{"id":26466,"date":"2015-06-19T09:03:16","date_gmt":"2015-06-19T07:03:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26466"},"modified":"2019-01-04T12:31:21","modified_gmt":"2019-01-04T11:31:21","slug":"das-buch-zur-krise-nur-deutschland-kann-den-euro-retten-von-heiner-flassbeck-und-costas-lapavitsas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26466","title":{"rendered":"Das Buch zur Krise: \u201eNur Deutschland kann den Euro retten\u201c von Heiner Flassbeck und Costas Lapavitsas"},"content":{"rendered":"<div style=\"float:right;margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/Cover_Nur_Deutschland_kann_den_Euro_retten.gif\" alt=\"Nur Deutschland kann den Euro retten\" title=\"Nur Deutschland kann den Euro retten\"><\/div><p>Die Griechenland-Krise spitzt sich zu: &bdquo;Grexit&ldquo; oder gar &bdquo;Graccident&ldquo;? &bdquo;Showdown&ldquo; auf dem EU-Finanzministertreffen? Kommt ein Schuldenschnitt? Oder gar das Ende der Sparpolitik? &bdquo;Griechen-Bashing&ldquo; oder doch &bdquo;Deutschen-Bashing&ldquo;? Wer bei all dem Wirrwarr dieser Tage noch den Durchblick behalten will, dem sei das Buch der beiden &Ouml;konomen Heiner Flassbeck und Costas Lapavitsas zur Lekt&uuml;re empfohlen. <a href=\"http:\/\/www.westendverlag.de\/buecher-themen\/programm\/nur-deutschland-kann-den-euro-retten-heiner-flassbeck-costas-lapavitsas.html#.VYO79c5v3pB\">&bdquo;Nur Deutschland kann den Euro retten&ldquo;<\/a>, hei&szlig;t es. Das Buch ist wichtig und hochaktuell zugleich. Denn es liefert die theoretischen Grundlagen zur Euro-Krise und bietet &uuml;berdies linken Regierungen einen Leitfaden f&uuml;r den Euro-Ausstieg. Hauptverursacher der Krise ist nach Ansicht der Autoren aber nicht der vielzitierte &bdquo;griechische Schlendrian&ldquo;, sondern &ndash; der Titel l&auml;sst es bereits erahnen &ndash; das auf Export und Austerit&auml;t basierende deutsche Wirtschaftsmodell. &bdquo;Wir haben darin noch einmal die Geschichte der Eurokrise aufgerollt und Schritt f&uuml;r Schritt gezeigt, welche fatale Rolle Deutschland von Anfang an spielte&ldquo;, sagte Flassbeck &uuml;ber das Buch. Von <strong>Thomas Trares<\/strong> [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>]<br>\n<!--more--><br>\nIm Zentrum ihrer Analyse steht die Entwicklung der Lohnst&uuml;ckkosten in der Eurozone. Diese sind n&auml;mlich nicht nur ein Gradmesser f&uuml;r die Wettbewerbsf&auml;higkeit eines Landes, sondern auch der &bdquo;entscheidende Faktor f&uuml;r die Preisbewegungen in einer Volkswirtschaft&ldquo;. Wichtig in einer W&auml;hrungsunion ist nun, dass sich die Staaten auf ein Inflationsziel einigen und ihre Lohnpolitik daran ausrichten, indem sie die L&ouml;hne an die nationale Produktivit&auml;t anpassen. Verk&uuml;rzt hei&szlig;t dies: In einer W&auml;hrungsunion sollten L&auml;nder mit hoher Produktivit&auml;t hohe L&ouml;hne zahlen, L&auml;nder mit niedriger Produktivit&auml;t niedrige L&ouml;hne.<\/p><p>Ber&uuml;cksichtigt man ferner, dass die Europ&auml;ische Zentralbank (EZB) ein Inflationsziel von nahe bei zwei Prozent verfolgt, dann sollte sich der Lohnzuwachs in einer Volkswirtschaft auf die Summe des nationalen Produktivit&auml;tswachstums plus zwei Prozent Inflation belaufen. Gegen diese &bdquo;goldene Regel&ldquo; hat aber nicht nur Griechenland versto&szlig;en, indem es lange Zeit zu hohe L&ouml;hne zahlte, sondern auch Deutschland mit seinen &uuml;ber Jahre hinweg zu geringen Lohnzuw&auml;chsen. &bdquo;L&auml;nder, die &acute;&uuml;ber ihren Verh&auml;ltnissen leben&acute;, sind ebenso problematisch wie solche, die &acute;unter ihren Verh&auml;ltnissen leben&acute;&ldquo;, schreiben Flassbeck und Lapavitsas dazu.<\/p><p>Aufgegangen ist diese Schere bereits im Jahr 1999. Die Einf&uuml;hrung des Euro fiel damals mit einer Neuausrichtung der deutschen Arbeitsmarktpolitik zusammen. Die Bundesregierung begann gemeinsam mit den Arbeitgebern Druck auf die Gewerkschaften auszu&uuml;ben, um die hohe Arbeitslosigkeit mit niedrigeren Lohnzuw&auml;chsen zu bek&auml;mpfen. Die Gewerkschaften knickten schlie&szlig;lich ein. Sich einen Vorteil innerhalb der W&auml;hrungsunion zu verschaffen, stand damals noch nicht im Vordergrund.