeit, Samuel unterschreibt und verl&auml;sst die Wache. Er fr&ouml;stelt, der Wind ist frisch. Sp&auml;ter will sich Samuel noch mit Freunden in Dresden treffen. Wer ihn in diesem Augenblick beob&shy;achtet, kommt nicht auf die Idee, dass Samuel drei Monate lang in einem der brutalsten und grausamsten Kriege der Gegenwart war. Samuel ist 21 Jahre alt, ein Sachse, ein Deutscher ohne &raquo;Migra&shy;tionshintergrund&laquo;. Er ist nach Syrien ge&shy;gangen, um im &raquo;Islamischen Staat&laquo; (IS) zu leben, und ist nun heimgekehrt wie etwa 200 andere Deutsche auch. Samu&shy;el ist einer, den die Sicherheitsbeh&ouml;rden dieses Landes einen &raquo;Gef&auml;hrder&laquo; nennen. Einer, gegen den ein Verfahren wegen Vorbereitung einer schweren staatsge&shy;f&auml;hrdenden Gewalttat im Ausland l&auml;uft. Einer, bei dem ein ganzes Land sich nun fragt: Ist er desillusioniert, traumatisiert, gel&auml;utert oder gef&auml;hrlich? Wie es nach au&szlig;en scheint, muss es sich nicht im Inneren anf&uuml;hlen. Manches, was Samuel erz&auml;hlen wird, ist nicht nachpr&uuml;fbar. Was ist sichtbar, und was bleibt verborgen?<\/p>\n<p>Ein Abend im vergangenen November. Ein Besuch bei Samuels Eltern in Dip-poldiswalde. Vor drei Tagen hat sich Samuel das erste Mal wieder gemeldet. Aus Syrien. Der Vater sitzt in der Wohn&shy;k&uuml;che des alten Bauernhofes, als die Mail eingeht. Samuel schreibt: Die El&shy;tern sollten sich keine Sorgen machen, es gehe ihm gut, er sei &raquo;bei den besten Menschen&laquo;. Die Familie hat seit zehn Wochen nichts mehr von Samuel geh&ouml;rt. Es sind Wochen, in denen die Eltern fast verr&uuml;ckt werden, nur noch mit Tabletten ihren Alltag bew&auml;ltigen k&ouml;nnen und der Vater sich krankschreiben lassen muss. Es sind Wochen, in denen ihre einzige Hoffnung auf Claudia Dantschke liegt, der Islamismusexpertin und Leiterin der Beratungsstelle Hayat in Berlin, die sich um Eltern k&uuml;mmert, deren Kinder aus&shy;gereist sind, und die immer versichert: &raquo;Er wird sich wieder melden. Sie melden sich alle.&laquo;<\/p>\n<p>Es sind Wochen, in denen die Eltern ver&shy;suchen, sich an Vorzeichen f&uuml;r Samu&shy;els Weggang zu erinnern, und an alle Freunde schreiben, ob sie w&uuml;ssten, wie Samuel zur Gewalt stehe. Wochen, in denen sie sich fragen: Ist unser Sohn ein Dschihadist?<\/p>\n<p>Der Gedanke kommt ihnen ungeheuer&shy;lich vor. Er stellt auch ihr Leben infrage. Der Vater ist f&uuml;nfzig, ein kleiner, ath&shy;letischer Mann, Verwaltungsleiter einer Schule, die Mutter ist ein Jahr j&uuml;nger, Angestellte in einer Apotheke, schmal, ihr rotblondes Haar tr&auml;gt sie kurz. Im Schrank steht das B&uuml;rgel-Service aus Th&uuml;ringen &ndash; blau mit wei&szlig;en P&uuml;nkt&shy;chen, an der Wand kleben Fotos von Berggipfeln, die die Eltern gemeinsam mit ihren vier Kindern erklommen ha&shy;ben. Eine blonde Familie in kurzen Hosen l&auml;chelt in die Kamera. An der Wand h&auml;ngt auch ein Kreuz, Samuels Eltern und Geschwister sind tiefgl&auml;ubi&shy;ge Christen. Die Eltern blicken sich an. &raquo;Wann haben wir mitbekommen, dass Samuel im Koran liest?