{"id":26307,"date":"2015-06-03T09:13:35","date_gmt":"2015-06-03T07:13:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26307"},"modified":"2019-02-15T12:22:49","modified_gmt":"2019-02-15T11:22:49","slug":"argumente-gegen-das-emanzipatorische-grundeinkommen-der-linken-bag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26307","title":{"rendered":"Argumente gegen das \u201eemanzipatorische Grundeinkommen\u201c der LINKEN-BAG"},"content":{"rendered":"<p>Die Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Grundeinkommen der LINKEN erhofft sich mehr Verteilungsgerechtigkeit, die Verhinderung von Armut und mehr Selbstbestimmung jenseits der Erwerbsarbeitswelt als emanzipatorische Haupteffekte ihres Konzepts eines bedingungslosen Grundeinkommens (BGE). An unterschiedlichen BGE-Konzepten herrscht auf allen Seiten des (partei)politischen Spektrums wahrlich kein Mangel. Vielmehr tr&auml;gt die LINKE-BAG mit den zwei von ihr erarbeiteten Varianten einer von der Entwicklung des Volkseinkommens abh&auml;ngigen Sozialdividende und einer negativen Einkommensteuer mit zur wachsenden Un&uuml;bersichtlichkeit der Modellpalette bei. Von <strong>Christoph Butterwegge<\/strong> [<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26307#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>]<br>\n<!--more--><br>\nAuf den ersten Blick hat das &bdquo;emanzipatorische Grundeinkommen&ldquo; zweifellos etwas Bestechendes: Statt wie im deutschen Wohlfahrtsstaat nur diejenigen Menschen durch eine spezielle Transferleistung (Grundsicherung f&uuml;r Arbeitsuchende, Alg II bzw. Sozialgeld; Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung; andere Formen der Sozialhilfe) aufzufangen, die weder &uuml;ber ein ausreichendes Erwerbseinkommen noch &uuml;ber Leistungsanspr&uuml;che aus dem Versicherungssystem verf&uuml;gen, sollen alle (Wohn-)B&uuml;rger\/innen ohne Ansehen der Person, &bdquo;Arbeitszwang&ldquo; und besonderen Nachweis in den Genuss einer finanziellen Zuwendung gelangen, die zur Sicherung ihrer Existenz und zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ausreicht. An die Stelle eines gleicherma&szlig;en komplexen wie komplizierten Wohlfahrtsstaates, der vielen Menschen, sogar seinen gr&ouml;&szlig;ten Nutznie&szlig;er(inne)n undurchschaubar erscheint und blo&szlig; als &bdquo;sozialer Reparaturbetrieb&ldquo; funktioniert, individuell geltend zu machender Anspr&uuml;che und in aller Regel entw&uuml;rdigender Kontrollmechanismen durch Beh&ouml;rden w&uuml;rde ein sozialpolitischer Universaltransfer treten, der keiner Kontrollb&uuml;rokratie mit ihren ausufernden Sanktionsmechanismen bedarf.<\/p><p>Sieht man genauer hin, fallen jedoch gravierende Nachteile ins Auge, die damit einhergehen: Beim allgemeinen Grundeinkommen handelt es sich um eine alternative Leistungsart, die mit der Konstruktionslogik des bestehenden, fr&uuml;her als Jahrhundertwerk gefeierten Wohlfahrtsstaates bricht sowie seine ganze Architektur bzw. Struktur zerst&ouml;ren w&uuml;rde. Dieser gr&uuml;ndet n&auml;mlich auf Sozialversicherungen, die in unterschiedlichen Lebensbereichen, -situationen und -phasen auftretende Standardrisiken (Krankheit, Alter, Invalidit&auml;t, Arbeitslosigkeit und Pflegebed&uuml;rftigkeit) unter der Voraussetzung kollektiv absichern sollen, dass der versicherte