{"id":26224,"date":"2015-05-26T09:37:51","date_gmt":"2015-05-26T07:37:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26224"},"modified":"2015-05-26T11:19:45","modified_gmt":"2015-05-26T09:19:45","slug":"notizen-aus-amerika","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26224","title":{"rendered":"Notizen aus Amerika"},"content":{"rendered":"<p>In seinem aktuellen Artikel f&uuml;r die NachDenkSeiten regt Norman Birnbaum an, gro&szlig;e Teile der US-Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik als innenpolitisch motiviert anzusehen.<br>\nEr analysiert treffend, wie die aktuellen Unruhen im Land auf den Niedergang des sozialen Zusammenhalts zur&uuml;ckzuf&uuml;hren sind, und erl&auml;utert, wie es dazu kommen konnte und welche Ma&szlig;nahmen angezeigt w&auml;ren, um das &Uuml;bel an der Wurzel zu packen.<br>\nSeine Beobachtungen der aktuellen politischen Lage und des bevorstehenden Pr&auml;sidentschaftswahlkampfes lassen ihn aber wenig hoffen, dass auf nationaler Ebene substantielle Fortschritte erzielt werden k&ouml;nnen.<br>\n<strong>Carsten Weikamp<\/strong> hat den Text aus dem Englischen &uuml;bersetzt.<br>\n<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/150526-birnbaum-american-notes-deutsch.pdf\">[PDF &ndash; 70KB] siehe hier<\/a>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Notizen aus Amerika<\/strong><br>\n20. Mai 2015, von Norman Birnbaum<\/p><p>Die USA sind ein dezentriertes Ganzes. Es gibt kein einzelnes Narrativ, das ihre komplexen politischen Strukturen umfassen w&uuml;rde, die sich st&auml;ndig im Wandel befindlichen kulturellen und religi&ouml;sen Einstellungen, wirtschaftlichen Abl&auml;ufe, Gruppenideologien und individuellen Erfahrungen. Seit Jahrtausenden waren die Probleme der chinesischen Herrscher seine Landmasse, offene Grenzen und innere Zersplitterung. Diesen Problemen ist man mit einer zentralisierten Verwaltung und einer dominanten offiziellen Kultur begegnet (und tut das auch heute noch). In den USA ist das anders, dort l&auml;sst man zu, dass die Peripherie und innere Autonomien die Autorit&auml;t und Funktionen des Staates limitieren. Ausnahmen best&auml;tigen die Regel. Der B&uuml;rgerkrieg war die Feuerprobe, in der eine moderne Industrienation geschmiedet wurde &ndash; im Norden und Mittleren Westen. Die fr&uuml;heren Sklavenhalter und Vertreter neuer Formen der kapitalistischen Expansion bildeten eine Nach-B&uuml;rgerkriegs-Allianz.<\/p><p>Innere Unterschiede und regionale Staatshoheiten wurden &uuml;berwunden im New Deal und seinen funktionell entsprechenden Nachfolgern, dem Zweiter-Weltkrieg-Staat und seiner Weiterf&uuml;hrung (Kalter Krieg, Korea, Vietnam, Naher Osten). Die USA haben seit der japanischen Kapitulation 1945 keinen gr&ouml;&szlig;eren milit&auml;rischen Erfolg mehr gehabt &ndash; trotz durchdringender Militarisierung. Deshalb ist es richtig, einen Gro&szlig;teil der US-amerikanischen Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik als Aus&uuml;bung innerer Macht anzusehen.