{"id":26458,"date":"2015-06-18T14:15:46","date_gmt":"2015-06-18T12:15:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26458"},"modified":"2019-07-05T10:22:57","modified_gmt":"2019-07-05T08:22:57","slug":"es-reicht-die-grexit-kampagne-der-bild-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26458","title":{"rendered":"Es reicht! \u2013 Die Grexit-Kampagne der Bild-Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Frau Bundeskanzlerin, diese Rede wollen wir von Ihnen h&ouml;ren&ldquo; unter dieser &Uuml;berschrift ver&ouml;ffentlichte die Bild-Zeitung gestern einen Entwurf einer Regierungserkl&auml;rung f&uuml;r Angela Merkel. Bild schreibt der Kanzlerin darin vor, was sie sagen m&uuml;sste. Die klare Botschaft an die griechische Regierung lautet: &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.bild.de\/politik\/inland\/angela-merkel\/diese-rede-wollen-wir-von-ihnen-hoeren-41385526.bild.html\">Es reicht!<\/a>&ldquo;. In diesem Beitrag finden sich geballt die Behauptungen, Halbwahrheiten und L&uuml;gen mit der die Bild-Zeitung seit Jahren gegen &bdquo;die Griechen&ldquo; und zuletzt vor allem gegen die neue griechische Regierung hetzte. Wir haben <strong>Niels Kadritzke<\/strong> gebeten, diese Behauptungen einmal unter die Lupe zu nehmen.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9830\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-26458-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150619_Es_reicht_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150619_Es_reicht_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150619_Es_reicht_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150619_Es_reicht_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=26458-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/150619_Es_reicht_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"150619_Es_reicht_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><ol>\n<li><strong>Behauptung<\/strong><br>\n<blockquote><p>\n&bdquo;F&uuml;nf Jahre lang haben wir daf&uuml;r gearbeitet, daf&uuml;r gerungen, dass Griechenland Teil der Euro-Familie bleibt.<\/p>\n<p>F&uuml;nf Jahre haben wir daf&uuml;r gek&auml;mpft, Griechenland vor der Staatspleite zu retten.<\/p>\n<p>Daf&uuml;r hat Deutschland allein 87 Milliarden direkte Garantien und Notenbank-Kredite bereitgestellt.<\/p>\n<p>Wir sind bis an die Grenzen des Leistbaren gegangen und manchmal auch dar&uuml;ber hinaus.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Niels Kadritzke:<\/strong> Das ist schon zum Auftakt eine wunderbare Pointe: Die Redaktion der Zeitung, die unserer Bundeskanzlerin das Bekenntnis in den Mund legt, f&uuml;nf Jahre lang f&uuml;r den Verbleib Griechenlands in der &bdquo;Euro-Familie&ldquo; gek&auml;mpft zu haben, tut seit f&uuml;nf Jahren nichts anderes, als ihren Lesern einzureden, dass dieses Land in der Eurozone nichts zu suchen hat. Zu Beginn der Krise schickte BILD einen Reporter los, der auf Athens Stra&szlig;en versuchte, den Passanten alte Drachmen-Scheinen aufzudr&auml;ngen und damit auf den Grexit einzustimmen (zu seiner Entt&auml;uschung wollten die Leute von der Drachme nichts wissen). Es folgte eine Kaskade von Berichten, angeblichen Reportagen, Aufrufen an Bundestagsabgeordnete, die stets das eine Ziel hatten: den Rausschmiss Griechenlands aus der Eurozone zu propagieren. <\/p>\n<p>Der gestern publizierten Grexit-Rede, mit der sich die Redaktion als Ghostwriter f&uuml;r die Kanzlerin anbietet, ging ein Coup der besonderen Art voraus: Im M&auml;rz interviewte BILD den Chefideologen der Grexit-Fraktion innerhalb der Syriza, Kostas Lapavitsas. Der in England ausgebildete und heute im Athener Parlament sitzende &Ouml;konom wurde zur gezielten Desinformation der Leser als &bdquo;einer der wichtigsten Berater von Alexis Tsipras&ldquo; vorgestellt. In Wirklichkeit ist Lapavitsas, der die &bdquo;Linke Plattform&ldquo; innerhalb der Syriza repr&auml;sentiert, der entschiedenste innerparteiliche Widersacher von Tspipras und Varoufakis in der Grexit\/Drachmen-Frage. Was man nat&uuml;rlich auch in der BILD-Redaktion wei&szlig;.