{"id":26413,"date":"2015-06-15T11:57:31","date_gmt":"2015-06-15T09:57:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26413"},"modified":"2015-06-17T15:46:06","modified_gmt":"2015-06-17T13:46:06","slug":"james-dean-und-der-poker-um-griechenland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26413","title":{"rendered":"James Dean und der Poker um Griechenland"},"content":{"rendered":"<p>In den Verhandlungen zwischen Griechenland und der &bdquo;Br&uuml;sseler Gruppe&ldquo; bleiben die beiden Kontrahenten auf ihrem Kollisionskurs. Wenn sich die Finanzminister der Eurozone am Donnerstag treffen, k&ouml;nnte es zum Frontalzusammensto&szlig; kommen. Man kann zwar davon ausgehen, dass beide Seiten darauf aus sind, dies zu vermeiden &ndash; eine Prognose, wie die j&uuml;ngste Zuspitzung der Krise ausgehen wird, ist jedoch nahezu unm&ouml;glich. Die Verhandlungsstrategie beider Seiten wird n&auml;mlich offensichtlich von der Spieltheorie bestimmt. Die Troika und Griechenland spielen das Chicken Game (auf deutsch: &bdquo;Feiglingsspiel&ldquo;) und sind mittlerweile in ihren eigenen spieltheoretischen Strategien derart gefangen, dass eine Katastrophe keineswegs mehr auszuschlie&szlig;en ist. Oder ist das genau die Strategie, mit der beide Seiten das Spiel gewinnen wollen? Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5108\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-26413-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150617_Poker_um_Griechenland_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150617_Poker_um_Griechenland_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150617_Poker_um_Griechenland_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150617_Poker_um_Griechenland_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=26413-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150617_Poker_um_Griechenland_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"150617_Poker_um_Griechenland_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Wenn Sie jemals den Filmklassiker &bdquo;&hellip; denn sie wissen nicht, was sie tun&ldquo; (orig.: &bdquo;Rebel Without a Cause&ldquo; gesehen haben sollten, k&ouml;nnen Sie sich sicherlich an die wohl ber&uuml;hmteste Szene des Films erinnern: James Dean und sein Kontrahent rasen in gestohlenen Autos auf den Rand einer Klippe zu. Wer zuerst aus dem Wagen springt, ist bei dieser Mutprobe der Feigling. Im Film gewinnt James Dean, weil sein Kontrahent mit dem Jacken&auml;rmel am T&uuml;rgriff h&auml;ngen bleibt und so in den Tod st&uuml;rzt. Die Mutprobe hat er damit jedoch verloren. Was in Nicolas Rays Film von 1955 in den Kinos gezeigt wurde, ist eine Variante der Spieltheorie, die wenige Jahre zuvor zun&auml;chst die Wissenschaft eroberte und w&auml;hrend des Kalten Krieges zur nuklearen Globalstrategie der beiden Superm&auml;chte werden sollte.<\/p><p>Beim klassischen &bdquo;<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Chicken_(game)\">Chicken Game<\/a>&ldquo; fahren die beiden Autos nicht auf eine Klippe sondern aufeinander zu. Wer zuerst den Kollisionskurs verl&auml;sst, hat verloren. Lenken beide Seiten nicht ein, kommt es zum Frontalzusammensto&szlig;, bei dem beide Seiten verlieren. Es gibt sogar mathematische Formeln, wie beispielsweise das &bdquo;Nash-Gleichgewicht&ldquo;, die den Spielern (Fahrern) den idealen Punkt nennen sollen, an dem sie das Lenkrad herumrei&szlig;en sollten. Diese Modelle haben jedoch ihre Grenzen. Immer wenn in der gro&szlig;en Politik das &bdquo;Chicken Game&ldquo; gespielt wird, geht es vor allem um Psychologie. Die wichtigste W&auml;hrung in diesem Spiel ist dabei die Glaubw&uuml;rdigkeit. Als sich Amerikaner und Russen w&auml;hrend der Kubakrise gegen&uuml;berstanden, geh&ouml;rte es zur amerikanischen Strategie, keinen Zweifel daran zuzulassen, dass man voll und ganz bereit war, einen globalen Atomkrieg zu starten, wenn die Russen nicht einlenken sollten. In der Spieltheorie wird diese Strategie als &bdquo;<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Brinkmanship\">Brinkmanship<\/a>&ldquo; bezeichnet. Im Grunde passten Amerikaner und Russen w&auml;hrend des gesamten Kalten Krieges ihre Politik der Spieltheorie an. Hier ging es jedoch nicht um eine Mutprobe rund um den Zusammensto&szlig; zweier aufeinander zu fahrender Autos, sondern um den Fortbestand der Menschheit.