{"id":263,"date":"2005-11-02T17:16:43","date_gmt":"2005-11-02T16:16:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=263"},"modified":"2016-03-01T10:48:14","modified_gmt":"2016-03-01T09:48:14","slug":"die-einfuhrung-von-allgemeinen-studiengebuhren-ist-ein-beispiel-fur-einen-gesellschaftspolitischen-paradigmenwechsel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=263","title":{"rendered":"Die Einf\u00fchrung von allgemeinen Studiengeb\u00fchren ist ein Beispiel f\u00fcr einen gesellschaftspolitischen Paradigmenwechsel"},"content":{"rendered":"<p>Dr. Wolfgang Lieb, Staatssekret&auml;r a.D., Mitherausgeber der NachDenkSeiten. Thesenpapier zur Anh&ouml;rung im Plenarsaal des Landtags von Baden-W&uuml;rttemberg am 28. Oktober 2005, 10 &ndash; 13 Uhr.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>I.<\/strong><\/p><p>Die Einf&uuml;hrung von Studiengeb&uuml;hren ist ein Beispiel f&uuml;r einen gesellschaftlichen <strong>Paradigmenwechsel<\/strong> auch auf dem Feld der Hochschulpolitik.<\/p><p>Seit den 60er Jahren bis &uuml;ber die Jahrhundertwende 2002 &ndash; also etwa dem Jahr der gesetzlichen Verankerung der &bdquo;Studiengeb&uuml;hrenfreiheit&ldquo; im HRG &ndash; gab es in Bund und L&auml;ndern eine gro&szlig;e politische Mehrheit, die ein Studium als ein <strong>&ouml;ffentliches, gemeinn&uuml;tziges Gut behandelte, dessen F&ouml;rderung ein allgemeines Anliegen ist und eine &ouml;ffentliche Aufgabe zu sein hat<\/strong>.<\/p><p>Dieses Leitbild war ausgel&ouml;st durch den Sputnik-Schock Ende der 50er Jahre und kulminierend in Georg Pichts Alarmruf in seinem Buch &bdquo;Die Bildungskatastrophe&ldquo; &uuml;ber vier Dekaden zu einem stabilen gesellschaftlichen Konsens geworden, der von allen Parteien, den Hochschulen, der KMK, dem Bundesverfassungsgericht, ja sogar von den Wirtschaftsverb&auml;nden getragen wurde. <\/p><p>In einem historisch einmaligen Schub, wurden in den 70er und 80er Jahren Hochschulen ausgebaut und Ausbildungsreformen angesto&szlig;en. Mit massiver Bildungswerbung wurden einerseits die Ausbildungsf&ouml;rderung (das Baf&ouml;g) eingef&uuml;hrt und andererseits Bildungsbarrieren wie H&ouml;rer- oder Kolleggelder abgeschafft. <\/p><p>Beginnend mit dem &bdquo;Scheidungsbrief&ldquo; des Grafen Lambsdorff und der Aufk&uuml;ndigung der sozial-liberalen Koalition 1982 setzte sich ein von der neoklassischen, angebotsorientierten &ouml;konomischen Lehre gepr&auml;gtes zun&auml;chst nur auf die Wirtschaft bezogenes, mehr und mehr aber auch die Politik und die &Ouml;ffentliche Meinung beeinflussendes &bdquo;libert&auml;res&ldquo; (Thomas Meyer) gesellschaftliches Leitbild durch.<br>\nAngesto&szlig;en von den Wirtschaftsverb&auml;nden und ihrer Lobbyorganisation auf dem Feld der Wissenschaft &ndash; dem Stifterverband f&uuml;r die Deutsche Wissenschaft &ndash; beraten u.a. vom Bertelsmann Centrum f&uuml;r Hochschulentwicklung (CHE) setzte sich eine &ouml;konomische, genauer m&uuml;sste man sagen, eine betriebswirtschaftliche Betrachtungsweise eines Studium durch:<\/p><p>Wissenschaftliche Qualifizierung wurde nicht mehr &uuml;berwiegend als Fundament f&uuml;r die technologische Innovation und Leistungsf&auml;higkeit der Volkswirtschaft und als Element des wissenschaftlichen Fortschritts und der demokratischen Teilhabe und der kulturellen Entwicklung der Gesellschaft verstanden, sondern als eine <strong>private Investition in die pers&ouml;nliche Zukunft, die sp&auml;ter durch eine h&ouml;heres berufliches Einkommen eine individuelle Rendite abwirft<\/strong>. <\/p><p><strong>II.