&laquo;, fragt der Vater die Mutter. Sie schweigt, sie erinnert sich nicht mehr genau daran. Es war eine all&shy;m&auml;hliche Ver&auml;nderung, eine Entwick&shy;lung, die vor etwa zwei Jahren begann. Da tritt Max in Samuels Leben, zwei Jahre j&uuml;nger als er, aus dem Nachbarort, gro&szlig;, gut aussehend, eloquent. Er kann stundenlang reden, so lange, bis der stille Samuel nur noch nickt. Kennengelernt haben sich die beiden schon ein paar Jah&shy;re zuvor auf einem Stadtfest. Seinen El&shy;tern stellt Samuel Max nie vor. Aber ein&shy;mal im Sommer 2013 trifft bei Samuel ein Paket f&uuml;r Max ein. Die Eltern &ouml;ffnen es zuf&auml;llig, und darin liegt eine Softair-Pistole, eine Druckluftwaffe. Samuel hat sie f&uuml;r Max bestellt, weil Max noch nicht 18 ist. Die Eltern zwingen Samuel, sie zu&shy;r&uuml;ckzuschicken, und verbieten ihm den Umgang mit Max. &raquo;Wir glauben, dass das nicht der richtige Freund f&uuml;r dich ist.&laquo; Danach gibt es f&uuml;r sie keinen Max mehr. Stattdessen kommt nun ein Florian &ouml;fter zu Besuch, stellt sein Moped vor dem Haus ab, f&auml;hrt mit Samuel in den Urlaub nach Tunesien, hat den Koran gelesen, will Samuels j&uuml;ngere Schwester auf dem Sofa zum Islam bekehren, isst mit der Fa&shy;milie Abendbrot und diskutiert mit dem Vater &uuml;ber Religion. Florian ist stets sehr freundlich. Die Eltern sch&ouml;pfen keinen Verdacht. Dass Florian Max ist, erfahren die Eltern erst nach der Ausreise der bei&shy;den nach Syrien. Samuel l&auml;sst seine El&shy;tern im Ungewissen. Absichtlich. Im Oktober 2013 zieht Samuel nach Jena, um Sportwissenschaften zu studie&shy;ren, er will Lehrer werden. Die Eltern se&shy;hen ihn alle drei bis vier Wochen, vieles beobachten sie nun aus der Ferne. Die Frage ist: Wie viel k&ouml;nnen Eltern noch von ihren erwachsenen Kindern wissen? Was die Eltern wissen, ist, dass Samuel den Koran liest, dass er sein Titelbild auf Facebook &auml;ndert: Fr&uuml;her war es der Elek-tro-Musiker Paul Kalkbrenner, jetzt ist es ein reich verzierter Einband des Ko&shy;rans. Sie wissen auch, dass er im Fr&uuml;h&shy;jahr 2014 zum Islam konvertiert, dass er auf der Suche ist, viele Fragen hat. Wenn er sie am Wochenende und in den Ferien besucht, will er mit ihnen diskutieren, sie von seinem Glauben &uuml;berzeugen. Die Eltern waren in der DDR in der kirch&shy;lichen Opposition aktiv, haben sich f&uuml;r freie Wahlen eingesetzt. Nun versucht ihr Sohn sie vom W&auml;hlen abzuhalten. Demokratie, ein System f&uuml;r Ungl&auml;ubige. Manchmal kommt die Mutter von der Arbeit nach Hause, und Samuel wartet schon in der K&uuml;che, fordert sie auf, ihm zuzuh&ouml;ren, mit ihm Videos anzusehen von Islamwissenschaftlern, aber auch von Pierre Vogel, einem der einflussreichsten islamistischen Prediger Deutschlands. Die Mutter will guten Willen zeigen, ih&shy;ren Sohn nicht zur&uuml;cksto&szlig;en. &raquo;Ihm zu&shy;liebe habe ich das angeschaut.