{"id":26237,"date":"2015-05-27T10:43:56","date_gmt":"2015-05-27T08:43:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26237"},"modified":"2024-08-28T19:42:06","modified_gmt":"2024-08-28T17:42:06","slug":"pegida-ist-ein-spiegel-deutscher-verhaeltnisse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26237","title":{"rendered":"Pegida ist ein Spiegel deutscher Verh\u00e4ltnisse"},"content":{"rendered":"<div style=\"float:right;margin: 0 0 15px 15px\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/150527_peglau.jpg\" alt=\"Andreas Peglau\" title=\"Andreas Peglau\"><\/div><p>&#8232;Wer oder was ist eigentlich PEGIDA? Und was sagt uns dieses Ph&auml;nomen &uuml;ber die Zust&auml;nde im Land? Die Mehrheit der Demonstranten wird offenbar entweder als &bdquo;uns&auml;gliche Rassisten&ldquo; und ggf. sogar Faschisten oder aber &bdquo;die kleinen Leute&ldquo; mit diffusen &Auml;ngsten, Sorgen und N&ouml;ten wahrgenommen. <a href=\"http:\/\/www.hintergrund.de\/201501093374\/politik\/inland\/die-grosse-aggressionsverschiebung.html\">P&auml;dagogischer Umgang<\/a> soll dann in beiden F&auml;llen helfen. Man verspricht also entweder, die Demonstranten ernst zu nehmen &ndash; oder aber distanziert sich von allem und jedem, das auch nur entfernt nach ihnen riecht. Die erziehen wollenden Leistungstr&auml;ger entstammen dabei jedoch eben jenen Kreisen, die weit &uuml;berwiegend der Ideologie einer &ouml;konomisierten Gesellschaft verpflichtet sind und denen daher eine elit&auml;r motivierte Menschenfeindlichkeit <a href=\"http:\/\/pub.uni-bielefeld.de\/publication\/1967718\">entspringt<\/a>. &Uuml;ber den beide Ph&auml;nomene einenden &bdquo;Ruck&ldquo; gen Menschenfeindlichkeit im Lande sprach <strong>Jens Wernicke<\/strong> mit <strong>Andreas Peglau<\/strong>, der als Psychoanalytiker zum europ&auml;ischen &bdquo;Rechtsrucks&rdquo; arbeitet und publiziert.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Herr Peglau, Sie besch&auml;ftigen sich als Psychologe seit Langem auch mit dem Wechselspiel zwischen seelischen Zust&auml;nden und gesellschaftlichen Verh&auml;ltnissen. Wie nehmen Sie die aktuelle gesellschaftliche Situation und auch die gesellschaftliche Entwicklung der letzten Jahre wahr? Was geschieht hier Ihrer Meinung nach?<\/strong><\/p><p>Wenn ich als die &bdquo;letzten Jahre&ldquo; die Zeit seit 1990 setze, dann sehe ich da mehrere Entwicklungen, bei denen auch intensive Wechselwirkungen mit psychosozialen Gegebenheiten existieren: Das <em>Soziale<\/em> der Marktwirtschaft, das zuvor wohl nicht zuletzt wegen der&nbsp;Konkurrenz mit den&nbsp;sozialistischen&nbsp;L&auml;ndern&nbsp;f&uuml;r n&uuml;tzlich befunden wurde,&nbsp;ist seit den 1990er Jahren zunehmend zugunsten des &ldquo;Neoliberalismus&rdquo;&nbsp;zur&uuml;ckgedr&auml;ngt worden. Und wir steuern &ndash; was ja mit dem &bdquo;Neoliberalismus&ldquo; und der Art unseres Wirtschaftens eng zusammenh&auml;ngt &ndash; nur geringf&uuml;gig gebremst mitten in eine&nbsp;Klimakatastrophe hinein. <\/p><p>Aber nicht nur das macht einem zu Recht Angst. Der deutsche Staat verstrickt sich auch immer mehr in internationale Konflikte, befeuert diese Konflikte sogar noch, nicht zuletzt durch Waffenexporte, und unterst&uuml;tzt die&nbsp;USA in deren Streben, einzige weltweite Supermacht zu bleiben. Letzteres steckt auch ma&szlig;geblich hinter der Ukraine-Krise, seit der wir uns wieder in einem Kalten Krieg befinden, der