{"id":26394,"date":"2015-06-12T08:48:52","date_gmt":"2015-06-12T06:48:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26394"},"modified":"2015-06-12T10:08:26","modified_gmt":"2015-06-12T08:08:26","slug":"wider-dem-davonstehlen-vor-der-geschichte-der-briefwechsel-zwischen-rudi-dutschke-und-peter-paul-zahl-ist-endlich-veroeffentlicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26394","title":{"rendered":"Wider das Davonstehlen vor der Geschichte &#8211; Der Briefwechsel zwischen Rudi Dutschke und Peter Paul Zahl ist endlich ver\u00f6ffentlicht"},"content":{"rendered":"<p>Gut zwei Wochen nach dem Tod von Rudi Dutschke schl&auml;gt Peter-Paul Zahl Helmut Gollwitzer im Januar 1980 vor, den Briefwechsel zwischen ihm und Dutschke zu ver&ouml;ffentlichen. Der Schriftsteller, der zu dieser Zeit bereits gut sieben Jahre im Gef&auml;ngnis sitzt, hatte erfahren, dass Gollwitzer mit dem Rowohlt-Verlag &uuml;ber die Herausgabe von Dutschkes Aufs&auml;tzen verhandelt und war &bdquo;schlicht entsetzt&ldquo;, denn: &bdquo;Ich hielte es f&uuml;r einen riesigen Opportunismus, mit Rudis Arbeiten zu einem b&uuml;rgerlichen Verlag zu gehen; zudem zu einem, der Zensur &uuml;bt.&ldquo; Schlie&szlig;lich seien die Texte in der kapitalistischen Welt nur eins: Tauschwert. Dagegen setzte er den Vorschlag, die &bdquo;ungemein anregende&ldquo; Korrespondenz zwischen den beiden zu ver&ouml;ffentlichen. Eine Rezension von <strong>Helge Buttkereit<\/strong><br>\n<!--more--><br>\n&bdquo;Jede Frage Rudis &ndash; und er stellte so viele Fragen und provozierte ein jedes Mal intensive Fragen und Antworten! War &lsquo;Retten der Erbschaft&rsquo;, ist die &lsquo;Negation von Nostalgie und Geschichtsbetrug&rsquo;&ldquo;, zitiert Zahl aus Dutschkes Briefen und trifft damit &ndash; wie wir jetzt sagen k&ouml;nnen &ndash; den Kern der Auseinandersetzung zwischen zwei sehr unterschiedlichen Protagonisten der antiautorit&auml;ren Revolte der 1960er Jahre, die auch zehn Jahre nach 1968 um eine bessere Welt ringen. Zahls Vorschlag blieb ungeh&ouml;rt, die Texte Dutschkes wurden, unsystematisch, teilweise stark redigiert und gek&uuml;rzt, Anfang der 1980er Jahre unter anderem in zwei B&auml;nden bei Rowohlt ver&ouml;ffentlicht und wie von Zahl vorhergesehen sp&auml;ter verramscht. Der Briefwechsel in dem es unter anderem um eine komplette &Uuml;berarbeitung von Dutschkes &bdquo;Bibliographie des revolution&auml;ren Sozialismus&ldquo; ging, blieb unver&ouml;ffentlicht. Bis jetzt. <\/p><p>Auf gut 250 Druckseiten &ndash; dazu kommt ein umfangreicher Anhang sowie ein Vorwort zum Verh&auml;ltnis der beiden Protagonisten &ndash; ist dabei ein Dokument herausgekommen, das auch heute noch wichtige Fragen der Gegenwart zu kl&auml;ren hilft. Es ist besonders die Auseinandersetzung um die eigene Geschichte, die Geschichte der antiautorit&auml;ren Bewegung und die Stellung der beiden Briefpartner in ihr, die die Lekt&uuml;re der Briefe auch noch 35 Jahre sp&auml;ter so fruchtbar macht. Gelingt es Dutschke und Zahl doch, ihre jeweils eigene Position historisch zu verorten, ihre &bdquo;Erbschaft zu retten&ldquo;, wie es Dutschkes ausdr&uuml;ckt. Sie binden dabei ihre Aussagen immer wieder an die aktuellen K&auml;mpfe und aktuellen Aufgaben und Analysen zur&uuml;ck, wobei an dieser Stelle insbesondere auf die Analyse des Realsozialismus zu verweisen ist. <\/p><p>Dutschke hatte einige Jahre zuvor in seiner Doktorarbeit die russische Revolution historisch-materialistisch untersucht und das politische System der Sowjetunion nach diversen Kritiken an seiner Arbeit und der Zusammenarbeit mit dem ehemaligen Spanienk&auml;mpfer G&uuml;nther Berkhahn mittlerweile auf den Begriff &bdquo;Staatssklaverei&ldquo; gebracht. Grundlage der Analyse war Marx&rsquo; Begriff der &bdquo;asiatischen Produktionsweise&ldquo;. Diese Grundformation in der Geschichtstheorie von Marx wurde im Ostblock kaum beachtet bis ignoriert, was sich auch daran ablesen l&auml;sst, dass eines der wichtigsten Werke von Marx zur russischen Geschichte &ndash; die &bdquo;Geschichte der Geheimdiplomatie des 18. Jahrhunderts&ldquo; &ndash; nicht in die offizielle Werkausgabe aufgenommen wurde. Auf Grundlage von Marx konnte Dutschke gemeinsam mit Berkhahn die Kontinuit&auml;t der asiatischen Produktionsweise in der russischen Geschichte, in der sich die &bdquo;Staatssklaverei&ldquo; durchgesetzt hatte, bis in die Zeit der Sowjetunion nachweisen.