{"id":26262,"date":"2015-05-29T08:51:23","date_gmt":"2015-05-29T06:51:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26262"},"modified":"2019-05-22T12:09:19","modified_gmt":"2019-05-22T10:09:19","slug":"zur-kontinuitaet-amerikanischer-interventionen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26262","title":{"rendered":"Zur Kontinuit\u00e4t amerikanischer Interventionen"},"content":{"rendered":"<p>Amerikakritik ist en vogue. Sp&auml;testens seit dem Irakkrieg 2003 und noch mehr seit den Enth&uuml;llungen &uuml;ber Folterprogramme und NSA-&Uuml;berwachung ist sie in Deutschland mehrheitsf&auml;hig geworden. Die Ablehnung solcher Exzesse ist weitgehender Konsens in der Bev&ouml;lkerung &ndash; und der damit einhergehende Imageschaden f&uuml;r die USA l&auml;ngst viel mehr als ein PR-Problem. Von <strong>Paul Schreyer<\/strong> [<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26262#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>]<br>\n<!--more--><br>\nAuf der anderen Seite erscheint es kaum &uuml;berraschend, wenn mancher Beobachter angesichts immer neuer Enth&uuml;llungen &uuml;ber Missetaten und Rechtsbr&uuml;che der USA mittlerweile genervt abwinkt. Ist es nicht selbstgerecht, so h&ouml;rt man, immer nur mit dem Finger auf Washington zu weisen? Sind die machtpolitischen Bestrebungen Putins nicht mindestens ebenso verwerflich? Fallen die Verdienste der USA bei all dem nicht unter den Tisch?<\/p><p>In dieser Situation und Stimmungslage ist nun ein Buch erschienen, das solchen Gedanken mit n&uuml;chternen Fakten entgegentritt &ndash; so sachlich und unpolemisch, dass ein Hinweis darauf angemessen erscheint, damit das Werk nicht lediglich mit einem Schulterzucken zur Kenntnis genommen wird, sondern mit einem dem Buch zu w&uuml;nschenden neugierigen Interesse. <\/p><p>Denn Armin Wertz, ehemals Autor f&uuml;r Spiegel und Stern, hat mit <a href=\"http:\/\/www.westendverlag.de\/buecher-themen\/programm\/die-weltbeherrscher-armin-wertz.html\">&ldquo;Die Weltbeherrscher&rdquo;<\/a> ein Lexikon amerikanischer Auslandseins&auml;tze vorgelegt, dass neben seiner N&uuml;chternheit allein schon durch seinen Umfang beeindruckt. In kurzen Abschnitten schildert er in chronologischer Reihenfolge hunderte (!) milit&auml;rische und geheimdienstliche Operationen der USA im Ausland, die mal mehr, mal weniger verdeckt, die Politik in den jeweiligen Staaten in die gew&uuml;nschte Richtung lenken sollten. Die Palette reicht von der direkten bewaffneten Intervention &uuml;ber den unterst&uuml;tzten Staatsstreich bis zu geheimen Finanzierungen und N&ouml;tigungen jeder Art. Im Zeitraum von 1794 bis 2014 wird so gut wie jede derartige Operation der USA mit kompakten Angaben gew&uuml;rdigt. <\/p><p>&Uuml;berraschend dabei f&uuml;r den historisch durchschnittlich informierten Leser: die F&uuml;lle der US-Auslandsinterventionen bereits im 19. Jahrhundert. &Uuml;ber 150 Operationen listet das Buch allein f&uuml;r diesen Zeitraum akribisch auf. Die ersten Eintr&auml;ge betreffen noch Indianerland (Ohio 1794) oder spanisches Territorium auf dem Gebiet der heutigen USA (Florida 1795, Texas 1801). Doch zur gleichen Zeit erstreckt sich amerikanisches Interesse eben auch schon weit nach &Uuml;bersee. So nahmen US-Fregatten bereits 1805 Tripolis im heutigen Libyen unter Beschuss, nachdem man sich mit dem dortigen Pascha nicht handelseinig wurde. <\/p><p>&Uuml;berhaupt bekommt der Leser eine Ahnung von den tiefen historischen Wurzeln einiger der heutigen Konfliktherde. Eher kursorisch behandelt, aber doch einen wichtigen Denkansto&szlig; liefernd, verweist Wertz etwa auf den weithin vergessenen Krieg der westlichen Alliierten gegen die junge Sowjetunion von 1918 bis 1922. So hei&szlig;t es dazu:<\/p><p>&ldquo;Pl&ouml;tzlich sahen die Alliierten die M&ouml;glichkeit, die kommunistische Herrschaft in Russland zu beseitigen, ehe sie sich festigen konnte. Im Juli 1918 landeten zwei japanische Divisionen (30.000 bis 40.000 Mann), 7.000 Amerikaner, zwei britische Bataillone, 3.000 Franzosen und Italiener in Wladiwostok (&hellip;). Zur selben bek&auml;mpften Polen, Litauen, Lettland und Estland die sowjetische Regierung an der westrussischen Front und drangen bis Kiew vor. Zugleich hatten sich in Murmansk und Archangelsk 12.000 Mann britischer, verb&uuml;ndeter und 5.000 amerikanischer Truppen verschanzt. (&hellip;)  Als die Niederlage der Alliierten und der wei&szlig;russischen Armee gegen Ende des Jahres 1919 nicht mehr aufzuhalten war, versetzte die New York Times ihre Leser in Angst und Schrecken mit Schlagzeilen wie &lsquo;Rote wollen Krieg mit Amerika&rsquo; (&hellip;) Die USA erkannten die UdSSR erst 1933 diplomatisch an.