<\/p><p>Dar&uuml;ber wird in unseren Universit&auml;ten und unter den Gebildeten in Kunst und Literatur viel diskutiert, in den Massenmedien aber wenig,  und im konventionellen politischen Diskurs nur in gut verschleierten und verzerrten Hinweisen. Historischer Tiefgang ist nicht gerade die St&auml;rke der Lehre an unseren &ouml;ffentlichen Schulen. Es erinnert mich an die fr&uuml;hen Jahre des Kalten Krieges, als der Marxismus aus den &ouml;ffentlichen Universit&auml;ten verbannt (oder in den Untergrund gedr&auml;ngt), an Eliteinstitutionen aber mit bemerkenswerter Offenheit gelehrt wurde nach dem Motto &ldquo;Besser, du kennst deinen Feind&rdquo;. Die Unkenntnis der Landesgeschichte in gro&szlig;en Teilen der US-Bev&ouml;lkerung ist ziemlich erstaunlich &ndash; und sie kann nicht vollst&auml;ndig erkl&auml;rt werden durch die Tatsache, dass viele von ihnen Nachkommen von Einwanderergruppen sind, die zwischen dem B&uuml;rgerkrieg und dem Ersten Weltkrieg oder sogar sp&auml;ter gekommen sind. Der t&auml;gliche Kampf um wirtschaftliche und soziale Sicherheit ist erdr&uuml;ckend. Gleichzeitig werden die erschreckendsten &Auml;nderungen oder Umkehrungen in der Politik nicht offen als solche benannt. An die Europa-Beauftragte im Au&szlig;enministerium, Ms. Nuland, wird man sich erinnern wegen ihrer geschmacklosen Zur&uuml;ckweisung der Politik der Europ&auml;ischen Union in der Ukraine, als Catherine Ashton mit der EU-Diplomatie beauftragt war. Jetzt war Ms. Nuland in Kiew, um, wie uns die New York Times in ihrer Funktion als halboffizielle Regierungsquelle mitteilt, die Forderungen der EU an die ukrainische Regierung durchzusetzen, welche in der selben Ausgabe der Zeitung als korrupt und inkompetent dargestellt wird. Zugleich ist Pr&auml;sident Obamas Vers&auml;umnis, in Moskau an der Zeremonie anl&auml;sslich des 70. Jahrestages des Endes des Zweiten Weltkrieges teilzunehmen, in gewissem Ma&szlig;e ausgeglichen worden durch einen Besuch von Au&szlig;enminister Kerry in Russland. Sogar Frau Nuland hat soeben Moskau besucht &ndash; ohne die Gastgeber zu beschimpfen.<\/p><p>In einer einzigartigen Verkehrung der Art, wie die meisten Nationen die Geschichte lesen, werden in den USA kurzlebige Erscheinungen f&uuml;r wichtig genommen und langfristige Trends nicht als solche dargestellt. ISIS und seine Mordgier werden breit diskutiert, aber &auml;hnliche Bewegungen der letzten Jahrhunderte bleiben ungenannt. Die japanische Armee in China, die SS und ihre lokalen Bundesgenossen in Zentral- und Osteuropa legen nahe, dass der ISIS nichts singul&auml;res ist. Die gebildete amerikanische Bev&ouml;lkerung, die &ouml;ffentliches Fernsehen schaut, schw&auml;rmt begeistert von der britischen Darstellung des Endes der britischen Herrschaft in Indien (&ldquo;The Jewel in the Crown&rdquo;) &ndash; welche die extreme Brutalit&auml;t des Hindu-Moslem-Konflikts versch&auml;rfte, als Indien und Pakistan unabh&auml;ngig wurden.<\/p><p>Zur gleichen Zeit erleben die USA eine un&uuml;bersehbare Form quasi-legitimer innerer Gewalt: die h&auml;ufigen T&ouml;tungen afro-amerikanischer B&uuml;rger durch &ndash; meist wei&szlig;e &ndash; Polizisten. Eine ziemlich schnelle Serie von F&auml;llen in letzter Zeit hat eine wohlbekannte landesweite Diskussion wieder entfacht, in der Armut, Rasse und ernsthafte Anschuldigungen rassistischer Vorurteile gegen die Polizei einen nur allzu bekannten Komplex bilden. Schlie&szlig;lich sind es genau 150 Jahre seit dem Ende des B&uuml;rgerkriegs &ndash; und der Ermordung Pr&auml;sident Lincolns. Kirchen, Gemeindevorsteher, Politiker, Gelehrte dr&auml;ngen sich auf den Fernsehschirmen und verschwinden wieder, wenn andere Themen aufkommen. Die amerikanische Rassismus-Diskussion, so scheint es, ist eine feste Gr&ouml;&szlig;e der nationalen Selbstbefangenheit &ndash; und sie ist zur&uuml;ck seit den unzweifelhaften Triumphen der B&uuml;rgerrechtsbewegung und der nachfolgenden Gesetzgebung in den 1960ern.