{"id":2625,"date":"2007-09-07T14:28:48","date_gmt":"2007-09-07T12:28:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2625"},"modified":"2019-02-15T13:12:29","modified_gmt":"2019-02-15T12:12:29","slug":"25-jahre-lambsdorff-papier-ein-konzept-des-scheiterns-und-des-niedergangs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2625","title":{"rendered":"25 Jahre Lambsdorff-Papier \u2013 ein Konzept des Scheiterns und des Niedergangs"},"content":{"rendered":"<p>Am 9. September 1982 hat der damalige Bundeswirtschaftsminister Graf Lambsdorff sein &bdquo;Konzept f&uuml;r eine Politik zur &Uuml;berwindung der Wachstumsschw&auml;che und zur Bek&auml;mpfung der Arbeitslosigkeit&ldquo; &ndash; den &bdquo;Scheidebrief&ldquo; f&uuml;r die damalige sozialliberale Koalition &ndash; ver&ouml;ffentlicht. Die in diesem &bdquo;Konzept&ldquo; beschriebene Analyse und die dort gemachten L&ouml;sungsvorschl&auml;ge pr&auml;gten in den letzten 25 Jahren bis hin zur Agenda 2010 mehr und mehr den politischen Kurs, sie beherrschten die &ouml;ffentliche Debatte und lenkten den Mainstream der Medien.  Ein Vierteljahrhundert lautet die Rezeptur immer nur: mehr &bdquo;marktwirtschaftliche Politik&ldquo;, &bdquo;Konsoldierungskonzepte f&uuml;r die &ouml;ffentlichen Haushalte&ldquo;, &bdquo;Anpassung der sozialen Sicherungssysteme&ldquo;, &bdquo;Verbilligung des Faktors Arbeit&ldquo;.<br>\nDie Ergebnisse kennen wir. Jedem Scheitern der zahllosen &bdquo;Strukturreformen&ldquo; folgte eine Erh&ouml;hung der &bdquo;Reform&ldquo;-Dosis. Seit Jahrzehnten werden immer nur die gleichen alten Rezepte propagiert. Das Lambsdorff-Papier belegt: Unsere &bdquo;Modernisierer&ldquo; sind die eigentlichen &bdquo;Traditionalisten&ldquo;. Christoph Butterwegge schreibt in der taz &uuml;ber dieses <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/index.php?id=digitaz-artikel&amp;ressort=me&amp;art=4287&amp;no_cache=1&amp;type=98\">&bdquo;Drehbuch f&uuml;r den Sozialabbau&ldquo;<\/a>. Er stellt uns die Langfassung seines Aufsatzes zur Verf&uuml;gung. Lesen Sie auch <a href=\"?p=346\">&bdquo;Graf Lambsdorff als Stichwortgeber &ndash; Das meiste, was heute als modern gilt, ist uralt&ldquo;<\/a>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Ein neoliberales Drehbuch f&uuml;r den Sozialabbau<br>\nDas sog. Lamsdorff-Papier leitete die &bdquo;Wende&ldquo; ein<\/strong><\/p><p><em>Von Christoph Butterwegge<\/em><\/p><p>Als die Arbeitslosenzahl w&auml;hrend der Weltwirtschaftskrise 1974\/75 zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg wieder die Millionengrenze &uuml;berschritt, gerieten die SPD\/FDP-Koalition unter Willy Brandt sowie die 1969 von ihr eingeleitete Reformpolitik massiv unter Druck. Unter seinem Amtsnachfolger Helmut Schmidt begann ein Um- bzw. Abbau des Wohlfahrtsstaates, welcher bis heute anh&auml;lt. W&auml;hrend der neuerlichen Wirtschaftskrise 1980 bis 1982 konnten sich die beiden Regierungsparteien nicht &uuml;ber das Tempo und die Tiefe der Einschnitte ins soziale Netz einigen. Da sich die SPD mit den weitreichenden FDP-Pl&auml;nen schwertat, suchte Vizekanzler Hans-Dietrich Genscher nach einer M&ouml;glichkeit, m&ouml;glichst ohne Neuwahlen einen Regierungswechsel herbeizuf&uuml;hren.