zudem jederzeit in einen hei&szlig;en Krieg umschlagen kann, auch hier in Mitteleuropa. Nicht einmal ein Atomkrieg kann wirklich ausgeschlossen werden. Und zu alledem kommt, zumindest in Europa, auch noch eine Entwicklung, die in der Tat als &bdquo;Rechtsruck&ldquo; eingeordnet werden muss. <\/p><p><strong>Zu letzterem Thema hat unl&auml;ngst ja auch die Erich-Fromm-Gesellschaft einen Aufsatz von Ihnen publiziert&hellip; Aber wie meinen Sie das genau mit dem &bdquo;Rechtsruck&ldquo; und wie &auml;u&szlig;ert sich dieser Ihrer Meinung nach? <\/strong><\/p><p>Das Wort &bdquo;Rechtsruck&ldquo; haben nach der letzten Europawahl im vergangenen Jahr ja verschiedene Medien benutzt. Da bezog es sich auf das erfolgreiche Abschneiden von als &bdquo;rechts&ldquo; oder &bdquo;rechtspopulistisch&ldquo; eingeordneten Parteien, die 2014 in diversen europ&auml;ischen Staaten in Parlamente einzogen. In der BRD konnte beispielsweise die AfD klare Erfolge feiern, und in der Ukraine waren &ndash; und sind &ndash; &bdquo;rechte&ldquo; oder gar <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/artikel\/43\/43829\/1.html\">faschistoide Kr&auml;fte<\/a> ma&szlig;geblich an der Regierung beteiligt und in den B&uuml;rgerkrieg verstrickt. Der &bdquo;Rechtsruck&ldquo; &auml;u&szlig;ert sich also zun&auml;chst einmal durch politische Konstellationen. Dahinter verbergen sich ja aber auch psychosoziale Prozesse.<\/p><p><strong>Konkret? <\/strong><\/p><p>Um bei Deutschland zu bleiben: Hier verweisen schon seit Jahren von einer Leipziger Forschungsgruppe um Oliver Decker und Elmar Br&auml;hler vorgenommene Untersuchungen zum Rechtsextremismus auf h&ouml;chst bedenkliche Gegebenheiten. 2014 zeigte sich beispielsweise, dass 5,6 Prozent der Deutschen ein &bdquo;geschlossenes rechtsextremes Weltbild haben&ldquo; &ndash;  das sind mehr als 3,56 Millionen unserer Mitb&uuml;rgerinnen und Mitb&uuml;rger! F&uuml;r mehr als drei Viertel, konkret f&uuml;r 76 Prozent von uns, sind dabei zumindest einzelne fremdenfeindliche Einstellungen typisch. Und zum Teil fielen die Ergebnisse, als diese Untersuchungen 2002 begonnen wurden, noch krasser aus. So gesehen ist es eher erstaunlich, dass es so lange gedauert hat, bis ein Ph&auml;nomen wie PEGIDA entstanden ist. <\/p><p><strong>Das verstehe ich nicht: Gibt es nun einen &bdquo;Rechtsruck&ldquo; auch in den K&ouml;pfen? Oder ist in den K&ouml;pfen vielmehr schon immer so manches anschlussf&auml;hig gewesen und tritt nun erst &bdquo;in Aktion&ldquo;?<\/strong><\/p><p>Speziell f&uuml;r die BRD haben ja auch soziologische Untersuchungen schon vor 2002 mehrfach zumindest einen deutlichen Anteil anti<em>j&uuml;disch<\/em> eingestellter Menschen gezeigt. Ich k&ouml;nnte mir also vorstellen, dass es in den K&ouml;pfen selbst kaum einen gro&szlig;en &bdquo;Rechtsruck&ldquo; gegeben hat. Sondern vor allem im Verhalten. <\/p><p>Die Leipziger Arbeitsgruppe spricht diesbez&uuml;glich von stabilen wirtschaftlichen Verh&auml;ltnissen als einer Art &bdquo;Plombe&ldquo;, die &bdquo;rechte&ldquo; Einstellungen verschl&ouml;sse &ndash; aber nicht ausheilt. Wird die &ouml;konomische Situation schlechter oder instabiler, tritt das verst&auml;rkt hervor. Ich denke allerdings, das ist weiter zu fassen: Je unsicherer die Rahmenbedingungen der eigenen Existenz sind oder auch nur <em>erscheinen<\/em>, desto gr&ouml;&szlig;er d&uuml;rfte die Tendenz sein, sonst unterdr&uuml;ckte, politisch als unkorrekt angesehene Sichtweisen &ndash; nicht zuletzt also &bdquo;rechte&ldquo; &ndash; auch zu artikulieren.