{"id":26287,"date":"2015-06-01T10:34:14","date_gmt":"2015-06-01T08:34:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26287"},"modified":"2019-07-31T12:30:07","modified_gmt":"2019-07-31T10:30:07","slug":"die-krise-in-griechenland-kein-mangel-an-absurden-erklaerungsversuchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26287","title":{"rendered":"Die Krise in Griechenland: Kein Mangel an absurden Erkl\u00e4rungsversuchen"},"content":{"rendered":"<p>Eine Schnellsch&auml;tzung von <a href=\"http:\/\/ec.europa.eu\/eurostat\/documents\/2995521\/6829208\/2-13052015-BP-DE.pdf\/d78a6f9a-e5c2-4738-9515-907916a9e6f6\">Eurostat [PDF &ndash; 63,5 KB]<\/a>,  dem statistischen Amt der Europ&auml;ischen Union, ergab in der vorletzten Woche, dass das saisonbereinigte reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Griechenland im ersten Quartal 2015 im Vergleich zum Vorquartal um 0,2 Prozent gesunken ist. Da die Wirtschaftsleistung des Landes bereits im vierten Quartal 2014 um 0,4 Prozent geschrumpft war, befindet sich Griechenland nach einer g&auml;ngigen Definition damit wieder in einer Rezession (zwei Minus-Quartale in Folge). Von <strong>G&uuml;nther Grunert<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26287#foot_0\" name=\"note_0\">*<\/a>].<br>\n<!--more--><br>\nDabei hatten Politik und Medien hierzulande noch Mitte November letzten Jahres die angebliche wirtschaftliche Wende in Griechenland gefeiert: Damals waren gerade von Eurostat die neuesten Wachstumsraten des BIP f&uuml;r das dritte Quartal 2014 publiziert worden, nach denen Griechenland (zusammen mit Slowenien) mit einem realen BIP-Wachstum von 0,7 Prozent gegen&uuml;ber dem Vorquartal die Spitzenposition im Euroraum einnahm.[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] Entsprechend gro&szlig; war der Jubel: Vom &bdquo;Wachstumschampion der Eurozone&ldquo; (<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/griechenland-waechst-schneller-als-alle-euro-laender-a-1002946.html\">Spiegel online<\/a>), vom &bdquo;&Uuml;berraschungssieger&ldquo; Griechenland (<a href=\"http:\/\/www.deutschlandfunk.de\/bip-in-der-eurozone-ueberraschungssieger-und.769.de.html?dram:article_id=303252\">Deutschlandfunk<\/a>) und davon, dass sich die Reformen nun auszahlten, war die Rede. Andreas Scheuerle von der Dekabank glaubte gar einen allgemeinen Trend zu erkennen: &bdquo;Die L&auml;nder, die in Europa Reformen vorangebracht haben, die zeichnen sich jetzt durch hohe Wachstumsraten aus. Und das ist schon einmal eine ganz gute Botschaft&ldquo; (<a href=\"http:\/\/www.deutschlandfunk.de\/bip-in-der-eurozone-ueberraschungssieger-und.769.de.html?dram:article_id=303252\">Deutschlandfunk<\/a>).<\/p><p>Seit sich die wirtschaftliche Lage Griechenlands im letzten Quartal 2014 wieder verschlechtert hat, ist auch das Lob f&uuml;r die &bdquo;vorangebrachten Reformen&ldquo; verstummt. Nun wird wieder das genaue Gegenteil behauptet, n&auml;mlich, dass wirkliche Reformen in Griechenland bislang noch gar nicht stattgefunden h&auml;tten. So kritisiert etwa <a href=\"http:\/\/www.tt.com\/home\/9954220-91\/bundesbank-chef-fordert-mehr-reformeifer-in-griechenland.csp\">Jens Weidmann<\/a>, der Pr&auml;sident der Deutschen Bundesbank, die Reformbem&uuml;hungen Griechenlands als unzureichend, und der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel schreckt laut <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/griechenland-sigmar-gabriel-lockt-mit-drittem-hilfspaket-a-1034098.html\">Spiegel online<\/a> bei seiner Mahnung an Griechenland, nun endlich aktiv zu werden, selbst vor einer versteckten Drohung nicht zur&uuml;ck: &bdquo;Ein drittes Hilfspaket f&uuml;r Athen ist nur m&ouml;glich, wenn die Reformen auch umgesetzt werden&ldquo;. Sehr beliebt ist in diesem Zusammenhang bei deutschen Politikern aller Parteien (au&szlig;er vielleicht der Linken) die Aufforderung an die angeblich reformunwilligen Griechen, statt zu lamentieren erst einmal ihre &bdquo;Hausaufgaben zu machen&ldquo; (vgl. z.B. <a href=\"http:\/\/www.joachim-pfeiffer.info\/index.php?we_objectID=4987\">hier<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.abendzeitung-muenchen.de\/inhalt.az-interview-markus-soeder-griechenland-beginnt-zu-nerven.5126a4c5-a279-4cd9-910e-18e496049ea1.html\">hier<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/!5015747\/\">hier<\/a> oder <a href=\"http:\/\/www.gn-online.de\/Nachrichten\/Gruenen-Chefin-zu-Griechenland-Gegenseitige-Vorwuerfe-beenden-102504.html\">hier<\/a>). Offenbar ist noch niemandem aufgefallen, wie sehr gerade dieser herablassende und dumme Spruch, der wie die Zurechtweisung eines uneinsichtigen Sch&uuml;lers klingt, dazu beitr&auml;gt, das Bild des deutschen Oberlehrers in der Eurozone zu festigen.<\/p><p>Und selbstverst&auml;ndlich ist an dem erneuten Einbruch der griechischen Wirtschaft die Regierung Tsipras schuld, auch wenn sie sich erst seit Ende Januar 2015 im Amt befindet, das Negativwachstum aber schon im vierten Quartal 2014 begonnen hat. So behauptet etwa Christian Schulz vom Bankhaus Berenberg laut <a href=\"http:\/\/www.finanzen.net\/nachricht\/aktien\/Kein-Aufschwung-Griechische-Wirtschaft-rutscht-erneut-in-die-Rezession-4339302\">finanzen.net<\/a>: &bdquo;Wie erwartet hat der desastr&ouml;se Start der griechischen Regierung das Land von einer beginnenden Erholung zur&uuml;ck in die Rezession gef&uuml;hrt&ldquo; (&auml;hnlich die Welt vom 8. 4. 2015: &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.welt.de\/wirtschaft\/article139250110\/So-wuergt-Tsipras-den-griechischen-Aufschwung-ab.html\">So w&uuml;rgt Tsipras den griechischen Aufschwung ab<\/a>&ldquo;).<\/p><p>Bundesfinanzminister Wolfgang Sch&auml;uble nimmt demgegen&uuml;ber zumindest zur Kenntnis, dass der offizielle R&uuml;ckfall der griechischen Wirtschaft in die Rezession schon Monate vor dem Amtsantritt der von Syriza gef&uuml;hrten Regierung begonnen hat. Aber das &auml;ndert seiner Meinung nach nichts an der Verantwortung der Regierung Tsipras: Bis zum Herbst des letzten Jahres &ndash; so Sch&auml;uble &ndash; habe sich die Wirtschaft Griechenlands besser entwickelt, als dies von allen Experten vorhergesehen worden sei. &bdquo;Die neue Regierung hat dann im Wahlkampf und nach der Wahl alle guten Zahlen zerst&ouml;rt&ldquo;, zitiert die <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/wirtschaft\/euro-zone-schaeuble-fuerchtet-sich-nicht-vor-euro-austritt-griechenlands-1.2437395\">S&uuml;ddeutsche Zeitung<\/a> den Finanzminister. So ist sie, diese Syriza: Bevor sie &uuml;berhaupt an der Regierung ist, hat sie die griechische Wirtschaft bereits in den Ruin getrieben, allein durch ihren Wahlkampf!