{"id":26515,"date":"2015-06-24T09:04:49","date_gmt":"2015-06-24T07:04:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26515"},"modified":"2019-02-06T10:57:08","modified_gmt":"2019-02-06T09:57:08","slug":"rezension-sehnsucht-nach-einer-friedlicheren-welt-konstantin-wecker-ueber-sein-leben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26515","title":{"rendered":"Rezension: Sehnsucht nach einer friedlicheren Welt &#8211; Konstantin Wecker \u00fcber sein Leben"},"content":{"rendered":"<p>&Uuml;ber sich zu schreiben, ist ein schwieriges Unterfangen. Konstantin Wecker hat es gewagt, und es ist ihm in vielen Passagen seines Buches &bdquo;M&ouml;nch und Krieger&ldquo; gelungen, seine Leserinnen und Leser f&uuml;r sich zu gewinnen, indem er &uuml;ber die unvermeidliche Selbstbespiegelung weit hinausgeht. Er verschweigt nichts, er blendet nicht, er bleibt bei den Fakten, die er nat&uuml;rlich subjektiv interpretiert. Das Herzst&uuml;ck seines Buches sei &ndash; so schreibt er &ndash; sein &bdquo;lebenslanges Suchen nach dem Wunderbaren, die Suche nach der R&uuml;ckkehr in meine geistige Heimat&ldquo;, auch &bdquo;wachsender Zorn &uuml;ber die politischen Verh&auml;ltnisse&ldquo;. Von <strong>Wolfgang Bittner<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26515#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>].<br>\n<!--more--><br>\nSeinen Berichten und Erz&auml;hlungen ist anzumerken, dass er in vielerlei Hinsicht vom Leben verw&ouml;hnt wurde, jedenfalls die l&auml;ngste Zeit. Er hatte das Gl&uuml;ck, in einem kulturellen Elternhaus aufzuwachsen, war mit einer sch&ouml;nen Stimme begabt, wurde schon fr&uuml;h bekannt und verm&ouml;gend, beliebt bei den Frauen. Das blieb freilich nicht ohne negative Folgen. Wecker schreibt von seinem ehemals &bdquo;offen zelebrierten Gegockel&ldquo;, der Drogensucht, die ihn ins Gef&auml;ngnis brachte, seiner Bekanntschaft mit Zuh&auml;ltern und seiner Bewunderung &bdquo;starker M&auml;nner&ldquo;; er schreibt von Fehltritten, seinem &bdquo;Aggressionspotenzial und der zeitweise &bdquo;peinlichen Vorliebe f&uuml;rs Protzen und Prassen&ldquo;.<\/p><p>Aber er hat es nach einem Gef&auml;ngnisaufenthalt geschafft, wieder zu sich, zu seinem eigentlichen Selbst, zu finden, wie er in mehreren Kapiteln ausf&uuml;hrt. Und immer wieder rekurriert er auf &bdquo;seinen Gott&ldquo;, den er ersp&uuml;rt und zu dem er morgens betet, wie er verr&auml;t: &bdquo;Ich musste Gott in mir t&ouml;ten, um zu ihm zu finden.&ldquo; Fast das halbe Buch handelt von dieser Auseinandersetzung mit dem Glauben, dem &bdquo;&Uuml;bersinnlichen&ldquo;, der Spiritualit&auml;t und von der Sinnsuche. Das zeugt von tiefem Wissen, ist gescheit ausgef&uuml;hrt und inspirierend, erscheint allerdings manchmal etwas sehr katholisch gepr&auml;gt, geschuldet Elternhaus und Schule.<\/p><p>Wenn Konstantin Wecker &bdquo;Bilanz zieht&ldquo;, mutet es fast wie eine Beichte an: &bdquo;Ich war so oft oberfl&auml;chlich &hellip; Ich war streits&uuml;chtig, rechthaberisch und eitel.