{"id":26480,"date":"2015-06-22T16:13:59","date_gmt":"2015-06-22T14:13:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26480"},"modified":"2015-06-22T16:51:50","modified_gmt":"2015-06-22T14:51:50","slug":"vierte-gewalt-deutschland-verhaftet-al-jazeera","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26480","title":{"rendered":"Vierte Gewalt: Deutschland verhaftet Al-Jazeera"},"content":{"rendered":"<p>Am Samstag, 20. Juni, wird Al-Jazeera Starjournalist Ahmed Mansour auf dem Flughafen in Tegel kurz vor seinem Abflug nach Doha verhaftet. Ihm werden Rechtsbr&uuml;che in &Auml;gypten vorgeworfen, es liegt ein Auslieferungsantrag f&uuml;r den Moderator der politischen Talk-Sendung im gesamten arabischen Raum schlechthin &bdquo;Bila Hoodod&ldquo; (Ohne Grenzen) vor. Dr. Sabine Schiffer war 2010 in <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=_gwIoJynxwY\">seiner Sendung zu Gast<\/a>, als sie wegen Interview&auml;u&szlig;erungen im <a href=\"http:\/\/www.medienverantwortung.de\/der-prozess\/\">Mordfall Marwa El-Sherbiny<\/a> juristisch verfolgt wurde. Obwohl sie inzwischen <a href=\"http:\/\/www.friedenskooperative.de\/netzwerk\/om13-049.htm\">Kritik an der Entwicklung des katarischen Staatssenders Al-Jazeera<\/a> &uuml;bt, nimmt sie f&uuml;r die Presse- und Meinungsfreiheit Stellung und lobt sogar die deutschen Medien, die in dieser Sache ihre Rolle als Vierte Gewalt wahrnehmen. Von <strong>Sabine Schiffer<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26480#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>].<br>\n<!--more--><br>\nDie Nachricht geht um die Welt: Der renommierte Al-Jazeera Journalist und Moderator Ahmed Mansour wird in Deutschland verhaftet, auf Gehei&szlig; des &auml;gyptischen Regimes. Nachdem unsicher ist, ob wirklich ein internationaler Haftbefehl von Interpol gegen ihn vorliegt, wie zun&auml;chst verlautbart wurde, wird deutlich, dass es sich wohl eher um eine Gef&auml;lligkeit gegen&uuml;ber &Auml;gypten handelt. Dort wurde Mansour in Abwesenheit zu 15 Jahren Haft verurteilt, weil er unter anderem an einer Folterung beteiligt gewesen sein soll. Ein undeutliches Video <a href=\"http:\/\/www.thecairopost.com\/news\/156522\/news\/video-al-jazeeras-ahmed-mansour-in-the-torture-video-of-a-lawyer-in-2011\">kursiert durchs Internet<\/a> und die &auml;gyptische Gesellschaft ist gespalten &ndash; wie eh und je, seit der gewaltsamen Absetzung des gew&auml;hlten Pr&auml;sidenten und Muslimbruders Mohamed Mursi. Der den Muslimbr&uuml;dern nahestehende Sender Al-Jazeera ist zum Feindbild f&uuml;r das Regime Al-Sisis geworden. <\/p><p>Nun verh&auml;lt sich die deutsche Regierung &ndash; und ist dabei nicht allein &ndash; im Nahen Osten konstant opportun. So wie einst Diktator Hosni Mubarak hofiert wurde, hofiert man heute seine Nachfolger. Und derlei gilt nicht nur f&uuml;r &Auml;gypten: Auch der reaktion&auml;rste Staat im Nahen Osten, Saudi-Arabien, steht auf der Liste der &bdquo;Stabilit&auml;tsfaktoren&ldquo; in diesem Raum. Diese Form von &bdquo;Pragmatismus&ldquo; bewegt sich bereits hart jenseits der Grenze zur Unglaubw&uuml;rdigkeit: Mit der Verhaftung Mansours und der Pr&uuml;fung einer m&ouml;glichen Auslieferung in ein Land mit Willk&uuml;rjustiz und Todesstrafe verspielt das einst angesehene Deutschland seinen letzten Rest Glaubw&uuml;rdigkeit in den arabischen L&auml;ndern. <\/p><p>Ein internationaler Sturm der Entr&uuml;stung ergie&szlig;t sich derzeit auf die hiesigen Beh&ouml;rden &ndash; und zwar sowohl in etablierten als auch in den sogenannten sozialen Medien. Und auch in Deutschland reagieren die Medien vorbildlich ganz im Sinne einer Vierten Gewalt. Denn nat&uuml;rlich geht es nicht um die Prominenz des Verhafteten oder das Teilen seiner Meinung. Es geht um die grunds&auml;tzliche M&ouml;glichkeit journalistisch zu arbeiten. Mansour hat neben der &auml;gyptischen auch die britische Staatsangeh&ouml;rigkeit. Schnell wurde vielen klar, dass ein Verfahren, wie das aktuelle, die Medien und den Journalismus insgesamt trifft. Denn, wenn ein vielleicht unliebsamer Journalist als Freundschaftsdienst f&uuml;r ein umstrittenes Regime von rechtsstaatlichen Beh&ouml;rden in Deutschland interniert und eventuell sogar ausgeliefert wird, ist das das Ende der Meinungs- und Pressefreiheit. Dies widerspricht der Verpflichtung eines demokratischen Staates Presse- und Meinungsfreiheit zu sch&uuml;tzen.