<\/p><p>Dennoch war damit der Grundstein f&uuml;r eine Niedriglohnpolitik gelegt, die in den folgenden Jahren einen Keil in die W&auml;hrungsunion treiben sollte. Denn nach einem Jahrzehnt hatte sich so zwischen Deutschland und S&uuml;deuropa eine Kosten- und Preisl&uuml;cke von etwa 25 Prozent aufgetan. Die Konsequenzen daraus sind: Leistungsbilanzungleichgewichte, Deflation und eine steigende Verschuldung in den Peripheriestaaten. &bdquo;Deutschland hat eine Politik der &acute;Bereicherung auf Kosten seiner Nachbarn&acute; verfolgt, aber erst nachdem es sich &acute;auf Kosten seiner eigenen Besch&auml;ftigten bereichert&acute; hat. Das ist das Geheimnis des deutschen Erfolgs der letzten anderthalb Jahrzehnte&ldquo;, schlussfolgern die beiden &Ouml;konomen.<\/p><p>Eine Besserung der Lage ist freilich nicht in Sicht. Denn bei den handelnden Personen in Berlin und Br&uuml;ssel ist eine Einsicht in solche Zusammenh&auml;nge erst gar nicht vorhanden. Flassbeck und Lapavitsas sprechen hier von einem &bdquo;dicken Panzer politischer Vorurteile&ldquo;, der seit Beginn der Krise eine vern&uuml;nftige und konstruktive politische Debatte verhindert habe. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass hier zwei vollkommen kontr&auml;re &ouml;konomische Denkschulen aufeinanderprallen. Hier der nachfrageorientierte Keynesianismus von Flassbeck und Lapavitsas, dort der angebotsorientierte Monetarismus der Bundesregierung mitsamt seiner &bdquo;besessenen Fixierung auf Fiskalziele&ldquo; und &bdquo;absoluten Intoleranz gegen&uuml;ber einer Inflation von mehr als zwei Prozent&ldquo;.<\/p><p>Auch von der Europ&auml;ischen Kommission ist keine Hilfe zu erwarten. Zwar hat man dort die fortw&auml;hrenden Leistungsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse Deutschlands als Problem erkannt und mit dem &bdquo;Six Pack&ldquo; ein Verfahren eingef&uuml;hrt, das in der Lage ist, diese zu &uuml;berwachen. Doch die praktischen Erfahrungen sind ern&uuml;chternd. Pr&uuml;fberichte und Interpretation der Daten seien nach wie vor &bdquo;vom neoklassischen Ansatz gef&auml;rbt&ldquo;. Bei den Lohnst&uuml;ckkosten etwa vertritt die EU-Kommission den Grundsatz: &bdquo;Je niedriger, desto besser&ldquo;. Mit einem solchen Ansatz wird es der Kommission nicht gelingen, die W&auml;hrungsunion aus der Krise zu f&uuml;hren, glauben Flassbeck und Lapavitsas. Auch eine politische Union bzw eine Transferunion halten die beiden f&uuml;r keine gangbare Alternative. Denn in Europa gebe es schlichtweg kein Staatsvolk (demos), das das Funktionieren einer solchen Union gew&auml;hrleisten k&ouml;nne.<\/p><p>Im Grunde haben die Autoren das Thema W&auml;hrungsunion abgehakt. &bdquo;Die Zukunft der Eurozone sieht trostlos aus&ldquo;, schreiben sie. &bdquo;Deutschland hat sich als die dominante Macht der EU herausgesch&auml;lt, die anderen ihre Bedingungen diktiert, die entscheidenden Einfluss auf die Debatten nimmt und eifers&uuml;chtig &uuml;ber ihre Vorteile wacht&ldquo;. Der politischen Linken in Europa empfehlen sie deswegen, sich gezielt auf einen konfrontativen Austritt aus dem Euro vorzubereiten. Allerdings befindet sich jede Regierung, die ein Alternativprogramm durchsetzen will, sofort in einem unaufl&ouml;sbaren Konflikt. Die Autoren bezeichnen diesen &bdquo;unm&ouml;gliche Triade&ldquo;. Demnach ist es unm&ouml;glich, einen drastischen Schuldenschnitt zu organisieren, die Sparpolitik zu beenden und gleichzeitig im politischen und institutionellen Rahmen der W&auml;hrungsunion zu verbleiben.<\/p><p>Eine linke Regierung sollte deswegen lieber gleich Verhandlungen &uuml;ber eine neue Beziehung zur EU und W&auml;hrungsunion f&uuml;hren. Der Ausstieg aus dem Euro sollte dabei immer eine Option sein. Die gr&ouml;&szlig;te Schwierigkeit d&uuml;rfte dann darin bestehen, die Liquidit&auml;t aufrechtzuerhalten und ein lebensf&auml;higes Wechselkursregime zu schaffen. Der Konflikt mit den Institutionen der EU und der W&auml;hrungsunion wird unvermeidlich sein, die Opposition der Neoliberalen unerbittlich.