<\/p>\n<p><strong>&bdquo;Bis an die Grenzen des Leistbaren?&ldquo;<\/strong><\/p>\n<p>Wenn heute laut Umfragen eine deutliche Mehrheit der Bundesb&uuml;rger f&uuml;r den Grexit ist, muss man diese Umfrage-Zahlen auch als Belohnung f&uuml;r die publizistische-propagandistische Leistung des deutschen Zentralorgans der Grexit-Betreiber sehen. Aber was erz&auml;hlen die angema&szlig;ten Merkel-Ghostwriter ihren Lesern. Sehen wir etwas genauer hin: Es f&auml;ngt gleich mit einer faustdicken Desinformation an: dass Deutschland in selbstloser Solidarit&auml;t mit Griechenland &bdquo;bis an die Grenzen des Leistbaren&ldquo; gegangen sei, &bdquo;und manchmal auch dar&uuml;ber hinaus&ldquo;. <\/p>\n<p>&bdquo;Grenze des Leistbaren&ldquo;? Lassen wir an dieser Stelle mal beiseite, an welche Grenzen des Leistbaren sich heute, im sechsten Jahr der Krise und der &bdquo;Rettungsprogramme&ldquo;, die gro&szlig;e Mehrheit der Griechen befindet (die Zahlen sprechen f&uuml;r sich: eine um mehr als 25 Prozent geschrumpftes Wirtschaft; eine Arbeitslosenquote, die immer noch bei 26 Prozent liegt und im letzten Quartal wieder leicht angestiegen ist; fast eine Million Langzeitarbeitslose ohne jedes Einkommen; zwei Millionen Menschen ohne jegliche Krankenversicherung). <\/p>\n<p>Hier geht es um den Teil der deutschen &bdquo;Leistungsbilanz&ldquo;, die BILD seinen Lesern vorenth&auml;lt: um die &bdquo;geldwerten Vorteile&ldquo;, die Deutschland aus der griechischen Katastrophe erzielen konnte. <\/p>\n<ol class=\"abc\">\n<li>Deutschland zahlt seit Beginn der Eurokrise einmalig niedrige Zinsen f&uuml;r seine eigenen Staatspapiere: die 10-Jahres-Bundesanleihen finanzieren einen Teil unserer Staatsausgaben praktisch durch zinslose Kredite. Die Ersparnis der &ouml;ffentlichen Hand seit 2010 wird auf 60 bis 80 Milliarden Euro gesch&auml;tzt. Die Null-Verschuldung des deutschen Staates ist also teilweise ein Resultat der gro&szlig;z&uuml;gigen Rettungsprogramme. <\/li>\n<li>Der Exportweltmeister Deutschland profitiert ganz besonders stark vom Fall des Euro-Preises, der eine unmittelbare Folge der Krise des europ&auml;ischen S&uuml;dens ist.<\/li>\n<li>Den vielleicht bedeutendsten Kollateralnutzen hat die deutsche Volkswirtschaft dank des Imports junger, gut qualifizierter Arbeitskr&auml;fte aus den Krisenl&auml;ndern, die in ihrer Heimat keine Perspektive haben.  Fachkr&auml;fte fehlen (z.B. Mediziner); das bedeutet einen Transfer von wertvollem Knowhow, ohne dass unsere Gesellschaft f&uuml;r die entsprechende Ausbildung gezahlt h&auml;tte.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Und diese Liste der Krisengewinne ist l&auml;ngst noch nicht vollst&auml;ndig.<\/p>\n<p>Richtig ist, und das hat eine deutsche Regierung ihren B&uuml;rgern auch zu erkl&auml;ren, dass ein Schuldenschnitt &ndash; auch in Form verminderter Zinsen und l&auml;ngerer R&uuml;ckzahlungsfristen f&uuml;r die Griechenland-Kredite aus dem bail-out-Progamm &ndash; erstmals auch den deutschen Steuerzahler belasten w&uuml;rden (wenn auch weit weniger als die nackten Zahlen besagen). Aber hier w&auml;re eine Rechnung aufzumachen, die BILD seinen Lesern verschweigt: auf  jedem Fall w&uuml;rden diese deutschen &bdquo;Krisenverluste&ldquo; deutlich unter den bislang erzielten Krisengewinnen liegen.