<\/strong><\/p><p>Gegen Studiengeb&uuml;hren sprechen &ouml;konomische, soziale und rechtspolitische Argumente.<br>\nIch kann mir ersparen, auf viele der kritischen Argumente im einzelnen einzugehen und verweise dazu ausdr&uuml;cklich auf das <a href=\"?p=163\">hervorragende Argumentationspapier<\/a> des Arbeitskreises VIII &bdquo;Wissenschaft, Forschung und Kunst&ldquo; der SPD-Landtagsfraktion, das ihnen hoffentlich vorliegt.<\/p><p>Ich beziehe mich ausdr&uuml;cklich darauf und versuche mich auf solche Argumente zu beschr&auml;nken, die dort nicht weiter ausgef&uuml;hrt wurden bzw. ich bem&uuml;he mich, auf den Fragekatalog einzugehen, den mir Helmut Seidel im Auftrag von Claus Wichmann f&uuml;r diese Anh&ouml;rung hat zukommen lassen.<\/p><p>Welches Staatsverst&auml;ndnis und welches Gesellschaftsbild steckt hinter diesem Paradigmenwechsel? <\/p><p>Vor allem im Bereich der Bildung hatte sich ab den 60gern eine historisch gl&uuml;ckliche Konstellation zusammen gefunden, zwischen<\/p><ol>\n<li>Vertretern eines aktiven liberalen B&uuml;rgerrechts auf Bildung (Hildegard Hamm-Br&uuml;cher),<\/li>\n<li>des sozialdemokratischen Denkansatzes der Verwirklichung von politischen, sozialen und wirtschaftlichen Grund- und Teilhaberechte (&bdquo;Mehr Demokratie wagen&ldquo; und &bdquo;Mehr Chancengleichheit schaffen&ldquo;) und<\/li>\n<li>des technokratisch &ouml;konomischen Dr&auml;ngens auf eine Verbesserung des gesellschaftlichen Forschungs- und Technologiepotentials nebst einer besseren Qualifizierung des &bdquo;Humankapitals&ldquo;.<\/li>\n<\/ol><p>Daraus erwuchs das Konzept der Bildungsf&ouml;rderung und eines freien und chancengleichen Zugangs zum Studium. Ein Studium war vom Staat zu f&ouml;rdern und zu gew&auml;hrleisten war, wie es das BverfG formulierte.<\/p><p>Seit dem Bruch der sozial-liberalen Koalition und der Wende der FDP zur CDU und zunehmend in den letzten Jahren verst&auml;rkt haben eher die Kr&auml;fte einer &bdquo;libert&auml;ren Demokratie&ldquo; unser &ouml;ffentliches und politisches Gesellschaftsbild gepr&auml;gt.<\/p><p>Bundespr&auml;sident Horst K&ouml;hler hat in seiner Rede vor dem Arbeitgeberforum am 15. M&auml;rz dieses Jahres in Berlin, diese neue &bdquo;Ordnung der Freiheit&ldquo; trefflich zusammengefasst: <\/p><blockquote><p>Privateigentum, Wettbewerb und offene M&auml;rkte, freie Preisbildung und ein stabiles Geldwesen, eine Sicherung vor den gro&szlig;en Lebensrisiken f&uuml;r jeden und Haftung aller f&uuml;r ihr Tun und Lassen.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Von Sozialstaat, sozialer Gerechtigkeit, von Teilhabe, von Mitbestimmung, von Chancengleichheit oder von &bdquo;sozialer Marktwirtschaft&ldquo; oder von &bdquo;Wohlstand f&uuml;r alle&ldquo; &ndash; wie noch bei Ludwig Ehrhardt &ndash; ist in K&ouml;hlers &bdquo;Ordnung der Freiheit&ldquo; nicht die Rede.