<\/p><p><strong>Und PEGIDA ist f&uuml;r Sie also eindeutig &bdquo;rechts&ldquo;?<\/strong><\/p><p>Nein, auch wenn viele Medien das gern <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/WJPatzelt\/posts\/1593993677497439\">suggerieren<\/a>, das Problem ist viel differenzierter.<\/p><p>Allerdings f&auml;ngt die Unsch&auml;rfe schon beim Wort &bdquo;rechts&ldquo; an. Auf Politik angewendet war &bdquo;rechts&ldquo; &ndash; genauso wie auch &bdquo;links&ldquo; &ndash; schon immer ein schwammiger Begriff, den sowohl die &bdquo;Rechten&ldquo; selbst, mit ihnen befasste Experten und viele andere unterschiedlich auslegten und noch immer auslegen. Au&szlig;erdem fand die Leipziger Forschungsgruppe auch heraus, dass &bdquo;rechte&ldquo; Positionen heute von den W&auml;hlern <em>s&auml;mtlicher<\/em> Parteien bejaht werden.<\/p><p>So bef&uuml;rworteten 2014 etwa 2,1 Prozent der CDU\/CSU-W&auml;hler, 2,8 Prozent der SPD-W&auml;hler und 2,9 Prozent der W&auml;hler der &bdquo;Linken&ldquo; eine rechtsautorit&auml;re Diktatur. Bei den W&auml;hlern explizit &bdquo;rechter&ldquo; Parteien wie der NPD waren es 26,1 Prozent. In Bezug auf die Ausl&auml;nderfeindlichkeit lagen die Prozents&auml;tze bei 17,1 (CDU\/CSU), 17,9 (SPD), 16,9 (&bdquo;Die Linke&ldquo;) und 69,6 (&bdquo;rechte&ldquo; Parteien). Menschen mit einem &bdquo;geschlossenen rechtsextremen Weltbild&ldquo; w&auml;hlten zu 21,4 Prozent CDU\/CSU, zu 24,6 Prozent SPD, zu 7,3 Prozent &bdquo;Die Linke&ldquo;, zu 6,3 Prozent die AfD &ndash; und nur zu 6,3 Prozent  offen &bdquo;rechte&ldquo; Parteien wie die NPD. Ausdr&uuml;cklich &bdquo;rechte&ldquo; Parteig&auml;nger sind also nur die Spitze des Eisbergs. Viele andere, auch solche, die sich als liberal oder gar &bdquo;links&ldquo; verstehen, denken zu Teilen aber ganz &auml;hnlich, bewerten das jedoch nicht als &bdquo;rechts&ldquo;.<br>\nDas d&uuml;rfte auch f&uuml;r einen Teil der PEGIDA-Demonstranten gelten. Man mag &uuml;ber die Repr&auml;sentativit&auml;t der Studie, die die TU Dresden dazu im Februar <a href=\"http:\/\/tu-dresden.de\/die_tu_dresden\/fakultaeten\/philosophische_fakultaet\/ifpw\/polsys\/for\/pegida\">vorgelegt<\/a> hat, unterschiedlicher Meinung sein. Aber was sie eindeutig nachweist, ist, dass PEGIDA eben keinesfalls zu 100 Prozent aus Menschen besteht, die in erster Linie von Fremdenfeindlichkeit getrieben sind. Sondern dass bei einem erw&auml;hnenswerten Teil die beiden Hauptmotive stattdessen Unzufriedenheit mit der aktuellen Politik sowie mit den Medien sind &ndash; wof&uuml;r es ja auch tats&auml;chlich gute Gr&uuml;nde gibt. Erst an dritter Stelle wird von den Befragten dann Fremdenfeindlichkeit genannt. Und auch die Unzufriedenheit mit der deutschen Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik, also die berechtigte Angst vor einem durch diese Politik wahrscheinlicher werdenden Krieg in Mitteleuropa, wurde angef&uuml;hrt. Falls wir es aber schon grunds&auml;tzlich als &bdquo;rechts&ldquo; bezeichnen wollten, wenn &uuml;berhaupt fremdenfeindliche Motive vorhanden sind, w&auml;ren entsprechend der Leipziger Studien die &uuml;bergro&szlig;e Mehrheit der Deutschen &bdquo;rechts&ldquo;. Dem widerspricht aber schon, dass sich sowohl in der Gesamtbev&ouml;lkerung der BRD &ndash; da sind es &uuml;ber 90 Prozent &ndash; wie auch bei den befragten