<\/p><p>Man muss einen solchen Unsinn nicht kommentieren; er kommentiert sich selbst. Aber auch die anderen, oben genannten &bdquo;Argumente&ldquo; erweisen sich bei genauerer Betrachtung als substanzlos. Das gilt zun&auml;chst f&uuml;r die Behauptung Sch&auml;ubles und vieler anderer, die griechische Wirtschaft habe sich vor ihrem Einbruch im vierten Quartal 2014 in einem stabilen Aufschwung befunden. Wir haben an anderer Stelle (Grunert 2015) schon zu Anfang dieses Jahres darauf hingewiesen &ndash; und vorher schon der australische &Ouml;konom Bill Mitchell (2014) &ndash; , dass das vielumjubelte reale Wachstum Griechenlands im dritten Quartal 2014 vermutlich prim&auml;r darauf zur&uuml;ckzuf&uuml;hren ist, dass in Griechenland zu dieser Zeit die Preise bereits schneller sanken als die Einkommen[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] (vgl. dazu auch <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/griechenland-tsipras-sieht-schoenung-der-wachstumszahlen-zu-recht-a-1012765.html\">Spiegel online<\/a> vom 13.1.2015). Die griechische Wirtschaft befand sich also in einer offenen Deflation und nicht etwa am Beginn einer dynamischen und nachhaltigen Aufw&auml;rtsbewegung. Die Erfolge der &bdquo;Reformpolitik&ldquo;, der &bdquo;gute Weg&ldquo;, auf dem sich Griechenland nach Sch&auml;ubles Ansicht im letzten Jahr bereits befand, sind mithin reine Illusion.<\/p><p>Kaum noch nachvollziehbar ist dar&uuml;ber hinaus die Behauptung, die Probleme Griechenlands resultierten daraus, dass die griechische Regierung &bdquo;keinen entschlossenen Reformkurs&ldquo; (so auch Gr&uuml;nen-Fraktionschef Anton Hofreiter in der <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/news\/politik\/eu-hofreiter-vermisst-echte-reformen-in-griechenland-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-150418-99-00584\">S&uuml;ddeutschen Zeitung<\/a>) fahre. So zeigt etwa eine neue Studie von Giannitsis\/Zografakis, dass in Griechenland zwischen 2008 und 2012 die gesamten zu versteuernden Einkommen aller Haushalte um 22,6 Prozent, die gesamten Lohneinkommen gar um 27,4 Prozent gesunken sind (Giannitsis\/Zografakis 2015, S. 24ff). Letzteres ist zu einem wesentlichen Teil eine Folge der radikalen Flexibilisierung des Arbeitsmarktes in Griechenland, die u.a. mit einer Lockerung des K&uuml;ndigungsschutzes, einer Senkung des Mindestlohns im Privatsektor um 22 Prozent, einer Schw&auml;chung der Tarifvertragsstrukturen und einer Reduzierung der Abfindungen einherging.<\/p><p>Die Zahl der im &ouml;ffentlichen Sektor besch&auml;ftigten Arbeitnehmer ist seit 2009 &ndash; je nach Abgrenzung &ndash; zwischen 20 Prozent und &uuml;ber 30 Prozent verringert worden[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>], zus&auml;tzlich kam es seit 2010 zu deutlichen j&auml;hrlichen Budgetk&uuml;rzungen im &ouml;ffentlichen Bildungs- und Gesundheitswesen, im Transportwesen und bei den staatlichen Sozialleistungen. Viele Verm&ouml;genswerte in Staatsbesitz sind mittlerweile privatisiert worden (Polychroniou 2015). Nach einer erst j&uuml;ngst erschienenen Analyse der konservativen Industriel&auml;nderorganisation OECD, die mit Hilfe eines &bdquo;Reform Responsiveness&ldquo;-Indikators (zur Berechnung vgl. OECD 2015, S. 106) die Reformintensit&auml;t insgesamt in den OECD-L&auml;ndern im Zeitraum 2007 bis 2014 vergleicht, weist Griechenland die h&ouml;chste Reformaktivit&auml;t aller in die Untersuchung einbezogenen 30 L&auml;nder aus und liegt damit weit vor Deutschland, das abgeschlagen auf dem vierundzwanzigsten Platz rangiert (vgl. Abbildung 1).