{"id":26525,"date":"2015-06-24T12:14:36","date_gmt":"2015-06-24T10:14:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26525"},"modified":"2015-06-24T17:08:57","modified_gmt":"2015-06-24T15:08:57","slug":"korrigieren-sie-ihr-urteil-ueber-den-kosovokrieg-und-die-damit-verbundene-einuebung-deutschlands-in-militaereinsaetze","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26525","title":{"rendered":"Korrigieren Sie Ihr Urteil \u00fcber den Kosovokrieg und die damit verbundene Ein\u00fcbung Deutschlands in Milit\u00e4reins\u00e4tze"},"content":{"rendered":"<p>Vermutlich haben sich viele Leserinnen und Leser der NachDenkSeiten einen kritischen Blick auf die gravierende sicherheitspolitische Z&auml;sur von 1999 bewahrt. Aber selbst wenn man damals das Geschehen kritisch betrachtete, vergisst man schnell wichtige Einzelheiten. Deshalb ist der folgende Beitrag von <strong>Reinhard Lange<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26525#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] sehr hilfreich. Au&szlig;erdem ist er relevant f&uuml;r die Einordnung des aktuellen Geschehens und dabei vor allem der vielen milit&auml;rischen Interventionen. Der Autor spannt den Bogen von Bismarcks au&szlig;enpolitischen Vorstellungen &uuml;ber die Entspannungspolitik Willy Brandts und die damit verbundene Einsicht in die Notwendigkeit gemeinsamer Sicherheitsstrukturen in Europa bis zum S&uuml;ndenfall Kosovokrieg. In diesem Teil liefert er dann viele Fakten, die zu einer einigerma&szlig;en korrekten Beurteilung des Geschehens wichtig sind. Und eben aktuell. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Der Kosovokrieg der NATO<\/strong><br>\nWarum der Westen den Krieg wollte und wie deutsche Politik heute das au&szlig;enpolitische Erbe Bismarcks verspielt. Von Reinhard Lange.<\/p><p>Am 18. Januar 1871, kurz vor dem Ende des deutsch-franz&ouml;sischen Krieges, schuf der preu&szlig;ische Ministerpr&auml;sident und Au&szlig;enminister in Personalunion Otto von Bismarck mit der Proklamation des preu&szlig;ischen K&ouml;nigs zum ersten Deutschen Kaiser den deutschen Nationalstaat. Mit der Gr&uuml;ndung des Kaiserreiches erf&uuml;llte er damit eine der Forderungen der Deutschen Revolution von 1848\/49, welche schon einige Jahre zuvor August Heinrich Hoffmann von Fallersleben in seine heute ber&uuml;hmten Worte fasste: &ldquo;<em>Einigkeit und Recht und Freiheit f&uuml;r das deutsche Vaterland!<\/em>&rdquo; Nach der Reichsgr&uuml;ndung wurde Bismarck durch Wilhelm I. in den F&uuml;rstenstand erhoben und erster Kanzler des Deutschen Reichs.<\/p><p>Nachdem Wilhelm II., der Enkel des ersten Deutschen Kaisers, 1888 den Thron bestiegen hatte, f&uuml;hlte er sich durch Bismarck in seinem Gestaltungsspielraum eingeschr&auml;nkt und entlie&szlig; 1890 den ihm zu widerspenstig gewordenen ersten Reichskanzler. Zu diesem Zeitpunkt konnte das junge Kaiserreich auf knapp zwei Jahrzehnte friedlicher und wirtschaftlich erfolgreicher Entwicklung zur&uuml;ckblicken, zu der die zur&uuml;ckhaltende Au&szlig;enpolitik Bismarcks nicht wenig beigetragen hatte. Das geeinte und wirtschaftlich erstarkte Deutschland ver&auml;nderte die Kr&auml;fteverh&auml;ltnisse auf dem europ&auml;ischen Kontinent. Der wirtschaftliche Aufstieg Deutschlands wurde von den bisher dominierenden M&auml;chten Gro&szlig;britannien, &Ouml;sterreich, Russland, und Frankreich mit Argwohn beobachtet. Bismarck sah die daraus erwachsenden Risiken und versuchte &uuml;ber eine Politik des Ausgleichs die Balance zwischen den M&auml;chten zu wahren und Allianzen gegen das junge Kaiserreich zu verhindern. Er wollte mit seiner Au&szlig;enpolitik das Umfeld f&uuml;r die weitere positive Entwicklung des von ihm geschaffenen Deutschen Reiches sichern. Diese Voraussetzungen sah er nicht in der weiteren Expansion und Konfrontation sondern in der Bewahrung des Friedens. <a href=\"http:\/\/www.bismarck-stiftung.de\/index.php\/standort-friedrichsruh\/forschen-und-entdecken\/exponat-des-monats\/item\/80-westafrikanisches-rauchservice-als-geschenk-f%C3%BCr-otto-von-bismarck-1885\">Legend&auml;r sein Kommentar<\/a> zwei Jahre vor dem Ende seiner Kanzlerschaft an einen Verfechter kolonialer Expansionspolitik: &ldquo;<em>Ihre Karte von Afrika ist ja sehr sch&ouml;n, aber meine Karte von Afrika liegt in Europa. Frankreich liegt links, Russland liegt rechts, in der Mitte liegen wir. Das ist meine Karte von Afrika.