{"id":26409,"date":"2015-06-15T10:09:37","date_gmt":"2015-06-15T08:09:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26409"},"modified":"2019-07-05T10:23:29","modified_gmt":"2019-07-05T08:23:29","slug":"tsipras-in-der-zwickmuehle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26409","title":{"rendered":"Tsipras in der Zwickm\u00fchle"},"content":{"rendered":"<p>Nach dem im Dissens beendeten Treffen der &bdquo;Br&uuml;sseler Gruppe&ldquo; und der R&uuml;ckkehr der griechischen Delegation nach Athen hat Ministerpr&auml;sident Alexis Tsipras mit einer Erkl&auml;rung gegen&uuml;ber der linken Tageszeitung Efimerida ton Syntaktion reagiert. Er weist darauf hin, dass die griechische Regierung nach wie vor bereit ist, in weiteren Verhandlungen die &bdquo;n&ouml;tigen Abstriche&ldquo; zu machen, um eine Einigung mit den &bdquo;Institutionen&ldquo; der Gl&auml;ubiger (EU, EZB und IWF) zu erreichen. Zugleich betont er, dass er zus&auml;tzlichen Belastungen gerade der &auml;rmsten Schichten nicht zustimmen kann und zu einer &bdquo;Unterwerfung&ldquo; seines Landes nicht bereit ist. Von <strong>Niels Kadritzke<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDie Erkl&auml;rung hat folgenden Wortlaut:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Das Bestehen der Institutionen auf neuen Einschnitten bei den Renten, nachdem diese f&uuml;nf Jahre lang durch die Sparpolitik gefleddert wurden, kann man nur als bewusste politische Absicht deuten. <\/p>\n<p>Die griechische Regierung geht in die Verhandlungen mit einem Plan und mit fundierten Gegenvorschl&auml;gen. Wir werden geduldig warten, bis die Institutionen zu einer realistischen Haltung finden.<\/p>\n<p>Wenn allerdings einige Leute unseren aufrichtigen Wunsche nach einer L&ouml;sung, und die Schritte, die wir bereits zur &Uuml;berbr&uuml;ckung der Differenzen gemacht haben, als Schw&auml;che interpretieren, geben wir ihnen Folgendes zu bedenken:<\/p>\n<p>Auf unseren Schultern lastet nicht nur eine lange Geschichte von K&auml;mpfen, wir tragen vielmehr auch die W&uuml;rde eines Volkes, und zugleich die Hoffnung der V&ouml;lker Europas. Diese Last ist so schwer, dass wir sie nicht absch&uuml;tteln k&ouml;nnen. Das ist keine Frage ideologischer Unnachgiebigkeit. Es ist eine Frage der Demokratie. Wir haben nicht das Recht, die europ&auml;ische Demokratie an dem Ort ihrer Geburt zu Grabe zu tragen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Diese Stellungnahme, deren spezifisches Pathos schwer zu &uuml;bersetzen ist, wird von der Zeitung in einem Punkt n&auml;her interpretiert: Mit dem Verweis auf &bdquo;idologisch unnachgiebige&ldquo; Positionen habe Tsipras auch die Opposition innerhalb der eigenen Partei im Auge. <\/p><p>Dass die linke Opposition f&uuml;r die Regierung ein erhebliches Problem darstellt, hat Tassos Papp&aacute;s in derselben Zeitung in seinem Kommentar vom letzten Samstag erl&auml;utert. Der erfahrene und geachtete Journalist, der die griechische Innenpolitik seit Jahren aus linker Perspektive kommentiert und ein entschiedener Bef&uuml;rworter der Syriza-Regierung ist, skizziert dabei das Dilemma, in dem sich Tsipras nicht nur gegen&uuml;ber seinen &bdquo;Partnern&ldquo;, sondern auch gegen&uuml;ber dem linken Fl&uuml;gel der Syriza befindet. Die  wichtigsten Passagen seiner Einsch&auml;tzung will ich im Folgenden dokumentieren.<\/p><p>Papp&aacute;s skizziert zun&auml;chst den Stand der Verhandlungen (vom letzten Samstag) und die Punkte, in denen die griechische Seite etwas herausgeholt hat (und die inzwischen wieder fraglich sind):<\/p><p>&bdquo;Nach allem, was wir wissen, hat Tsipras erreicht, dass der Prim&auml;r&uuml;berschuss (Haushaltsplus ohne Ber&uuml;cksichtigung des Schuldendienstes) kleiner sein darf als die Gl&auml;ubiger von der Regierung Samaras-Venizelos gefordert haben, aber immer noch gr&ouml;&szlig;er ist als urspr&uuml;nglich von Griechenland vorgeschlagen (n&auml;mlich 0,8 Prozent des BIP, w&auml;hrend die Gl&auml;ubiger 1,0 Prozent fordern, NK.)<\/p><p>Zudem hat er es geschafft, das Thema der &bdquo;Tragf&auml;higkeit&ldquo; der Schuldenlast auf den Verhandlungstisch kommt, ohne allerdings eine verbindliche Aussage &uuml;ber die L&ouml;sung des Problems durchzusetzen. Was die Themenfelder Rentensystem, Arbeitsbeziehungen und Mehrwertsteuer betrifft, so bleibt die Lage jedoch undurchsichtig. Die Regierung lehnt die Vorstellungen der Gl&auml;ubiger ab, aber wenn der Fall bei den beteiligten Institutionen landet, wird man schwerlich eine gemeinsame Basis finden, weil der IWF keine Bereitschaft erkennen l&auml;sst, seine extremen Positionen aufzugeben.