{"id":26178,"date":"2015-05-21T08:57:50","date_gmt":"2015-05-21T06:57:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26178"},"modified":"2019-01-12T11:21:16","modified_gmt":"2019-01-12T10:21:16","slug":"zum-leben-zu-wenig-zum-sterben-zu-viel-was-braucht-der-mensch-12","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26178","title":{"rendered":"Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel. Was braucht der Mensch? 1\/2"},"content":{"rendered":"<p>Der Parit&auml;tische Wohlfahrtsverband beschrieb und dokumentierte vor wenigen Wochen in seinem neuen <a href=\"http:\/\/www.der-paritaetische.de\/armutsbericht\/die-zerklueftete-republik\/\">Armutsbericht<\/a> eine Entwicklung, die auch in Deutschland weiter ungebremst voranschreitet: die Zunahme von Armut. Aktuell leben hierzulande 12,5 Mio. Menschen in Armut. Im Bundesl&auml;nder-&ldquo;Ranking&ldquo; h&auml;lt Bremen die traurige Spitzenposition &ndash; dort ist jeder vierte Einwohner von Armut betroffen. In insgesamt 13 der 16 Bundesl&auml;nder ist die Armut angestiegen. Armut wird allt&auml;glich in Deutschland. Von Lutz Hausstein [<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26178#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>]<br>\n<!--more--><br>\nKaum hatte der Parit&auml;tische seinen Armutsbericht mit den ersch&uuml;tternden Fakten ver&ouml;ffentlicht, wurde in mehreren gro&szlig;en Medien zum Gegenangriff geblasen. Mit &uuml;berraschend gleichlautendem Tenor stellten diese den geltenden Armutsbegriff zur Disposition und definierten ihn zu lediglich &bdquo;gef&uuml;hlter Armut&ldquo; um. Ein Kommentator der <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/wirtschaft\/armut-in-deutschland-falsch-berechnet-1.2360605\">&bdquo;S&uuml;ddeutschen Zeitung&ldquo;<\/a> fuhr so fiktiv mit dem Fahrrad durch Norddeutschland und stellte dabei fest, dass ihn die Armut auf seiner Fahrt nicht ansprang und er stattdessen gepflegte Landschaften durchquerte. Damit gab er jedoch nur zu erkennen, dass er nicht einmal versuchsweise bereit ist, sich der Logik des Problems zu n&auml;hern und in dieses hineinzuversetzen. Denn die Argumentation auf Stammtischniveau ignoriert &ndash; neben vielem Anderen &ndash; vollst&auml;ndig, dass eine intakte, &ouml;ffentliche Infrastruktur nicht den geringsten Aussagewert &uuml;ber pers&ouml;nliche Armut einzelner Bewohner dieses Landstriches besitzt. Dennoch werden m&auml;ngelfreie Radwege, gl&auml;nzende Innenst&auml;dte und gepflegte Vorg&auml;rten als Indiz f&uuml;r die Abwesenheit pers&ouml;nlicher Armut dargestellt. Und da dies so sei, so der Kommentator, k&ouml;nne ja mit der Statistik &bdquo;etwas nicht in Ordnung sein&ldquo;. Nach einigen imaginierten Visionen gelangt er zu der, nicht einmal falschen, Meinung, dass diese Armutsdefinition [lediglich] als Indikator f&uuml;r Ungleichheit in der Gesellschaft taugen w&uuml;rde. Indem er jedoch gleichzeitig den vom Parit&auml;tischen verwendeten Armutsbegriff ablehnt, beweist er nur, wie wenig er vom Begriff der <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22145\">&bdquo;relativen Armut&ldquo;<\/a> verstanden hat.