<\/p><p>In der mehrw&ouml;chigen Regierungskrise spielte ein Memorandum, das Bundeswirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff am 9. September 1982 unter dem Titel &bdquo;Konzept f&uuml;r eine Politik zur &Uuml;berwindung der Wachstumsschw&auml;che und zur Bek&auml;mpfung der Arbeitslosigkeit&ldquo; vorlegte, die Schl&uuml;sselrolle. Schmidt bezeichnete Lambsdorffs Denkschrift im Bundestag als &bdquo;Dokument der Trennung&ldquo;, das als Wegweiser zu anderen Mehrheiten diene: &bdquo;Sie will in der Tat eine Wende, und zwar eine Abwendung vom demokratischen Sozialstaat im Sinne des Art. 20 unseres Grundgesetzes und eine Hinwendung zur Ellenbogengesellschaft.&ldquo; Schmidt wurde drei Wochen sp&auml;ter durch ein &bdquo;konstruktives Misstrauensvotum&ldquo; gest&uuml;rzt und Helmut Kohl zum Bundeskanzler einer CDU\/CSU\/FDP-Koalition gew&auml;hlt.<\/p><p>Das sog. Lambsdorff-Papier war mehr als eine koalitionspolitische Scheidungsurkunde, denn damit errang der Neoliberalismus die Hegemonie, d.h. die &ouml;ffentliche Meinungsf&uuml;hrerschaft in der Bundesrepublik. Was den Marktradikalen bereits in Gro&szlig;britannien unter Margaret Thatcher und in den USA unter Ronald Reagan gelungen war, schafften sie nach dem Regierungswechsel Schmidt\/Kohl auch hierzulande: von der Fundamentalkritik am Interventionsstaat unter dem Beifall der Massenmedien zu einer rigorosen &bdquo;Reform&ldquo;-Politik &uuml;berzugehen, die r&uuml;ckw&auml;rtsgewandt und modern zugleich ausfiel. Liest man es 25 Jahre sp&auml;ter, wirft jenes Memorandum, das Staatssekret&auml;r Otto Schlecht und Abteilungsleiter Hans Tietmeyer f&uuml;r ihren freidemokratischen Wirtschaftsminister verfasst hatten, die Frage auf, ob es sich dabei nicht um das Drehbuch f&uuml;r die Regierungspolitik bis heute handelte. So sehr entsprechen zahlreiche Ma&szlig;nahmen, die seither ergriffen wurden, dem dort niedergelegten Forderungskatalog.<\/p><p>Zu den erkl&auml;rten Zielen des Memorandums geh&ouml;rten eine sp&uuml;rbare Erh&ouml;hung der Kapitalertr&auml;ge und eine &bdquo;relative Verbilligung des Faktors Arbeit&ldquo; durch Senkung der Sozialleistungsquote. Dort wurde auch das neoliberale Dogma formuliert, wonach man die Sozialversicherungsbeitr&auml;ge der Arbeitgeber &ndash; in heutiger Diktion: die &bdquo;gesetzlichen Lohnnebenkosten&ldquo; &ndash; verringern muss, um der Massenarbeitslosigkeit Herr zu werden. Notwendig und erfolgversprechend sei nur eine Politik, hie&szlig; es weiter, die der Wirtschaft im Rahmen eines in sich widerspruchsfreien Gesamtkonzepts, das auf mehrere Jahre angelegt sein m&uuml;sse, durch Schaffung &bdquo;m&ouml;glichst g&uuml;nstiger&ldquo; Investititionsbedingungen wieder den &bdquo;Glauben an die eigene Zukunft&ldquo; gebe. Ein solches Programm m&uuml;sse der B&uuml;rokratisierung eine klare Absage erteilen. W&auml;hrend den Unternehmen eine &bdquo;Verbesserung der Ertragsperspektiven&ldquo; und &bdquo;in besonderen F&auml;llen auch gezielte Hilfen&ldquo; versprochen wurden, lie&szlig; das Lambsdorff-Papier keinen Zweifel daran, dass sich die Arbeitnehmer\/innen und Transferleistungsbezieher\/innen k&uuml;nftig selbst helfen statt noch auf den Sozialstaat hoffen sollten. Man wollte einerseits die &ouml;ffentlichen Ausgaben &bdquo;von konsumtiver zu investiver Verwendung&ldquo; umstrukturieren und andererseits die sozialen Sicherungssysteme &bdquo;an die ver&auml;nderten Wachstumsm&ouml;glichkeiten&ldquo; anpassen sowie &bdquo;der Eigeninitiative und der Selbstvorsorge wieder gr&ouml;&szlig;eren Raum&ldquo; geben.