<\/p><p><em>Abbildung 1: Reformintensit&auml;t insgesamt im Zeitraum 2007 bis 2014<\/em><\/p><p><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/150601_griechenland_01.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/150601_griechenland_01_small.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/a><\/p><p><em>Quelle: OECD 2015, S. 109<\/em><\/p><p>Wenn es wirklich stimmte, dass die Reformt&auml;tigkeit in einem Land sein Wirtschaftswachstum ma&szlig;geblich positiv beeinflusst, h&auml;tte Griechenland ein wahres Wachstumswunder erleben m&uuml;ssen. In jedem Fall aber geht die Behauptung, die Reformbereitschaft in Griechenland sei unzureichend und die wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Landes seien darauf zur&uuml;ckzuf&uuml;hren, dass es sich weigere, seine &bdquo;Hausaufgaben zu machen&ldquo;, komplett an der Realit&auml;t vorbei.<\/p><p>Dabei sind die Wachstumszahlen Griechenlands eigentlich sehr einfach zu interpretieren, wenn man die ideologischen Scheuklappen ablegt (vgl. zum Folgenden auch Flassbeck 2015a, 2015b). Wie aus Abbildung 2 hervorgeht, verzeichnete Griechenland von Anfang 1995 bis zum globalen Einbruch im Zuge der &bdquo;gro&szlig;en Rezession&ldquo;, die im Jahr 2008 begann, eine durchaus erfolgreiche Wirtschaftsentwicklung &ndash; trotz der Vielzahl vermeintlicher struktureller Hemmnisse (zu denen oft auch Steuerhinterziehung und Korruption gez&auml;hlt werden), die ja nicht schlagartig erst mit Beginn der Finanzkrise aufgetreten sind.<\/p><p><em>Abbildung 2: Viertelj&auml;hrliche Wachstumsrate des realen BIP in Griechenland &ndash; Prozentuale Ver&auml;nderung gegen&uuml;ber dem Vorquartal<\/em><\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/150601_griechenland_02.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p><em>Quelle: Mitchell 2015<\/em><\/p><p>Anders als etwa Deutschland reagierte Griechenland, das bereits ein gro&szlig;es staatliches Budgetdefizit, einen hohen &ouml;ffentlichen Schuldenstand und hohe Leistungsbilanzdefizite aufwies, nicht mit staatlichen Konjunkturprogrammen auf den massiven wirtschaftlichen Einbruch und geriet immer tiefer in die Krise und immer mehr unter den Druck der Finanzm&auml;rkte, an denen die Anleger schlie&szlig;lich prohibitiv hohe Zinss&auml;tze von Athen verlangten.[<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>]<\/p><p>Dann kam die &bdquo;Rettung&ldquo; durch die Troika in Form von Hilfsprogrammen (das erste Programm im Mai 2010) &ndash; verkn&uuml;pft mit rigiden Sparauflagen, die wesentlich auf Bestreben der deutschen Bundesregierung zustande kamen. Diese &ouml;konomisch widersinnigen Auflagen f&uuml;r die Hilfsgelder st&uuml;rzten die bereits durch die globale Finanzkrise angeschlagene griechische Wirtschaft in die Katastrophe. Wie aus Abbildung 2 ersichtlich, sank das reale BIP in Griechenland ab Mitte 2009 18 Quartale hintereinander (wie oben erw&auml;hnt, befindet sich ein Land nach einer g&auml;ngigen Definition bereits in der Rezession, wenn seine Wirtschafsleistung nur zwei Quartale in Folge r&uuml;ckl&auml;ufig ist). Das reale BIP ist damit heute um rund ein Viertel niedriger als bei seinem H&ouml;chststand vor Rezessionsbeginn im Jahre 2008.