<\/p><\/li>\n<li><strong>Behauptung:<\/strong><br>\n<blockquote><p>\nNach der BILD-Merkel h&auml;lt die neue griechische Regierung nicht, was sie verspricht: &bdquo;Weder wurden Betriebe privatisiert, noch wurde ein funktionierendes Steuersystem in Gang gesetzt&ldquo;.\n<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Niels Kadritzke:<\/strong> Zu dieser Behauptung sind zwei Anmerkungen f&auml;llig:<\/p>\n<p>Zum einen wird der neuen Regierung der Wortbruch ihrer Vorg&auml;nger-Regierungen in die Schuhe geschoben, die in der Tat das Steuersystem nicht oder nur z&ouml;gerlich reformiert und nur wenig gegen die Steuerhinterziehung getan haben. Zwar h&auml;tte auch die Regierung Tsipras in den ersten Monaten ihrer Amtszeit mehr tun k&ouml;nnen (und ohne eine Vereinbarung mit den Gl&auml;ubiger-Institutionen abzuwarten),  aber ihr Interesse am Kampf gegen die Steuers&uuml;nder ist deutlicher ausgepr&auml;gter als das der abgew&auml;hlten Regierung Samaras. Allerdings hat sie einige sehr problematische gesetzliche Regelungen erlassen, die auf eine allzu milde Amnestie von Steuers&uuml;ndern gleichkommen. Dieses falsche Signal an die Steuers&uuml;nder ist allerdings zum Teil auf den Druck zur&uuml;ckzuf&uuml;hren, den die Gl&auml;ubiger aus&uuml;ben: Um den verarmten Schichten weitere soziale Einschnitte zu ersparen, will die Regierung Tsipras m&ouml;glichst schnell die ausstehende Steuerschulden eintreiben. Damit gewinnt das Ziel der Haushaltssanierung eine fatale Priorit&auml;t auf Kosten langfristig tragf&auml;higer L&ouml;sungen.<\/p>\n<p>Die zweite Anmerkung betrifft die Privatisierungen. Auch hier ist schon die alte Regierung weit hinter den gesteckten bzw. auferlegten Zielen zur&uuml;ckgeblieben, weil diese schlicht illusion&auml;r waren. Die wenigen bislang durchgezogenen Privatisierungen (die lediglich etwas &uuml;ber 3 Milliarden Euro in die Staatskasse brachten)  liefen eher auf einen billigen Ausverkauf hinaus, weil nur Krisentiefstpreise erzielt werden konnten. Zudem hat der Staat, etwa beim (Aus)Verkauf der staatlichen Lotto-Gesellschaft, auf sehr viel h&ouml;here laufende Staatseinnahmen verzichtet. Angesichts dieser negativen Erfahrungen verh&auml;lt sich die Regierung Tsipras v&ouml;llig rational. Sie lehnt Privatisierungen nicht grunds&auml;tzlich ab, besteht aber auf zwei Bedingungen:<\/p>\n<ul>\n<li>die &ouml;ffentliche Hand soll einen Mindestanteil an dem privatisierten Unternehmen behalten, um bei der Gesch&auml;ftspolitik mitreden zu k&ouml;nnen,<\/li>\n<li>die privaten K&auml;ufer sollen verbindlich auf Investitionen verpflichtet werden, die einen Beitrag zur Erholung der Wirtschaft leisten k&ouml;nnen.<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<li><strong>Behauptung<\/strong><br>\n<blockquote><p>\n&bdquo;Griechenlands Schuldenpolitik ist unsolidarisch. Ein Beispiel: Um zu sparen, hat Italien die Fr&uuml;hrente f&uuml;r M&uuml;tter abgeschafft. Nur in Griechenland gibt es sie noch. Alle m&uuml;ssen daf&uuml;r zahlen, auch Italien.<\/p>\n<p>Aber es kann doch nicht sein, dass wir in Europa sparen und reformieren &ndash; und nur Griechenland macht weiter, als w&auml;re nichts geschehen!<\/p>\n<p>Und dann das Renteneintrittsalter: Wer 56 Jahre alt ist und im &ouml;ffentlichen Dienst in Griechenland arbeitet, der kann vorzeitig in Rente gehen.<\/p>\n<p>Zahlen f&uuml;r diese Sozialma&szlig;nahmen muss der Rest der EU!&ldquo;\n<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Niels Kadritzke:<\/strong> Griechenlands Schuldenpolitik war in der Tat unsolidarisch, weil sie die Lasten der Krise fundamental ungerecht verteilt.  