&ldquo; Andererseits ist von der Hinwendung zu Bescheidenheit, Empathie und Demut zu lesen, von einem ausgepr&auml;gten Bed&uuml;rfnis nach Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit. Diese Zerrissenheit, die auch seine Jugend und sp&auml;ter sein K&uuml;nstlertum ausmacht, f&uuml;hrte offenbar zu einem tiefen Zwiespalt: Der Sehnsucht nach Unabh&auml;ngigkeit, einem abenteuerlichen Leben und nach Grenzerfahrungen einerseits und der Sehnsucht nach einem geregelten, gutb&uuml;rgerlichen Leben andererseits &ndash; eine oft schmerzhafte Dichotomie, die der K&uuml;nstler durch Selbsterforschung und Meditation f&uuml;r sich ertr&auml;glich zu gestalten sucht.<\/p><p>Aber Wecker geht noch weiter. F&uuml;r ihn ist die Transformation das &bdquo;Allerwichtigste&ldquo;: &bdquo;Alles will doch vom Endlichen ins Unendliche, vom K&ouml;rperlichen ins Seelische, ins Geistige hinein. Nur darum geht es doch, unabh&auml;ngig von Erfolg und Geld.&ldquo; An anderer Stelle schreibt er: &bdquo;Nur da, wo man sich selbst erfahren kann, beginnt ja das Leben &uuml;berhaupt interessant zu werden. Wo man nicht nur &uuml;ber sich nachdenkt &ndash; was notwendig ist &ndash;, sondern wo man die Vernunft transzendiert. Wo man in eine Wirklichkeit eindringt, die aus mehr als dieser Rationalit&auml;t besteht. Das gilt nat&uuml;rlich f&uuml;r den K&uuml;nstler erst recht. F&uuml;r ihn ist das Ich zun&auml;chst der Zugang zu dem Einen, das zugleich Alles ist.&ldquo;<\/p><p>Im zweiten Teil seines Buches geht Wecker mehr auf seine politischen Aktivit&auml;ten und seine Utopien ein. So berichtet er von seiner Reise in den Irak im Jahre 2003 mit Gleichgesinnten, die gegen den absehbaren Krieg protestierten. Ein alter irakischer Poet sagte ihm damals: &bdquo;Wenn die Amerikaner gegen uns Krieg f&uuml;hren, wird das Tor zur H&ouml;lle aufgemacht.&ldquo; &bdquo;Genau das ist passiert&ldquo;, schreibt Wecker, und: &bdquo;Die Art, wie wir wegen dieser Reise von der Presse behandelt wurden, hat dann aber meine schlimmsten Bef&uuml;rchtungen &uuml;bertroffen.&ldquo;<\/p><p>Bezeichnend auch seine Erfahrungen bei einer Occupy-Demonstration in Frankfurt 2012: &bdquo;Zum ersten Mal in meiner K&uuml;nstlerkarriere hat man mir per Gerichtsbeschluss das Singen verboten. Nicht im Irak, nicht in der DDR, aber in der Bundesrepublik Deutschland &hellip; die Beh&ouml;rden haben das Demonstrationsrecht auf beispiellose Weise ausgehebelt &hellip; Wir wurden dann von der Polizei eingekesselt &hellip;&ldquo;<\/p><p>Wecker ist der Ansicht: &bdquo;Wir zerst&ouml;ren das Leben unserer Kinder durch unsere ausschlie&szlig;lich leistungsbezogene und selektionsorientierte Art schulischer Erziehung. Und wir zerst&ouml;ren die L&auml;nder des globalen S&uuml;dens systematisch mit Hilfe von Schulden und Zinsen. Wir tun dies auch, indem wir immer genau an der falschen Stelle viel Geld ausgeben, f&uuml;r R&uuml;stung vor allem.&ldquo; Er f&auml;hrt fort: &bdquo;Widerstand gegen Missst&auml;nde ist bei Politikern immer nur dann hoch angesehen, wenn es um die Zust&auml;nde in anderen L&auml;ndern geht.&ldquo; In Deutschland &ndash; so meint er &ndash; sei &bdquo;die Zeit f&uuml;r eine gr&ouml;&szlig;ere Protestbewegung offenbar noch nicht gekommen&ldquo;, aber es helfe, daran zu glauben, dass der friedliche Protest eine Zukunft hat, &bdquo;auch wenn das Eingreifen der Polizei von Jahr zu Jahr martialischer wird&ldquo;.