{"id":2623,"date":"2007-09-07T09:27:12","date_gmt":"2007-09-07T07:27:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2623"},"modified":"2015-12-26T14:34:13","modified_gmt":"2015-12-26T13:34:13","slug":"auszug-aus-willy-waehlen-72-siege-kann-man-machen-zum-aktuellen-thema-der-breite-des-waehlerpotenzials-von-volksparteien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2623","title":{"rendered":"Auszug aus \u201eWilly w\u00e4hlen \u201972. Siege kann man machen.\u201c Zum aktuellen Thema der Breite des W\u00e4hlerpotenzials von Volksparteien:"},"content":{"rendered":"<p>Die Themen des Wahlkampfes &ndash; so vielf&auml;ltig und so bunt wie die Interessen der Menschen. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\nIm Wahlkampf 1972 war die Ostpolitik ein zentrales Thema. Ohne Zweifel. Aber, gute, erfolgreiche Wahlk&auml;mpfe werden nie mit einem Thema bzw. der Kompetenz bei einem Thema bestritten. Es ist naiv zu glauben, alle Menschen w&uuml;rden sich von einem Thema ansprechen lassen, ein Thema allen Menschen gleich wichtig erscheinen, sei es auch, wie die Arbeitslosigkeit heute, ein noch so dr&auml;ngendes Problem.<\/p><p>Wahlkampfplaner jedenfalls k&ouml;nnen sich bei ihren strategischen &Uuml;berlegungen den Mangel an differenziertem, komplexem Denken, der heute unter Wahlanalytikern und Spitzenpolitikern &uuml;blich geworden ist, nicht leisten, wenn sie Erfolg haben wollen. Insbesondere gro&szlig;e Parteien wie die SPD und die CDU\/CSU m&uuml;ssen der Vielfalt ihrer potentiellen W&auml;hler Rechnung tragen, gerade bei der Themen-und Konfliktplanung.<\/p><p>Auch der Wahlkampf 1972 war alles andere als ein &ldquo;One-issue-Wahlkampf&ldquo;, also ein Wahlkampf um ein Thema. Schon die Durchsicht der abgedruckten Werbe- und Informationsmaterialien und der Redemanuskripte von 1972 verschafft einen Eindruck von der Vielfalt der Themen.<\/p><p>Eine Arbeitsgruppe 72\/73, in der politisch so unterschiedliche Pers&ouml;nlichkeiten wie H.J. Vogel und Jochen Steffen zusammenarbeiteten, hatte sich nach l&auml;ngeren Vorarbeiten auf einen ersten Katalog von m&ouml;glichen Themen geeinigt: Friedenssicherung, Sicherung der Vollbesch&auml;ftigung, Erhaltung und Steigerung der Lebensqualit&auml;t, Verbesserung der Chancengleichheit, Sicherung der Leistungsf&auml;higkeit und Effektivit&auml;t des Staates; insbesondere innere Sicherheit. <\/p><p>Im Wahlkampfdrehbuch wurden diese Themenkomplexe zun&auml;chst einmal aufgegriffen und um einen Katalog von 28 Einzelthemen (von 1. Ostpolitik bis 28.Gleichberechtigung der Frau) erg&auml;nzt. Diese Themen w&uuml;rden &ndash; so war abzusehen &ndash; entweder durch die eigene Leistungsbilanz oder durch Angriffe der Opposition relevant werden.