&rdquo;<\/p><p>Weit entfernt von platten Gleichsetzungen mit der Gegenwart kann man den derzeitigen Konflikt mit Russland vor diesem Hintergrund zumindest als Teil einer hundertj&auml;hrigen &ldquo;Traditionslinie&rdquo; begreifen &ndash; was ja an sich schon ein Erkenntnisgewinn w&auml;re.<\/p><p>Weitere spannende Vorgeschichten finden sich etwa im Falle Syriens, das 1946 unabh&auml;ngig geworden war, und wo die USA unmittelbar darauf, im Zusammenhang mit geplanten Pipelines, massiv verdeckt eingriffen und 1949 den ersten Staatsstreich f&ouml;rderten, der, so Wertz, &ldquo;dauerhafte Folgen f&uuml;r das Land haben, die demokratischen Ans&auml;tze zerst&ouml;ren und zu zunehmend gewaltsameren Milit&auml;rrevolten f&uuml;hren&rdquo; sollte. Die parallelen Vorg&auml;nge im Iran 1953 und im Irak 1958 sind bekannter.<\/p><p>Das Muster dieser gewaltsamen Einflussnahme, das sich in verst&ouml;render Kontinuit&auml;t bis in die Gegenwart zieht &ndash; und sich seit 2001 noch einmal intensiviert hat &ndash; zeigt sehr klar, dass es sich bei den USA um ein Imperium handelt, dessen Beurteilung hierzulande (trotz der eingangs erw&auml;hnten lebendigen aktuellen Kritik) immer noch daran krankt, dass (West-)Deutschland 1945 eben selbst von den USA und ihren Alliierten besetzt wurde und seither vor allem kulturell und im Denken stark von diesem Land gepr&auml;gt ist.<\/p><p>Sp&auml;testens nach der Lekt&uuml;re wird aber klar, dass die F&uuml;hrer der USA ihre Au&szlig;enpolitik nie anders als imperial begriffen haben. Wertz zitiert zu Beginn seines Buches George F. Kennan, einen der Vordenker des Kalten Krieges, der 1948 als Chef des Planungsstabes im US-Au&szlig;enministerium meinte:<\/p><p>&ldquo;Wir sollten aufh&ouml;ren von (&hellip;) unrealistischen Zielen wie Menschenrechten, Anhebung von Lebensstandards und Demokratisierung zu reden. Der Tag ist nicht mehr fern, an dem unser Handeln von n&uuml;chternem Machtdenken geleitet sein muss. Je weniger wir dann von idealistischen Parolen behindert werden, desto besser.&rdquo;<\/p><p>Solche &Uuml;berzeugungen fanden und finden sich nat&uuml;rlich auch im Umkreis der Eliten anderer L&auml;nder. Allerdings offenbaren die F&uuml;lle und Routine der amerikanischen Aktionen doch eine Art Alleinstellungsmerkmal der USA. Lohnend w&auml;re es, zu analysieren, welche &ouml;konomischen oder wom&ouml;glich auch kulturellen Wurzeln die zweifelsfrei dokumentierte besondere Aggressivit&auml;t der US-Politik bedingen. Dies w&auml;re dann gerade kein &ldquo;Antiamerikanismus&rdquo; sondern simple Forschung zum Verst&auml;ndnis einer bedr&uuml;ckenden Realit&auml;t.<\/p><p>Eines der Verdienste des Buches von Armin Wertz besteht daher fraglos darin, diese Realit&auml;t als solche kenntlich zu machen und einen rationalen und sachlichen Blick auf die Fakten amerikanischer Au&szlig;enpolitik der letzten 200 Jahre zu erm&ouml;glichen &ndash; abseits von Verteufelung, aber auch ohne Besch&ouml;nigung.<\/p><p><em>Armin Wertz, &ldquo;Die Weltbeherrscher. Milit&auml;rische und geheimdienstliche Operationen der USA&rdquo;, Westend Verlag, 400 Seiten, 24,99 Euro<\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Paul Schreyer, Jahrgang 1977, ist Autor und freier Journalist, unter anderem f&uuml;r das Magazin Telepolis. Seine Rechercheschwerpunkte sind Sicherheitspolitik (mehrere B&uuml;cher zu 9\/11), sowie zuletzt der Ukrainekonflikt (Buchver&ouml;ffentlichung &ldquo;Wir sind die Guten&rdquo;) und Fragen des Finanzsystems.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Amerikakritik ist en vogue. Sp&auml;testens seit dem Irakkrieg 2003 und noch mehr seit den Enth&uuml;llungen &uuml;ber Folterprogramme und NSA-&Uuml;berwachung ist sie in Deutschland mehrheitsf&auml;hig geworden. Die Ablehnung solcher Exzesse ist weitgehender Konsens in der Bev&ouml;lkerung &ndash; und der damit einhergehende Imageschaden f&uuml;r die USA l&auml;ngst viel mehr als ein PR-Problem. 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