PEGIDA-Marschierern eine &uuml;berwiegende Mehrheit zur Idee der Demokratie bekennt. Ein gro&szlig;er Teil der Deutschen insgesamt wie auch der PEGIDA-Anh&auml;nger sind also anscheinend &ndash; und zwar quer durch die Parteien &ndash; &bdquo;fremdenfeindliche Demokraten&ldquo;. <\/p><p><strong>Aber das ist doch ein ziemlicher Widerspruch &hellip;<\/strong><\/p><p>Genau. Die Idee der Demokratie konsequent zu Ende gedacht, bedeutet, dass <em>allen<\/em> Menschen ein gleichberechtigtes Dasein zusteht und zustehen muss &ndash; auch den sogenannten &bdquo;Fremden&ldquo;.<\/p><p><strong>Und wie erkl&auml;ren Sie sich diese &hellip; Widerspr&uuml;chlichkeit?<\/strong><\/p><p>Um das zu erkl&auml;ren, greife ich auf die Psychoanalyse zur&uuml;ck. Schon Sigmund Freud hat festgestellt: Im Unbewussten ist es &uuml;berhaupt kein Problem, sich wechselseitig v&ouml;llig ausschlie&szlig;ende Ideen gleichzeitig zu verfolgen. Ich kann da beispielsweise problemlos ein und dieselbe Person hassen und lieben. Erst dann, wenn ich mir beide Komponenten bewusst mache, kann ich dar&uuml;ber staunen &ndash; und mich fragen: Ja, was stimmt denn nun, was ist denn nun <em>wirklich<\/em> meine Position?<\/p><p>Ich denke daher, dieses Gemisch aus Fremdenfeindlichkeit und Demokratiebejahung hat etwas mit der psychischen Verfassung der meisten Menschen zu tun. Und mit der Tatsache, dass sie ihre unterschiedlichen Motive nicht tiefgr&uuml;ndig reflektieren. Wer tiefgr&uuml;ndig &uuml;ber Fremdenfeindlichkeit nachdenken w&uuml;rde, m&uuml;sste sie aufgeben: Sie <em>ist<\/em> einfach zu dumm. Allerdings wird sie uns ja auch nahegelegt von vielen Politikern und Medien, die sich offenkundig w&uuml;nschen, dass die Wut, die die Verh&auml;ltnisse hierzulande erzeugen, nach &bdquo;Au&szlig;en&ldquo; abgelenkt wird, auf die, die nicht oder noch nicht dazugeh&ouml;ren, irgendwie &bdquo;anders&ldquo; sind.    <\/p><p><strong>Und &hellip; kommen wir sozusagen so auf die Welt, angef&uuml;llt mit Wut und Hass und einer Disposition dazu, &bdquo;fremdenfeindliche Demokratiebef&uuml;rworter&ldquo; zu sein? Der Zusammenhang erschlie&szlig;t sich mir hier &hellip; noch nicht.<\/strong><\/p><p>Nein, ganz sicher kommen wir nicht so zur Welt. Der sp&auml;te Freud hat das zwar so gesehen, hat behauptet, dass wir einen angeborenen Destruktions- oder Todestrieb h&auml;tten, durch den der Mensch sozusagen  eine &bdquo;wilde Bestie&ldquo; sei, &bdquo;der die Schonung der eigenen Art fremd&ldquo; w&auml;re. Doch dass das falsch ist, best&auml;tigt mittlerweile sogar die Neurobiologie. Weit fr&uuml;her haben allerdings schon die Psychoanalytiker Wilhelm Reich und Erich Fromm &uuml;berzeugende Argumente gegen Freuds Standpunkt gesammelt. <\/p><p>Wilhelm Reich, zu dem ich mehrere Jahre <a href=\"http:\/\/andreas-peglau-psychoanalyse.de\/category\/geschichte-reich\/\">geforscht habe<\/a>, sprach dabei von Selbstregulationsf&auml;higkeit: Wir haben angeborene innere Ma&szlig;st&auml;be und Motive, die &ndash; w&uuml;rden sie gef&ouml;rdert statt unterdr&uuml;ckt und pervertiert &ndash; lebendige, liebevolle Beziehungen und gesunde Sozialsysteme erm&ouml;glichten.<\/p><p>Hasserf&uuml;llte Fremdenfeindlichkeit wie &uuml;berhaupt jede zerst&ouml;rerische Aggressivit&auml;t ist also <em>nicht<\/em> angeboren, sondern &bdquo;herbeisozialisiert&ldquo; &ndash; insbesondere durch die vielfachen Erniedrigungen einer unterdr&uuml;ckend-autorit&auml;ren Erziehung und Produktionsweise.