<\/p><p>In politisches Alltagsvokabular &uuml;bersetzt, hei&szlig;t das:<\/p><ul>\n<li>Mehr Markt statt mehr Staat, gepaart mit der Forderung nach Zur&uuml;ckdr&auml;ngung staatlicher Aufgabenwahrnehmung. (&bdquo;Starve the biest&ldquo;)<\/li>\n<li>Als Hebel dazu, die Forderung nach Steuersenkungen zur Senkung der Staatsquote,<\/li>\n<li>Konsolidierung des abgesenkten Staatshaushaltes durch Privatisierung von Leistungen der Daseinsvorsorge und Abbau der staatlich garantierten sozialen Sicherungssysteme und deren &Uuml;bertragung in mehr &bdquo;Eigenverantwortung&ldquo; als private Risikovorsorge.<\/li>\n<li>Abbau demokratischer Lenkungsmechanismen, unter dem Stichwort &bdquo;Deregulierung&ldquo; zugunsten einer Steuerung durch den Markt und nach den Effizienzkriterien des Wettbewerbs.<\/li>\n<\/ul><p>&Uuml;bertragen auf das Hochschulwesen hei&szlig;t das: <\/p><p>Weniger staatliche oder weniger b&uuml;rokratische Steuerung und weniger demokratische Mitbestimmung zugunsten von mehr &bdquo;Autonomie&ldquo;, mehr Wettbewerb zur Steigerung der betriebswirtschaftlichen Effizienz, mehr private statt mehr staatliche Finanzierung.<\/p><p>Heruntergebrochen auf das Studium fordert dieses Leitbild:<\/p><ul>\n<li>H&ouml;herer privater Anteil an der Finanzierung der Hochschulen.<\/li>\n<li>Dadurch entstehe ein &bdquo;nachfrage- und preisorientierter Steuerungseffekt&ldquo; auf die Hochschulen. &bdquo;Der Kunde wird K&ouml;nig&ldquo;.<\/li>\n<li>Studiengeb&uuml;hren schafften mehr Wettbewerb unter den Hochschulen und verbesserten dadurch die Qualit&auml;t des Studienangebots.<\/li>\n<li>Die h&ouml;here Kostenbeteiligung der Studierenden f&uuml;hre zu &bdquo;effizienterem Studierverhalten und damit zu k&uuml;rzeren Studienzeiten&ldquo; (So etwa auch die Begr&uuml;ndung des Gesetzentwurfes der hiesigen Landesregierung)<\/li>\n<\/ul><p>Als soziale R&uuml;ckbindung und um sich nicht den Vorwurf eines Versto&szlig;es gegen die Chancengerechtigkeit einzuhandeln, soll die Geb&uuml;hr nat&uuml;rlich &bdquo;sozial vertr&auml;glich&ldquo; sein.<\/p><p>Erlauben Sie mir eine kleine Zwischenbemerkung zu dieser &bdquo;Vertr&auml;glichkeitsrhetorik&ldquo; (van den Daele, 1993):<br>\nWenn derzeit von 100 Kindern hoher sozialer Herkunft, 84 der &Uuml;bergang in die gymnasiale Oberstufe und 72 die Aufnahme eines Studiums gelingt, von 100 Kindern unterer sozialen Herkunft aber nur 33 der &Uuml;bergang in eine weiterf&uuml;hrende Schule und nur noch 8 von 100 die &Uuml;berwindung der Schwelle zum Studium gelingt (DSW Sozialerhebung), dann ist das schon heute weder volkswirtschaftlich vertretbar noch sozial vertr&auml;glich, sondern ein &bdquo;sozial <strong>unertr&auml;glicher<\/strong>&ldquo; bildungspolitischer Skandal. Dem man mit aktiven Ma&szlig;nahmen entgegensteuern m&uuml;sste. <\/p><p><strong>III.<\/strong><\/p><p><strong>Die Einf&uuml;hrung von Studiengeb&uuml;hren ist eine symboltr&auml;chtige gesellschaftspolitische Entscheidung.<\/strong><\/p><p>Mit der Einf&uuml;hrung der Studiengeb&uuml;hr erfolgt ein weiterer Schritt hin zu einer eher libert&auml;ren Staats- und Gesellschaftswirklichkeit.<\/p><p>Eine Abw&auml;gung zwischen libert&auml;rem und wohlfahrtsstaatlichem Gesellschaftsmodell &ndash; wie im Fragekatalog erw&uuml;nscht &ndash; w&uuml;rde meinen Zeitrahmen bei weitem sprengen, deshalb will mich auf die ganz konkrete Frage beschr&auml;nken:<\/p><p>Ist die &ouml;konomische Betrachtungsweise eines Studiums und die Funktion, die dabei Studiengeb&uuml;hren zugeschrieben wird, in sich schl&uuml;ssig und zielf&uuml;hrend?