Beleg daf&uuml;r ist, dass sich die Ungleichheit in der Krise noch weiter versch&auml;rft hat. <\/p>\n<p>Aber das meint die BILD-Kanzlerin nicht. Sie spielt vielmehr &bdquo;die Griechen&ldquo; gegen &bdquo;die Italiener&ldquo; und andere S&uuml;dl&auml;nder aus. Was schon deshalb demagogisch ist, weil kein Land der Eurozone eine auch nur ann&auml;hernde vergleichbare Reduktion der Masseneinkommen (um  35 bis 40 Prozent) aufweist wie Griechenland. Wobei die Einbu&szlig;en am verf&uuml;gbaren Einkommen noch h&ouml;her liegen, weil die steuerliche Belastung selbst der &auml;rmsten Schichten erheblich angestiegen ist. Dies gilt auch f&uuml;r die Rentenbez&uuml;ge, die im Durchschnitt so niedrig liegen, dass fast 45 Prozent aller Rentner inzwischen als &bdquo;armutsgef&auml;hrdet&ldquo; einzustufen sind, weil ihr verf&uuml;gbares Einkommen weniger als 60 Prozent der Medianeinkommen betr&auml;gt.<\/p>\n<p>Dennoch will BILD die &bdquo;unsolidarischen&ldquo; Griechen wieder einmal mit Verweis auf das Rentensystem &bdquo;&uuml;berf&uuml;hren&ldquo;. Die Ebene ist allerdings nicht ungeschickt gew&auml;hlt:  Kein Mensch kann bezweifeln, dass das griechische Rentensystem vor der Krise einer der Ursachen f&uuml;r die hohen Defizite war, die in den Sozialkassen und damit im Staatshaushalt aufgelaufen sind. Das wei&szlig; heute nicht zuletzt die Regierung Tsipras, die erkannt hat, dass der hohe Anteil von Fr&uuml;hverrentungen im &ouml;ffentlichen Sektor der entscheidende Faktor ist, die das Rentensystem an den Abgrund gebracht hat. <\/p>\n<p>Aber nach klassischer Bild-Methode sind die pauschalen Behauptungen im Detail falsch und im Ganzen irref&uuml;hrend.[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] Unsinn ist vor allem die Behauptung, dass &bdquo;der Rest der EU&ldquo; f&uuml;r griechische &bdquo;Sozialma&szlig;nahmen&ldquo; zahlen muss. Im Gegenteil: f&uuml;r die noch bestehenden Ungerechtigkeiten &ndash; vor allem im Hinblick auf Fr&uuml;hrenten &ndash; zahlen allein die &Auml;rmsten der armen Griechen, weil das Sozialsystem zum Beispiel keinerlei Vorsorge f&uuml;r Langzeitarbeitslose kennt, deren einzige &Uuml;berlebenshilfe h&auml;ufig die Rente des Ehepartners oder gar der Eltern oder Gro&szlig;eltern darstellt. <\/p>\n<p>Nun aber zu den Detail der Merkel-Rede von Bild: <\/p>\n<p>Die pauschale Rede von einer &bdquo;Fr&uuml;hrente f&uuml;r M&uuml;tter&ldquo; ist grob irref&uuml;hrend. Es gab und gibt sie nur f&uuml;r M&uuml;tter, die beim Eintritt ins (vorgezogene) Rentenalter noch schulpflichtige Kinder haben. F&uuml;r die &uuml;berwiegende Mehrheit der weiblichen Erwerbst&auml;tigen trifft dieses Kriterium nicht zu, weil ihre Kinder beim Erreichen des Rentenalters bereits erwachsen sind. <\/p>\n<p>Vor der Krise konnten &ouml;ffentliche Bedienstete tats&auml;chlich mit 56 Jahren in Fr&uuml;hrente gehen; diese niedrige Grenze wird aber schrittweise erh&ouml;ht, bis sie (in zehn Jahren) bei 62 Jahren liegen soll, w&auml;hrend das regul&auml;re Rentenalter auf 67 Jahre angehoben wird. Gerade in diesem Punkt hat die neue griechische Regierung eingesehen, dass das alte System nicht mehr finanzierbar ist. Aber sie hat auch kapiert, dass die von der Troika geforderte z&uuml;gige &bdquo;Verschlankung&ldquo; des &ouml;ffentlichen Dienstes, die seit 2009 &uuml;ber eine Welle von Antr&auml;gen auf Fr&uuml;hrenten erfolgte, die Rentenkassen an den Rand des Abgrunds gef&uuml;hrt hat. <\/p>\n<p>Genau diese Erfahrung ist der Grund daf&uuml;r, dass es in einem wichtigen Detail &ndash; trotz der &Uuml;bereinstimmung in der Grundsatzfrage &ndash; gewichtige