<\/p><p>Im Juli und August wurde die Themenauswahl verdichtet. In den weiteren Beratungen konzentrierten wir uns auf einige Kernelemente: Klar war, da&szlig; wir mit der Leistungsbilanz der Regierung Brandt\/Scheel, wie sie im Faltblatt &ldquo;Wort gehalten&ldquo; in popul&auml;rer Form aufbereitet war und mit den Erfolgen der Ost- und Friedenspolitik werben wollten. Dar&uuml;berhinaus wurden eine Reihe von programmatischen Akzenten gesetzt. <\/p><p>Das Stichwort &ldquo;Lebensqualit&auml;t&ldquo; sollte eine der thematischen Klammern werden. Die Erhaltung einer menschenw&uuml;rdigen Umwelt war damit ebenso angesprochen, wie Fragen des Arbeitsschutzes, der Gesundheitsvorsorge oder Fragen nach einem lebenswerten st&auml;dtischen Umfeld. Wohlstand und Qualit&auml;t des Lebens h&auml;ngen von Gemeinschaftseinrichtungen, also von einem leistungsf&auml;higen Staat, genauso ab wie vom privaten Einkommen; nur Reiche k&ouml;nnten sich deshalb einen armen Staat leisten &ndash; das war einer der Grundgedanken.<\/p><p>Am 8. Juli besprach ich die Planungen mit Willy Brandt auf dem Venusberg und schlug dabei vor, das Thema Umweltschutz\/Lebensqualit&auml;t zu einem Hauptthema zu machen. Am 10. Juli habe ich notiert: &ldquo;Heute fr&uuml;h rief mich WB an. Er habe dar&uuml;ber nachgedacht und sei der Meinung, da&szlig; dieses Thema trage.&ldquo; Er gab dar&uuml;berhinaus eine Reihe von Hinweisen, wo gerade zum Umweltschutz schon wichtige Beitr&auml;ge geleistet worden seien. In einem internen Papier von Hagolani\/Merz vom 17.8.1972 wird gefolgert: &ldquo;Das bedeutet nichts anderes, als da&szlig; das Umweltproblem in den Mittelpunkt der Wahlauseinandersetzung ger&uuml;ckt werden mu&szlig;.&ldquo; In den Mittelpunkt des Wahlkampfes ist das Thema schlie&szlig;lich nicht ger&uuml;ckt, mit dem Begriff &ldquo;Lebensqualit&auml;t&ldquo; war aber ein wichtiger Akzent gesetzt. <\/p><p>Mit dem Slogan: &ldquo;Wer morgen sicher leben will, mu&szlig; heute f&uuml;r Reformen k&auml;mpfen&ldquo; wurde eine zweite, verwandte thematische Verdichtung versucht. Auch dieser Slogan dokumentiert die Breite der thematischen Strategie. Die SPD warb damals sowohl um Menschen, die gr&ouml;&szlig;eren Wert auf Sicherheit legen, als auch um jene, die es nach Ver&auml;nderung dr&auml;ngt. Wir gaben uns damals nicht damit zufrieden, einen Teil der W&auml;hlerinnen und W&auml;hler, sei er auch noch so bedeutsam, zu erreichen. <\/p><p>Zu einem weiteren thematischen roten Faden des Wahlkampfs wurden schlie&szlig;lich die Wahlkampfmethoden der CDU\/CSU und vor allem ihrer Hinterm&auml;nner gemacht. &Uuml;ber Zielrichtung und Bedeutung dieser SPD-Kampagne gegen das &ldquo;Gro&szlig;e Geld&ldquo; wird noch berichtet. Strategien zur Abwehr der Konflikte, die die Gegenseite zum Thema machen w&uuml;rde (z.B. Inflation und &ldquo;Staatsbankrott&ldquo;), vervollst&auml;ndigten das Konzept.<\/p><p>Diese gro&szlig;en Themen wurden den Multiplikatoren und den Wahlk&auml;mpfern vor Ort fr&uuml;hzeitig vermittelt. Z.B im Informationsdienst &ldquo;intern&ldquo; vom 30. August.<\/p><p>In den Anzeigen, den Flugbl&auml;ttern, den TV- und H&ouml;rfunkspots und sogar in den Werbematerialien der W&auml;hlerinitiativen spiegelt sich die Themenvielfalt wider. Die Reden Willy Brandts, Helmut Schmidts und Herbert Wehners auf dem Wahlparteitag und im Wahlkampf zeigen deutlich, da&szlig; die Ostpolitik ein Thema unter vielen war und bei weitem nicht das, welches den breitesten Raum einnahm. In der &ldquo;Ungerer-Kampagne&ldquo; taucht die Ost- und Friedenspolitik z.B. &uuml;berhaupt nicht auf; in der Anzeigenkampgane &ldquo;109 Jahre Demokratischer Sozialismus&ldquo; als ein Punkt unter