Arbeitnehmer und sein Arbeitgeber zuvor entsprechende Beitr&auml;ge gezahlt haben. Nur wenn dies nicht der Fall oder der Leistungsanspruch bei Arbeitslosigkeit ersch&ouml;pft ist, muss man auf steuerfinanzierte Leistungen (Alg II, Sozialgeld bzw. Sozialhilfe) zur&uuml;ckgreifen, die bedarfsabh&auml;ngig &ndash; d.h. nur nach einer meist als schikan&ouml;s empfundenen Pr&uuml;fung der Einkommensverh&auml;ltnisse, vorrangigen Unterhaltspflichten und Verm&ouml;gensbest&auml;nde &ndash; gezahlt werden.<\/p><p>Wenn (fast) alle bisherigen, zum Teil nach Bed&uuml;rftigkeit gew&auml;hrten Transferleistungen zu einem Grundeinkommen verschmolzen w&uuml;rden, w&auml;re das Traumziel marktradikaler Reformer, die Sozialversicherungen zu zerschlagen und einen neoliberalen &bdquo;Minimalstaat&ldquo; zu schaffen, ganz nebenbei erreicht, was sich noch dazu als Wohltat f&uuml;r die Bed&uuml;rftigen hinstellen lie&szlig;e. Gleichzeitig b&ouml;te die Refinanzierung des Grundeinkommens &uuml;ber indirekte, d.h. Konsumsteuern (wie beim prominentesten Modell des Karlruher DM-Drogeriemarktkettengr&uuml;nders und Milliard&auml;rs G&ouml;tz Werner) einen Hebel, um die Unternehmenssteuern weiter zu senken und am Ende ganz abzuschaffen. Als ein Kombilohn f&uuml;r alle k&ouml;nnte das BGE wirken, weil der Staat f&uuml;r die Reproduktion der Ware Arbeitskraft aufk&auml;me und der Unternehmer entsprechend weniger daf&uuml;r aufwenden m&uuml;sste.<\/p><p>Unabh&auml;ngig von diesen <em>prinzipiellen<\/em> Einw&auml;nden sind f&uuml;r Wirkung und Bewertung eines Grundeinkommensmodells die H&ouml;he des zur Verf&uuml;gung gestellten Betrages (unter\/&uuml;ber Hartz IV bzw. Sozialhilfe?), die Art seiner Refinanzierung (Erhebung\/Erh&ouml;hung welcher Steuern und Streichung anderer\/welcher Sozialleistungen?) sowie die konkreten Rahmenbedingungen entscheidend, unter denen er gezahlt wird (Empf&auml;ngerkreis, Anspruchsvoraussetzungen, Berechnungsmodalit&auml;ten usw.). Verfechter\/innen des Grundeinkommens geraten zwangsl&auml;ufig in ein Dilemma, denn sie m&uuml;ssen sich zwischen folgenden zwei M&ouml;glichkeiten entscheiden:<\/p><ul>\n<li>Entweder erhalten <em>jeder<\/em> B&uuml;rger und <em>jede<\/em> B&uuml;rgerin das Grundeinkommen, unabh&auml;ngig von den jeweiligen Einkommens- und Verm&ouml;gensverh&auml;ltnissen. In diesem Fall m&uuml;ssten riesige Finanzmassen bewegt werden, die das Volumen des heutigen Bundeshaushaltes (ca. 300 Mrd. Euro) um ein Mehrfaches &uuml;bersteigen und die Verwirklichung des bedingungslosen Grundeinkommens per se ins Reich der Utopie verweisen. Au&szlig;erdem w&uuml;rde sich unter Gerechtigkeitsaspekten die Frage stellen, warum selbst Milliard&auml;re vom Staat monatlich ein von ihnen vermutlich als &bdquo;Peanuts&ldquo; betrachtetes Zubrot erhalten sollten, w&auml;hrend Millionen B&uuml;rger\/innen (z.B. solche mit schwerwiegenden Behinderungen) mehr als den f&uuml;r s&auml;mtliche Empf&auml;nger\/innen einheitlichen Geldbetrag viel n&ouml;tiger h&auml;tten.