<\/p><p>Eine Anzahl politischer Ma&szlig;nahmen, initiiert von der Bundesregierung und den Bundesgerichten und unterst&uuml;tzt von den Regierungen einiger Staaten und gegen den systematischen Widerstand anderer, hat zur Herausbildung einer gebildeten afro-amerkanischen Mittelschicht gef&uuml;hrt. Trotzdem sind noch immer gro&szlig;e Teile der afro-amerikanischen Bev&ouml;lkerung in der Armut und Gewalt der Innenst&auml;dte gefangen. Das  einzige, was ihnen helfen w&uuml;rde, sind langfristige Projekte in Bildung, Gesundheitsvorsorge, Stadterneuerung und Berufsausbildung &ndash; ziemlich genau das, was die republikanische Mehrheit im Kongress zu finanzieren ablehnt. Wenn wirklich, wie einige argumentieren, die Afro-Amerikaner durch eine Kultur der Armut gehandicapt sind, durch abwehrende Reaktionen auf die Situation der Entbehrung, dann k&ouml;nnen nur langfristige Gegenma&szlig;nahmen helfen, die bis in die Nachbarschaften und Familienstrukturen reichen. Dort n&auml;mlich findet man die eigenartige Mischung aus Rassismus und Angst vor sozialem Abstieg, die die Einstellungen vieler Wei&szlig;er zur afro-amerikanischen Bev&ouml;lkerung formt, besonders in der Arbeiterklasse oder dem, was davon noch &uuml;brig ist. F&uuml;r sie ist die Armut der Afro-Amerikaner der schlagende Beweis f&uuml;r die angebliche Faulheit und das Schmarotzertum dieser Gruppe.<\/p><p>Das Problem wird noch versch&auml;rft durch hohe Inhaftierungsraten, die die Afro-Amerikaner ertragen m&uuml;ssen, nicht zuletzt wegen der Strafgesetze, die unter Clinton eingef&uuml;hrt wurden. Afro-Amerikaner werden bei kleineren Vergehen &ouml;fter und l&auml;nger zu Gef&auml;ngnisstrafen verurteilt als Wei&szlig;e, und sie haben gr&ouml;&szlig;ere Schwierigkeiten, nach ihrer Entlassung wieder Arbeit zu finden. In einigen Staaten f&uuml;hren Gef&auml;ngnisstrafen zum Verlust der Wahlrechte. Dazu kommen noch die gr&ouml;&szlig;eren Schwierigkeiten, die Afro-Amerikaner haben, die n&ouml;tigen Wahlscheine zu bekommen, wodurch ihre Wahlbeteiligung beschr&auml;nkt wird, was vor allem in von Republikanern regierten Staaten der Fall ist. Der Oberste Gerichtshof, wo eine republikanische Mehrheit herrscht, treibt mit seinen Entscheidungen au&szlig;erdem die systematische Reduzierung der Wahlrechte von Afro-Amerikanern voran.<\/p><p>Eine Mehrheit der Verarmten in den USA sind weder Afro-Amerikaner noch Latinos noch Einwanderer, sondern Wei&szlig;e Staatsb&uuml;rger von Geburt. Es gibt verschiedene Armutsmesszahlen; eine brauchbare minimale Zahl sagt, dass wenigstens 15% der US-Bev&ouml;lkerung verarmt ist, darunter ein au&szlig;ergew&ouml;hnlich hohes Ma&szlig; von Kindern, die von Armut betroffen sind. Altersarmut von &uuml;ber 65-J&auml;hrigen ist dank des universellen Rentensystems (Social Security) reduziert und nicht so verbreitet, sie liegt bei etwa der H&auml;lfte der Zahl betroffener j&uuml;ngerer Menschen, oder darunter. Der relative Erfolg der Social Security und das Programm der vom Bund subventionierten Gesundheitsversicherung f&uuml;r &auml;ltere Mitb&uuml;rger (Medicare) haben zu dem Schluss gef&uuml;hrt, dass der Weg zu einer breiteren sozio-&ouml;konomischen Inklusion, zur Erh&ouml;hung des Potentials f&uuml;r Besch&auml;ftigung und Einkommen derer ganz oder fast ganz unten in unserer stark geschichteten Gesellschaft in universellen Programmen liegen muss, nicht in der Suche nach Abhilfe f&uuml;r spezifische Gruppen.