{"id":26380,"date":"2015-06-11T14:01:06","date_gmt":"2015-06-11T12:01:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26380"},"modified":"2024-08-28T19:34:41","modified_gmt":"2024-08-28T17:34:41","slug":"nie-wieder-krieg-ohne-uns-zur-rolle-von-gruenen-linken-und-medien-im-kosovo-krieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26380","title":{"rendered":"Nie wieder Krieg (ohne uns)! Zur Rolle von Gr\u00fcnen, Sozialdemokraten und Medien im Kosovo-Krieg"},"content":{"rendered":"<div style=\"float:right;margin: 0 0 15px 15px\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/150611_gritsch.jpg\" alt=\"Kurt Gritsch\" title=\"Kurt Gritsch\"><\/div><p>Der &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/artikel\/44\/44035\/1.html\">Krieg um die K&ouml;pfe<\/a>&ldquo;, von dem zurzeit viel die Rede ist, nahm seinen Anfang bereits in den 1990er Jahren und f&uuml;hrte dazu, dass sich immer weitere Teile des rot-gr&uuml;nen Parteienspektrums bereitfanden und -finden, gegen einen jeweils &bdquo;neuen Hitler&ldquo; notfalls  auch kriegerische Mittel zu bem&uuml;hen. <strong>Jens Wernicke<\/strong> sprach hierzu mit dem Historiker <strong>Kurt Gritsch<\/strong>, der sich vermittels einer k&uuml;rzlich erschienenen Position um thematische Aufarbeitung bem&uuml;ht.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Herr Gritsch, bei Telepolis erschien soeben ein <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/ebook\/ebook_21.html\">eBook<\/a> von Ihnen, das sich der Rolle der Gr&uuml;nen und Linken im Kosovo-Krieg annimmt. Was hat Sie zu diesem Thema bewegt? <\/strong><\/p><p>Ich war noch Student an der Universit&auml;t in Innsbruck, als 1999 der NATO-Angriff auf Jugoslawien losging. Wir haben das Thema damals rauf und runter diskutiert. Und obwohl ich gro&szlig;es Verst&auml;ndnis f&uuml;r die Lage der Kosovo-Albaner hatte und habe &ndash; ich konnte mich als deutschsprachiger S&uuml;dtiroler gut in die Rolle der Minderheit hineinversetzen &ndash;, wollte mir doch nicht in den Kopf, dass ich pl&ouml;tzlich f&uuml;r den Abwurf von Bomben sein sollte. Die Message aber war klar: Wer gegen das Eingreifen der NATO war, der machte sich schuldig, einem Genozid tatenlos gegen&uuml;berzustehen. Schlimmer noch: Er geriet in den Verdacht, auch gegen Hitler nichts unternommen zu haben. Diese fiese Zuspitzung der Argumentation habe ich aber erst sp&auml;ter so richtig begriffen. Am Anfang stand also die emotionale Ablehnung von Luftangriffen, und daraus folgte dann meine wissenschaftliche Besch&auml;ftigung mit dem Krieg und den f&uuml;r ihn jeweils vorgebrachten &bdquo;Begr&uuml;ndungen&ldquo;.<\/p><p><strong>Und welche Rolle spielten nun die Gr&uuml;nen und die Linken, mit denen Sie sich in Ihrem E-Book ja ausdr&uuml;cklich besch&auml;ftigen?<\/strong><\/p><p>Es waren damals ja eben nicht die Konservativen, sondern es waren so genannte Mitte-Links-Regierungen in nahezu allen NATO-Staaten, die diesen Krieg gef&uuml;hrt haben. Und das war das <em>window of opportunity<\/em>, wie wir Historiker das gerne nennen: H&auml;tte zum Beispiel in Deutschland eine CDU-FDP-Regierung die Bombardierung Belgrads mit deutscher Beteiligung ohne UN-Mandat gefordert, w&auml;ren SPD und Gr&uuml;ne schon aus prinzipieller Opposition auf die Stra&szlig;e gegangen. So aber f&uuml;hrten Schr&ouml;der und Fischer Deutschland in seinen ersten Krieg seit 1945, und die parteipolitische Opposition stimmte mit Ausnahme der PDS und einiger weniger Einzelner aus den Reihen der anderen wie etwa dem CDU-Mann Willy Wimmer zu.