<\/li>\n<li>Oder wohlhabende und reiche B&uuml;rger bekommen das Grundeinkommen nicht bzw. im Rahmen der Steuerfestsetzung wieder abgezogen. Dann w&auml;re es weder allgemein und bedingungslos, noch entfiele die Pr&uuml;fung der Einkommens- und Verm&ouml;gensverh&auml;ltnisse, m&uuml;sste doch in jedem Einzelfall herausgefunden werden, ob die Anspruchsvoraussetzungen nicht durch (verdeckte) anderweitige Eink&uuml;nfte verwirkt sind. Arbeitslose und Arme m&uuml;ssten eine Einkommensteuererkl&auml;rung abgeben und w&auml;ren einem &auml;hnlichen Kontrolldruck wie gegenw&auml;rtig ausgesetzt. Diesen zu beseitigen ist jedoch ein, wenn nicht das Hauptargument f&uuml;r das BGE, zumindest f&uuml;r Mitglieder und Anh&auml;nger\/innen der LINKEN.<\/li>\n<\/ul><p>Die LINKE-BAG l&ouml;st das oben skizzierte Dilemma der BGE-Bef&uuml;rworter\/innen durch einen gewagten Spagat: Wird das BGE in der Gestalt einer negativen Einkommensteuer realisiert, ersetzt das Finanzamt das Jobcenter als Kontrollbeh&ouml;rde, sodass von Emanzipation kaum die Rede sein kann; wird das BGE in der Form einer Sozialdividende verwirklicht, mit der andere Einkommen voll kumulierbar sind, ist es praktisch nicht finanzierbar.<\/p><p>Mein zentrales Gegenargument ist allerdings ein verteilungspolitisches: Auf ungleiche Einkommens- und Verm&ouml;gensverh&auml;ltnisse wird mit der Forderung nach einer Geldzahlung in gleicher H&ouml;he reagiert. Dabei muss Gleiches gleich und Ungleiches ungleich behandelt werden, denn eine Sozialpolitik nach dem Gie&szlig;kannenprinzip vermag keine Bedarfsgerechtigkeit zu schaffen. Das bedingungslose Grundeinkommen als solches tastet den privaten (Verm&ouml;gens-)Reichtum aber nur an, wenn es &uuml;ber die Erh&ouml;hung\/Erhebung von Gewinn- bzw. Verm&ouml;gensteuern finanziert wird. Durch seine gigantischen Kosten f&uuml;r den Staatshaushalt versch&auml;rft es sogar das Problem der &ouml;ffentlichen Verarmung &ndash; zur Zeit der im Grundgesetz verankerten &bdquo;Schuldenbremse&ldquo; und des Fiskalpakts ein nicht zu vernachl&auml;ssigendes Problem.<\/p><p>Es ist eine Illusion zu glauben, der Kommunismus (&bdquo;Jeder nach seinen F&auml;higkeiten, jedem nach seinen Bed&uuml;rfnissen!&ldquo;) lasse sich nach dem Modell eines reichen M&uuml;&szlig;igg&auml;ngers bereits im Rahmen des heutigen Finanzmarktkapitalismus verwirklichen. Vielmehr ist Kapitalismus ohne Arbeitszwang wie ein Gef&auml;ngnis ohne Gitterst&auml;be und Mauern &ndash; beides gibt es nicht. Zu verwirklichen ist das BGE auch nur mittels seiner Begrenzung auf den Nationalstaat und im Falle des Ausschlusses von Zuwanderern. Das strenge Armutsregime namens &bdquo;Hartz IV&ldquo; w&uuml;rde also transformiert in ein noch rigideres Grenz- und Migrationsregime.<\/p><p>Mindestlohn und BGE verhalten sich zueinander wie Feuer und Wasser: Wenn der Staat das Existenzminimum und die gesellschaftliche Teilhabe f&uuml;r alle Wohnb&uuml;rger\/innen garantiert, k&ouml;nnen Arbeitnehmer\/innen keinen Anspruch mehr auf Lohn in einer die physische Existenz und die gesellschaftliche Teilhabe sichernden H&ouml;he erheben. Auch der Sozial(versicherungs)staat und das BGE verhalten sich zueinander wie Feuer und Wasser. Wenn alle Wohnb&uuml;rger\/innen auf einem das sozio&ouml;konomische Existenzminimum garantierenden Niveau abgesichert w&auml;ren, w&uuml;rden nicht blo&szlig; die (steuerfinanzierten) F&uuml;rsorgeleistungen des Staates entfallen, vielmehr auch die Sozialversicherungen weitgehend &uuml;berfl&uuml;ssig, die vor den Standardlebensrisiken sch&uuml;tzen sollen.