<\/p><p>Der K&uuml;nstler res&uuml;miert: &bdquo;Seit Tausenden von Jahren herrschen auf der Erde Gesellschaftssysteme, die das Gegeneinander und die Konkurrenz f&ouml;rdern, nicht das Miteinander; den Krieg, nicht den Frieden; die Zerst&ouml;rung, nicht den Aufbau; die Unterdr&uuml;ckung weiblicher Werte und den Triumph der vermeintlich m&auml;nnlichen.&ldquo; Er pl&auml;diert voller Enthusiasmus f&uuml;r eine &bdquo;Revolution des Mitgef&uuml;hls&ldquo;, eine Utopie, die &bdquo;etwas Geistiges&ldquo; repr&auml;sentiert, &bdquo;an das wir uns halten k&ouml;nnen in einer allzu verdinglichten Welt&ldquo;.<\/p><p>Hier werden Einfl&uuml;sse von Arno Gruen (&bdquo;Der Verlust des Mitgef&uuml;hls&ldquo;) und Ernst Bloch (&bdquo;Das Prinzip Hoffnung&ldquo; und &bdquo;Geist der Utopie&ldquo;) deutlich, auf die sich Wecker auch bezieht. Er konstatiert: &bdquo;Der Neoliberalismus will uns seine eigene Natur &ndash; die r&uuml;cksichtslose Durchsetzung eines &ouml;konomischen &sbquo;Survival of the fittest&lsquo; &ndash; als &sbquo;Natur des Menschen&lsquo; verkaufen. Ich weigere mich, mir das einreden zu lassen&hellip; Utopien werden nicht vielleicht irgendwann da sein, sie sind bereits da.&ldquo;<\/p><p>Immer wieder gibt es hochinteressante Passagen in diesem Buch, mit dem der S&auml;nger, Komponist, Poet und Schauspieler einen tiefen Einblick in seine menschliche und k&uuml;nstlerische Entwicklung zul&auml;sst, in sein Denken und F&uuml;hlen, in den Kosmos eines hochsensiblen, emotionalen Menschen, was sich schlie&szlig;lich auch in seinem k&uuml;nstlerischen Vortrag ausdr&uuml;ckt. Er ist ein Suchender, mit seinen inzwischen 68 Jahren noch lange nicht fertig, offen selbst in den heiklen Zonen seines Lebens. Was ihn neben der k&uuml;nstlerischen Arbeit auszeichnet, ist sein politisches und soziales Engagement. Beispielsweise unterst&uuml;tzt er ohne viel Aufhebens die Hospizbewegung, und in dem von ihm eingerichteten Internetforum <a href=\"http:\/\/www.hinter-den-schlagzeilen.de\">&ldquo;hinter-den-schlagzeilen.de&rdquo;<\/a> finden sich Informationen und Er&ouml;rterungen, die man in der sogenannten Qualit&auml;tspresse vergeblich sucht.<\/p><p><strong>Konstantin Wecker, &bdquo;M&ouml;nch und Krieger. Auf der Suche nach einer Welt, die es noch nicht gibt&ldquo;<\/strong>, G&uuml;tersloher Verlagshaus, G&uuml;tersloh 2014, 287 Seiten, 19,99 Euro.<\/p><ul>\n<li><strong><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25227\">Rezension: Wolfgang Bittner: S&uuml;dlich von mir. Gedichte<\/a><\/strong><\/li>\n<li><strong><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/141105_ukraine_auszug1.pdf\">Die Eroberung Europas durch die USA, Auszug aus Wolfgang Bittners neuem Buch [PDF &ndash; 69,5 KB]<\/a><\/strong><\/li>\n<li><strong><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16690\">Rezension: Wolfgang Bittner, Hellers allm&auml;hliche Heimkehr<\/a><\/strong><\/li>\n<\/ul><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] <strong><a href=\"http:\/\/www.wolfgangbittner.de\/\">Wolfgang Bittner<\/a><\/strong>, Schriftsteller, Dr. jur.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&Uuml;ber sich zu schreiben, ist ein schwieriges Unterfangen. 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