<\/p><p><strong>Verstehe ich recht: Die Linken und die Gr&uuml;nen haben ma&szlig;geblich dazu beigetragen, Deutschland &hellip; wieder kriegsreif zu gestalten?<\/strong><\/p><p>Ja, das ist richtig. Allerdings haben Schr&ouml;der und Fischer schon zu Oppositionszeiten 1998 Strafma&szlig;nahmen gegen Belgrad nicht nur unterst&uuml;tzt, sondern die Forderung der CDU-Regierung mitunter sogar &uuml;berboten. Insbesondere Fischer war dabei so radikal, dass Verteidigungsminister Volker R&uuml;he sogar Angst hatte, von ihm in Sachen Interventionspolitik noch &uuml;bertroffen zu werden. Am 19. Juni 1998 hat R&uuml;he im Bundestag zu Fischer gesagt: &bdquo;Wenn ich Sie sprechen h&ouml;re, habe ich manchmal Angst, dass Sie die sofortige Bombardierung Belgrads fordern, nur um im Rennen der Realpolitiker weiter vorn zu sein.&ldquo; Am 24. M&auml;rz 1999 fielen dann die Bomben.<\/p><p><strong>Und wie haben sie das vermocht? Diesen &bdquo;Gesinnungswandel&ldquo; im Land von Frieden zu Krieg zu pr&auml;gen und mitzugestalten?<\/strong><\/p><p>Fischer hat es ja selbst gesagt: Seit Srebrenica habe er seine zuvor ablehnende Haltung gegen&uuml;ber Milit&auml;rinterventionen ge&auml;ndert. Ein Nachgeben gegen&uuml;ber Milo&scaron;evic h&auml;tte nur zu noch mehr Toten gef&uuml;hrt. Das Problem daran ist, dass diese Einsch&auml;tzung in Bezug auf Kosovo weder von der UN unter Generalsekret&auml;r Kofi Annan noch von der ab Herbst 1998 vor Ort vermittelnden OSZE geteilt wurde. Annan hat stattdessen sogar wiederholt betont, dass Kosovo ein <em>politisches<\/em> Problem sei und daher einer diplomatischen L&ouml;sung bed&uuml;rfe.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/150611_interview_gritsch.png\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p style=\"text-align:center\"><strong>Bei den Pogromen 2004 unter den Augen der KFOR  von Albanern niedergebranntes Serbenviertel in Prizren <\/strong><br>\n(Foto: Kurt Gritsch 2007)<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Und wieso wurde Annan nicht Glauben geschenkt?<\/strong><\/p><p>Nun, die so genannte Kontaktgruppe &ndash; also die USA, Gro&szlig;britannien, Frankreich, Italien, Deutschland und Russland &ndash; hat einfach, mit Ausnahme von Russland, das politische Problem auf die Person Slobodan Milo&scaron;evic zugespitzt. Er sei am Konflikt schuld, hie&szlig; es. Dabei gab es innerhalb Serbiens mit Vojislav &Scaron;e&scaron;elj durchaus radikalere Positionen in der Kosovo-Frage. Milo&scaron;evics Politik selbst war durchaus ambivalent &ndash; er hat etwa nicht viel f&uuml;r die Albaner getan &ndash;, aber er hat immer wieder mit dem F&uuml;hrer der Kosovo-Albaner, Ibrahim Rugova, verhandelt. Und er konnte die Umsetzung eines diplomatischen Abkommens durch Serbien garantieren. Das Problem war, dass die Maximalforderungen der beiden Konfliktparteien prinzipiell unvereinbar waren &ndash; Rugova und die meisten Albaner wollten die Sezession, und sie wollten diese durch die Internationalisierung der Kosovo-Frage erreichen. Milo&scaron;evic und die meisten Serben betrachteten Kosovo hingegen als innerserbisches Problem.<\/p><p><strong>Aber ganz aus dem Nichts kam diese Schuldzuweisung doch nicht? Milo&scaron;evic war immerhin schon aus dem Bosnien-Krieg als gewaltbereiter Diktator bekannt.