&laquo;<br>\n&hellip;<br>\nAm Ende der Koranschule legt Samuel eine m&uuml;ndliche Pr&uuml;fung ab. Dar&uuml;ber, was einen Gl&auml;ubigen zum Abtr&uuml;nnigen werden l&auml;sst. Er wei&szlig; nicht, wie es wei&shy;tergehen soll, er vermutet, dass die mi&shy;lit&auml;rische Ausbildung nun bald folgen wird. Aber zuvor schickt der IS Samuel in den Urlaub. Wenn es stimmt, was er erz&auml;hlt. Denn Samuel hat zuvor schon gelogen und Max gegen&uuml;ber seinen El&shy;tern als Florian ausgegeben. Samuel sagt, er habe dem IS keine Treue geschworen. Aber er wei&szlig; auch, dass diese Aussage entscheidend ist f&uuml;r sein Verfahren in Deutschland. Es gibt einen anderen deutschen R&uuml;ckkehrer, der Samuel und Max zu Beginn in Syrien begegnet ist und ausgesagt hat. Von ihm wissen die Beh&ouml;rden &uuml;berhaupt, dass die beiden dort im IS-Gebiet waren. Im Groben stimmen dessen Aussagen mit Samuels zum ersten Teil der Reise &uuml;berein. Gern w&uuml;rde man auch die Sicht der Sicher&shy;heitsbeh&ouml;rden darstellen, aber sie reden nur in Hintergrundgespr&auml;chen. F&uuml;r die Staatsanwaltschaft Dresden ist es der erste Fall dieser Art, und die Ermittlun&shy;gen sind noch nicht abgeschlossen. Ein weiterer Besuch an einem Donners&shy;tagmorgen im Fr&uuml;hjahr. Samuel ist al&shy;lein zu Hause. In seinem Leben in Dip-poldiswalde herrscht wieder Alltag. Er geht aus, trifft sich mit Freunden, bis auf die 35 M&auml;nner und Frauen, die auf der Liste stehen, die ihm sein Anwalt ge&shy;schickt hat. Es sind Zeugen, Vertraute, Bekannte auch von Max, mit denen er wegen des laufenden Verfahrens keinen Kontakt haben darf. Zweimal in der Woche spielt er Tischtennis in seinem alten Verein, und er surft im Netz. Von au&szlig;en betrachtet, erscheint alles wie fr&uuml;&shy;her, wie damals, bevor er fortging. Fast. Samuel steht nun unter Beobachtung. Vor zwei Tagen wurde er noch einmal vernommen. Zum ersten Mal sa&szlig;en auch zwei Beamte des BKA mit am Tisch. Diesmal ging es nicht um die Vergangenheit, diesmal ging es um die Gegen&shy;wart. Die Polizisten konfrontierten ihn mit Websites, die Samuel nachts auf sei&shy;nem Handy besucht haben soll. Alarmie&shy;rende Seiten: ein j&uuml;disches Restaurant in M&uuml;nchen, das J&uuml;dische Museum in Berlin, ein Flughafen bei Hoyerswerda, eine Bundeswehrkaserne in Bayern und ein Naturschutzgebiet im Harz. Nach der Vernehmung geht Samuels Handy kaputt, und er &uuml;bernachtet in Dresden bei einem Freund, ohne seinen Eltern Bescheid zu sagen. Samuel ist erwach&shy;sen, aber sein Vater liegt die ganze Nacht wach und macht sich Sorgen. Was, wenn alles nicht stimmt, was Samuel sagt? Wenn er doch etwas plant? Samuel sitzt am n&auml;chsten Morgen sehr entspannt in der K&uuml;che, erz&auml;hlt von der Vernehmung, l&auml;chelt wieder viel. Das j&uuml;&shy;dische Restaurant in M&uuml;nchen habe er tats&auml;chlich angeklickt, sagt er. Er hat einen Beitrag im Fernsehen dar&uuml;ber ge&shy;sehen, das Lokal veranstaltet &raquo;IS-freie Wochen&laquo;. Auf der Karte stehen nur Speisen ohne die Buchstaben &raquo;IS&laquo;. Das habe er sich genauer ansehen wollen. F&uuml;r die anderen Seiten hat er im Moment keine Erkl&auml;rung. Samuel kocht einen Kaffee. Selbst wenn er sich verteidigen muss, wirkt er unger&uuml;hrt, gleichbleibend freundlich. Nie reagiert er w&uuml;tend, auf&shy;brausend oder aggressiv. Nach ein paar Stunden mit ihm entsteht in einem das Gef&uuml;hl von diffuser Wut, vielleicht ist es das Gef&uuml;hl, das er unterdr&uuml;ckt. Sein Verhalten will nicht zu seiner Reise nach Syrien passen, zu seiner Radikalisierung, zu Krieg, Enthauptungen, Morden, dem ganzen Wahnsinn, der im Namen