<\/p><p>F&uuml;r die LINKE macht das BGE (partei)strategisch deshalb keinen Sinn: Erstens schw&auml;cht die Forderung nach einem BGE den Kampf gegen die Massenarbeitslosigkeit, weil es den Staat aus seiner Verantwortung f&uuml;r deren Beseitigung entlassen w&uuml;rde. Zweitens schw&auml;cht die Forderung nach einem BGE den Kampf um einen Mindestlohn in ausk&ouml;mmlicher H&ouml;he, weil dieser an Bedeutung verlieren w&uuml;rde, wenn der Staat sowohl das physische Existenzminimum wie auch die gesellschaftliche Teilhabe f&uuml;r alle Wohnb&uuml;rger\/innen gew&auml;hrleistet. Drittens schw&auml;cht die Forderung nach einem BGE zwangsl&auml;ufig den Kampf f&uuml;r eine solidarische B&uuml;rgerversicherung, weil die Absicherung von Standardlebensrisiken als deren Hauptzweck entfiele, wenn der Staat mittels zus&auml;tzlicher Steuereinahmen daf&uuml;r sorgen w&uuml;rde, dass niemand mehr Angst vor den &bdquo;Wechself&auml;llen des Lebens&ldquo; haben m&uuml;sste. Viertens w&uuml;rde die Forderung nach einem BGE &ndash; zum Parteitagsbeschluss erhoben &ndash; die LINKE schw&auml;chen, weil sie damit keine Verb&uuml;ndeten gewinnen, vielmehr politische, programmatische sowie parlamentarische Anschlussm&ouml;glichkeiten an SPD und B&uuml;ndnis 90\/Die Gr&uuml;nen beseitigen, sich dadurch im deutschen Parteiensystem wom&ouml;glich sogar isolieren w&uuml;rde. F&uuml;nftens d&uuml;rfte &ndash; falls das BGE jemals realisierbar ist &ndash; nicht das Konzept der LINKEN, sondern ein anderes Modell (wahrscheinlich das von G&ouml;tz Werner, Dieter Althaus oder Thomas Straubhaar) realisiert werden, was in der Diskussion dar&uuml;ber ber&uuml;cksichtigt werden muss und die Notwendigkeit zur kompromisslosen Auseinandersetzung mit diesen begr&uuml;ndet.<\/p><p>Was die LINKE braucht, um erfolgreicher als bisher sein zu k&ouml;nnen, ist keine unrealistische Vision von einem &bdquo;Schlaraffenland&ldquo;, in dem niemand arbeiten muss, sondern eine &uuml;berzeugende Alternative zum modernen Kasinokapitalismus, die Perspektiven jenseits von prek&auml;rer Besch&auml;ftigung, Armut und sozialer Ausgrenzung weist. Selbst wenn die Erwerbslosen mit dem BGE materiell besser als bisher abgesichert w&auml;ren, bliebe das Problem ihrer sozialen Desintegration bestehen. Denn in einer Arbeitsgesellschaft wie unserer resultieren der Lebenssinn, der soziale Status und das Selbstwertgef&uuml;hl der Menschen aus der Erwerbsarbeit.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Prof. Dr. Christoph Butterwegge lehrt Politikwissenschaft an der Universit&auml;t zu K&ouml;ln. Zuletzt sind seine B&uuml;cher &bdquo;Armut in einem reichen Land. Wie das Problem verharmlost und verdr&auml;ngt wird&ldquo; bei Campus, &bdquo;Krise und Zukunft des Sozialstaates&ldquo; bei Springer VS sowie &bdquo;Hartz IV und die Folgen. Auf dem Weg in eine andere Republik?&ldquo; bei Beltz Juventa erschienen.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Grundeinkommen der LINKEN erhofft sich mehr Verteilungsgerechtigkeit, die Verhinderung von Armut und mehr Selbstbestimmung jenseits der Erwerbsarbeitswelt als emanzipatorische Haupteffekte ihres Konzepts eines bedingungslosen Grundeinkommens (BGE). An unterschiedlichen BGE-Konzepten herrscht auf allen Seiten des (partei)politischen Spektrums wahrlich kein Mangel. 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