Differenz zwischen Athen und den &bdquo;Institutionen&ldquo; der alten Troika gibt. Letztere, und vor allem der IWF, wollen die Griechen zwingen, die Altersgrenze f&uuml;r Fr&uuml;hverrentung sofort (also sp&auml;testens Anfang 2016)  und mit einem Schlag auf 62 Jahre anzuheben. Das aber h&auml;tte zur Folge, dass in den kommenden Wochen und Monaten Zehntausende Bedienstete des &ouml;ffentlichen Sektors (&ouml;ffentlicher Dienst wie &ouml;ffentliche Unternehmen, aber auch halbstaatliche Banken) noch schnell nach den alten Bedingungen ihre Fr&uuml;hrente beantragen w&uuml;rden. Das w&uuml;rde die Kassen schlagartig &uuml;berlasten und unverz&uuml;glich in den Bankrott st&uuml;rzen, den eine mittel- und langfristige Reform ja gerade abwenden soll.<\/p>\n<p>Dies ist ein klassisches Beispiel f&uuml;r irrationale und kontraproduktive Forderungen der Gl&auml;ubiger. Und die Regierung Tsipras hat in der Sache v&ouml;llig Recht, wenn sie ein so wichtiges strukturelles Problem wie die langfristige Sanierung der Kassen auf eine sp&auml;tere Verhandlungsphase verschieben will.<\/p><\/li>\n<li><strong>Behauptung:<\/strong><br>\n<blockquote><p>\n&bdquo;Griechenlands politische F&uuml;hrung ist dabei, dem Ansehen der Europ&auml;ischen Union viel Schaden zuzuf&uuml;gen. Wir m&uuml;ssen aufpassen, dass die B&uuml;rger sich nicht von Europa abwenden.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.bild.de\/themen\/personen\/sigmar-gabriel\/nachrichten-news-fotos-videos-19216832.bild.html\">Sigmar Gabriel<\/a> hat ausgesprochen, was viele denken: &bdquo;Wir werden nicht die &uuml;berzogenen Wahlversprechen einer zum Teil kommunistischen Regierung durch die deutschen Arbeitnehmer und ihre Familien bezahlen lassen.&ldquo;<\/p>\n<p>Der nationale Weg, den Griechenland geht, bedeutet in letzter Konsequenz, dass es nicht mehr Teil der Euro-Familie sein will und auch nicht mehr bleiben kann.<\/p>\n<p>Meine Damen und Herren; Griechenland gilt wegen seiner Geschichte zu Recht als Wiege Europas. Und auch mit dem Austritt aus dem Euro-Raum bleibt das Land ein wichtiges Mitglied der Europ&auml;ischen Union. Geben wir Griechenland die Zeit, sich selbst zu erneuern.<\/p>\n<p>F&uuml;r seine Menschen und f&uuml;r Europa.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote>\n<p>Damit ist der Gipfel der Demagogie erreicht: Die Bundesregierung, repr&auml;sentiert durch desinformierte und desinformierende Bild-Redakteure, kennt die Interessen der griechischen Bev&ouml;lkerung besser als diese selbst. Wenn sich ein Boulevard-Blatt zum Sprachrohr der deutschen Bev&ouml;lkerungsmehrheit macht, die die Griechen aus dem Euroraum versto&szlig;en will, darf man sich nicht gro&szlig; wundern. Aber wenn es sich als Anwalt der armen Griechen aufspielt, macht das nur noch sprachlos. <\/p>\n<p>BILD kl&auml;rt also nicht nur die deutsche Gesellschaft auf, sondern auch die griechische, die noch gar nicht kapiert hat, dass sie &bdquo;nicht mehr Teil der Euro-Familie sein will&ldquo;. Obwohl regelm&auml;&szlig;ig drei von vier Griechen (nach der neusten Umfrage  knapp 70 Prozent) unbedingt in der Eurozone bleiben wollen. <\/p>\n<p>Aber auf ein Detail muss hier noch verwiesen werden: auf die Tatsache, dass sich das Springer-Blatt bei dem zynischen Pl&auml;doyer  f&uuml;r den Rausschmiss Griechenlands bei Vizekanzler Gabriel bedienen kann.  