<\/p><p>Der Umfang des &ouml;konomischen Niedergangs und die Folgen f&uuml;r die Zukunft Griechenlands zeigen sich noch deutlicher am Arbeitsmarkt (dazu ausf&uuml;hrlicher Antonopoulos et al. 2015). So sank die Gesamtzahl der Besch&auml;ftigten in Griechenland von 2008 bis zum dritten Quartal 2014 um mehr als eine Million. Dies entspricht einem R&uuml;ckgang von rund 23 Prozent.[<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>] Das Tempo der Arbeitsplatzverluste erh&ouml;hte sich dabei mit Beginn der Austerit&auml;tsjahre: Rund 77 Prozent des Besch&auml;ftigungsr&uuml;ckgangs entfallen auf den Zeitraum 2010 bis 2014 (vgl. auch Abbildung 3).<\/p><p><em>Abbildung 3: Gesamtbesch&auml;ftigung in Griechenland, 1998 bis 2014<\/em><\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/150601_griechenland_03.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p><em>Quelle: Antonopoulos et al. 2015, S.6<\/em><\/p><p>Zwar fiel die Zahl der Arbeitslosen in Griechenland zuletzt leicht von 1,32 Millionen im dritten Quartal 2013 auf 1,23 Millionen im gleichen Quartal 2014 (nachdem sie im Jahr 2008 im selben Zeitraum nur knapp 364 000 betragen hatte), aber der Anteil der Langzeitarbeitslosen, d.h. der Anteil derjenigen, die seit vier oder mehr Jahren ohne Job sind, stieg von 18,2 auf 25,1 Prozent (Antonopoulos et al. 2015, S. 10). Das ist eine fatale Entwicklung, da sich bei fortdauernder Langzeitarbeitslosigkeit f&uuml;r die Betroffenen die Chancen auf Wiedereinstellung aufgrund von Qualifikationsverlusten und negativer Signale an potenzielle Arbeitgeber immer mehr verringern.<\/p><p>Bedenkt man dar&uuml;ber hinaus, dass die Jugendarbeitslosenquote in Griechenland immer noch bei &uuml;ber 50 Prozent liegt, also ein Gro&szlig;teil der Jugend vom Erwerb von Qualifikationen, Fertigkeiten, Erfahrungen und Arbeitseinstellungen f&uuml;r eine erfolgreiche sp&auml;tere Berufst&auml;tigkeit ausgeschlossen ist, und dass die Bev&ouml;lkerung im erwerbsf&auml;higen Alter (15 &ndash; 74 Jahre) &ndash; nach einem H&ouml;chststand von 8,48 Millionen im vierten Quartal 2007 &ndash; seit Beginn der Krise wegen mangelnder Arbeitskr&auml;ftenachfrage und daraus resultierender Emigration gerade qualifizierter griechischer Arbeitskr&auml;fte kontinuierlich um 0,5 bis 1 Prozentpunkte pro Jahr abnimmt (Antonopoulos et al. 2015, S. 5), so offenbart sich das ganze Ausma&szlig; des &ouml;konomischen und menschlichen Desasters, das die verfehlte Austerit&auml;tspolitik in Griechenland angerichtet hat und dessen Folgen dort noch jahrzehntelang sp&uuml;rbar sein werden.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Literatur<\/strong><\/p><ul>\n<li><strong>Antonopoulos, R.\/Adam, S.\/Kim, K.\/Masterson, T.\/Papadimitriou, D.B.<\/strong> (2015): <a href=\"http:\/\/www.levyinstitute.org\/pubs\/rpr_may_15.pdf\">Responding to the Unemployment Challenge: A Job Guarantee Proposal for Greece &ndash; An Addendum [PDF &ndash; 734 KB]<\/a>, Research Project Report, May, Levy Economics Institute; letzter Zugriff: 27.05.2015<\/li>\n<li><strong>Flassbeck, H.<\/strong> (2015a): <a href=\"http:\/\/www.flassbeck-economics.de\/der-gute-weg-griechenlands-die-troika-und-die-zukunft-der-ewu\/\">Der &ldquo;gute Weg&rdquo; Griechenlands, die Troika und die Zukunft der EWU<\/a>, flassbeck-economics; letzter Zugriff: 27.05.2015<\/li>\n<li><strong>Flassbeck, H.<\/strong> (2015b): <a href=\"http:\/\/www.flassbeck-economics.de\/griechenland-bashing-2-0-wieder-wird-manipuliert-allerdings-ein-wenig-feiner\/\">Griechenland-Bashing 2.0 &ndash; wieder wird manipuliert, allerdings ein wenig feiner<\/a>, flassbeck economics; letzter Zugriff: 27.05.2015<\/li>\n<li><strong>Giannitsis, T.