{"id":262,"date":"2005-10-10T14:20:24","date_gmt":"2005-10-10T13:20:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=262"},"modified":"2016-03-03T11:14:30","modified_gmt":"2016-03-03T10:14:30","slug":"ruckkehr-zur-vernunft-was-deutschland-jetzt-braucht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=262","title":{"rendered":"R\u00fcckkehr zur Vernunft: Was Deutschland jetzt braucht"},"content":{"rendered":"<p>Von Albrecht M&uuml;ller, Beitrag f&uuml;r &bdquo;Die Pfalz&ldquo;, Zeitschrift f&uuml;r Politik, Kultur und Wirtschaft<br>\n<!--more--><br>\nEtwas f&uuml;r &bdquo;Die Pfalz&ldquo;, das Organ der Pf&auml;lzer in Bayern, zu schreiben ist reizvoll. Es l&auml;sst mich an die spannenden Jahre denken, die ich als Student und wissenschaftlicher Assistent an der Universit&auml;t in M&uuml;nchen verbracht habe, damals noch (nur) als Kurpf&auml;lzer. Ich k&ouml;nnte von der Liberalit&auml;t und Ideologiefreiheit schw&auml;rmen, die in der Staatswirtschaftlichen Fakult&auml;t am Siegestor und weit dar&uuml;ber hinaus in der wirtschaftspolitischen Debatte zuhause war. Spanne ich den Bogen auf heute, dann vergeht mir das Schw&auml;rmen, weil ich notieren muss, welcher Dogmatismus inzwischen dort eingezogen ist. <\/p><p>Unsere &ouml;ffentliche Debatte ist von einem Wust von Vorurteilen und Denkfehlern, von Mythen, Legenden und auch von L&uuml;gen gepr&auml;gt. Weil die &ouml;ffentliche Debatte eine so miserable Qualit&auml;t hat, leidet auch die Qualit&auml;t der politischen Entscheidungen. Mit diesem Zusammenhang besch&auml;ftige ich mich sp&auml;testens seit meiner M&uuml;nchener Zeit, zuletzt in meinem Buch &bdquo;Die Reforml&uuml;ge&ldquo;. Wenn wir bessere politische Entscheidungen wollen, dann m&uuml;ssen wir daf&uuml;r sorgen, dass die &ouml;ffentliche Debatte rationaler, besser und kompetenter verl&auml;uft. <\/p><p>&bdquo;Was braucht Deutschland jetzt? Zur Beantwortung dieser Frage versetze ich mich in die Rolle der k&uuml;nftigen Bundeskanzlerin oder des Bundeskanzlers und stelle mir vor, was sie\/er in der ersten Regierungserkl&auml;rung sagen k&ouml;nnte: <\/p><p>&bdquo;Was braucht Deutschland jetzt? Uns mangelt es zu allererst an einer undogmatischen Wirtschaftspolitik. Deshalb haben wir uns auf eine pragmatische Kombination von sogenannten keynesianischen Methoden, um die Konjunktur anzuschieben, mit angebots&ouml;konomischen Instrumenten, um das Land und die hier Arbeitenden weiter fit zu halten, verst&auml;ndigt. <\/p><p>Unsere Wirtschaft ist ausgesprochen wettbewerbsf&auml;hig. Das hat viel mit den Qualit&auml;ten unseres Landes zu tun. Wir leben in einem lebenswerten Land. Wir haben Regeln des Zusammenlebens entwickelt, die man mit Fug und Recht ein Modell nennen kann: <\/p><p>Der soziale Friede war bisher einzigartig. Wir werden alles tun, um ihn zu erhalten. Wir werden die Arbeitnehmer und die Tarifpartner ermuntern, zu besseren L&ouml;hnen und Geh&auml;ltern zu kommen. In den letzten 10 Jahren lag die Lohnentwicklung unterhalb des Produktivit&auml;tsfortschritts. Diese ungerechte Entwicklung dient nicht dem sozialen Frieden. Mein Vorg&auml;nger hat schon im Wahlkampf die Arbeitnehmer zu h&ouml;heren Tarifabschl&uuml;ssen ermuntert. H&ouml;here L&ouml;hne, so meinte Bundeskanzler Schr&ouml;der, w&uuml;rden die Binnennachfrage und damit die Konjunktur st&auml;rken, sie w&uuml;rden die Arbeitslosigkeit senken