Zw&ouml;lfen. Das Wahlprogramm vom 13. Oktober tr&auml;gt den Titel: &ldquo;Mit Willy Brandt f&uuml;r Frieden, Sicherheit und eine bessere Qualit&auml;t des Lebens&ldquo;. (Darin sind den au&szlig;enpolitischen Fragen die Seiten 8 von 62 Seiten gewidmet). &Uuml;ber dieses Programm und die darin enthaltenen inhaltlichen Fragen hat die SPD und mit ihr Kanzler Brandt &uuml;brigens auf ihrem Parteitag in Dortmund in der Sache hart gestritten, gerade einmal f&uuml;nf Wochen vor der Wahl. Auch das ist ein Zeichen f&uuml;r den inhaltlichen und thematischen Anspruch jenes Wahlkampfes. (Zu viel Ostpolitik?))<\/p><p>Also: Die Friedenspolitik hat in der Wahlkampfplanung und in den Werbemitteln, vor allem in der Phase der Personalisierung und in den TV-Spots eine gro&szlig;e Rolle gespielt. Den in Umfang und Streuung weitaus gr&ouml;&szlig;eren Teil der Wahlwerbung nahmen die innenpolitischen Themen ein: Umweltschutz, Steuerreform, Bodenrechtsreform, Mieterschutz, Mitbestimmung, Gleichberechtigung, Verm&ouml;gensbildung, Flexible Altersgrenze und anderes mehr. Daf&uuml;r, da&szlig; diese Einzelthemen als Teil einer Politik, eines Projektes, wie man heute sagen w&uuml;rde, begriffen werden konnten, sorgten die Klammern und Slogans, wie z.B. der von der besseren Qualit&auml;t des Lebens und von der Sicherheit nur durch Reformen.<\/p><p>Auf diesem Hintergrund ist Arnulf Barings mittlerweile gefl&uuml;geltes Wort vom &ldquo;westdeutschen Volksentscheid &uuml;ber die Ostpolitik&ldquo; (das er m&ouml;glicherweise der russischen Zeitung Isvestija entnommen hat, die am 20.11. das Wahlergebnis so kommentierte) ebenso einpr&auml;gsam wie ungen&uuml;gend: Sollte er damit nur die au&szlig;enpolitische Bedeutung des Wahlergebnisses meinen und seine Wahrnehmung in Osteuropa, dann hat er recht. Er schreibt aber auch: &ldquo;Die Koalition war heilfroh, da&szlig; sie ihren Wahlkampf mit ihrer erfolgreichen Ostpolitik und dem mi&szlig;lungenen Mi&szlig;trauensvotum der Opposition bestreiten konnte.&ldquo; Das ist angesichts der geschilderten Tatsachen schlicht falsch. <\/p><p>Der beschriebenen Vielfalt in der Wahlwerbung entsprachen die Bed&uuml;rfnisse und Vorstellungen der Menschen. Die Umfragen und Wahlanalysen insgesamt belegen dies. <\/p><p>In der Nachwahlanalyse von Infratest wurden den Befragten  eine Reihe von Aussagen zur Bewertung vorgelegt. Tabelle A zeigt, da&szlig; die gesamte Wahlbev&ouml;lkerung die Bew&auml;ltigung von Zukunftsaufgaben, die Innere Sicherheit, die Arbeitsplatzsicherheit, die Preisstabilit&auml;t f&uuml;r noch wichtiger hielten als die Ostpolitik. Auch bei SPD W&auml;hlern (Tabelle B) rangieren die Zukunftsaufgaben und die Interessen der Arbeitnehmer z.B. h&ouml;her bzw. gleichauf mit der Ost- und Deutschlandpolitik.<\/p><p>Es wird deutlich, da&szlig; ganz verschiedene Inhalte und Motive bei den jeweiligen W&auml;hlerinnen und W&auml;hlern zum Tragen kamen; es f&auml;llt auch auf, da&szlig; die Bew&auml;ltigung der Zukunftsaufgaben hochrangig eingeordnet wurde.<\/p><p>Auch Vorwahlanalysen von Infratest und die Untersuchungen anderer Institute zeugen von der Vielschichtigkeit der Beweggr&uuml;nde und belegen, da&szlig; die Ostpolitik zu diesem Zeitpunkt nicht die oberste Priorit&auml;t hatte.