<\/p><p>Man k&ouml;nnte sich zuerst einmal trefflich dar&uuml;ber streiten, ob Hochschulen &bdquo;Wirtschaftsbetriebe&ldquo; sind oder sein sollten, und ob ein Studium ein verk&auml;ufliches Gut darstellt.<br>\nMan k&ouml;nnte auch danach Fragen, ob es nicht gerade bei G&uuml;tern der Daseinsvorsorge ein eklatantes Marktversagen gibt? Wie man das etwa in England nach der Privatisierung der Bahn praktisch erlebt hat.<\/p><p>Aber solche unter ausl&auml;ndischen &Ouml;konomen durchaus heftig diskutierten Fragen sind in Deutschland gegenw&auml;rtig nicht opportun. Im Hochschulbereich werden sie schlicht mit dem Hinweis zur&uuml;ckgewiesen, dass es in den USA &ndash; unter 3000 teilweise sehr schlechten &ndash; ein paar Dutzend Hochschulen gibt, die angeblich besser sind als die unsrigen.<\/p><p>Also fragen wir noch enger nach den immer wieder behaupteten positiven &ouml;konomischen Effekten der Einf&uuml;hrung von Studiengeb&uuml;hren.<\/p><p>Meine These ist:<br>\nDie &ouml;konomischen Begr&uuml;ndungen der Studiengeb&uuml;hr sind ziemlich weit hergeholt oder schlicht falsch oder einfach nur ideologisch.<\/p><p>Die &ouml;konomischen Steuerungseffekte der Studiengeb&uuml;hr sind h&ouml;chst problematisch.<br>\nDie Studiengeb&uuml;hr<\/p><ul>\n<li>f&uuml;hrt a) zu einer Nachfragesenkung nach dem Gut &bdquo;Studium,<\/li>\n<li>es besteht b) die Gefahr einer Fehlsteuerung des Studienangebots der Hochschulen,<\/li>\n<li>und es entsteht c) das Risiko einer Fehlsteuerung der Studienwahl<\/li>\n<\/ul><ol type=\"a\">\n<li>&Uuml;ber ein grundlegendes &ouml;konomisches Gesetz wird im Zusammenhang mit der Studiengeb&uuml;hr merkw&uuml;rdigerweise recht selten gesprochen:<br>\nN&auml;mlich dass eine Erh&ouml;hung des Preises f&uuml;r eine Ware, tendenziell die Nachfrage nach ihr senkt.\n<p>Studiengeb&uuml;hren erh&ouml;hen, neben den derzeit schon hohen direkten und Opportunit&auml;ts-Kosten den &bdquo;Preis&ldquo; f&uuml;r ein Studium und senken damit schon nach &ouml;konomischer Grundlogik die Nachfrage nach einer wissenschaftlichen Ausbildung.<br>\nNach einer Umfrage des Hochschul-Informations-Systems (HIS) sagen schon heute 22 % derjenigen, die sich gegen ein Studium entschieden haben, sie k&ouml;nnten sich Studiengeb&uuml;hren nicht leisten. Die drohenden Geb&uuml;hren k&ouml;nnten auch der Grund sein, warum im vergangenen Wintersemester die Zahl der Studienanf&auml;nger erstmals gesunken ist und zwar deutlich um 5,5%.<\/p>\n<p>Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes kostet ein Studierender den Staat im Durchschnitt 7.170 &euro;. Ungef&auml;hr genauso viel, n&auml;mlich 7.200 &euro;, muss jeder Studierende im Durchschnitt privat f&uuml;r seinen Lebensunterhalt aufbringen. Gerechterweise m&uuml;sste man als privaten Aufwand auch noch das entgangene Einkommen w&auml;hrend des Studiums als private Kosten hinzurechnen. Ein Studium ist also keineswegs &ndash; wie immer wieder so getan wird &ndash; kostenlos.