{"id":26330,"date":"2015-06-05T11:51:12","date_gmt":"2015-06-05T09:51:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26330"},"modified":"2015-06-05T16:27:56","modified_gmt":"2015-06-05T14:27:56","slug":"gutes-investitionsklima-dank-pegida","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26330","title":{"rendered":"Gutes Investitionsklima dank Pegida?"},"content":{"rendered":"<p>Seitdem die Dresdener Rechtspopulisten der Pegida mit Tatjana Festerling eine neue Frontfrau haben, sch&auml;lt sich immer deutlicher eine klare Agenda f&uuml;r die &bdquo;Bewegung&ldquo; heraus: Freie Bahn f&uuml;r Investoren! Von <strong>Hermann Ploppa<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nDie Szenerie ist noch wie in besseren Tagen. Kommt man &uuml;ber die Dresdener Augustusbr&uuml;cke an jenem erstmalig warmen Fr&uuml;hlingsmontag, schallt einem am Schlo&szlig;platz das Deutschlandlied aus rauen M&auml;nnerkehlen entgegen. Handys werden als Leuchtfeuer anstelle von Feuerzeugen hochgehalten. Manche Leute schauen beseligt in sich hinein. Deutsche Fahnen werden geschwenkt, aber auch einige israelische Fahnen sind zu sehen.<\/p><p>Es ist wieder ein bisschen mehr los bei den Montagsdemonstrationen der rechtspopulistischen Pegida. Da steht Lutz Bachmann irgendwo auf dem ber&uuml;hmten Pritschenwagen. Eine Frau mittleren Alters liest das selbstgefertigte Gedicht einer 85-j&auml;hrigen ehemaligen Lehrerin. Es beginnt mit den klassischen Zeilen aus Heinrich Heines Winterm&auml;rchen: &bdquo;Denk&lsquo; ich an Deutschland in der Nacht &hellip;&ldquo; Um dann mit holpriger Eigenreimung ohne jedes Versma&szlig; und ohne jede Melodie den Verlust der deutschen Identit&auml;t und den Vormarsch des muslimischen Kopftuches zu beklagen.<\/p><p>Doch man kann jetzt auch ganz anders. Da h&auml;ngen gro&szlig;e Plakate mit dem neuen Shootingstar von Pegida, n&auml;mlich derselben Tatjana Festerling, die gerade das verkr&uuml;mmte Heine-Gedicht vorzutragen wusste. Von einer professionellen Werbeagentur hergestellt. Perfekt ausgeleuchtet und photographiert. Dieselben Plakatmotive auch als Din A 3-Plakate und als Handzettel. Festerling mit schicker Lederjacke. Oder Festerling in Jeansjacke, die Sonnenbrille sportlich in die Haare geklemmt. Sie zeigt auf das Dresdner Elbtal mit seinem H&auml;usermeer. Dazu das Motto: &bdquo;Klar zur Wende!&ldquo; Wende 2.0?<\/p><p>Tatjana Festerling ist ein Wessi-Import. Sie hatte ihren beruflichen Weg in Hamburg gemacht, war in der &Ouml;ffentlichkeitsabteilung des Eisenbahnunternehmens Metronom besch&auml;ftigt. Engagierte sich in der Hamburger Ortsgruppe der Alternative f&uuml;r Deutschland. Als sie jedoch erkl&auml;rte, sie ziehe vor Hooligans respektvoll den Hut, kam sie einem Rauswurf aus der AfD durch ihren Austritt zuvor. Da traf es sich gut, dass in der s&auml;chsischen Hauptstadt Dresden gerade Oberb&uuml;rgermeisterwahlen sind. Pegida hatte die bisherige Frontfrau Kathrin Oertel verloren. Wer die Idee hatte, Tatjana Festerling nach Dresden zu holen als neue Pegida-Frontfrau und zudem Pegida einen neuen Aufmerksamkeitsschub durch die Teilnahme an den Oberb&uuml;rgermeisterwahlen am 7. Juni dieses Jahres zu verschaffen, bleibt unklar.<\/p><p>Auf jeden Fall ist die Gewinnung von Frau Festerling f&uuml;r Pegida ein cleverer Schachzug. Zum einen wird der Eindruck vermieden, bei Pegida handele es sich um einen abgeschlafften Macho-Verein. Zum anderen hat Pegida mit Festerling eine Exponentin, die nicht immer nur das negative betont: die Abwehr gegen Fl&uuml;chtlinge, die Abwehr gegen alles Undeutsche. Stattdessen ist Frau Festerling die Erste, die bei Pegida unmissverst&auml;ndlich sagt, wof&uuml;r sie eintritt. So ist auf einem Handzettel zu lesen: &bdquo;Klar zur Wende: Wir schaffen ein freundliches Klima f&uuml;r Investoren in Dresden!&ldquo; Die rot-rot-gr&uuml;ne Stadtregierung bremse viel versprechende Investitionen aus.