und mehr Beitr&auml;ge in die Kassen der sozialen Sicherungssysteme sp&uuml;len. Gerhard Schr&ouml;der hatte Recht. Es ist schade, dass ihm diese Einsicht zu sp&auml;t kam. <\/p><p>Unser Ausbildungs- und Bildungssystem ist um vieles besser, als heute behauptet wird. Anders ist die Konkurrenzf&auml;higkeit unserer Betriebe auf den Weltm&auml;rkten nicht zu erkl&auml;ren. Wo Schw&auml;chen sichtbar sind, werden Bund und L&auml;nder gemeinsam und jeder nach seiner Verantwortung nachhelfen: f&uuml;r eine bessere Ausstattung der Universit&auml;ten, f&uuml;r mehr Kontrolle und Motivation der Lehrenden, f&uuml;r neue Unterrichtsmethoden in den Schulen und eine bessere Lehrer-Sch&uuml;ler-Relation, f&uuml;r mehr Ganztagsschulen, mehr Musikunterricht, weniger Fernsehen &hellip; und weniger Gewalt auf dem Bildschirm. Die schrittweise Entkommerzialisierung des Fernsehens ist, wenn uns das gel&auml;nge, einer wichtigen Voraussetzungen daf&uuml;r, die jungen Menschen in Deutschland gut zu bilden und auszubilden. Das sind Reformen, die wir wirklich brauchen. <\/p><p>Wir haben eine vergleichsweise gute Infrastruktur. Sie war und ist wichtig f&uuml;r die Qualit&auml;t des Standorts Deutschland. Wo sie unter der Finanzschw&auml;che des Staates, vor allem der Gemeinden, leidet, wollen wir aktiv werden. Wir werden den Gemeinden wieder mehr finanzielle Mittel zur Verf&uuml;gung stellen. &ndash; Deutschland liegt in der Mitte Europas und wird zusehends zur Verkehrsdrehscheibe des europ&auml;ischen Lkw-Verkehrs. Wir stehen in der Gefahr, im europ&auml;ischen Verkehr zu ersticken. In dieser Situation hilft der Bau neuer Autobahnen wenig; wir werden versuchen, unn&ouml;tige Verkehre zu vermeiden und wir werden gro&szlig;e Investitionen in den transnationalen Schienenverkehr machen m&uuml;ssen, um einen messbaren Anteil des Lkw-Verkehrs auf die Schiene zu verlagern. Wir werden diesen internationalen Verkehr einschlie&szlig;lich der PKW an den Investitionskosten beteiligen. <\/p><p>Menschen, die sich sicher f&uuml;hlen, sind produktiver als solche in Not und in ungesicherten Arbeitsverh&auml;ltnissen. Jeder vern&uuml;nftige Arbeitgeber wei&szlig; das. Deshalb haben wir uns darauf verst&auml;ndigt, dass wir den vermeintlichen Trend zu ungesicherten Arbeitsverh&auml;ltnissen umkehren wollen. Wir werden ein Programm zur Sicherung der Normalarbeitsverh&auml;ltnisse starten. Dabei sind wir uns mit vielen Unternehmern einig. Diese haben begriffen, dass die eigene Wettbewerbsf&auml;higkeit von der Qualit&auml;t der im Unternehmen arbeitenden Menschen abh&auml;ngt und dass ein sicheres Arbeitsverh&auml;ltnis und ein humaner K&uuml;ndigungsschutz wichtige Voraussetzungen f&uuml;r die Produktivit&auml;t der Mitarbeiter sind. <\/p><p>Wir m&uuml;ssen alles tun, um unsere Au&szlig;enwirtschaftsbeziehungen und Hilfen in der EU neu zu gestalten. Wir sehen nicht ein, dass wir f&uuml;r ein Land wie Irland, die Slowakei oder Ungarn weiter netto zahlen, wenn diese L&auml;nder von uns Unternehmen mit Dumping-Steuers&auml;tzen weglocken.