<\/p><p>Das Argument ist plausibel, ber&uuml;cksichtigt aber mindestens zwei Faktoren nicht. Zum einen sind die B&uuml;rger nicht so bar allen sozialen Verst&auml;ndnisses, dass sie nicht erkennen w&uuml;rden, dass Umverteilung in der Tat Umverteilung ist. Die erbittertste Opposition gegen die Ausweitung aktueller sozialer Programme findet sich oft in Gruppen, die selbst verarmt sind oder in prek&auml;ren Verh&auml;ltnissen leben: Sie empfinden die Ma&szlig;nahmen zur Reduzierung von Ungleichheit nicht als Vorteil, sondern als Bedrohung f&uuml;r sich. Der zweite Faktor ist die ideologische Dominanz von Sprachfloskeln und Gedanken in den Medien, die beharrlich die Sch&auml;dlichkeit des &ldquo;starken Staates&rdquo; oder von &ldquo;Defiziten&rdquo; postulieren. Fr&uuml;her hatten die Amerikaner eine gegen-gerichtete Bildung durch die Gewerkschaften, aber die sind geschrumpft und vertreten statt fr&uuml;her 30% heute nur noch 10% der Erwerbst&auml;tigen im privaten Sektor. Die Kirchen in Amerika, die r&ouml;misch-katholische und viele der protestantischen Konfessionen, hatten der Lehre von sozialer Gerechtigkeit fr&uuml;her Wichtigkeit beigemessen. Heute sorgen sich viele der Kirchen um Themen wie Gebete in der Schule, Abtreibung und Homosexualit&auml;t. Sie sind f&uuml;r einen kulturellen Krieg gegen eine s&auml;kulare und pluralistische amerikanische Kultur mobilisiert worden: die Kultur der gebildeten Mittelschicht und der Teile der Elite, die offen sind f&uuml;r Argumente, warum es einen Bedarf f&uuml;r neue Solidarit&auml;tsinstitutionen gibt. Es bleibt abzuwarten, ob Papst Franziskus einen langfristigen Einfluss auf den erstarrten amerikanischen Katholizismus aus&uuml;ben kann. Genauso ist es eine offene Frage, ob neue Impulse einer j&uuml;ngeren Generation protestantischer Sozialaktivisten die ehemals starken Str&ouml;mungen von Sozialkritik in den protestantischen Kirchen wiederbeleben k&ouml;nnen. Es gibt &Ouml;konomen, die &uuml;ber diese Themen schreiben (Galbraith, Krugman, Reich, Stiglitz und andere), aber sie erreichen keine gro&szlig;e Zahl normaler, das hei&szlig;t relativ weniger gut gebildeter B&uuml;rger.<\/p><p>Vor diesem Hintergrund hat Pr&auml;sident Obama bis vor kurzem ein eher beschr&auml;nktes Vokabular benutzt, wenn er um &ouml;ffentliche Unterst&uuml;tzung f&uuml;r Ma&szlig;nahmen zur Stimulierung der Wirtschaft geworben hat. Er wollte die wirtschaftlichen M&ouml;glichkeiten der &ldquo;Mittelschicht&rdquo; wieder herstellen. Das beinhaltete offenbar jeden, der keine sozialen Transferzahlungen erh&auml;lt und auch nicht in Besitz eines Privatflugzeugs ist. Der Pr&auml;sident war extrem wortkarg beim Aussprechen dessen, was er und seine Wirtschaftsberater wussten, n&auml;mlich dass die Mehrheit der Amerikaner im Beruf oder im Ruhestand einen zunehmend geringer werdenden Anteil des Nationaleinkommens bekamen, w&auml;hrend die Eigent&uuml;mer und Kapitalgesellschaften und Banken best&auml;ndig hinzugewannen. Arbeitslosigkeit ist in der Tat zur&uuml;ckgegangen, nicht zuletzt dank der stimulierenden Politik der Zentralbank &ndash; aber die wieder geschaffenen Arbeitspl&auml;tze bringen nicht die gleichen L&ouml;hne wie die Arbeitspl&auml;tze, die w&auml;hrend der langsamen Erholung von der Finanzkrise von 2008 verloren gegangen sind.