<\/p><p>Schlie&szlig;lich exerzieren die beiden &Ouml;konomen am Beispiel Griechenlands durch, wie ein Ausstieg aus dem Euro aussehen k&ouml;nnte. Die Ausgangslage beschreiben sie wie folgt: &bdquo;Das Land scheint in einem Gleichgewicht niedrigen Wachstums und au&szlig;erordentlich hoher Arbeitslosigkeit gefangen, ohne &uuml;ber die Instrumente der Wirtschaftspolitik zu gebieten, die seine Misere &auml;ndern k&ouml;nnten. Au&szlig;erdem wird Griechenland von enorm hohen Schulden niedergedr&uuml;ckt und durch eine Reihe von Abkommen und institutionellen, von EU und W&auml;hrungsunion festgelegten Mechanismen geknebelt, die das Land zwingen, seine Wirtschaftst&auml;tigkeit in die Bedienung seiner Schulden zu kanalisieren. Der einzige Ausdruck, der diese Sachlage angemessen beschreibt, ist Schuldknechtschaft.&ldquo; <\/p><p>Um sich daraus befreien zu k&ouml;nnen, entwerfen die Autoren einen Alternativplan f&uuml;r Griechenland, der folgende Punkte umfasst: einen radikalen Schuldenerlass, ein Ende der Sparpolitik, die Verstaatlichung des Bankensystems, die Bek&auml;mpfung der hohen Arbeitslosigkeit, eine &ouml;kologisch nachhaltige Industriepolitik sowie Demokratisierung und Umbau des Staates.<\/p><p>Ihr Buch haben Flassbeck und Lapavitsas zwar schon vor der Macht&uuml;bernahme SYRIZAS in Griechenland geschrieben, der Wahlsieg der Linkspartei im Januar dieses Jahres hatte sich zum Zeitpunkt der Fertigstellung aber bereits angedeutet. &bdquo;Es ist wahrscheinlich, dass es in naher Zukunft, vielleicht schon 2015, zur Bildung einer linken Regierung unter F&uuml;hrung der Oppositionspartei SYRIZA kommt. F&uuml;r Griechenland w&auml;re das ein folgenreiches Ereignis, und f&uuml;r Europa k&ouml;nnte sich das als Wendepunkt erweisen&ldquo;, orakelten Flassbeck und Lapavitsas seinerzeit. M&ouml;glicherweise ist Europa in diesen Tagen genau an solch einem Wendepunkt angekommen.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Thomas Trares ist Diplom-Volkswirt. Studiert hat er an der Johannes Gutenberg-Universit&auml;t Mainz. Danach war er Redakteur bei der Nachrichtenagentur vwd. Seit &uuml;ber zehn Jahren arbeitet er als freier Wirtschaftsjournalist in Berlin.<\/p>\n<\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/a47588036f2f4b3c8940b939283cdb44\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float:right;margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/Cover_Nur_Deutschland_kann_den_Euro_retten.gif\" alt=\"Nur Deutschland kann den Euro retten\" title=\"Nur Deutschland kann den Euro retten\"\/><\/div>\n<p>Die Griechenland-Krise spitzt sich zu: &bdquo;Grexit&ldquo; oder gar &bdquo;Graccident&ldquo;? &bdquo;Showdown&ldquo; auf dem EU-Finanzministertreffen? Kommt ein Schuldenschnitt? Oder gar das Ende der Sparpolitik? &bdquo;Griechen-Bashing&ldquo; oder doch &bdquo;Deutschen-Bashing&ldquo;? Wer bei all dem Wirrwarr dieser Tage noch den Durchblick<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26466\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[139,22,208,157],"tags":[423,364,1045,319,333,487,851],"class_list":["post-26466","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-euro-und-eurokrise","category-europaische-union","category-rezensionen","category-wettbewerbsfaehigkeit","tag-austeritaetspolitik","tag-flassbeck-heiner","tag-grexit","tag-lohnentwicklung","tag-lohnstueckkosten","tag-produktivitaet","tag-schuldenschnitt"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26466","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=26466"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26466\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":48252,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26466\/revisions\/48252"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=26466"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=26466"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=26466"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}