<\/strong><\/p><p>Nat&uuml;rlich war Milo&scaron;evic kein Kandidat f&uuml;r den Friedensnobelpreis. Er war ein Machtpolitiker, ein Taktiker, auch zynisch und gewaltbereit. Aber er war ganz gewiss kein &bdquo;neuer Hitler&ldquo;, als der er von den meisten westlichen Leitmedien vor allem ab 1999 dann dargestellt wurde. Hinzu kommt, dass er nur eine Seite des Konflikts repr&auml;sentierte &ndash; die andere, die albanische, radikalisierte sich durch das Auftreten der U&Ccedil;K und den von ihr begonnenen B&uuml;rgerkrieg zunehmend, bis am Ende auf beiden Seiten die Gewalt siegte. <\/p><p><strong>Da sind wir dann auch unmittelbar am Punkt meines pers&ouml;nlich gr&ouml;&szlig;ten Zorns&hellip; Denn dieses &bdquo;der Gegner ist Hitler und deswegen sollen die Linken jetzt f&uuml;r Bombenterror und Massenmord sein&ldquo;-Argument, durch das bin nicht nur ich selbst einige Jahre sp&auml;ter bez&uuml;glich des Irak-Krieges politisiert worden, ich habe es seitdem auch immer wieder geh&ouml;rt, ja, es scheint regelrecht in Mode zu sein. Was halten Sie davon denn?  Bewirkt hat es ja immerhin, dass der au&szlig;erparlamentarische Widerstand gegen den Krieg der Vier-Parteien-Koalition in einzelne Teile zerbrach&hellip;<\/strong><\/p><p>Ja, das Zerbrechen des Kriegswiderstands ist das Eine, die Umdeutung des Begriffes Antifaschismus aber das Andere. Im Fall Kosovo wurden der &Ouml;ffentlichkeit ja mit Kriegsbeginn im M&auml;rz 1999 die <a href=\"http:\/\/www.medienverantwortung.de\/wp-content\/uploads\/2009\/07\/Wernicke_Forschungsarbeit-Feindschaft.pdf\">dreistesten L&uuml;gen<\/a> erz&auml;hlt. Weder gab es eine &bdquo;serbische SS&ldquo;, wie Joschka Fischer behauptete,  noch das von Verteidigungsminister Rudolf Scharping behauptete &bdquo;KZ im Fu&szlig;ballstadion von Pristina&ldquo;, noch hat sich der ebenfalls von Scharping kolportierte &bdquo;Hufeisenplan&ldquo; als Wahrheit herausgestellt.<\/p><p><strong>Was hatte es mit dem &bdquo;Hufeisenplan&ldquo; auf sich?<\/strong><\/p><p>Nun ja, er wurde der deutschen &Ouml;ffentlichkeit als angeblicher Beweis daf&uuml;r vorgelegt, dass Serbien schon vor dem Bombardement der NATO eine gro&szlig;fl&auml;chige Vertreibung aller Albaner aus dem Kosovo &ndash; in Hufeisenform, sozusagen &ndash; geplant habe. Damit w&auml;re der v&ouml;lkerrechtswidrige Angriff der NATO moralisch gerechtfertigt gewesen. Ein solcher Plan konnte aber nie nachgewiesen werden. Der bosnisch-serbische Historiker und Politiker Vasa &#268;ubrilovi hatte 1937 zwar einmal einen vergleichbaren Plan zur Vertreibung der Albaner, aber der war als politisches Konzept nie ernsthaft in Betracht gezogen worden.<\/p><p><strong>Und woher kam dann die entsprechende Propaganda?<\/strong><\/p><p>Dahinter stehen Spin Doctors, PR-Agenturen, die einen Krieg &auml;hnlich professionell &bdquo;vermarkten&ldquo; wie ein Konsumgut. Auch hier soll die &Ouml;ffentlichkeit kaufen, nur eben eine Sichtweise anstelle einer Ware. Es geht also darum, die Zustimmung der &Ouml;ffentlichkeit zu gewinnen. Und wie wichtig diese war, hat der Pressesprecher der NATO, Jamie Shea, vor einiger Zeit bereits sehr treffend auf folgenden Punkt gebracht: &bdquo;Wenn wir die &ouml;ffentliche Meinung in Deutschland verloren h&auml;tten, dann h&auml;tten wir sie im ganzen B&uuml;ndnis verloren.&ldquo;<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><div class=\"external-2click\" data-provider=\"Youtube\" data-provider-slug=\"youtube\"><div class=\"external-placeholder\"><p><strong>Externer Inhalt<\/strong><\/p><p>Beim Laden des Videos werden Daten an Youtube &uuml;bertragen.