\/Zografakis, S.<\/strong> (2015): <a href=\"http:\/\/www.boeckler.de\/pdf\/p_imk_study_38_2015.pdf\">Greece: Solidarity and Adjustment in Times of Crisis [PDF &ndash; 2.1 MB]<\/a>, IMK Study 38, letzter Zugriff: 27.05.2015<\/li>\n<li><strong>Grunert, G.<\/strong> (2015): <a href=\"http:\/\/www.flassbeck-economics.de\/griechenland-als-wachstumssieger-zurueck-in-die-krise\/\">Griechenland: Als Wachstumssieger zur&uuml;ck in die Krise?<\/a>, flassbeck-economics; letzter Zugriff: 27.05.2015<\/li>\n<li><strong>Mitchell, B.<\/strong> (2014): <a href=\"http:\/\/bilbo.economicoutlook.net\/blog\/?p=29740\">Alleged Greek growth could be an illusion<\/a>; letzter Zugriff: 27.05.2015<\/li>\n<li><strong>Mitchell, B.<\/strong> (2015): <a href=\"http:\/\/bilbo.economicoutlook.net\/blog\/?p=30932\">Friday lay day &ndash; Greece back in recession but austerity works doesn&rsquo;t it?<\/a>; letzter Zugriff: 27.05.2015<\/li>\n<li><strong>OECD<\/strong> (2015): Economic Policy Reforms 2015 &ndash; Going for Growth, Paris<\/li>\n<li><strong>Polychroniou, C.J.<\/strong> (2015): <a href=\"http:\/\/www.aljazeera.com\/indepth\/opinion\/2015\/03\/greece-overtures-russia-sideshow-150324124659660.html\">Greece&rsquo;s overtures to Russia may not be a sideshow<\/a>, Al Jazeera; letzter Zugriff: 27.05.2015<\/li>\n<\/ul><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_0\" name=\"foot_0\">&laquo;*<\/a>] Grunert, G&uuml;nther, Dr., geb. 1955, ist an den Berufsbildenden Schulen der Stadt Osnabr&uuml;ck am Pottgraben vor allem im Bereich Berufs- und Fachoberschule Wirtschaft t&auml;tig. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Makro&ouml;konomie, internationale Wirtschaftsbeziehungen, Arbeitsmarkt.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Nach den revidierten Daten von Mai 2015 liegt Griechenland im dritten Quartal 2014 allerdings nur noch auf dem dritten Platz in der Liste der wachstumsst&auml;rksten Eurol&auml;nder.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Etwas genauer: F&uuml;r die Wachstumsraten g (= prozentuale &Auml;nderung) gilt n&auml;herungsweise: g BIPr = g BIPn &ndash; g P. Dies hei&szlig;t, dass die Wachstumsrate des realen BIP (g BIPr) ungef&auml;hr (nicht mathematisch exakt, aber das spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle) der Differenz zwischen der Wachstumsrate des nominalen BIP (g BIPn) und der Wachstumsrate des gesamtwirtschaftlichen Preisniveaus (g P), also der Inflationsrate, entspricht. Betr&auml;gt also beispielsweise in einer Volkswirtschaft die Wachstumsrate des nominalen BIP -2 Prozent, die Inflationsrate gleichzeitig -3 Prozent (herrscht also Deflation vor), so ist die Wachstumsrate des realen BIP = +1 Prozent: 1 = -2 &ndash; (-3).<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Anders als oft behauptet war der &ouml;ffentliche Sektor in Griechenland nie &uuml;berdimensioniert; vielmehr unterschied sich seine Gr&ouml;&szlig;e nicht wesentlich von der in anderen EU-L&auml;ndern. So betrug nach Daten der ILO (International Labour Organization) in Griechenland im Jahr 2010 der Anteil der Besch&auml;ftigten im &ouml;ffentlichen Sektor an der Gesamtzahl der Besch&auml;ftigten 22,3 Prozent. Die entsprechenden Vergleichswerte f&uuml;r z.B. Frankreich und das Vereinigte K&ouml;nigreich lagen bei 20 resp. 25,1 Prozent (Antonopoulos et al. 2015, S.6).