<\/p>\n<p>Welche Barriere die privaten Kosten f&uuml;r die Aufnahme eines Studiums darstellen k&ouml;nnen, kann man aus der historischen Entwicklung ablesen, dass sich seit der Verbesserung des Baf&ouml;gs durch die Bundesregierung im Jahre 1999 der Anteil der Studierenden pro Jahrgang bis heute von 27,7 auf 35,7% <strong>erh&ouml;ht<\/strong> hat.<\/p>\n<p>Deutschland liegt beim Anteil der Bev&ouml;lkerung zwischen 24 &ndash; 35 Jahren, der einen terti&auml;ren Abschluss erreicht hat auf Platz 20 unter den von der OECD verglichenen 29 Staaten. Angesichts zur&uuml;ckgehender Jahrgangsst&auml;rken, kann schon in absehbarer Zeit vor allem im naturwissenschaftlichen Bereich nicht einmal mehr der Ersatzbedarf an wissenschaftlich Qualifizierten befriedigt werden.<br>\nAlle volkswirtschaftlichen Analysen vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) bis zur internationalen OECD sind sich einig: <\/p>\n<p><strong>Wir brauchen mehr Studierende!<\/strong><\/p>\n<p>Wer es ernst meint mit dieser Forderung, darf den Zugang zum Studium nicht erschweren.<\/p>\n<p>Als damals Georg Picht die &bdquo;Bildungskatastrophe&ldquo; ausrief hat man alle Bildungsbarrieren weggerissen. Obwohl seit Jahren wieder ein allgemeines Wehklagen &uuml;ber Quantit&auml;t und Qualit&auml;t unseres Bildungswesens herrscht, werden anders als in den 60\/70er Jahren heute zus&auml;tzliche Barrieren f&uuml;r ein Hochschulstudium aufgerichtet.<\/p>\n<p>Studiengeb&uuml;hren belasten den Aufbau des in Deutschland im internationalen Vergleich ohnehin ungen&uuml;gend entwickelten &bdquo;Humankapitals&ldquo; und sind insoweit ein Produktivit&auml;tshemmnis und eine Innovations- und Wachstumsbremse &ndash; das sagt die wirtschaftsnahe OECD. Doch darum k&uuml;mmern sich unsere betriebswirtschaftlich denkenden Politiker nicht.<\/p>\n<p>Wer meint, dass die sog. &bdquo;nachgelagerte Geb&uuml;hr&ldquo; &ndash; also die R&uuml;ckzahlung eines Kredites nach dem Studium &ndash; die Geldbarriere wegn&auml;hme, sollte sich daran erinnern, dass in der Regierungszeit Kohl das Baf&ouml;g auf Darlehen umgestellt wurde, das f&uuml;hrte von 1982 &ndash;2000 zu einem R&uuml;ckgang des Anteils der Studierenden aus &bdquo;bildungsfernen Schichten&ldquo; von 23 auf 13%.<\/p>\n<p>Wer meint Studiengeb&uuml;hren wirkten studienzeitverk&uuml;rzend, der sollte sich vor Augen halten, dass schon derzeit 67% aller Studierenden neben ihrem Studium einer Erwerbsarbeit nachgehen m&uuml;ssen. Studiengeb&uuml;hren zwingen noch mehr Studierende zu noch l&auml;ngerer Erwerbsarbeit neben dem Studium und wirken dadurch eher studienzeitverl&auml;ngernd.<\/p>\n<p>Wenn Hochschullehrer meinen, Studiengeb&uuml;hren k&ouml;nnten zu einer echten Verbesserung der Finanzausstattung ihrer Hochschulen f&uuml;hren, dann sollten sie angesichts der Spar- und K&uuml;rzungspolitik erst einmal fragen, welche Garantien sie haben, dass ihnen nicht von staatlicher Seite wieder einkassiert wird, was sie &uuml;ber Geb&uuml;hren zus&auml;tzlich einnehmen.