<\/p><p>In der Tat gibt es eine Menge gro&szlig;er Bauvorhaben in Dresden, die massiv umstritten sind in der Bev&ouml;lkerung. Festerling macht sich bemerkenswerterweise sogar f&uuml;r Gro&szlig;investitionen stark, die von der Dresdner Bev&ouml;lkerung einhellig abgelehnt werden. Da ist z.B. der alte Leipziger Bahnhof, ein seit Jahrzehnten vernachl&auml;ssigtes Ruinengel&auml;nde. Im Jahre 2009 hatte der Dresdner Stadtrat einen Masterplan f&uuml;r das Gel&auml;nde zwischen der Neustadt und dem Stadtteil Pieschen entwickelt, um die Baul&uuml;cke durch eine Mischung von Wohnraum, Einzelhandel und Gr&uuml;nfl&auml;chen zu schlie&szlig;en. Jedoch wurde das Gel&auml;nde von der Handelskette Globus <a href=\"http:\/\/www.dresden-fernsehen.de\/Aktuelles\/Artikel\/1348411\/Globus-Bauvorhaben-am-alten-Leipziger-Bahnhof-polarisiert-die-Dresdner\/?source=canonica\">erworben<\/a>, um einen Gro&szlig;markt zu bauen, der de facto die urbane Mischkultur verhindert und bereits bestehende Einzelh&auml;ndler platt machen w&uuml;rde. Gegen dieses Globus-Projekt hatte sich ein breites B&uuml;ndnis betroffener B&uuml;rger in der <a href=\"http:\/\/allianz-fuer-dresden.de\/#das-buendnis\">Allianz f&uuml;r Dresden<\/a> zusammengeschlossen. Die Kommunalwahl von 2014 brachte im Stadtrat eine klare linke Mehrheit, die dem Globus-Projekt durch eine pr&auml;zisierte Version des Masterplans einen Riegel vorschieben will. Doch die Globus-Gruppe hat ihre Pl&auml;ne noch nicht aufgegeben, und findet nun in der Pegida-Kandidatin eine seltsame politische Bundesgenossin. In ihrer Pegida-Wahlwerbung agitiert Festerling quasi als Public-Relations-Mitarbeiterin von Globus: &bdquo;Der alte Leipziger Bahnhof ist ein erhaltenswertes Kulturgut und muss vor dem Verfall bewahrt und restauriert werden.&ldquo;, was Globus mit der Ausgabe von 15 Millionen Euro in die Hand nehmen werde, und dabei 300 Arbeitspl&auml;tze schaffen wolle. Der suggestive Text soll vergessen machen, dass die Sanierung bereits in der Planung war, bevor Globus das Gel&auml;nde erworben hat. Festerling d&uuml;rfte in dieser Frage nicht einmal bei ihrer eigenen Anh&auml;ngerschaft auf Begeisterung sto&szlig;en. <a href=\"http:\/\/www.menschen-in-dresden.de\/dossier\/globus\/\">Umfragen zeigen<\/a>, dass die Dresdner B&uuml;rger mehrheitlich gegen die Globus-Investitionen sind.<\/p><p>Auf &auml;hnlich empfindliches Gel&auml;nde tappt Festerling, wenn sie sich stark macht f&uuml;r das Nobelprojekt <a href=\"http:\/\/www.marinagarden.de\/\">&bdquo;Marina Garden&ldquo;<\/a>. Eine Investorengruppe will am Dresdner Elbeufer 244 Luxus-Appartements errichten. Damit w&auml;re die &Ouml;ffentlichkeit vom Zugang zur Elbe abgeschnitten. Da augenblicklich noch ein &ouml;ffentlicher Radweg &uuml;ber das 2014 von der Investorengruppe erworbene Grundst&uuml;ck f&uuml;hrt, hatte die Gesch&auml;ftsf&uuml;hrerin der Investoren, die Architektin Regine T&ouml;berich, mit einem Bagger den Radweg zerst&ouml;ren lassen &ndash; wie sich herausstellte, erwischte ihr Baggerf&uuml;hrer allerdings versehentlich einen Radweg-Abschnitt, der der Stadt geh&ouml;rt. Der Stadtrat denkt nach dieser Posse &uuml;ber eine Enteignung des Grundst&uuml;cksabschnitts nach, auf dem sich der Radweg befindet.<\/p><p>Die beiden anderen Punkte auf der politischen Agenda der Pegida-Protagonistin Festerling sind zum einen die Wiederer&ouml;ffnung des Caf&eacute;s im alten Dresdner Fernsehturm sowie der Ausbau der Nord-S&uuml;d-Magistrale zum &ouml;rtlichen Fernflughafen. Projekte, die gegen die kleinen Leute gerichtet sind (mit Ausnahme des Fernsehturm-Caf&eacute;s, das eher DDR-Nostalgie wachruft). Projekte, die den &ouml;ffentlichen Raum de facto abschaffen w&uuml;rden und gewachsene Strukturen vernichten. Das macht stutzig. Denn zu den Aufgaben eines Oberb&uuml;rgermeisters geh&ouml;ren sicher auch soziale und kulturelle Belange. Dazu findet sich im Wahlprogramm der Rechtspopulistin rein gar nichts.