<\/p><p>Der Mannheimer Wahlanalytiker Kaase macht auf eine andere Beobachtung aufmerksam: Der Koalition wurde ein hohes Ma&szlig; an Kompetenz in Fragen der Ostpolitik zugesprochen und die Mehrheit der Befragten bef&uuml;rwortete diese Politik.(im Oktober 1972 fanden die Ostvertr&auml;ge eine Zustimmung von fast 70 %). Er stellt dazu sinngem&auml;&szlig; fest, man habe die Ostpolitik auch als Oppositionsanh&auml;nger bef&uuml;rworten k&ouml;nnen, ohne zu den Regierungsparteien zu wechseln. <\/p><p>Unter anderem Vorzeichen gilt: Die CDU\/CSU hatte einen Vorsprung auf den Feldern Wirtschafts- und Finanzpolitik erlangt. Das war offenbar nicht wahlentscheidend. Der Vorsprung an Wirtschaftskompetenz bei der CDU, den die Meinungsforscher feststellten, wurde mit offensiven, vielf&auml;ltigen Themen &uuml;berlagert und durch sachlich richtige aber auch geschickte Hinweise auf die au&szlig;enwirtschaftlichen Ursachen der Inflation abgeschw&auml;cht. Es gibt Hinweise darauf, da&szlig; die W&auml;hlerinnen und W&auml;hler am Wahltag diese Botschaft der SPD gelernt hatten.<\/p><p>Der CDU-nahe Wahlanalytiker Kaltefleiter vermutet, da&szlig; die beiden gro&szlig;en Themen Ostpolitik und Preisstabilit&auml;t &ldquo;sich gegenseitig weitgehend kompensiert&ldquo; haben. M.R. Lepsius stellt fest: &ldquo;Betrachtet man die Hauptwahlkampfthemen, die Ostpolitik und die Wirtschaftspolitik, so zeigt sich, da&szlig; beide Themen nicht die dominanten Kriterien f&uuml;r die Wahlentscheidungen geliefert haben.&ldquo; <\/p><p>Das ist wohl richtig und erkl&auml;rt sich daraus, da&szlig; die beiden Themen eben nicht alleine die Hauptwahlkampfthemen waren. Es war ein bunter Strau&szlig;. <\/p><p>Einer erfolgreichen Wahlkampfplanung liegt dieser Grunderkenntnis entsprechend ein differenziertes W&auml;hlermodell zugrunde. An der Praxis des Wahlkampfs 1972 l&auml;&szlig;t sich exemplarisch das zeigen, was wir sp&auml;ter &ldquo;Scheibchenmodell&ldquo; genannt haben.<\/p><p>Einer erfolgreichen Wahlkampfplanung liegt dieser Grunderkenntnis entsprechend ein differenziertes W&auml;hlermodell zugrunde. An der Praxis des Wahlkampfs 1972 l&auml;&szlig;t sich exemplarisch das zeigen, was wir sp&auml;ter &ldquo;Scheibchenmodell&ldquo; genannt haben.<\/p><p>Ausgangspunkt dieses Modells ist die Vorstellung, da&szlig; sich die W&auml;hler einer Partei aus ganz unterschiedlichen Gruppen zusammensetzen und da&szlig; alle diese Gruppen f&uuml;r ein optimales Ergebnis relevant sind; keine darf ausgeblendet, vergessen oder gar vor den Kopf gesto&szlig;en werden. In Bezug auf 1972 hei&szlig;t das, da&szlig; auf eine Basisscheibe von etwa 25 &ndash; 30 % typischen und eingefleischten SPD Anh&auml;ngern (Arbeitnehmer mit gewerkschaftlicher Bindung und sozialdemokratischer Familientradition) eine ganze F&uuml;lle kleinerer Scheibchen aufgeschichtet werden mu&szlig;ten: Da gab es Bundeswehrangeh&ouml;rige und ihre Familien, die am Wahltag zuallererst an Helmut Schmidts Arbeit als Verteidigungsminister dachten; da war die Gruppe derer, die von Erhard Eppler und seinen entwicklungspolitischen Vorstellungen angesprochen wurde; dann die Gruppe derer, die der