<\/p><p>Abschlie&szlig;end stellte das Lambsdorff-Papier fest, im wirtschaftlichen und sozialen Bereich k&ouml;nne es gar keine wichtigere Aufgabe als die Bek&auml;mpfung der Arbeitslosigkeit durch Wachstumsf&ouml;rderung geben: &bdquo;Wer eine solche Politik als &sbquo;soziale Demontage&lsquo; oder gar als &sbquo;unsozial&lsquo; diffamiert, verkennt, dass sie in Wirklichkeit der Gesundung und Erneuerung des wirtschaftlichen Fundaments f&uuml;r unser Sozialsystem dient. &sbquo;Sozial unausgewogen&lsquo; w&auml;re dagegen eine Politik, die eine weitere Zunahme der Arbeitslosigkeit und eine Finanzierungskrise der sozialen Sicherungssysteme zul&auml;sst, nur weil sie nicht den Mut aufbringt, die &ouml;ffentlichen Finanzen nachhaltig zu ordnen und der Wirtschaft eine neue Perspektive f&uuml;r unternehmerischen Erfolg und damit f&uuml;r mehr Arbeitspl&auml;tze zu geben.&ldquo; Auch die &Uuml;berschrift der Agenda 2010 &bdquo;Mut zur Ver&auml;nderung&ldquo; schimmerte also schon durch, und Gerhard Schr&ouml;der wurde ebenso wenig wie Helmut Kohl m&uuml;de, seine Reformen mit dem Argument zu rechtfertigen, diese h&auml;tten statt der Zerst&ouml;rung gerade die Rettung des Wohlfahrtsstaates als Ziel. Als k&ouml;nne das Soziale in seiner Substanz erhalten werden, indem die (Regierungs-)Politik es abwertet und St&uuml;ck f&uuml;r St&uuml;ck zur&uuml;ckdr&auml;ngt!<\/p><p>Von einer zeitlichen Begrenzung der Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes auf zw&ouml;lf Monate &uuml;ber die Einf&uuml;hrung eines &bdquo;demografischen Faktors&ldquo; zur Beschr&auml;nkung der Rentenh&ouml;he (&bdquo;Ber&uuml;cksichtigung des steigenden Rentneranteils in der Rentenformel&ldquo;) bis zur st&auml;rkeren Selbstbeteiligung im Gesundheitswesen listete das Lambsdorff-Papier detailliert fast alle &bdquo;sozialen Grausamkeiten&ldquo; auf, welche die der Regierung Schmidt folgenden Kabinette verwirklichten. Erst das &bdquo;Hartz IV&ldquo; genannte Gesetzespaket der rot-gr&uuml;nen Koalition ging durch die Abschaffung der Arbeitslosenhilfe und die Absenkung des an ihre Stelle tretenden Arbeitslosengeldes II auf Sozialhilfeniveau &uuml;ber den damals provokativ wirkenden Forderungskatalog des FDP-Wirtschaftsministers hinaus. Aber auch hier wies der neoliberale &bdquo;Marktgraf&ldquo; bereits den Weg: Lambsdorff forderte eine Versch&auml;rfung der Zumutbarkeitsregeln f&uuml;r Erwerbslose und eine Pr&uuml;fung, ob die Arbeitslosenhilfe nicht von &ndash; man h&ouml;re und staune &ndash; den Sozial&auml;mtern verwaltet werden k&ouml;nne. Selbst die erst in diesem Jahr von der Regierung Merkel\/M&uuml;ntefering durchgesetzte Anhebung des gesetzlichen Renteneintrittsalters (von 65 auf 67 Jahre) wurde schon im Lambsdorff-Papier als &bdquo;einzige M&ouml;glichkeit, weiter steigender Belastung durch Steigerung der Lebenserwartung zu begegnen&ldquo;, und l&auml;ngerfristig zu realisierende Ma&szlig;nahme bezeichnet.