<br>\nDie Unis m&uuml;ssten ferner gegenrechnen, welchen Personal- und Verwaltungsaufwand sie haben werden, um die Geb&uuml;hren einzuziehen und zu pr&uuml;fen welche Studierende sie von Geb&uuml;hren aus sozialen Gr&uuml;nden befreien m&uuml;ssten und welche finanziellen Risiken sie bei der sp&auml;teren Eintreibung der Kredite und f&uuml;r den 20%-gen Ausfallfond eingehen. All das in Kenntnis, dass Geb&uuml;hren nur einen geringen Beitrag zur Finanzierung der Hochschulen leisten (man rechnet mit h&ouml;chstens 7%). <\/p>\n<p>Wo Geb&uuml;hren neu eingef&uuml;hrt worden sind, etwa in England, &Ouml;sterreich, Schweiz haben sie nicht zur einer Verbesserung der Studiensituation gef&uuml;hrt.<br>\nStudiengeb&uuml;hren werden wie eine &bdquo;Droge&ldquo; wirken: einmal eingef&uuml;hrt, werden sie laufend und teilweise drastisch erh&ouml;ht, das konnte man in England, in der Schweiz oder in Australien beobachten.<\/p>\n<p>Der Anteil der Studiengeb&uuml;hren am Hochschulhaushalt h&auml;lt sich in engen Grenzen, die <strong>Nachfragemacht des Staates<\/strong> &uuml;ber das Geld w&auml;re um ein Vielfaches gr&ouml;&szlig;er.<br>\nWenn man wirklich einen Steuerungseffekt auf die Hochschulen erzielen wollte, ihre Lehrangebote zu verbessern, warum f&uuml;hrt man dann nicht mit dem gleichen Engagement, wie bei der Einf&uuml;hrung von Geb&uuml;hren, eine Debatte &uuml;ber eine vern&uuml;nftige <strong>leistungsbezogene Mittelverteilung<\/strong>.<\/p>\n<p>Jedenfalls, wer wirklich eine Steuerung &uuml;ber Geld will, sollte seine Kraft und seine intellektuellen Bem&uuml;hungen dort ansetzen, wo wirklich Geld flie&szlig;t und keine Nebenkriegsschaupl&auml;tze mit der Einf&uuml;hrung einer allenfalls gering sprudelnden Geldquelle wie der Studiengeb&uuml;hr er&ouml;ffnen.<\/p>\n<p><strong>Nebenbei bemerkt:<\/strong> Wenn man schon auf eine Nachfragesteuerung setzen wollte, so k&ouml;nnte man das etwa mit dem <strong>Studienkontenmodell<\/strong> mindestens genauso gut erreichen, wie mit Geb&uuml;hren.<\/p><\/li>\n<li>Studiengeb&uuml;hren d&uuml;rften nicht zu dem behaupteten nachfrageorientierten Qualit&auml;tswettbewerb unter den Hochschulen f&uuml;hren, sondern eher zu einer Fehlsteuerung des Hochschulsystems und der wissenschaftlichen Ausbildung.\n<p>Studiengeb&uuml;hren verzerren den Wettbewerb zwischen den Hochschulen noch st&auml;rker zugunsten gro&szlig;er Hochschulen in Ballungsr&auml;umen und zugunsten von Hochschulen, die auf Grund der Attraktivit&auml;t der St&auml;dte einen Standortvorteil haben. Wie sollten Hochschulen mit weniger Studierenden und damit geringeren Studiengeb&uuml;hreneinnahmen wie etwa Ulm mit den gro&szlig;en Unis in Heidelberg, K&ouml;ln, M&uuml;nchen oder Berlin mithalten k&ouml;nnen.<\/p>\n<p>Studiengeb&uuml;hren werden somit zu einer Hierarchisierung der Hochschullandschaft mit unterschiedlicher Qualit&auml;t f&uuml;hren. Deutschland hat aber &ndash; international anerkannt &ndash; seine besondere St&auml;rke in der Breite der wissenschaftlichen Ausbildung bei hoher Qualit&auml;t.<\/p>\n<p>Wird der Kunde Student wirklich K&ouml;nig?<br>\nWie wenig die Anh&auml;nger eines nachfrageorientierten Steuerungseffekts ihren Annahmen wirklich trauen, zeigt sich am deutlichsten darin, dass die allermeisten unter ihnen, die Forderung nach einer Studiengeb&uuml;hr mit einem <strong>Auswahlrecht<\/strong> der Hochschule verkn&uuml;pfen. Das Grundprinzip der Nachfrage- Angebotssteuerung, n&auml;mlich <strong>der freie Marktzugang<\/strong>, wird also gleich wieder au&szlig;er Kraft gesetzt.