<\/p><p>In dieser Situation haben sich viele Demokratische Gouverneure, B&uuml;rgermeister gro&szlig;er St&auml;dte, noch verbleibende Mehrheiten der Demokraten in den Parlamenten einzelner Staaten mit den Gewerkschaften zusammengetan zu einer Aktion f&uuml;r Lohnerh&ouml;hungen. Eine Anhebung des Mindestlohns auf nationaler Ebene ist unter der aktuellen republikanischen Mehrheit im Kongress unm&ouml;glich, aber ein Anstieg in einigen Staaten und St&auml;dten ist politisch machbar. Politisch sind diese Schritte (in Staaten wie Kalifornien und New York) enorm wichtig. Sie k&ouml;nnen jedoch nicht die durchdringende Verarmung &uuml;berwinden, die dem Land durch die Reduktion der Staatsausgaben auf Bundes- und einzelstaatlicher Ebene auferlegt worden ist. Die Projekte des Pr&auml;sidenten sind auch in seiner eigenen Partei nicht unumstritten. R&uuml;cksicht nehmend auf den wirtschafts- und marktorientierten Teil seiner Partei hat der Pr&auml;sident mit den Republikanern &Uuml;bereinkommen erzielt &uuml;ber Handelsabkommen, von denen die Gewerkschaften und der progressivistische Teil der Demokraten meinen, dass sie noch mehr Amerikanern innerhalb unserer Grenzen die Arbeit kosten wird. Zum Beweis verweisen sie auf die langfristigen Auswirkungen des North American Trade Agreements. Mit Unterst&uuml;tzung der Republikaner kann der Pr&auml;sident ein Gesetzesvorhaben durchbringen, die Partei aber bleibt geteilt, und der Konflikt wird Auswirkungen haben auf den Wettbewerb um die Pr&auml;sidentschaftskandidatur der Demokraten &ndash; Au&szlig;enministerin Clintons Reise wird keinesfalls zu einem triumphalen Festzug.<\/p><p>W&auml;hrenddessen muss der Pr&auml;sident sich mit noch einer weiteren au&szlig;enpolitischen Kehrtwende besch&auml;ftigen. Die ISIS-Gruppierung (vor der die meisten durchschnittlichen Menschen Angst haben, weil sie nicht in der Lage sind, sie in ihren historischen Kontext zu setzen) hat der irakischen Armee eine weitere Niederlage beigebracht. Amerikanische Luftangriffe auf ISIS (und die Rebellen im Jemen) laufen ununterbrochen. Auf Dr&auml;ngen der obersten amerikanischen Milit&auml;rbefehlshaber hat der Pr&auml;sident abgelehnt, Bodentruppen (wie Berater und Ausbilder erwartet hatten) in den Irak, nach Syrien und in den Jemen zu schicken. Im f&uuml;nfzigsten Jahr nach dem finalen R&uuml;ckzug aus Vietnam ist das ein weiser Entschluss. Es ist unsicher, ob es genug Hausd&auml;cher in Bagdad g&auml;be, um unsere Leute zu retten, sollte der ISIS dort einmarschieren. Der Pr&auml;sident hat &uuml;ber die Situation mit den Formulierungen gesprochen, die John F. Kennedy kurz vor seiner Ermordung &uuml;ber den Vietnam gebraucht hat: Die Vietnamesen m&uuml;ssen sich verteidigen. Kennedy wollte 1963 mit dem R&uuml;ckzug aus Vietnam beginnen.<\/p><p>Obama hat eine Abmachung mit dem riesigen au&szlig;enpolitischen, nachrichtendienstlichen und Milit&auml;rapparat getroffen. Ihnen freie Hand zu lassen in Hinsicht auf den Einsatz von Drohnen und Spezialeinheiten und der Zukauf fremder Einheiten, um unsere Gegner (oder die, die als solche beschrieben werden) im Nahen Osten zu bek&auml;mpfen, haben dem Pr&auml;sidenten eine gewisse Freiheit im Umgang mit dem Iran, Russland und China erm&ouml;glicht.<\/p><p>Betreffend den Iran k&ouml;nnte der Pr&auml;sident (zusammen mit der EU, China und Russland) einen gro&szlig;en diplomatischen Erfolg erzielen trotz schwerer Gegenwehr im Kongress, die zum Teil von Israels amerikanischen Agenten organisiert wird. Ein Abkommen mit dem Iran w&uuml;rde den Weg &ouml;ffnen f&uuml;r eine Neuordnung des Nahen Ostens, indem es f&uuml;r den Moment die M&ouml;glichkeit eines gemeinsamen israelisch-saudi-arabischen Angriffs auf das Land ausschlie&szlig;t.  