<\/p><p>Dass rechtspopulistische Bewegungen sich zum Vork&auml;mpfer f&uuml;r Investoren instrumentalisieren lassen, ist schon lange nichts neues mehr. In den USA demonstrieren rechte B&uuml;rger f&uuml;r die marktradikale Deregulierung und die Entmachtung der Politik. Sie imitieren dabei einige Merkmale von Basisbewegungen [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]. Tea-Party-Aktivisten gifteten gegen Obamas Pl&auml;ne einer gesetzlichen Krankenversicherung und verglichen ihn mit Hitler.<\/p><p>In Deutschland allerdings hatte bislang noch kein rechter Volkstribun es gewagt, sich derart offen f&uuml;r die Interessen von ganz bestimmten Investoren einzusetzen. In Hamburg wurde dereinst Ronald Barnabas Schill mit seiner Schill-Partei als rechter Keil gegen die politische Vormacht der SPD ins Spiel gebracht. Allerdings ging es hier vornehmlich um den Austausch von Eliten, denn die Hamburger SPD lie&szlig; sich eigentlich nie in puncto Investorenfreundlichkeit von irgendeinem politischen Konkurrenten &uuml;berholen.<\/p><p>In Dresden liegt der Fall indes ganz anders. Hier sind sich SPD, Linke und Gr&uuml;ne einig, dass der &ouml;ffentliche Raum Schutz gegen &Uuml;bergriffe von Investoren genie&szlig;en muss. Und sie haben mit der s&auml;chsischen SPD-Staatsministerin f&uuml;r Wissenschaft und Kunst, Eva-Maria Stange, eine gemeinsame Kandidatin f&uuml;r das Oberb&uuml;rgermeisteramt ins Rennen geschickt. W&auml;hrend die linken Parteien geeint auftreten, ist das rechte Parteienspektrum gespalten. Der s&auml;chsische Innenminister Markus Ulbig tritt f&uuml;r die CDU an. Ihm k&ouml;nnte der Kandidat der Alternative f&uuml;r Deutschland, Stefan Vogel, Stimmen abnehmen. Besonders, da Vogel mit seinem seri&ouml;sen Auftreten f&uuml;r W&auml;hler aus der politischen Mitte akzeptabel ist. Und in das rechte Segment bringt sich nun auch noch Tatjana Festerling von Pegida ein. Bleibt abzuwarten, ob die extreme Frontfrau m&ouml;glicherweise Stimmen aus dem Lager frustrierter SPD- und Linken-W&auml;hler abziehen kann, so wie es Le Pen in Frankreich gelungen ist. Dann w&uuml;rde sich die Investition in Frau Festerling vielleicht lohnen. Es kann aber auch wiederum ganz anders kommen, wenn der kommissarisch amtierende Oberb&uuml;rgermeister Dirk Hilbert von der FDP als unbeteiligter lachender Dritter die Wahl gewinnen sollte.<\/p><p>Es d&auml;mmert auf dem Schlo&szlig;platz. Noch einmal wird die Nationalhymne gesungen. Lutz Bachmann erkl&auml;rt die Veranstaltung f&uuml;r beendet. Und wieder einmal wird darauf hingewiesen, wie toll der Lutz das doch auch diesmal wieder gemacht hat. &bdquo;Danke, Lutz!&ldquo; rufen die Pegidisten, bereits im Aufbruch. Auf dem Nachhauseweg noch als Pulk unterwegs skandieren sie: &bdquo;Wir sind das Volk!&ldquo;, was, auch wenn die Demonstranten selber das nicht so empfinden, ganz sch&ouml;n bedrohlich klingt. Sie tragen die professionell gemachten Festerling-Plakate mit sich, um sie als kostenlose Wahlkampfhelfer &uuml;berall in Dresden aufzuh&auml;ngen. Um die Botschaft des guten Investitionsklimas &uuml;berall von den W&auml;nden erstrahlen zu lassen. Die meisten Kundgebungsteilnehmer haben ihr frohes Weihnachtsbescherungsgesicht l&auml;ngst wieder abgelegt. Schauen starr in sich gekehrt zu Boden und nehmen keine Notiz mehr von ihren Mitmenschen.<\/p><p>Genau hier war schon einmal das Volk versammelt, vor einem Vierteljahrhundert. Ein gro&szlig;er beleibter H&auml;uptling aus dem Westen hatte ihnen damals bl&uuml;hende Landschaften durch Investoren versprochen.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Ausf&uuml;hrlich dargelegt in: John Micklethwait, Adrian Wooldridge: The Right Nation &ndash; Conservative Power in America. New York 2004<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seitdem die Dresdener Rechtspopulisten der Pegida mit Tatjana Festerling eine neue Frontfrau haben, sch&auml;lt sich immer deutlicher eine klare Agenda f&uuml;r die &bdquo;Bewegung&ldquo; heraus: Freie Bahn f&uuml;r Investoren! 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