<\/p><p>Die gleiche Argumentationslinie machte sich der Kommentator des <a href=\"http:\/\/www.br.de\/nachrichten\/armutsbericht-armut-reichtum-100.html\">&bdquo;Bayerischen Rundfunks&ldquo;<\/a> zu eigen. Neben ein paar Unkorrektheiten in der Darstellung der Fakten gelangte auch er zu dem Schluss, dass relative Armut ja keine &bdquo;richtige&ldquo; Armut sei, welche seitens einer nicht n&auml;her benannten Gruppe von Statistikern dann auch als &bdquo;Unstatistik des Monats&ldquo; angeprangert wurde. Die <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/wirtschaftspolitik\/armut-und-reichtum\/armutsbericht-arm-auf-dem-papier-13442409.html\">&bdquo;FAZ&ldquo;<\/a> wiederum beflei&szlig;igte sich ebenfalls dieser Argumentation und verstieg sich gar dazu, den vom Parit&auml;tischen festgestellten Anstieg der Armut als &bdquo;statistischen Trick&ldquo; und als &bdquo;Schande&ldquo; seitens des Parit&auml;tischen zu brandmarken. Neben unhaltbaren Allgemeinpl&auml;tzen zur gesamtgesellschaftlichen Situation (&bdquo;&uuml;ppige Tarifabschl&uuml;sse&ldquo;, &bdquo;privater Konsum kennt kaum noch Grenzen&ldquo;) &uuml;bte sich der FAZ-Kommentator in bei&szlig;ender Kritik gegen&uuml;ber dem Konzept der relativen Armut, ohne es dabei sachlich widerlegen zu k&ouml;nnen. Auch dieser Kommentator kommt wortgewaltig zu dem Schluss, dass die angewandte Armutsschwelle lediglich die Ungleichheit beschreiben w&uuml;rde, nicht jedoch relative Armut. Dabei bemerkt auch er nicht, wie stark er sich in den von ihm selbstdefinierten Begrifflichkeiten verheddert hat. Denn eben exakt beim &Uuml;berschreiten eines gewissen Ma&szlig;es an Ungleichheit setzt relative Armut ein. Relative Armut h&auml;ngt demzufolge zwangsl&auml;ufig mit Ungleichheit zusammen.<\/p><p>Dass mit der <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/wirtschaft\/article137635705\/Die-Wahrheit-ueber-die-Armut-in-Deutschland.html\">&bdquo;Welt&ldquo;<\/a> und der <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/wirtschaft\/2015-02\/armut-einkommen-mindestlohn-vermoegen\">&bdquo;Zeit&ldquo;<\/a> auch weitere, reichweitenstarke Medien in dasselbe Horn sto&szlig;en, mag ein Zufall sein. Bemerkenswert ist jedoch, dass bei allen auch die gleiche, krude Argumentation herangezogen wurde. Alle Kommentatoren jonglieren mit relativer ebenso wie mit absoluter Armut und ihnen zuzuordnenden Symptomen wild durcheinander, ohne dies notwendigerweise sauber zu trennen und zu kennzeichnen. Gelegentlich werden noch Fakten eingestreut, welche keine echte Beziehung zu diesen beiden Armutsbegriffen haben. Nur so k&ouml;nnen sie zu dem Schluss gelangen, dass zwar die Ungleichheit zugenommen h&auml;tte, dies jedoch keine Auswirkungen bez&uuml;glich einer Zunahme von Armut h&auml;tte. Durch die dabei erfolgte Weglassung, ob sich diese Einsch&auml;tzung auf absolute oder auf relative Armut beziehen soll, bleibt die Br&uuml;chigkeit der Argumentation den Lesern verborgen.<\/p><p>Die Kernbehauptung in diesen Medien ist allerdings einhellig: Die Zunahme von Armut in Deutschland w&auml;re ein Hirngespinst. Die vom Parit&auml;tischen Wohlfahrtsverband verwandte Armutsdefinition der relativen Armut sei nur das vielbeschworene &bdquo;Jammern auf hohem Niveau&ldquo; und h&auml;tte mit &bdquo;wirklicher&ldquo; Armut nichts zu tun. Arm ist erst derjenige, der real hungern m&uuml;sse. Alles andere sind Luxusprobleme.