Aufbruch in der Bildungspolitik und im Hochschulausbau interessierte; da waren die jungen Leute, die von der Amnestie f&uuml;r die Demonstranten von 1968, von Heinemanns Offenheit und Brandts souver&auml;nem Umgang mit dem Rebell in der eigenen Familie, Peter Brandt, beeindruckt waren; da gab es die Architekten und Stadtplaner, die vom St&auml;dtebauf&ouml;rderungsgesetz, der geplanten Bodenrechtsreform und der fachlichen Kompetenz Hans Koschniks und Hans Jochen Vogels angetan waren; hinzu kamen jene, f&uuml;r die Umweltschutz eine wichtige Zukunftsaufgabe war, die Tiersch&uuml;tzer, die unter ihren Anh&auml;ngern f&uuml;r die SPD warben; alte Menschen, die wegen der flexiblen Altersgrenze wieder Hoffnung hatten, von ihrem Alter noch etwas zu haben; jene Juristen, die mit Heinemann und Ehmke f&uuml;r ein modernes Strafrecht gek&auml;mpft hatten, waren wichtig, genauso wie die Selbst&auml;ndigen, f&uuml;r die die Rentenversicherung ge&ouml;ffnet worden war; da waren alle, die sich &uuml;ber die Ungerechtigkeiten des Steuersystems, wie z.B. die Kindersteuerfreibetr&auml;ge &auml;rgerten; und dazu kamen viele W&auml;hlerinnen und W&auml;hler aus dem christlichen B&uuml;rgertum, die von Willy Brandts Kniefall in Warschau beeindruckt waren; usw.usf.<\/p><p>Erst dadurch, da&szlig; alle diese Gruppen und Gr&uuml;ppchen von der SPD angesprochen wurden, wurde Prozent f&uuml;r Zehntelprozent das Endergebnis von 45,8 % m&ouml;glich. <\/p><p>Das ist keine nachtr&auml;gliche, sondern eine planungsrrelevante Erkenntnis. In der September-Ausgabe 1972 des Magazins &ldquo;Konkret&ldquo; habe ich auf die Frage &ldquo;Wer wird die Wahl entscheiden? &ldquo; folgenderma&szlig;en geantwortet: &ldquo;Das ist eine lustige Frage. Wer sie beantwortet, der macht sich etwas vor. Es lassen sich immer neue Gruppen nennen, auf die es angeblich ankommt. Entscheidet die Wirtschaftspolitik oder Helmut Schmidt oder die innere Sicherheit oder Karl Schiller oder Willy Brandt? Vielleicht entscheiden die Katholiken die Wahl? Vielleicht die Frauen? Je nachdem welche Position Sie am Ende der Addition anf&uuml;hren, werden Sie verschiedene Antworten auf Ihre Frage finden.&ldquo;<\/p><p>Eigentlich eine recht banale Einsicht. Und doch h&auml;lt sich hartn&auml;ckig das Vorurteil, f&uuml;r den Gewinn von Wahlen sei eine bestimmte Gruppe und das sie vermeintlich interessierende Thema ausschlaggebend. Heute ist das die Wirtschaftskompetenz oder andernorts die Sparkompetenz, die als alles entscheidend betrachtet werden und denen andere Profilelemente geopfert werden. Nat&uuml;rlich mu&szlig; man sich gerade in den heutigen Zeiten extrem hoher Arbeitslosigkeit um schl&uuml;ssige wirtschafts-politische Konzepte bem&uuml;hen und man mu&szlig; alles tun, um auch hier Kompetenz zu vermitteln. Aber h&auml;tte die SPD nur dann Wahlen gewonnen, wenn sie von der Mehrheit der W&auml;hler f&uuml;r wirtschaftspolitisch kompetenter gehalten wurde als die CDU\/CSU, s&auml;he es in der R&uuml;ckschau auf 40 Jahre Bundesrepublik noch trister aus.