<br>\nAhmed Mansour hat in Berlin Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik interviewt, der dessen Verhaftung nun emp&ouml;rt in diversen Medien kommentiert (S&uuml;ddeutsche Zeitung, DLF). Er macht deutlich, dass von einer politisch motivierten Verfolgung Mansours ausgegangen werden muss und sieht Parallelen zu einem Urteil gegen einen Vertreter der Konrad-Adenauer Stiftung in &Auml;gypten. Er verweist zudem auf den au&szlig;enpolitischen Schaden, den der Vorgang bereits angerichtet hat.<br>\n<a href=\"https:\/\/www.reporter-ohne-grenzen.de\/pressemitteilungen\/meldung\/politisch-motivierte-festnahme-von-ahmed-mansur\">Reporter ohne Grenzen<\/a>, der <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/ahmed-mansour-djv-warnt-vor-auslieferung-von-al-jazeera-journalist-a-1039991.html\">Deutsche Journalistenverband<\/a> und auch Politiker und alle gro&szlig;en Medien sowie viele in den sogenannten sozialen Netzwerken beteiligen sich an der Emp&ouml;rungswelle und warnen vor einer Auslieferung Mansours in einen Unrechtsstaat. Sie fordern stattdessen Aufkl&auml;rung dar&uuml;ber, wie es zu dieser Verhaftung kommen konnte. Auf Twitter machen jedoch auch die Gegner des Verhafteten bereits mobil &ndash; unter dem Hashtag #Ahmed_Mansour_Verbrechers.<br>\nEinen klugen Kommentar ver&ouml;ffentlichte Martin Gehlen im Berliner Tagesspiegel unter dem Titel &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/festnahme-des-journalisten-ahmed-mansur-ist-deutschland-aegyptens-handlanger\/11948304.html\">Ist Deutschland &Auml;gyptens Handlanger?<\/a>&ldquo;. Er stellt die Verhaftung und das Schweigen der Regierung gegen&uuml;ber der Menschenrechtssituation in &Auml;gypten in den Kontext der Milliardengesch&auml;fte, die infolge des Al-Sisi-Besuchs in Berlin vereinbart wurden. <\/p><p>Unsere Medien geben in dieser Sache insgesamt ein gutes Bild ab und kritisieren einhellig das Vorgehen, das nur allzu sehr <a href=\"http:\/\/www.tagesschau.de\/suche2.html?query=mansour\">nach K&uuml;ngelei aussieht<\/a>. Wenn auch an der ein oder anderen Stelle die Bilder und Bildunterschriften die Sache ins Religi&ouml;s-Politische zu verschieben trachten, wie etwa in der SZ vom 21. Juni, wo es &uuml;ber einem differenzierten Text <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/medien\/haftbefehl-gegen-ahmed-mansour-empoerung-ueber-festnahme-von-al-jazeera-reporter-1.2530961\">neben dem Foto einer Protestaktion in Berlin hei&szlig;t<\/a>: &bdquo;Unterst&uuml;tzer der Muslimbr&uuml;der demonstrieren in Berlin f&uuml;r die Freilassung von Ahmed Mansour.&ldquo;. Durch die zunehmende Reduktion der Berichterstattung auf die Verlautbarung des Justiz- und Au&szlig;enministeriums, dass man Zweifel an einer Auslieferbarkeit Mansours aufgrund der fehlenden Rechtsstaatlichkeit &Auml;gyptens und der Existenz der Todesstrafe dort habe, droht der Internierte in der Wahrnehmung dennoch kriminalisiert zu werden. Dieser Duktus verbleibt auch in der Meldung, dass Mansour nun doch bald frei komme.<br>\nDie Frage, die sich jetzt stellt, ist: Wie kann sich die deutsche Justiz aus dieser Peinlichkeit wieder herauswinden? Laut Spiegel Online vom 21. Juni, der sich auf eine Videobotschaft Mansours bezieht, sei die Verhaftung keine Reaktion auf eine Anfrage von Interpol, sondern basiere vermutlich auf einer Absprache zwischen deutschen und &auml;gyptischen Beh&ouml;rden. Dann ist es, wie Mansour selbst in seiner Stellungnahme sagt: &bdquo;Wenn das stimmt, w&auml;re es eine Schande f&uuml;r Deutschland.&ldquo;<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Dr. phil. <strong>Sabine Schiffer<\/strong> hat zur Islamdarstellung in den Medien promoviert. 2005 gr&uuml;ndete sie das Institut f&uuml;r Medienverantwortung, das sie seither leitet. Sie doziert und publiziert zu den Themen: &bdquo;Vierte contra F&uuml;nfte Gewalt&ldquo;, Kriegsmarketing, Stereotype im Mediendiskurs sowie Medienbildung.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Samstag, 20. Juni, wird Al-Jazeera Starjournalist Ahmed Mansour auf dem Flughafen in Tegel kurz vor seinem Abflug nach Doha verhaftet. Ihm werden Rechtsbr&uuml;che in &Auml;gypten vorgeworfen, es liegt ein Auslieferungsantrag f&uuml;r den Moderator der politischen Talk-Sendung im gesamten arabischen Raum schlechthin &bdquo;Bila Hoodod&ldquo; (Ohne Grenzen) vor. 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