<br>\nWir m&uuml;ssen etwas tun, um dem Auspl&uuml;ndern gesunder deutscher Unternehmen Einhalt zu gebieten. Wir werden die seit 2002 g&uuml;ltige Steuerbefreiung beim Verkauf von Unternehmen zur&uuml;ck nehmen. Sie hat das Fleddern auf ungew&ouml;hnliche Weise erleichtert. <\/p><p>Wichtig f&uuml;r die Attraktivit&auml;t unseres Landes sind auch die sogenannten weichen Standortfaktoren: Wir wollen unsere einzigartige kulturelle Vielfalt erhalten. Wir wollen ein sicheres Land bleiben. Wir werden Korruption bek&auml;mpfen und damit werben; wir wollen auch damit werben, dass man sich hierzulande frei bewegen kann, ohne Angst um Leib und Leben. Es darf hierzulande nicht zur Regel werden, dass sich die besser Situierten hinter Mauern und Stacheldraht zur&uuml;ck ziehen m&uuml;ssen. <\/p><p>Unser Land leidet nun schon seit mehr als einem Jahrzehnt unter einer konjunkturellen Krise. Weder die Regierung Kohl noch die jetzige Regierung haben darauf angemessen geantwortet. Es ist inzwischen eine gef&auml;hrliche Rezession, unter der die Arbeitslosen, die Arbeitnehmer und viele auf den Binnenmarkt konzentrierte Unternehmer massiv zu leiden haben. Deshalb werden wir gemeinsam eine gro&szlig;e Anstrengung zur Belebung der Konjunktur unternehmen. Es wird ein vielf&auml;ltiges Programm sein. Im Kern steht ein Zukunftsinvestitionsprogramm. Wir werden eine zeitlich begrenzte Investitionszulage einf&uuml;hren. Und wir ermuntern die Tarifpartner, die L&ouml;hne und Geh&auml;lter im Rahmen der Produktivit&auml;tszuw&auml;chse steigen zu lassen. <\/p><p>Mit diesen Aktivit&auml;ten zur Belebung der Konjunktur werden wir die Schulden nicht vermehren; schon in kurzer Frist werden sich die Fr&uuml;chte zeigen. Wir werden aus Arbeitslosengeldbeziehern Arbeitslosenbeitrags- und Steuerzahler machen.<br>\nDas Wichtigste: wir haben uns darauf verst&auml;ndigt, unser Land und die deutsche Volkswirtschaft k&uuml;nftig realistisch darzustellen. Das meint, endlich wieder gut &uuml;ber die Strukturen des Landes und &uuml;ber die Qualit&auml;t der Menschen, die hier arbeiten, zu reden. Das kostet kein Geld, dazu bedarf es keiner besonderen Phantasie, es bedarf nur eines wohlwollenden Sinns f&uuml;r die Realit&auml;t. Und den Willen, mit dem eigenen Land und den hier lebenden und arbeitenden Menschen freundlicher, positiver, optimistischer umzugehen. Auf geht&rsquo;s. Die Richtung stimmt.&ldquo; <\/p><p>So k&ouml;nnte die Regierungserkl&auml;rung klingen. Es w&auml;re so einfach. Aber die R&uuml;ckkehr zur Vernunft ist vermutlich nur ein freundlicher Traum.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Albrecht M&uuml;ller, Beitrag f&uuml;r &bdquo;Die Pfalz&ldquo;, Zeitschrift f&uuml;r Politik, Kultur und Wirtschaft <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[146,14,157,30],"tags":[477,1151,319,300,288],"class_list":["post-262","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-soziale-gerechtigkeit","category-veroffentlichungen-der-herausgeber","category-wettbewerbsfaehigkeit","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-keynesianismus","tag-konjunkturpolitik","tag-lohnentwicklung","tag-mueller-albrecht","tag-prekaere-beschaeftigung"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/262","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=262"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/262\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":31778,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/262\/revisions\/31778"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=262"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=262"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=262"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}