<\/p><button type=\"button\" class=\"external-load\">Inhalt von Youtube zulassen<\/button><\/div><div class=\"external-content\"><iframe loading=\"lazy\" width=\"500\" height=\"375\" src=\"\" frameborder=\"0\" allowfullscreen class=\"external-2click-target \" data-src=\"https:\/\/www.youtube-nocookie.com\/embed\/ZtkQYRlXMNU\"><\/iframe><\/div><div class=\"external-optout\"><a href=\"#\" data-revoke=\"youtube\">Inhalte von Youtube nicht mehr zulassen<\/a><\/div><\/div><\/p><p style=\"text-align:center\"><strong>Es begann mit einer L&uuml;ge: Deutschlands Weg in den Kosovo Krieg<\/strong><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Die Bezugnahme auf Hitler diente also letzten Endes der moralischen Legitimierung des NATO-Angriffs, weil ihm die v&ouml;lkerrechtliche fehlte?<\/strong><\/p><p>Die K&ouml;lner Soziologin Maria Mies hat es damals bereits gut zusammengefasst: &bdquo;Diese Wiederbelebung des Hitler-Gespenstes richtet sich vor allem gegen die bisher kriegsunwilligen Deutschen und die dortige Friedensbewegung.&ldquo; Was Sie als Wirkung beschreiben, war also, davon d&uuml;rfen wir wohl getrost ausgehen, von vornherein das Ziel dieses &bdquo;Argumentes&ldquo;. <\/p><p><strong>Aber ist an eben diesem &hellip; denn nicht &hellip; sozusagen irgendwie auch etwas dran? Ich meine, sich in Angesicht mancher Barbarei abzuwenden und nicht einzumischen k&auml;me doch einer Billigung derselben gleich?<\/strong><\/p><p>Historisch betrachtet f&auml;llt es leicht, angesichts der deutschen Geschichte und Hitler dem Militarismus das Wort zu reden. Doch auch Hitler und die Nationalsozialisten kamen nicht aus dem Nichts. Die Unterst&uuml;tzung etwa durch Alfred Hugenbergs Medienimperium hat den Erfolg der Nationalsozialisten mit erm&ouml;glicht. Und die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit den USA war ja auch nicht darauf ausgelegt, in Deutschland die friedliche Opposition zu st&auml;rken. Und: Es gab bereits einen Militarismus, der dann zu Hitler und zum Holocaust &ndash; der ja in diesem Umfang erst im Krieg m&ouml;glich wurde &ndash; gef&uuml;hrt hat. Klar, wenn ein Hitler dann da ist und der einen Krieg beginnt, dann helfen gewaltlose Demos nicht mehr.<\/p><p><strong>Es gibt also tats&auml;chlich auch F&auml;lle, in denen milit&auml;risches Eingreifen sogar ethisch geboten ist?<\/strong><\/p><p>Ja, es ist denkbar, dass man milit&auml;risch eingreifen muss, um eine Barbarei abzuwenden. Der Genozid in Ruanda war so ein Beispiel. Aber dann ist der UN-Sicherheitsrat daf&uuml;r zust&auml;ndig, und falls der blockiert ist, muss ein H&ouml;chstma&szlig; an Legitimation gew&auml;hrleistet sein, die Intervention muss dem Schutz derer dienen, zu deren Gunsten interveniert wird, und darf gleichzeitig keine Menschenleben unn&ouml;tig gef&auml;hrden etc. &ndash; es sind die <a href=\"http:\/\/repository.forcedmigration.org\/pdf\/?pid=fmo:2934\">Mohonk-Kriterien<\/a>&sbquo;Humanit&auml;t&rsquo;, &sbquo;Unparteilichkeit&rsquo;, &sbquo;Neutralit&auml;t&rsquo;, &sbquo;Unabh&auml;ngigkeit&rsquo; und &sbquo;Machttransfer&rsquo; &ndash; an die Betroffenen -, an denen man sich orientieren m&uuml;sste. <\/p><p><strong>Und das ist im Fall Kosovo nicht geschehen?<\/strong><\/p><p>Nein, im Kosovo ist etwas Anderes passiert: Es gab keinen Hitler, es gab B&uuml;rgerkrieg. Und die NATO hat sich in erster Linie nicht aus humanit&auml;ren Gr&uuml;nden eingemischt &ndash; es gab mit Kriegsbeginn auch keine Fl&uuml;chtlingszelte, keine medizinische Versorgung, nichts &ndash;, sondern aus Eigeninteresse.