<\/p>\n<p><strong>Da zittert also offenbar die &bdquo;invisible hand&ldquo;:<\/strong> Nichts ist`s mit dem freien Marktzugang, nichts ist`s mit dem K&ouml;nig Kunden. Der Anbieter sucht sich seine ihm passenden Kunden aus.<br>\nWer steuert da wen, der Kunde den Anbieter oder der Anbieter den Kunden?<\/p><\/li>\n<li>Studiengeb&uuml;hren d&uuml;rften zu einer Fehlsteuerung der Ausbildungsangebot und damit der Wissenschaft insgesamt hin zu solchen Studien und Wissenschaftsdisziplinen f&uuml;hren, die viel nachgefragt werden, weil sie sich &bdquo;auszahlen&ldquo;, also einen hohen und schnellen &bdquo;return on investment&ldquo; erwarten lassen.<br>\nDie Hochschulen werden m&ouml;glichst viele &bdquo;billige&ldquo; Studieng&auml;nge anbieten. Die Tendenz zeigt sich in der Realit&auml;t der privaten Hochschulen in Deutschland.\n<p>Studiengeb&uuml;hren beeinflussen die Studienmotivation: Die Bereitschaft materielle Kosten zu tragen bzw. die Fachwahl nach m&ouml;glichst geringer Verschuldung oder geringem beruflichem Risiko wird immer wichtiger als eine Studienwahl nach Leistung und fachlichem Interesse und vor allem auch pers&ouml;nlicher Neigung.<\/p>\n<p>Bei unterschiedlicher H&ouml;he der Studiengeb&uuml;hren f&uuml;r verschieden teure F&auml;cher (Modell des hessischen Ministerpr&auml;sidenten Koch) k&auml;me es sogar noch zu einer sozialen Selektion nach F&auml;chern oder nach dem Renommee von Hochschulen bzw. zwischen FH und Uni. Nur Studierende reicher Eltern k&ouml;nnten sich tendenziell noch Medizin oder Ingenieurwissenschaften leisten, f&uuml;r die Kinder der &Auml;rmeren bleibt Sozialarbeit oder allenfalls das Lehramt.<\/p>\n<p>Studiengeb&uuml;hren k&uuml;ndigen an einer weitere Stelle den Generationenvertrag auf.<br>\nEs ist schon merkw&uuml;rdig, dass gerade die Gewinner der Bildungsexpansion seit den 70er Jahren bei der Nachfolgegeneration abkassieren wollen. Da w&auml;re eine Akademikersteuer viel gerechter und im &uuml;brigen viel einfacher und mit weniger Verwaltungsaufwand und damit billiger einzuf&uuml;hren.<br>\nStudiengeb&uuml;hren, bedeuten wie die Kopfpauschale einen weiteren Schritt in den Geb&uuml;hrenstaat, wo jeder das gleiche bezahlt, wenn er es sich denn leisten kann. Die soziale Ausgleichsfunktion des leistungsbezogenen Steuersystems wird mehr und mehr ausgehebelt. <\/p>\n<p>Nun wird vielfach behauptet, die Krankenschwester bezahle das Studium des Chefarztes mit. Wenn das so w&auml;re, dann ist das allenfalls Ausdruck der Ungerechtigkeit unseres Steuersystems. Das Argument wird um so unglaubw&uuml;rdiger, wenn es von denjenigen vorgetragen wird, die Studiengeb&uuml;hren einf&uuml;hren wollen und gleichzeitig die Senkung der Spitzensteuers&auml;tze propagieren.<\/p>\n<p>Von den Bef&uuml;rwortern der Studiengeb&uuml;hr wird immer wieder behauptet eine &bdquo;nachgelagerte Geb&uuml;hr&ldquo;, d.h. eine Studiengeb&uuml;hr auf Kredit w&auml;re &bdquo;sozialvertr&auml;glich&ldquo;. <\/p>\n<p>Warum sollte aber Schuldenmachen f&uuml;r diejenigen, die die Geb&uuml;hr nicht &bdquo;cash&ldquo; bezahlen k&ouml;nnen, sozial vertr&auml;glich sein? Seit wann ist es sozial vertr&auml;glich, wenn jemand f&uuml;r den Kauf eines Autos einen Kredit aufnehmen muss, w&auml;hrend der Wohlhabende bar zahlen kann?