&ldquo;<\/p><p>Dann kommt Papp&aacute;s zu der Frage, ob die Regierung eine Vereinbarung (einen &bdquo;ehrenhaften&ldquo; Kompromiss vorausgesetzt) zu Hause &bdquo;verkaufen&ldquo; kann.  Seine Antwort lautet:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;dem griechischen Publikum wahrscheinlich schon, aber bei der eigenen Partei wird es schwierig&ldquo;.\n<\/p><\/blockquote><p>Hier seine Begr&uuml;ndung:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;In der Gesellschaft gibt es eine klare Mehrheit f&uuml;r eine Einigung um jeden Preis. Die meisten B&uuml;rger sind &ndash; unabh&auml;ngig von ihrer Pr&auml;ferenz bei den Wahlen vom 25. Januar &ndash; von den endlosen Verhandlungen ersch&ouml;pft, sind verzweifelt &uuml;ber das Fehlen von klaren Perspektiven, ganz wirr im Kopf von den sich st&auml;ndig widersprechenden Informationen, zutiefst erschreckt &uuml;ber die M&ouml;glichkeit eines gef&auml;hrlichen Abenteuers, falls wir mit den Verb&uuml;ndeten brechen, und entt&auml;uscht dar&uuml;ber, dass das angestrebte Ziel einer raschen, beiden Seiten n&uuml;tzenden Vereinbarung nicht erreicht wurde. Deshalb wollen sie hier und jetzt eine Einigung &ndash; selbst wenn sie f&uuml;r das Land schlecht sein sollte. <\/p>\n<p>Nat&uuml;rlich werden sie sp&auml;ter, wenn sich das Ergebnis in der Praxis als sehr belastend erweisen wird, &uuml;ber Tsipras und die Regierung zetern und sie steinigen wollen, aber das ist in der Politik nichts Neues. Jedenfalls k&ouml;nnte sich der Zorn ziemlich rasch wieder legen, wenn die Regierung ihr Arbeitstempo in anderen Bereichen beschleunigt und Ver&auml;nderungen auf den Weg bringt, die den Leuten beweisen, dass sie sich von den Vorg&auml;ngerregierungen unterscheidet.<\/p>\n<p>Ein Vorteil f&uuml;r die Regierung ist der Zustand, in dem sich die Opposition befindet. Die Nea Dimokratia und die Pasok m&uuml;ssen sich mit ihren alten S&uuml;nden herumschlagen, Potami (eine neue Zentrumspartei) sucht noch ihr Profil und l&auml;sst die W&auml;hler ratlos, w&auml;hrend die KKE den unzufriedenen Linken nur eine vor&uuml;bergehende Zuflucht bieten kann. <\/p>\n<p>Anders als bei den W&auml;hlern stehen die Dinge in der Syriza. Innerhalb der Partei &uuml;berwiegt allem Anschein nach die Auffassung, dass die Regierung sich auf keine Vereinbarung einlassen darf, die im Widerspruch zu den programmatischen Ank&uuml;ndigungen der Partei steht. <\/p>\n<p>Die meisten Mitglieder der Syriza und eine erhebliche Anzahl ihrer Funktionstr&auml;ger ziehen einen Bruch (in den Verhandlungen) vor. Auf derselben Wellenl&auml;nge liegen wichtige Minister, aber auch ein gro&szlig;er Teil der Syriza-W&auml;hler, wie aus einer Umfrage des Instituts MARC f&uuml;r den Fernsehsender Alpha hervorgeht (n&auml;mlich 53 Prozent). Wir wissen allerdings nicht, was diejenigen, die nicht wollen, dass Tsipras einen Kompromiss schlie&szlig;t, unter Bruch tats&auml;chlich verstehen. Bedeutet er f&uuml;r sie lediglich neue Wahlen und nicht mehr? Und was soll dann nach den Wahlen geschehen?<\/p>\n<p>Wenn die Syriza aus Neuwahlen gest&auml;rkt hervorgeht und eine eigene Mehrheit erringen kann, denken sie dann wom&ouml;glich, dass die gezwungen sein werden, ihre Forderungen zu verw&auml;ssern und sich dem Urteil des Volkes zu unterwerfen? Haben die Verfechter der Konfrontation einkalkuliert, dass das Ergebnis einer solchen Konfrontation &ndash; selbst bei einer gro&szlig;en Dominanz der Syriza im Parlament &ndash; der Ausstieg des Landes aus der Eurozone sein kann? Niemand ist in der Lage, diese Fragen heute mit Sicherheit zu beantworten.<\/p>\n<p>Kurz und gut: Alexis Tsipras ist der Ministerpr&auml;sident des Landes und ist verpflichtet, zuallererst die Meinung und die Stimmungen der Mehrheit der griechischen B&uuml;rger in Betracht zu ziehen. Er steht aber zugleich an der Spitze der Syriza und es kann nicht vernachl&auml;ssigen, wie sich die Kr&auml;fteverh&auml;ltnisse innerhalb seiner Partei und bei ihrem W&auml;hleranhang entwickeln. Das ist ein schwieriges Dilemma. Aber hat er selbst nicht immer wieder gesagt, dass immer dann, wenn es schwierig wird, die Linke gefordert ist?&ldquo;\n<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach dem im Dissens beendeten Treffen der &bdquo;Br&uuml;sseler Gruppe&ldquo; und der R&uuml;ckkehr der griechischen Delegation nach Athen hat Ministerpr&auml;sident Alexis Tsipras mit einer Erkl&auml;rung gegen&uuml;ber der linken Tageszeitung Efimerida ton Syntaktion reagiert. 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