Es w&uuml;rde dem Iran dar&uuml;ber hinaus erm&ouml;glichen, seine nicht unbedeutenden Ressourcen zu nutzen, um gegen ISIS vorzugehen. Viele derer im Kongress, die aktiv versuchen, die Verhandlungen des Pr&auml;sidenten mit dem Iran zu sabotieren, scheinen nicht zu begreifen, dass ein vom Kongress herbeigef&uuml;hrtes Scheitern der Verhandlungen nicht den Iran, sondern die USA isolieren w&uuml;rde.<\/p><p>Der Pr&auml;sident zeigt auch ein gewisses historisches Verst&auml;ndnis f&uuml;r die Interessenlage Russlands in der Ukraine. Es war falsch, nicht an der russischen Gedenkfeier in Erinnerung an die deutsche Kapitulation teilzunehmen. Es gab 600.000 tote US-Amerikaner im Zweiten Weltkrieg, und die Sowjetunion hatte mehr als 20 Millionen Tote zu erleiden. Kerry hat Wiedergutmachung betrieben, und, wichtig, der Pr&auml;sident hat klargemacht, dass die USA nun zusammen mit der EU daran arbeiten werden, in Kiew f&uuml;r mehr Folgsamkeit und Realismus zu werben.<\/p><p>Zum Schluss ist da noch das Problem China &ndash; ein Land, das die Unverfrorenheit besitzt, darauf zu bestehen, das Meer vor seiner bewohnten Ostk&uuml;ste zu kontrollieren. Amerikanische Strategen, die keine chinesische Pr&auml;senz in Ostkanada, der Karibik und Zentralamerika akzeptieren wollen, haben jetzt in einer Allianz unter anderem Japan, S&uuml;dkorea, die Philippinen und Vietnam in den Dienst genommen, um China zur&uuml;ckzuhalten. Der Pr&auml;sident hat den Strategen des Pentagon bisher allzu viel Freiheit gelassen. Er hat jedoch den diplomatischen Austausch mit China aufrecht erhalten. Insofern wird sein Nachfolger zumindest in der Lage sein, eine systematische Konfrontation mit der Volksrepublik China zu vermeiden. <\/p><p>Die innen- und au&szlig;enpolitischen Probleme, die den Pr&auml;sidenten plagen, werden am Ende auch Antworten der Herausforderer f&uuml;r seine Nachfolge verlangen. Im Moment ist der Pr&auml;sidentschaftswahlkampf allerdings ein Spektakel von Trivialisierung und Seichtigkeit. Ich werde dar&uuml;ber schreiben, wenn es dazu etwas ernsthaftes zu diskutieren gibt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In seinem aktuellen Artikel f&uuml;r die NachDenkSeiten regt Norman Birnbaum an, gro&szlig;e Teile der US-Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik als innenpolitisch motiviert anzusehen.<br \/> Er analysiert treffend, wie die aktuellen Unruhen im Land auf den Niedergang des sozialen Zusammenhalts zur&uuml;ckzuf&uuml;hren sind, und erl&auml;utert, wie es dazu kommen konnte und welche Ma&szlig;nahmen angezeigt w&auml;ren, um das &Uuml;bel an der<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26224\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,159,132,174,190],"tags":[282,1008,1202,317,854,366,291],"class_list":["post-26224","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-fremdenfeindlichkeit-rassismus","category-ungleichheit-armut-reichtum","category-usa","category-wahlen","tag-buergerproteste","tag-birnbaum-norman","tag-isis","tag-mindestlohn","tag-mittelschicht","tag-obama-barack","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26224","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=26224"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26224\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":26227,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26224\/revisions\/26227"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=26224"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=26224"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=26224"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}