<\/p><p>Nun muss man nicht erst auf das deutsche Grundgesetz und das Sozialstaatsgebot verweisen, um diese Ansicht als absurd und menschenverachtend einzustufen. Schon allein in einem rein gedanklichen Experiment kann man schnell feststellen, warum es mehrstufige Armutsdefinitionen gibt, die nicht allein auf die Vermeidung von absoluter Armut, d. h. der Sicherung der rein physischen Existenz, abstellen. Denn auch nach der Sicherung aller lebensnotwendigen Voraussetzungen, wie Essen, Trinken und Wohnen, bleibt der Mensch dennoch als soziales Wesen bestehen. Er ist auf die Verbindung zu seinen Mitmenschen angewiesen, auf die Akzeptanz, von ihnen als gleichwertig anerkannt zu werden. Beides wird jedoch erst dann m&ouml;glich, wenn er auch die Chance hat, an den im gesellschaftlichen Umfeld grundlegend &uuml;blichen Verrichtungen und Verhaltensweisen teilzunehmen. Diese wiederum sind sowohl von der zeitlichen als auch der &ouml;rtlichen Umgebung abh&auml;ngig. W&auml;hrend heutzutage der Besitz und die Nutzung eines Telefons absolut &uuml;blich und notwendig ist, konnten weder Senatoren im alten Rom noch F&uuml;rsten und K&ouml;nige im Mittelalter darauf zur&uuml;ckgreifen. Wer Selbiges jedoch heutzutage nicht besitzt, ist absoluter Au&szlig;enseiter. Er ist, sofern er sich den Besitz eines Telefons finanziell nicht erlauben kann, relativ arm. Ist in unserem westlichen Kulturkreis die Benutzung von Schuhwerk eine unwidersprochene Selbstverst&auml;ndlichkeit und Notwendigkeit, stellen Schuhe in manchen afrikanischen Gegenden eine gro&szlig;e Rarit&auml;t und Luxus dar. (Noch) ist allerdings niemand auf die Idee gekommen, behaupten zu wollen, dass es Obdachlosen in Deutschland gut gehen w&uuml;rde und sie nicht arm w&auml;ren, nur da sie, im Gegensatz zu manchen Afrikanern, &uuml;ber Schuhwerk verf&uuml;gten.<\/p><p>Ebenso stellt die fehlende Verf&uuml;gbarkeit von Haushaltsenergie in manchen Gegenden unserer heutigen Welt (derzeit) kein Problem dar. Das dortige Leben ist darauf eingerichtet, f&uuml;r die Menschen stellt dies Normalit&auml;t dar. In unseren Gefilden hingegen ist ein Leben ohne Strom schlicht unvorstellbar. Und es ist keineswegs nur fehlender Luxus, wenn keine W&auml;sche mehr gewaschen werden kann, kein Essen gekocht, keine Nahrungsmittel gek&uuml;hlt, kein Fu&szlig;boden mehr gesaugt werden kann. Ohne Strom kein Licht in der Dunkelheit und weder Fernsehen, Radio, Computer und Telefon noch Handy geben auch nur einen Ton von sich. Strom ist beinahe unser zweites Wasser geworden. Wer nun jedoch, im Gegensatz zum allergr&ouml;&szlig;ten Teil unserer Gesellschaft, aus finanziellen Gr&uuml;nden keinen Strom nutzen kann, dem bleiben gesellschaftlich &uuml;bliche Verhaltensweisen dieser Mehrheit vorenthalten. Er bleibt, von &bdquo;unserer Art zu leben&ldquo;, ausgeschlossen.<\/p><p>Anhand nur dieser wenigen Beispiele sollte erkennbar werden, dass neben der Vermeidung absoluter Armut &ndash; der Sicherung der rein physischen Existenz &ndash; auch die Vermeidung von relativer Armut eine entscheidende Rolle im Zusammenleben der Menschen spielt. Denn erst dies gibt den Menschen die M&ouml;glichkeit, an gesellschaftlich &uuml;blichen Verhaltensweisen &ndash; entsprechend des jeweiligen zeitlichen wie auch &ouml;rtlichen Umfelds &ndash; teilzunehmen. Ohne die M&ouml;glichkeit, dies zu tun, welches fast ausnahmslos mit mehr oder minder gro&szlig;en finanziellen