<\/em>&rdquo; Wenn es ein au&szlig;enpolitisches Verm&auml;chtnis von Bismarck gibt, dann wird das in seiner Arbeit als Reichskanzler f&uuml;r die Bewahrung eines strategischen Gleichgewichts zwischen den M&auml;chten deutlich und in seinem Verzicht auf Drohungen in der Au&szlig;enpolitik.&nbsp; Exemplarisch dazu hier Ausz&uuml;ge aus einer <a href=\"http:\/\/daten.digitale-sammlungen.de\/%7Edb\/0001\/bsb00018384\/images\/index.html?id=00018384&amp;fip=193.174.98.30&amp;no=&amp;seite=611\">Rede, die Bismarck am 5. Dezember 1876 vor dem Reichstag hielt<\/a>, um eine f&ouml;rmliche parlamentarische Anfrage eines Abgeordneten an die Regierung zu beantworten. Dieser Abgeordnete erwartete eine politische Reaktion der Reichsregierung auf ver&auml;nderte Regelungen Russlands bei der Erhebung von Z&ouml;llen, die letztlich auf eine Erh&ouml;hung der russischen Importz&ouml;lle hinausliefen, welche dem deutschen Export nat&uuml;rlich schaden w&uuml;rde. Bismarck wies diese Forderung strikt zur&uuml;ck und antwortete sowohl in der Sache als auch grunds&auml;tzlich. Er lehnte es ab, wegen seiner Meinung nach wirtschaftlich sch&auml;dlicher aber legitimer Handlungen Russlands in eine Eskalationsspirale einzutreten und wirtschaftliche Ziele mit au&szlig;enpolitischen Drohungen erreichen zu wollen. Er benutzte das Bild des Kutschers eines Wagens, dem man in einer f&uuml;r ihn ung&uuml;nstigen Situation einen Stock zwischen die R&auml;der schiebt, was im Moment vielleicht wirken w&uuml;rde, sich aber sp&auml;ter, wenn der Kutscher sich daran erinnert, r&auml;chen w&uuml;rde. Er verwies auf die unkontrollierbaren Folgen einer solchen Politik und erkl&auml;rte speziell zu Russland: &ldquo;<em>&hellip; so lange wir auf diesem Flecke stehen, wird es Ihnen nie gelingen, unser gutes und solides Verh&auml;ltni&szlig; zu Russland irgendwie zu alterieren und in die erprobte hundertj&auml;hrige Freundschaft, die zwischen beiden Regierungen besteht, einen Ri&szlig; zu machen.<\/em>&rdquo; Im selben Atemzug erkl&auml;rt er aber auch, dass sich die guten Beziehungen zu Russland nicht gegen England richten w&uuml;rden: &ldquo;Wir haben mit England nicht minder wie mit Ru&szlig;land die Tradition einer hundertj&auml;hrigen guten Beziehung, &hellip;&rdquo;<br>\nSein Bem&uuml;hen um Ausgleich mit allen M&auml;chten ist in der Rede fast mit H&auml;nden zu greifen. Zum Ma&szlig;stab seiner Au&szlig;enpolitik macht er die &ldquo;deutschen Interessen&rdquo; &ndash; eine friedliche Entwicklung des Reichs, f&uuml;r die er ein berechenbares und m&ouml;glichst stabiles Umfeld schaffen wollte. Hinsichtlich etwas, was wir heute vielleicht Osterweiterung oder Ostexpansion oder auch Einmischung in fremde Angelegenheiten nennen w&uuml;rden formuliert er seine ber&uuml;hmten S&auml;tze: &ldquo;<em>Ich habe gesagt: ich werde zu irgend welcher aktiven Betheiligung Deutschlands an diesen Dingen nicht rathen, so lange ich in dem Ganzen f&uuml;r Deutschland kein Interesse sehe, welches auch nur &hellip; die gesunden Knochen eines einzigen pommerschen Musketiers werth w&auml;re. Ich habe ausdr&uuml;cken wollen, da&szlig; wir mit dem Blute unserer Landsleute und unserer Soldaten sparsamer sein m&uuml;&szlig;ten als es f&uuml;r eine willk&uuml;rliche Politik einzusetzen, zu der uns kein Interesse zwingt.