<br>\nNach gegenw&auml;rtigen Berechnungen k&ouml;nnte die Kreditschuld doppelt so hoch liegen, wie wenn bar bezahlt w&uuml;rde, n&auml;mlich bis zu 11.000 Euro. Der &Auml;rmere zahlt also das Doppelte!<br>\nDie &bdquo;nachgelagerte Geb&uuml;hr&ldquo; schreibt die Benachteiligung der Studierenden aus niedrigen Einkommensverh&auml;ltnissen und aus Familien mit Kindern als Start- und Einkommensnachteil in die Berufsphase fort. Wer reiche Eltern hat, startet ohne Hypothek.<br>\nSie benachteiligt Frauen st&auml;rker als M&auml;nner, weil die R&uuml;ckzahlungsverpflichtungen vor dem Hintergrund nach wie vor schlechterer Einkommenserwartungen oder der Unterbrechung der Erwerbst&auml;tigkeit einen h&ouml;heren Abschreckungseffekt haben (eine schlechtere Bildungsrendite erwarten lassen) als bei M&auml;nnern.<br>\nSie sind kinderfeindlich, weil sie vor allem bei Frauen dazu f&uuml;hren, dass wegen der R&uuml;ckzahlungsverpflichtungen der Kinderwunsch vermutlich noch weiter zur&uuml;ckgestellt wird, als das ohnehin bei Akademikerinnen der Fall ist.<\/p>\n<p>Als Zuckerbrot wird immer wieder darauf hingewiesen, dass soziale Benachteiligungen durch Stipendien ausgeglichen werden m&uuml;ssten.<br>\nDoch wo sind die Stipendienmodelle?<br>\nM&uuml;ssen in Baden-W&uuml;rttemberg k&uuml;nftig nicht sogar noch die Baf&ouml;g-Empf&auml;nger bezahlen?<\/p>\n<p>In Finnland oder Schweden, L&auml;nder, die sowohl bei den internationalen Bildungsvergleichen, aber auch bei der &ouml;konomischen Entwicklung immer gern als Vorbild herangezogen werden, studieren 70 % eines Altersjahrgangs, dort gibt es nicht nur keine Studiengeb&uuml;hren sondern sogar &ndash; wie bei uns bei den Auszubildenden im dualen System &ndash; noch f&uuml;r jeden Studierenden eine elternunabh&auml;ngige Studienf&ouml;rderung.<br>\nWollen wir in Deutschland also noch weiter zur&uuml;ckfallen &ndash;<br>\nnur weil wir weniger f&uuml;r Bildung leisten, als wir uns leisten k&ouml;nnen?<\/p><\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dr. Wolfgang Lieb, Staatssekret&auml;r a.D., Mitherausgeber der NachDenkSeiten. Thesenpapier zur Anh&ouml;rung im Plenarsaal des Landtags von Baden-W&uuml;rttemberg am 28. Oktober 2005, 10 &ndash; 13 Uhr. <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[206,17,129,14],"tags":[232,231,986,230,408,621,234],"class_list":["post-263","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-chancengerechtigkeit","category-hochschulen-und-wissenschaft","category-lobbyorganisationen-und-interessengebundene-wissenschaft","category-veroffentlichungen-der-herausgeber","tag-bertelsmann","tag-che","tag-hochschulautonomie","tag-lieb-wolfgang","tag-soziale-herkunft","tag-studienanfaenger","tag-studiengebuehren"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/263","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=263"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/263\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":31699,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/263\/revisions\/31699"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=263"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=263"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=263"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}