<\/p><p><strong>Aber trifft das aktuell wirklich noch so zu? Seit Fromm angefangen hat, vom &bdquo;autorit&auml;ren Charakter&ldquo; zu sprechen, sind doch inzwischen 80 Jahre vergangen&hellip;<\/strong><\/p><p>Also, da m&uuml;ssten wir jetzt sehr in Details einsteigen. In der gebotenen K&uuml;rze kann ich nur sagen: Auch wenn es manche Verbesserung gegeben hat in sozialen Belangen, auch in der P&auml;dagogik und auf anderen Gebieten, sind wir dennoch weit davon entfernt, Kinder wirklich umfassend zu f&ouml;rdern statt sie zu unterdr&uuml;cken. Und auch die traditionelle brutale Gewalt gegen Kinder ist ja nicht weg: Laut Kinderschutzbund Deutschland sterben jede Woche in der BRD drei Kinder durch Misshandlung oder Vernachl&auml;ssigung. Und 40 Prozent der Eltern geben in aktuellen Befragungen an, ihre Kinder zu schlagen. Unterdr&uuml;ckung passiert heute allerdings oft in <em>anderer<\/em> Weise als fr&uuml;her &ndash; zum Beispiel durch die Verordnung von Ritalin. Aber auch Vernachl&auml;ssigung &ndash; zum Beispiel durch Eltern, die nun mal gezwungen sind, f&uuml;r wenig Geld an weit entfernten Orten zu arbeiten &ndash;, f&uuml;hrt dazu, dass die gesunden Bed&uuml;rfnisse der Kinder nach N&auml;he und Kontakt nicht befriedigt werden. <\/p><p>Wer <em>so<\/em> aufgewachsen ist &ndash; und das gilt zumindest in abgeschw&auml;chtem Ma&szlig;e eben f&uuml;r die Mehrzahl von uns &ndash;, kam gar nicht umhin, Entt&auml;uschung und Hass in sich anzustauen. Und wenn er diesen Hass nicht psychotherapeutisch &bdquo;bearbeitet&ldquo;, braucht er schlie&szlig;lich Ventile, S&uuml;ndenb&ouml;cke und Feindbilder, um sich zu orientieren und &bdquo;Dampf abzulassen&ldquo;. <\/p><p>Aus meiner Sicht mischt sich also bei PEGIDA &ndash; aber nat&uuml;rlich nicht nur dort &ndash; seit Kindheit angestaute Wut, die inzwischen von unterdr&uuml;ckenden Autorit&auml;ten auf &bdquo;Fremde&ldquo; umgeleitet worden ist, mit realer Existenzunsicherheit sowie nachvollziehbarer Medien- und Politik- bzw. Politik<em>er<\/em>verdrossenheit.<\/p><p>Und damit ist zumindest dieser Teil von PEGIDA ein <em>Abbild<\/em> unserer gesamten Gesellschaft. Entgegen anderslautender Spr&uuml;che ist Deutschland, und zwar in erheblichem Ma&szlig;e, n&auml;mlich genau das: PEGIDA. <\/p><p><strong>Und wenn dem nun so ist, was t&auml;te Ihrer Meinung nach aktuell dann am ehesten not?<\/strong><\/p><p>Zun&auml;chst einmal: Die Spreu vom Weizen trennen. Die eine Frage ist: Wer versteckt sich alles hinter dem Etikett PEGIDA, welche unterschiedlichen Positionen? Und die andere ist: An welchen Stellen haben diese verschiedenen Personen und Personengruppen zu Teilen auch Recht mit ihren diffusen &Auml;ngsten und ihrer gegen die falschen Adressaten gerichteten Wut? Wo weisen sie &ndash; auf eine vielleicht oberfl&auml;chliche und mit &bdquo;Rechtsdrall&ldquo; verdrehte Art und Weise &ndash; in Teilen auch auf <em>reale<\/em> Probleme hin?