<\/p><p><strong>Eigeninteresse? Die NATO?<\/strong><\/p><p>Ja. Zuallererst wollte das B&uuml;ndnis zeigen, dass es &uuml;berhaupt noch eine Bedeutung hat. Immerhin war ja der Warschauer Pakt aufgel&ouml;st worden, das alte Feindbild Kommunismus existierte nicht mehr &ndash; ein Fortbestand als Verteidigungspakt schien angesichts fehlender Feinde nicht zwingend. Und dann wollte sich die NATO vom Verteidigungsb&uuml;ndnis zum Interventionsb&uuml;ndnis wandeln. Und sich nebenbei noch aus dem Vetobereich des UN-Sicherheitsrates l&ouml;sen. Alle drei Ziele wurden dank Kosovo erreicht.<\/p><p><strong>Inwiefern?<\/strong><\/p><p>Nun, im April 1999 hat die NATO ihren 50sten Geburtstag gefeiert und sich zugleich in ein B&uuml;ndnis gewandelt, das jederzeit global eingreifen kann. Und Deutschland ist durch die Kriegsbeteiligung zu einem &bdquo;normalen&ldquo; Verb&uuml;ndeten geworden.<\/p><p><strong>Was treibt die NATO &ndash; gerade ohne globales Feindbild und eigentliche Existenznotwendigkeit &ndash; denn an&hellip;?<\/strong><\/p><p>Ihr Antrieb sind meines Erachtens in erster Linie wirtschaftliche Beweggr&uuml;nde &ndash; der Zugang zu neuen M&auml;rkten, der Schutz von Investitionen, der Zugriff auf Rohstoffe, die Liberalisierung der jeweiligen National&ouml;konomie&hellip;<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/150611_interview_gritsch_02.png\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p style=\"text-align:center\"><strong>Dankesplakate in Gjakova f&uuml;r die US-Unterst&uuml;tzung der Kosovo-Albaner im Kampf um Unabh&auml;ngigkeit von Serbien<\/strong><br>\n(Foto: Kurt Gritsch 2007)<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Das klingt jetzt schon ein bisschen antiimperialistisch, oder nicht?<\/strong><\/p><p>Naja, das h&auml;ngt nat&uuml;rlich vom Standpunkt ab. Vielleicht brauchen wir da einfach einen neuen Begriff. Aber es geht im Kern durchaus um einen globalisierten Handel nach westlichen Vorstellungen. Oder warum sonst stand im Rambouillet-Abkommen, das dem Kosovo eine politische und kulturelle Autonomie garantieren sollte, dass sich ganz Jugoslawien den Regeln des freien Marktes zu unterwerfen habe? Wobei man sagen muss: Nach dem Ende von Milo&scaron;evic haben das die Nachfolgeregierungen ohnehin gemacht. R&uuml;ckblickend hat Serbien nicht nur den Krieg, sondern auch den Frieden verloren. <\/p><p>Das gilt allerdings, abgesehen von einer neuen Elite vorwiegend ehemaliger U&Ccedil;K-Mitglieder, auch f&uuml;r Kosovo und dessen Bewohner: Albaner, Serben und ethnische Minderheiten. Die unter UN-Verwaltung durchgef&uuml;hrten Zwangsprivatisierungen haben das ohnehin tiefe Lohnniveau nochmals gesenkt. Wobei auch rein albanische Provinzbetriebe betroffen waren und Albaner auch gegen die Zwangsenteignung ihrer Gemeinschaftsbetriebe geklagt haben &ndash; erfolglos allerdings. So wurden neben Serben und anderen Minderheiten schlie&szlig;lich auch die Albaner zu Verlierern dieses Konfliktes, was deutlich vor Augen f&uuml;hrt, dass die Erh&ouml;hung ihrer Lebensqualit&auml;t etc. nie das Ziel des Krieges gewesen ist.<\/p><p><strong>Gr&uuml;ne und SPD waren also daf&uuml;r verantwortlich, dass es den Menschen im Kosovo heute schlechter geht als zuvor?<\/strong><\/p><p>Ja, aber nicht nur das. Dar&uuml;ber hinaus haben sie vor allem dazu beigetragen, den Antifaschismus von seiner Bindung an den Antiimperialismus zu l&ouml;sen. Es ist ihnen gelungen &ndash; und es konnte eben nur einer Linksregierung gelingen &ndash;, den <a href=\"http:\/\/www.antifa.de\/cms\/content\/view\/1991\/32\/\">Antifaschismus umzudeuten<\/a>.