des Islams dort geschieht. Bevor Samuel zum Islam konvertiert, lebt er in den Tag hinein, ohne Ziel, ohne Aufgabe, ohne Plan. Er kifft &ouml;f&shy;ter, und einmal wird er beim Schmug&shy;gel von 50 Gramm Haschisch an der nahen tschechischen Grenze erwischt. Zur Strafe muss er 50 Sozialstunden leisten und 400 Euro zahlen. Das &uuml;ber&shy;nimmt sein Vater f&uuml;r ihn. Und Samuel spielt Tischtennis. Ziemlich gut, wie sein Trainer sagt. Auch er kann sich an kein b&ouml;ses Wort von Samuel erinnern. Selbst wenn er ein Spiel verliert, flucht er nicht. Als Samuel sich in ein M&auml;d&shy;chen verliebt, es ins Kino ausf&uuml;hrt und deshalb einmal ein Punktspiel verpasst, bittet er danach seine Vereinskameraden per Mail um Verzeihung: &raquo;Dies war f&uuml;r Euch, aber auch mir gegen&uuml;ber ein sehr unsportliches Verhalten. Deshalb: Ent&shy;schuldigung f&uuml;r das Im-Stich-Lassen, f&uuml;r diesen Vertrauensbruch.&laquo; Es klingt fast, als sollten die anderen ihn tr&ouml;sten. Im Inneren treiben Samuel Fragen um, mit Max unterh&auml;lt er sich dar&uuml;ber, wa&shy;rum die Menschen &uuml;berhaupt existier&shy;ten, was f&uuml;r eine Bestimmung sie auf Erden h&auml;tten, was nach dem Tod gesche&shy;he. &raquo;Mein Leben kam mir recht nutzlos vor. Ich habe mich recht leer gef&uuml;hlt&laquo;, sagt Samuel in der Wohnk&uuml;che. Solche S&auml;tze sagt er &ouml;fter, wohlartikuliert, h&ouml;f&shy;lich. Max st&ouml;&szlig;t dann auf den Koran, vor zwei Jahren ungef&auml;hr. &raquo;F&uuml;r ihn klang er wie die pure Wahrheit.&laquo; Das m&uuml;sse er unbedingt lesen, sagt er zu Samuel. Und Samuel liest.<\/p>\n<p>Mit Max redet Samuel auch &uuml;ber den 11. September, ob die offizielle Version des Anschlags so stimmen k&ouml;nne, &uuml;ber chemtrails, Kondensstreifen der Flugzeuge und deren Chemikalien, die die Mensch&shy;heit angeblich vergiften. Sie lesen Web&shy;sites wie &raquo;Orwell-Staat&laquo;, die <strong>&raquo;Nachdenk&shy;seiten&laquo;<\/strong> und Compact, das Magazin von J&uuml;rgen Els&auml;sser, dem Polit-Aktivisten, der stets Verschw&ouml;rung wittert. In der Welt dieser Seiten werden Politiker aus&shy;schlie&szlig;lich von Konzernen gesteuert und von Lobbyisten getrieben. Die Massen&shy;medien l&uuml;gen und sind Marionetten der M&auml;chtigen, hetzen gegen Russland und Putin, die Pal&auml;stinenser und den Islam. Das K&ouml;nigreich des B&ouml;sen aber sind die USA. Wer l&auml;ngere Zeit auf diesen Seiten verbringt, f&uuml;hlt sich danach angeschla&shy;gen. Es gibt tats&auml;chlich vieles, was man kritisieren kann an Medien, Politik und den USA. Es gibt Heuchelei, L&uuml;gen, und es gibt Interessen. Aber in der Welt die&shy;ser Seiten gibt es kein Grau. Jeder Zwi&shy;schenton ist durch eine Meinung ersetzt. Zuf&auml;lle existieren nicht, stets wird ein Komplott vermutet.<\/p>\n<p>Samuel verliert sich in diesen Theo&shy;rien. Er stellt nun alles infrage, die Welt scheint aus den Fugen geraten, das west&shy;liche System verlogen, widerspr&uuml;chlich, fehlerhaft. Er sagt, er habe das Gef&uuml;hl gehabt, au&szlig;erhalb der Matrix zu sein, die Gesellschaft von  au&szlig;en  zu  betrachten. <\/p>\n<p>&raquo;Ich stand im Leben ohne Halt und wuss-te nicht, was ich zu tun habe. Ich habe ei&shy;nen Halt gebraucht.