<\/p><p>Den so gewonnenen Begriff der Staatssklaverei stellte er der &bdquo;Lohnsklaverei&ldquo; im kapitalistischen Westen gegen&uuml;ber. Zahl wiederum spricht in den Briefen immer wieder vom &bdquo;realen Dingsbums&ldquo; oder von einem Tick Dutschkes, sich so auf die Analyse von Ostblock und auch der DDR zu st&uuml;rzen, w&auml;hrend ihm selbst (und den gr&ouml;&szlig;ten Teilen der damaligen Linken) der Westen oder auch Lateinamerika n&auml;her war als die Landsleute jenseits der Mauer. Die Verknotung von Sozialismusfrage und der Frage nach der deutschen Geschichte, die Dutschke sah, war f&uuml;r Zahl nicht gegeben. So l&auml;sst sich an der Auseinandersetzung zwischen beiden sehr gut darstellen, was eines der Dilemmata der Geschichte der deutschen Linken ist, die sich fortw&auml;hrend aus der eigenen  Geschichte stiehlt. <\/p><p>W&auml;hrend sich Zahl &ndash; und hier gleicht er den meisten Linken bis heute &ndash; seit der Flucht seiner Familie aus der DDR 1953 seines &bdquo;Deutschseins&ldquo; sch&auml;mte, geht es Dutschke &bdquo;allein darum, theoretisch und politisch klarzumachen, wie dieses Zentrum Mitteleuropa sich nicht davonstehlen kann, erst recht nicht die Sozialisten, Kommunisten und Demokraten europ&auml;ischer Klassenkampfgeschichte, &ndash; diese komischen Deutschen kommen da nicht drum rum, es sei denn, sie  stehlen sich davon, haben den Schwanz eingezogen oder sind mit dem bestehenden &lsquo;Status Quo&rsquo; der herrschenden Superm&auml;chte einverstanden, &lsquo;Leben&rsquo; mit Atombomben und schwelenden Krisen.&ldquo; Nat&uuml;rlich h&auml;tten die Amerikaner, die imperialistische Supermacht die &uuml;berall auf der Welt wie auch die Sowjetunion jede &bdquo;radikale sozialistische Wendung&ldquo; ausschalten wollen, Deutschland vom Faschismus befreit. Das deutsche Volk, die deutsche Arbeiterklasse war dazu unf&auml;hig. &bdquo;Verlieren wir aber damit das Recht aufrecht gehen zu lernen?&ldquo;, fragt Dutschke.<\/p><p>Seine Briefe zeugen davon, wie sehr er selbst die Maxime des Lernprozesses, der Selbstver&auml;nderung der Revolution&auml;re, der stetigen Infragestellung der einmal gewonnen Position verinnerlicht hat und in die Tat umsetzt. Dies ist in gewisser Weise auch das Verdienst von Zahl, der Dutschke immer wieder vor neue Aufgaben der Reflexion stellt, der ihn anregt. Zahls Verstocktheit gerade in der Frage der deutschen und realsozialistischen Geschichte und Gegenwart f&uuml;hrt Dutschke so auch immer wieder zu erneuten Anl&auml;ufen der Erkl&auml;rungen. Wenn Zahl davon spricht, dass es in den 1960er Jahren einen &bdquo;Dutschkismus&ldquo; gegeben habe, dann sehen wir ihn hier in den Briefen Dutschkes immer wieder manifest werden. <\/p><p>Dass von einem &bdquo;Dutschkismus&ldquo; im Sinne einer antiautorit&auml;ren politischen Theorie gesprochen werden kann, hat parallel zur Ver&ouml;ffentlichung des Briefwechsels Carsten Prien nachgewiesen. &bdquo;Im individuellen Selbstbewusstsein eines Einzelnen, der sich selbst als geschichtliches Wesen zu begreifen versucht, wird zugleich eine bestimmte historische Situation ihrer selbst bewusst&ldquo;, schreibt er zur Erl&auml;uterung des Begriffes in seinem Buch mit dem gleichen Titel. Im Briefwechsel zwischen Zahl und Dutschke wird deutlich, was dies konkret auf Grundlage der unverf&auml;lschten Originaltexte hei&szlig;t. Vor diesem Hintergrund ist er &ndash; trotz aller editorischer M&auml;ngel, die eine Rezeption durch fehlende Kommentierung erschweren &ndash; mit gro&szlig;em Gewinn zu lesen und f&uuml;r die geschichtslose Linke der Bundesrepublik (und dar&uuml;ber hinaus) im Sinne von Karl Marx ein Geschichtsbuch zur Selbstver&auml;nderung und der Ver&auml;nderung der Umst&auml;nde.<\/p><p><strong>Mut und Wut. Rudi Dutschke und Peter-Paul Zahl.<\/strong> Briefwechsel 1978\/79. Bearbeitet von Gretchen Dutschke, Christoph Ludszuweit und Peter-Paul Zahl. Edition Stadtmuseum &bdquo;Berliner Subjekte&ldquo;, Verlag M, Berlin 2015, 342 Seiten, 24,90 Euro<\/p><p><strong>Carsten Prien, Dutschkismus.<\/strong> Die politische Theorie Rudi Dutschkes. Mit einem Text von Rudi Dutschke &amp; G&uuml;nter Berkhahn, &Uuml;ber die allgemeine reale Staatssklaverei, Ousia Lesekreis Verlag, Seedorf 2015, 164 Seiten, 10 Euro<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gut zwei Wochen nach dem Tod von Rudi Dutschke schl&auml;gt Peter-Paul Zahl Helmut Gollwitzer im Januar 1980 vor, den Briefwechsel zwischen ihm und Dutschke zu ver&ouml;ffentlichen. 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