Damit wird offenbar, dass die F&uuml;hrung der Sozialdemokratie, verzweifelt &uuml;ber ihre eigenen Umfragewerte, auf dem Niveau der rechtspopulistischen Propaganda angekommen ist: Die &bdquo;deutschen Arbeitnehmer und ihre Familien&ldquo; wollen nicht f&uuml;r &bdquo;&uuml;berzogene&ldquo; Wahlversprechen von Kommunisten zahlen? <\/p>\n<p>Dieser Bezug auf &bdquo;die Kommunsten&ldquo; ist von hochgradiger Ironie. Es ist zwar richtig, dass es innerhalb der Syriza bekennende Kommunisten (aller Schattierungen) gibt, die auch innerhalb der Parteigremien und in der Parlamentsfraktion ziemlich stark repr&auml;sentiert sind. Aber das Bemerkenswerte liegt hier darin, dass  Gabriel und die BILD-Redaktion dabei sind, die Erwartungen und Hoffnungen des linken Syriza-Fl&uuml;gels zu erf&uuml;llen, der ganz offen f&uuml;r den Grexit eintritt. Kostas Lapavitsas durfte also seine Botschaft &uuml;ber die BILD-Zeitung transportieren. Er und die Grexit-Fraktion innerhalb der Syriza argumentieren heute auf derselben Linie wie die Euro-Fighter von der AfD und neoliberale Einzelk&auml;mpfern wie Hans-Olaf Henkel. Ob Kommunisten oder nicht &ndash; als Mitstreiter in einer deutschen Grexit-Kampagne sind sie durchaus willkommen. (Siehe dazu meine Analyse &uuml;ber den Grexit in der letzten Ausgabe der <a href=\"http:\/\/monde-diplomatique.de\/artikel\/!5202308\">Le Monde diplomatique<\/a>).<\/p><\/li>\n<\/ol><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Nach einem Bericht des Athener Arbeits- und Sozialministeriums aus dem Februar m&uuml;ssen in Griechenland 20 Prozent der B&uuml;rger mit bis zu 500 Euro im Monat auskommen, 38 Prozent erhalten 500 bis 1000 Euro ausgezahlt. 23 Prozent stehen mit 1000 bis 1500 Euro deutlich besser da. Und 17 Prozent beziehen mehr als 1500 Euro.<\/p>\n<ul>\n<li>Siehe auch: <a href=\"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/21319\/das-griechische-renteneintrittsalter-liegt-nicht-bei-56-jahren\/\">Das griechische Renteneintrittsalter liegt nicht bei 56 Jahren<\/a><\/li>\n<li>Siehe <a href=\"http:\/\/www.t-online.de\/wirtschaft\/altersvorsorge\/id_42596044\/ueberblick-rentenalter-in-den-27-eu-staaten.html\">&Uuml;berblick &uuml;ber das Rentenalter in den 27 EU-Staaten<\/a> <\/li>\n<\/ul>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Frau Bundeskanzlerin, diese Rede wollen wir von Ihnen h&ouml;ren&ldquo; unter dieser &Uuml;berschrift ver&ouml;ffentlichte die Bild-Zeitung gestern einen Entwurf einer Regierungserkl&auml;rung f&uuml;r Angela Merkel. Bild schreibt der Kanzlerin darin vor, was sie sagen m&uuml;sste. Die klare Botschaft an die griechische Regierung lautet: &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.bild.de\/politik\/inland\/angela-merkel\/diese-rede-wollen-wir-von-ihnen-hoeren-41385526.bild.html\">Es reicht!<\/a>&ldquo;. In diesem Beitrag finden sich geballt die Behauptungen, Halbwahrheiten und L&uuml;gen<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26458\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[22,123,183,11],"tags":[459,401,1045,1555,1544,301,325],"class_list":["post-26458","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-europaische-union","category-kampagnentarnworteneusprech","category-medienkritik","category-strategien-der-meinungsmache","tag-bild","tag-gabriel-sigmar","tag-grexit","tag-griechenland","tag-kampagnenjournalismus","tag-rentenalter","tag-staatsschulden"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26458","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=26458"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26458\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53052,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26458\/revisions\/53052"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=26458"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=26458"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=26458"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}