&laquo; Vom Westen erwar&shy;tet er nur noch das Schlimmste. Monate bevor Samuel nach Syrien aufbricht, hat er den Westen bereits verlassen. <\/p>\n<p>Er sehnt sich nach Eindeutigkeit und findet sie im Koran. Claudia Dantschke, die Islamismusexpertin der Beratungs&shy;stelle Hayat, die Samuel und viele ande&shy;re islamistisch orientierte junge M&auml;nner und Frauen betreut, kennt die Radika&shy;lisierungsverl&auml;ufe: &raquo;Der Wunsch nach Eindeutigkeit spielt bei den meisten eine Rolle.&laquo; Sie erhofften sich eine Antwort auf die Fragen des Lebens, eine klare Orientierung und Aufgabe sowie eine Perspektive. Aber Samuels Radikalisie&shy;rungsmuster sei eher atypisch f&uuml;r die mi&shy;litante Szene, sagt Dantschke. Er sei sehr politisch interessiert. Seine Suche nach alternativen Erkl&auml;rungen zu offiziellen politischen Lesarten habe ihn zu deut&shy;schen Verschw&ouml;rungstheoretikern ge&shy;f&uuml;hrt. Au&szlig;erdem sei f&uuml;r ihn der Glaube wirklich wichtig gewesen. &raquo;Das ist eher typisch f&uuml;r den nicht militanten Bereich des politischen Salafismus, dessen An&shy;h&auml;nger den Jslamischen Staat&laquo; und des&shy;sen Dschihad in Syrien ablehnen&laquo;, sagt Dantschke. Auch sei er nicht auf der Suche nach Anerkennung, Aufwertung oder einer Ersatzfamilie gewesen.<\/p>\n<p>Samuel stammt aus einer gew&ouml;hnlichen Familie, und wenn man dort nach Ur&shy;sachen suchen will, entdeckt man keine Verwerfungen, die seine Entscheidung, nach Syrien zu gehen, erkl&auml;ren k&ouml;nnten. Das Erschreckende liegt in der Normali&shy;t&auml;t. Wie anziehend der Islamismus auch auf junge M&auml;nner wie Samuel wirkt. Im Prinzip zeigt sein Fall, dass es jede Fami&shy;lie treffen kann.<\/p>\n<p>(&hellip;)<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir wurden von Lesern\/innen der NachDenkSeiten darauf aufmerksam gemacht, dass die Journalistin Jana Simon in einem Beitrag f&uuml;r das Zeitmagazin Nr.19 (einen Auszug aus dem Text finden Sie unten als Anhang) unter anderen die NachDenkSeiten daf&uuml;r mitverantwortlich gemacht hat, dass ein junger Mensch mit Namen Samuel zur Unterst&uuml;tzung des IS nach Syrien gereist war. Die<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26167\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,126,145,11,161],"tags":[958,1221,1254,291,457],"class_list":["post-26167","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-audio-podcast","category-erosion-der-demokratie","category-sozialstaat","category-strategien-der-meinungsmache","category-wertedebatte","tag-medienwirtschaft","tag-perspektivlosigkeit","tag-tina","tag-verteilungsgerechtigkeit","tag-zeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26167","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=26167"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26167\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":26256,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26167\/revisions\/26256"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=26167"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=26167"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=26167"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}