<\/p><p>Und dann w&auml;re es dringend n&ouml;tig, sich die <em>eigenen<\/em> destruktiven Anteile bewusst zu machen. Ein wesentlicher Teil derjenigen, die jetzt PEGIA pauschal als &bdquo;rechts&ldquo; aburteilen, d&uuml;rfte damit n&auml;mlich bewusst oder unbewusst genau von diesen eigenen Anteilen ablenken wollen. Es ist einfach so sch&ouml;n bequem, wenn immer irgendwelche anderen &bdquo;die B&ouml;sen&ldquo; sind. Dann muss ich &uuml;ber mich selbst ja nicht nachdenken, &uuml;ber <em>meine<\/em> Kindheit, <em>meine<\/em> Eltern, <em>meinen<\/em> aufgestauten Frust oder Hass &ndash; und eben auch &uuml;ber meinen in Teilen vielleicht vorurteilsbehafteten Umgang in Sozialbeziehungen, meine Ressentiments gegen&uuml;ber denen, die ich als &bdquo;fremd&ldquo; empfinde, und in die ich glaube, mich nicht einf&uuml;hlen zu k&ouml;nnen. Das k&ouml;nnen ja auch Menschen sein mit anderen sexuellen Orientierungen, aus anderen Generationen, mit Behinderungen etc.     <\/p><p>Und falls Sie nun fragen wollten, wie wir diesen aufgestauten Hass wegbekommen k&ouml;nnen, kann ich nur auf das verweisen, was der Hallenser Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz 1989 als &bdquo;therapeutische Kultur&ldquo; bezeichnet hat: Die Erwachsenen sollten mit verschiedenen Therapieformen an ihrer eigenen destruktiven Gest&ouml;rtheit arbeiten. Und wir alle miteinander sollten daf&uuml;r sorgen, dass die n&auml;chste Generation erst gar nicht auf die gleiche Weise gest&ouml;rt und destruktiv gemacht wird, wie das bei uns noch der Fall war und ist&hellip;  <\/p><p><strong>Und das ginge wie?<\/strong><\/p><p>Wenn es stimmt, dass wir &bdquo;gut&ldquo; auf die Welt kommen, muss das eigentlich nur konsequent gesch&uuml;tzt und gef&ouml;rdert werden. Insbesondere Maaz hat dazu ein ganzes B&uuml;ndel von Ma&szlig;nahmen zusammengetragen, angefangen bei der Begleitung Schwangerer, &uuml;ber die nat&uuml;rliche Geburt, nichtautorit&auml;re Erziehung, sinnvolle Vermittlung von Wissen zu Partnerschaft und Sexualit&auml;t bis hin zu Selbsthilfegruppen und &auml;hnlichem. <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p style=\"text-align:center;\">&ldquo;Der Weg des Faschismus ist der Weg des Maschinellen, Toten, Erstarrten, Hoffnungslosen. Der Weg des Lebendigen ist grunds&auml;tzlich anders, schwieriger, gef&auml;hrlicher, ehrlicher und hoffnungsvoller.&rdquo;<\/p><p style=\"text-align:center;\"><strong>Wilhelm Reich: Die Massenpsychologie des Faschismus<\/strong><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Klingt reichlich utopisch &hellip;<\/strong><\/p><p>Ist es wohl auch.  Aber wenn wir das nicht dennoch mitdenken und einbeziehen, d&uuml;rfte jede <em>nachhaltige<\/em> Entwicklung hin zu Demokratie und tats&auml;chlich <em>verinnerlichten<\/em> humanistischen Werten weiterhin scheitern.<\/p><p>Wilhelm Reich hat das 1934 sinngem&auml;&szlig; so auf den Punkt gebracht: Versucht man, die psychische Struktur der Menschen zu &auml;ndern, leistet die Gesellschaft Widerstand.  Versucht man, die Gesellschaft zu &auml;ndern, leisten die Menschen aufgrund ihrer psychischen Struktur Widerstand. Das zeigt, dass keines von beidem allein ver&auml;ndert werden kann. <\/p><p><strong>Ich bedanke mich f&uuml;r das Gespr&auml;ch.<\/strong><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Andreas Peglau<\/strong> (Dr. rer. medic.) ist Dipl.-Psychologe und Psychoanalytiker in eigener Praxis in Berlin. Von 1987-90 war er im DDR-Rundfunksender DT64 unter anderem f&uuml;r Lebenshilfesendungen zust&auml;ndig. 1990 gr&uuml;ndete er die Gemeinschaft zur F&ouml;rderung der Psychoanalyse e.V., die er bis 2000 leitete. Er verfasste diverse Beitr&auml;ge zur Psychoanalysegeschichte und ver&ouml;ffentlichte 2013 im Psychosozial-Verlag das Buch &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.psychosozial-verlag.de\/catalog\/product_info.php\/products_id\/2447\">Unpolitische Wissenschaft? Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus<\/a>&ldquo;.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Weiterschauen:<\/strong><\/p><p><div class=\"external-2click\" data-provider=\"Youtube\" data-provider-slug=\"youtube\"><div class=\"external-placeholder\"><p><strong>Externer Inhalt<\/strong><\/p><p>Beim Laden des Videos werden Daten an Youtube &uuml;bertragen.<\/p><button type=\"button\" class=\"external-load\">Inhalt von Youtube zulassen<\/button><\/div><div class=\"external-content\"><iframe loading=\"lazy\" width=\"500\" height=\"280\" src=\"\" frameborder=\"0\" allowfullscreen class=\"external-2click-target \" data-src=\"https:\/\/www.youtube-nocookie.com\/embed\/5qAk05cJL1c\"><\/iframe><\/div><div class=\"external-optout\"><a href=\"#\" data-revoke=\"youtube\">Inhalte von Youtube nicht mehr zulassen<\/a><\/div><\/div><\/p><p style=\"text-align:center;\"><strong>Andreas Peglau: Wilhelm Reich: Ausgegrenzt, vergessen, neu bewertet<\/strong><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Weiterlesen:<\/strong><\/p><ul>\n<li>Artikel: Andreas Peglau: <a href=\"http:\/\/www.fromm-gesellschaft.eu\/images\/pdf-Dateien\/Peglau_A_2014.pdf\">&bdquo;Anregungen zu einer Psychoanalyse des europ&auml;ischen &sbquo;Rechtsrucks&lsquo;&ldquo; [PDF &ndash; 223 KB]<\/a><\/li>\n<li>Artikel: Wilhelm Reich: <a href=\"http:\/\/www.trend.infopartisan.net\/trd1108\/t341108.html\">&bdquo;Die Massenpsychologie des Faschismus&ldquo;<\/a><\/li>\n<\/ul><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>Eine automatische E-Mail-Benachrichtigung &uuml;ber <strong>neue Texte von Jens Wernicke<\/strong> k&ouml;nnen Sie <a href=\"http:\/\/feedburner.google.com\/fb\/a\/mailverify?uri=JensWernicke&amp;loc=de_DE\">hier<\/a> bestellen.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/783fadeed20147e2854e2c8be291acf6\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float:right;margin: 0 0 15px 15px\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/150527_peglau.jpg\" alt=\"Andreas Peglau\" title=\"Andreas Peglau\"\/><\/div>\n<p>&#8232;Wer oder was ist eigentlich PEGIDA? Und was sagt uns dieses Ph&auml;nomen &uuml;ber die Zust&auml;nde im Land? Die Mehrheit der Demonstranten wird offenbar entweder als &bdquo;uns&auml;gliche Rassisten&ldquo; und ggf. sogar Faschisten oder aber &bdquo;die kleinen Leute&ldquo; mit diffusen &Auml;ngsten, Sorgen und N&ouml;ten wahrgenommen. <a<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26237\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[159,209,125,161],"tags":[282,1433,1221,389],"class_list":["post-26237","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-fremdenfeindlichkeit-rassismus","category-interviews","category-rechte-gefahr","category-wertedebatte","tag-buergerproteste","tag-pegida","tag-perspektivlosigkeit","tag-sozialrassismus"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26237","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=26237"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26237\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":120382,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26237\/revisions\/120382"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=26237"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=26237"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=26237"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}