<\/p><p>Die Vielfalt von Themen mag manchen verwirren. Vor allem wird mancher fragen, ob sich dabei nicht vieles st&ouml;&szlig;t und wie man das alles unter einen Hut bringt. Genau das ist die Kunst eines erfolgreichen Wahlkampfes, die Willy Brandt meisterhaft beherrschste und f&uuml;r die er auch b&ouml;swillig gescholten wurde, n&auml;mlich f&uuml;r sein &ldquo;k&auml;mpferisches Sowohl als auch&ldquo;. Und dennoch, er hatte recht. Um es an einem aktuellen Beispiel zu erkl&auml;ren: Wenn die SPD ihr W&auml;hlerpotential voll aussch&ouml;pfen will, d&uuml;rfen Sozialdemokraten doch nicht in der Welt herumlaufen und erz&auml;hlen, Umweltschutz und Arbeitsplatzsicherung seien Gegens&auml;tze. Sie m&uuml;ssen deutlich machen, da&szlig; beides lebenswichtig ist und die SPD alles daran setzen wird, beides gemeinsam zu erreichen. Es machte 1972 und macht heute keinen Sinn, das eigene W&auml;hlerpotential aufzuspalten und gegeneinander aufzuwiegeln. <\/p><p>Staatliche Eingriffe f&uuml;r den Umweltschutz wurden damals gerade auch als Politik f&uuml;r Arbeitnehmer verstanden.  Wie wir es in einem Flugblatt auf den Punkt brachten: &ldquo;Wer reich ist, fliegt am Wochenende weg, wenn es ihm zuhause stinkt. Wenn ihn L&auml;rm und Gestank bel&auml;stigen. Die Mehrheit unseres Volkes hat nicht das Geld, um auf eigene Faust diesen Gefahren auszuweichen.&ldquo; Das damals angeh&auml;ufte politische Kapital ist sp&auml;ter verschleudert worden. Nirgendwo ist das so auff&auml;llig wie beim Umweltschutz.<\/p><p>Bei den zuvor skizzierten &Uuml;berlegungen zum sogenannten <strong>&ldquo;Scheibchenmodell&ldquo;<\/strong> war von einer gro&szlig;en Gruppe noch nicht die Rede: Von den potentiellen Nichtw&auml;hlern, jenen Menschen, die sich nicht f&uuml;r Politik interessieren und zu den meisten Fragen der Zeit keine Meinung haben. Solche tendenziell &ldquo;Unpolitischen&ldquo;, Uninteressierten, Unentschiedenen erreicht man entweder direkt mit einer gro&szlig;en Emotion oder indirekt &uuml;ber andere Menschen. Arbeitskollegen, Partner, Nachbarn, Vorbilder, kurzum Multiplikatoren. Am besten beides zugleich. Das war in etwa die Situation von 1972. Frau Noelle-Neumann sprach mit recht davon, da&szlig; die SPD ein f&uuml;r sie positives Meinungsklima erzeugt h&auml;tte, das auch viele potentiellen Nichtw&auml;hler beeindruckte und mitzog.<\/p><p>1972 waren wir &uuml;berzeugt, da&szlig; es ungeheuer viele Menschen gibt, die in ihren Meinungen noch nicht festgelegt oder doch immerhin noch zu &uuml;berzeugen waren.<\/p><p>Der 72er Wahlkampf der SPD war so vielf&auml;ltig wie die Interessen der Menschen. Gew&auml;hlt wurde sie schlie&szlig;lich aus ganz vielf&auml;ltigen Motiven und Motivb&uuml;ndeln. Wer sich nun heute bei seinen Analysen um diese Erkenntnis nicht k&uuml;mmert, der liegt zwangsl&auml;ufig falsch und schlimmer noch, er leistet k&uuml;nftigen Fehlplanungen Vorschub. Es scheint f&uuml;r die SPD wichtig zu sein, nicht hinter die damaligen theoretischen &Uuml;berlegungen und die praktische Erfahrung zur&uuml;ckzufallen.<\/p><p>Auszug aus: <a href=\"?p=2381\">&ldquo;Willy w&auml;hlen &rsquo;72 &ndash; Siege kann man machen.&rdquo;<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Themen des Wahlkampfes &ndash; so vielf&auml;ltig und so bunt wie die Interessen der Menschen. 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