<\/p><p>So gro&szlig; ist der Einsatz beim Poker um die R&uuml;ckzahlung der griechischen Staatsschulden zwar nicht. Auch bei diesem &bdquo;Spiel&ldquo; steht jedoch f&uuml;r Europa und Griechenland sehr viel auf dem Spiel. Und auch dieses &bdquo;Spiel&ldquo; ist im Rahmen der Spieltheorie ein &bdquo;Chicken Game&ldquo;, bei dem es vor allem um Psychologie geht. Beide Seiten pokern darauf, dass der Gegner kurz vor dem Frontalzusammensto&szlig; das Lenkrad herumrei&szlig;t. Wie bei jedem &bdquo;Chicken Game&ldquo; besteht jedoch auch die Gefahr, dass keine der Parteien das Lenkrad herumrei&szlig;t und es zum Frontalzusammensto&szlig; kommt. Und auch in anderen Punkten weisen die Verhandlungen eine frappierende &Auml;hnlichkeit zur Spieltheorie auf.<br>\nEin elementarer Bestandteil des spieltheoretischen &bdquo;Chicken Game&ldquo; ist es, den Gegner glauben zu machen, man selbst sei f&uuml;r den Frontalzusammensto&szlig; bereit. Beim klassischen &bdquo;Chicken Game&ldquo; ist beispielsweise das Verbinden der Augen oder das Verriegeln der Autot&uuml;ren eine denkbare Strategie. Eine weitere Strategie ist es, dem Gegner den Eindruck zu vermitteln, man handele irrational. Bei &bdquo;Chicken Game&ldquo; w&auml;re dies beispielsweise das echte oder vorget&auml;uschte Betrinken vor der Fahrt, das dem Gegner davon &uuml;berzeugen soll, zuerst einzulenken, da er denkt, sein Gegen&uuml;ber sei nicht dazu in der Lage, rational zu entscheiden. Auch dies wurde im Kalten Krieg bereits ausprobiert, als Nixon im Vietnamkrieg den Anschein erweckte, nicht mehr Herr seiner Sinne zu sein. Nixons Strategie, die im &uuml;brigen gescheitert ist, ging als <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Madman-Theory\">&bdquo;Madman-Theory&ldquo; (deutsch: Theorie vom Verr&uuml;ckten)<\/a> in die Geschichte der Spieltheorie ein.<\/p><p>Viele dieser Elemente lassen sich auch im aktuellen Euro-Poker zwischen Griechenland und der Troika wiederfinden. Ist der IWF beispielsweise wirklich nicht (mehr) kompromissbereit oder hat Frau Lagarde damit die Fahrert&uuml;r des Troika-Wagens verriegelt, um den Griechen zu signalisieren, es sei besser, das Lenkrad herumzurei&szlig;en? Sind Berlin und Br&uuml;ssel wirklich f&uuml;r einen &bdquo;Grexit&ldquo; bereit oder ist dies &bdquo;Brinkmanship&ldquo;, die strategische Drohung, im Zweifel gemeinsam in den Abgrund zu gehen? Und <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/griechenland-oettinger-verlangt-notfallplan-a-1038805.html\">einige &Auml;u&szlig;erungen<\/a> von deutschen Politikern aus der zweiten Reihe erinnern tats&auml;chlich an die &bdquo;Madman-Theory&ldquo;, die den Griechen den Eindruck vermitteln soll, man habe es mit Verr&uuml;ckten zu tun, die nicht rational entscheiden k&ouml;nnen, wann sie das Lenkrad herumrei&szlig;en. Vor allem die &bdquo;Br&uuml;sseler Gruppe&ldquo; macht &ouml;ffentlich den Eindruck, sie sei zu Allem entschlossen. Aber auch das geh&ouml;rt nat&uuml;rlich zur spieltheoretischen Strategie.<\/p><p>Alexis Tsipras und die &bdquo;Gang&ldquo; um Wolfgang Sch&auml;uble fahren also, um im urspr&uuml;nglichen Beispiel zu bleiben, frontal aufeinander zu und hoffen, dass der jeweilige Gegenspieler im letzten Moment das Lenkrad herumrei&szlig;t. Dieses &bdquo;Spiel&ldquo; ist jedoch f&uuml;r alle Seiten brandgef&auml;hrlich und von au&szlig;en ist es unm&ouml;glich zu sagen, wer hier blufft und wer wirklich zu allem bereit ist. Wenn beiden Seiten zu allem bereit sind, verlieren beide Seiten beim &bdquo;Chicken Game&ldquo;. Der Frontalcrash k&ouml;nnte bereits am Donnerstag stattfinden. Ein in diesem Kontext sicher interessanter Randaspekt: Die Spieltheorie  ist das Spezialgebiet des &Ouml;konomen Yanis Varoufakis. Aber das ist nat&uuml;rlich nur ein weiterer Parameter in der Gleichung des momentan stattfinden &bdquo;Spiels&ldquo;.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/fb931d924aa749e2bba0d309d2d3bd6d\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den Verhandlungen zwischen Griechenland und der &bdquo;Br&uuml;sseler Gruppe&ldquo; bleiben die beiden Kontrahenten auf ihrem Kollisionskurs. 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