<\/p><p>Die Begr&uuml;ndung, gegen Faschismus zu sein, wurde fortan daf&uuml;r verwendet, sich f&uuml;r Interessen einzusetzen, die man fr&uuml;her als klassisch imperialistische bezeichnet h&auml;tte &ndash; Regimewechsel, erzwungene Markt&ouml;ffnung, Lohndumping, Verkauf von Rohstoffen an internationale Konzerne zu Niedrigstpreisen etc.<\/p><p><strong>Ich bedanke mich f&uuml;r das Gespr&auml;ch.<\/strong><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Kurt Gritsch<\/strong>, Dr. phil., Jahrgang 1976, ist Historiker und Konfliktforscher. Studium der Neueren Geschichte in Innsbruck und Hildesheim. Forschungsschwerpunkte: Neuere Geschichte, Konfliktforschung, Medien- und Rezeptionsgeschichte. Mehr als 50 Ver&ouml;ffentlichungen in Fachzeitschriften und Printmedien, unter anderem zum Jugoslawien-Krieg, zum Kosovo-Konflikt (<em>bspw. Inszenierung eines gerechten Krieges? Intellektuelle, Medien und der &bdquo;Kosovo-Krieg&ldquo; 1999, Hildesheim, Olms-Verlag, 2010<\/em>) sowie zu den arabischen Revolutionen und zum Ukraine-Konflikt.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>Eine automatische E-Mail-Benachrichtigung &uuml;ber <strong>neue Texte von Jens Wernicke<\/strong> k&ouml;nnen Sie <a href=\"http:\/\/feedburner.google.com\/fb\/a\/mailverify?uri=JensWernicke&amp;loc=de_DE\">hier<\/a> bestellen. Nach Eintrag Ihrer E-Mail-Adresse in die Newsletter-Liste erhalten Sie noch eine Best&auml;tigungsmail, die gelegentlich auch einmal im Spam-Ordner landet, jedoch abschlie&szlig;end noch zu &bdquo;klicken&ldquo; ist.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/284c40da3e2349cabdbbafa6c5d26035\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float:right;margin: 0 0 15px 15px\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/150611_gritsch.jpg\" alt=\"Kurt Gritsch\" title=\"Kurt Gritsch\"\/><\/div>\n<p>Der &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/artikel\/44\/44035\/1.html\">Krieg um die K&ouml;pfe<\/a>&ldquo;, von dem zurzeit viel die Rede ist, nahm seinen Anfang bereits in den 1990er Jahren und f&uuml;hrte dazu, dass sich immer weitere Teile des rot-gr&uuml;nen Parteienspektrums bereitfanden und -finden, gegen einen jeweils &bdquo;neuen Hitler&ldquo; notfalls auch kriegerische Mittel<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26380\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[170,209,123,171],"tags":[912,714,462,432,304,466,1210],"class_list":["post-26380","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-friedenspolitik","category-interviews","category-kampagnentarnworteneusprech","category-militaereinsaetzekriege","tag-buergerkrieg","tag-fischer-joschka","tag-jugoslawien","tag-kosovo","tag-kriegsverbrechen","tag-nato","tag-scharping-rudolf"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26380","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=26380"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26380\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":120377,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26380\/revisions\/120377"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=26380"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=26380"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=26380"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}