<\/p><p>Hans Tietmeyer, Mitverfasser des Lambsdorff-Papiers, machte Karriere als Bundesbankpr&auml;sident und wurde sp&auml;ter als Leiter des Kuratoriums der &bdquo;Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft&ldquo; (INSM), einer von den Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie mit 100 Mio. EUR finanzierten Lobbyeinrichtung, zum ideologischen Wegbereiter und kritischen Begleiter der rot-gr&uuml;nen Reformagenda. In einer Stellungnahme mit dem Titel &bdquo;Dieser Sozialstaat ist unsozial. Nur mehr Freiheit schafft mehr Gerechtigkeit&ldquo; verk&uuml;ndete Tietmeyer 2001 das neoliberale Credo seiner T&auml;tigkeit: &bdquo;Es ist nicht sozial, sondern ungerecht, wenn leistungswilligen Sozialhilfeempf&auml;ngern durch starre Regeln die Chance genommen wird, auf eigenen Beinen zu stehen. Es ist ebenso unsozial, die Menschen durch Dauersubventionen abh&auml;ngig zu machen, statt ihre Eigeninitiative und Eigenvorsorge zu st&auml;rken. Es gef&auml;hrdet schlie&szlig;lich den Wohlstand und die soziale Sicherheit aller, wenn der Standort Deutschland wegen mangelnder Flexibilit&auml;t seine Wettbewerbsf&auml;higkeit verliert.&ldquo;<\/p><p>Prof. Dr. Christoph Butterwegge lehrt Politikwissenschaft an der Universit&auml;t zu K&ouml;ln und hat k&uuml;rzlich das Buch &bdquo;Kritik des Neoliberalismus&ldquo; ver&ouml;ffentlicht. <\/p><p>Siehe dazu auch: <a href=\"?p=346\">Graf Lambsdorff als Stichwortgeber &ndash; Das meiste, was heute als modern gilt, ist uralt<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 9. September 1982 hat der damalige Bundeswirtschaftsminister Graf Lambsdorff sein &bdquo;Konzept f&uuml;r eine Politik zur &Uuml;berwindung der Wachstumsschw&auml;che und zur Bek&auml;mpfung der Arbeitslosigkeit&ldquo; &ndash; den &bdquo;Scheidebrief&ldquo; f&uuml;r die damalige sozialliberale Koalition &ndash; ver&ouml;ffentlicht. Die in diesem &bdquo;Konzept&ldquo; beschriebene Analyse und die dort gemachten L&ouml;sungsvorschl&auml;ge pr&auml;gten in den letzten 25 Jahren bis hin zur Agenda<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2625\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[25,13,212,205],"tags":[296,233,288,312,413,297],"class_list":["post-2625","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-lohnnebenkosten","category-denkfehler-wirtschaftsdebatte","category-gedenktagejahrestage","category-neoliberalismus-und-monetarismus","tag-lambsdorff-otto-graf","tag-marktliberalismus","tag-prekaere-beschaeftigung","tag-reformpolitik","tag-schlanker-staat","tag-tietmeyer-hans"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2625","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2625"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2625\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":49382,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2625\/revisions\/49382"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2625"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2625"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2625"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}