<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Ein souver&auml;ner Staat, der seine eigene W&auml;hrung emittiert (also etwa der Staat der USA), kann stets seinen in dieser W&auml;hrung denominierten Verbindlichkeiten nachkommen und deshalb nicht pleitegehen. Anders sieht es bei Griechenland aus, das mit dem Eintritt in die Eurozone seine W&auml;hrungssouver&auml;nit&auml;t aufgegeben hat und stattdessen eine Fremdw&auml;hrung (den Euro) verwendet. Der griechische Staat ist damit ebenso wie die Staaten aller anderen Eurol&auml;nder dem Risiko der Zahlungsunf&auml;higkeit ausgesetzt. Zu viele Schulden schrecken die Finanzm&auml;rkte auf und f&uuml;hren zu steigenden Risikoaufschl&auml;gen f&uuml;r die Anleihen der betroffenen Staaten. Letztendlich h&auml;tte die Befreiung Griechenlands und der anderen Euro-Krisenl&auml;nder aus ihrer wirtschaftlichen Notlage eine radikale &Auml;nderung der Fiskal- und vor allem der Lohnpolitik in den &uuml;brigen Eurol&auml;ndern (und hier insbesondere in Deutschland) sowie eine st&auml;rkere Unterst&uuml;tzung durch die Europ&auml;ische Zentralbank (sofortige Ank&uuml;ndigung eines notfalls unbegrenzten Ankaufs von Staatsanleihen Griechenlands und der anderen Krisenl&auml;nder, um damit den desastr&ouml;sen, g&auml;nzlich verselbstst&auml;ndigten Zinsanstieg zu stoppen) erfordert. Dies blieb jedoch aus.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] Berechnet als der Unterschied zwischen der (Jahres-) Besch&auml;ftigung 2008 und der durchschnittlichen Besch&auml;ftigung von Januar bis September 2014 (nach ELSTAT, der griechischen Statistikbeh&ouml;rde).<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Schnellsch&auml;tzung von <a href=\"http:\/\/ec.europa.eu\/eurostat\/documents\/2995521\/6829208\/2-13052015-BP-DE.pdf\/d78a6f9a-e5c2-4738-9515-907916a9e6f6\">Eurostat [PDF &ndash; 63,5 KB]<\/a>, dem statistischen Amt der Europ&auml;ischen Union, ergab in der vorletzten Woche, dass das saisonbereinigte reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Griechenland im ersten Quartal 2015 im Vergleich zum Vorquartal um 0,2 Prozent gesunken ist. Da die Wirtschaftsleistung des Landes bereits im vierten Quartal 2014 um 0,4 Prozent geschrumpft<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26287\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[105,13,139,173,133],"tags":[423,1187,1021,312,479,1224,402],"class_list":["post-26287","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aktuelles","category-denkfehler-wirtschaftsdebatte","category-euro-und-eurokrise","category-griechenland","category-wichtige-wirtschaftsdaten","tag-austeritaetspolitik","tag-deflation","tag-eurostat","tag-reformpolitik","tag-reservearmee","tag-syriza","tag-wachstum"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26287","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=26287"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26287\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53859,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26287\/revisions\/53859"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=26287"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=26287"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=26287"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}