Voraussetzungen verbunden ist, sind sie aus der Gesellschaft ausgeschlossen. F&uuml;hrt absolute Armut zumeist recht schnell in den ganz realen, physischen Tod, zerst&ouml;rt relative Armut die Menschen schleichend, aber dauerhaft von innen heraus &ndash; sie sterben den <em>sozialen Tod<\/em>. Denn ohne die M&ouml;glichkeit, an der Gesellschaft teilzuhaben, verlieren sie die Bindung zu ihren Mitmenschen und b&uuml;&szlig;en ihre W&uuml;rde ein. Sie vereinsamen &ndash; psychische Erkrankungen sind dadurch fast zwangsl&auml;ufig.<\/p><p>Wenn nun ebenfalls Andrea Nahles als Arbeits- und Sozialministerin diese dubiose Argumentationslinie <a href=\"http:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2015\/03\/27\/andrea-nahles-definiert-die-armut-weg_8238\">aufgreift<\/a>, erh&auml;lt die Debatte eine weitere, nochmals gewichtigere Dimension. Zum einen, da Nahles mit ihrer Vergangenheit als Juso-Vorsitzende, stellvertretende Bundesvorsitzende, Generalsekret&auml;rin und vermeintliche SPD-Linke ma&szlig;geblich die Diskussionsrichtungen in eben genau jener SPD mitbestimmt, welche sich seit Jahren stets aufs Neue selbst das Label der &bdquo;sozialen Gerechtigkeit&ldquo; ans eigene Revers heftet. Denn soziale Gerechtigkeit ist einer der &ndash; wenn nicht gar der zentrale &ndash; Bindestoff(e) einer Gesellschaft. Zum anderen ist es doch gerade als Sozialministerin ihre origin&auml;re Aufgabe, Armut zu verhindern, anstatt sie einfach nur wegzudefinieren. Dem Fakt, dass die deutsche Gesellschaft immer st&auml;rker in Arm und Reich gespaltet wird, leistet Nahles damit jedoch Vorschub. Mit der vorangetriebenen Umdeklarierung von Armut erteilt sie sich selbst die Legitimation, nichts gegen die verst&auml;rkte Polarisierung in der Gesellschaft unternehmen zu m&uuml;ssen. Auch nicht als Arbeits- und Sozialministerin, deren vorderstes Ziel jedoch genau dies zu sein h&auml;tte.<\/p><p><em>Im <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26205\">zweiten Teil<\/a> lesen und sehen Sie morgen, was relative Armut f&uuml;r die davon Betroffenen ganz real bedeutet.<\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Lutz Hausstein (46), Wirtschaftswissenschaftler, ist als Arbeits- und Sozialforscher t&auml;tig. In seinen 2010 und 2011 erschienenen Untersuchungen &bdquo;Was der Mensch braucht&ldquo; ermittelte er einen alternativen Regelsatzbetrag f&uuml;r die soziale Mindestsicherung. Er ist u.a. Ko-Autor des Buches &bdquo;Wir sind emp&ouml;rt&ldquo; der Georg-Elser-Initiative Bremen sowie Verfasser des Buches &bdquo;Ein Pl&auml;doyer f&uuml;r Gerechtigkeit&ldquo;.<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg03.met.vgwort.de\/na\/6661da7f8ca54be5b7f10e24fef84424\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Parit&auml;tische Wohlfahrtsverband beschrieb und dokumentierte vor wenigen Wochen in seinem neuen <a href=\"http:\/\/www.der-paritaetische.de\/armutsbericht\/die-zerklueftete-republik\/\">Armutsbericht<\/a> eine Entwicklung, die auch in Deutschland weiter ungebremst voranschreitet: die Zunahme von Armut. Aktuell leben hierzulande 12,5 Mio. Menschen in Armut. Im Bundesl&auml;nder-&ldquo;Ranking&ldquo; h&auml;lt Bremen die traurige Spitzenposition &ndash; dort ist jeder vierte Einwohner von Armut betroffen. 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