<\/em>&rdquo;<\/p><p>Nach der Beendigung der Kanzlerschaft Bismarcks pr&auml;gte Kaiser Wilhelm II. die deutsche Au&szlig;enpolitik. Er wollte Deutschland nicht nur wirtschaftlich sondern auch machtpolitisch Weltgeltung verschaffen. Entsprechend trat er auf. Das Ergebnis ist bekannt. <\/p><p>Nach zwei Weltkriegen, vielen Millionen Toten und Gebietsverlusten Deutschlands gelang es erst in den sp&auml;ten 60er Jahren des 20. Jahrhunderts einer deutschen Regierung unter dem Kanzler Willy Brandt, mit der neuen Entspannungs-\/Ostpolitik und der dadurch erm&ouml;glichten Konferenz &uuml;ber Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Konferenz_%C3%BCber_Sicherheit_und_Zusammenarbeit_in_Europa\">KSZE<\/a>) und der Schlussakte von Helsinki (1975) an die Prinzipien der Au&szlig;enpolitik des ersten deutschen Kanzlers anzukn&uuml;pfen, n&auml;mlich den Ausgleich mit allen wichtigen M&auml;chten zu finden, auch mit dem damaligen Warschauer Pakt. Zwar hatte davor schon Adenauer einiges geleistet, indem es ihm zum Beispiel gelang, die &ldquo;Erbfeindschaft&rdquo; mit Frankreich zu beenden. Doch setzte Adenauer allein auf die Westintegration. Der inzwischen entstandene Kalte Krieg konnte aber nur entsch&auml;rft werden durch Einbeziehung aller Akteure. Deshalb waren die Entspannungspolitik und die folgende KSZE &ndash; &uuml;brigens mit vollem Engagement des dann regierenden Bundeskanzlers Helmut Schmidt &ndash; Meilensteine auf dem Weg zu einer neuen Sicherheitsarchitektur f&uuml;r Europa.<\/p><p>Mit der Glasnost-Politik Gorbatschows und dem Ende des Warschauer Paktes entstanden neue Chancen f&uuml;r dauerhaften Frieden in Europa. <a href=\"https:\/\/www.google.de\/search?q=kohl+gorbatschow+kaukasus&amp;biw=1280&amp;bih=614&amp;source=lnms&amp;tbm=isch&amp;sa=X&amp;ei=7hGGVcuMKMP0UKK8jqgP&amp;sqi=2&amp;ved=0CAYQ_AUoAQ\">Die Fotos von Kohl und Gorbatschow bei ihrem Treffen im Kaukasus im Juli 1990<\/a> dokumentieren die Atmosph&auml;re nach dem Ende des Kalten Krieges. <\/p><p>Brandt war schon tot und die Sowjetunion Geschichte, als aus der urspr&uuml;nglich als einmalige Konferenz geplanten KSZE am 1. Januar 1995 mit der Organisation f&uuml;r Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) eine neue Institution hervor ging, welche die Gew&auml;hrleistung der friedlichen Entwicklung in Europa zu ihrem Ziel hat und dabei alle europ&auml;ischen L&auml;nder umfasst (au&szlig;er dem Kosovo), ebenso die USA und Kanada sowie die Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Diese Organisation ist allerdings nur so stark, wie die Mitgliedsl&auml;nder es zulassen. In ihr gilt Einstimmigkeit. <\/p><p>Die OSZE als eine Organisation <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kollektive_Sicherheit\">kollektiver Sicherheit<\/a> stand von Anfang an in Konkurrenz zur deutlich st&auml;rker milit&auml;risch ausgerichteten und US-dominierten NATO (NATO-Oberbefehlshaber ist stets ein US-General oder Admiral). Nach dem Ende des Kalten Krieges und der Schaffung der OSZE musste deshalb die Frage beantwortet werden, ob die NATO &uuml;berhaupt noch gebraucht wird?<br>\n&nbsp;<br>\nHeute, gerade einmal 25 Jahre nach der Entstehung der Fotos, welche Kohl und Gorbatschow im Kaukasus im offenbar so vertrauten und entspannten Umgang miteinander zeigen, und 20 Jahre nach Gr&uuml;ndung der OSZE sehen wir andere Bilder in den Medien: Die deutsche Verteidigungsministerin und der NATO-Generalsekret&auml;r posieren vor einem Panzer in Polen, wo gerade die &ldquo;NATO-Speerspitze&rdquo; den Einsatz gegen Russland trainiert. Und <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/inland\/muenchner-sicherheitskonferenz-gauck-fordert-neue-deutsche-aussenpolitik-12778741.html\">der Bundespr&auml;sident fordert eine neue deutsche Au&szlig;enpolitik<\/a>, ein Ende der Zur&uuml;ckhaltung und eine st&auml;rkere Rolle Deutschlands in der Welt, welche ausdr&uuml;cklich milit&auml;risches Engagement mit einschlie&szlig;en solle. Ohne Ironie muss man feststellen, dass sie damit der Politik des deutschen Kaisers n&auml;her stehen, der Deutschland Weltgeltung verschaffen wollte als der zur&uuml;ckhaltenden und bewahrenden Au&szlig;enpolitik des ersten Reichskanzlers.<\/p><p>Der Wandel in den internationalen Beziehungen von der Kooperation zur Konfrontation, der insbesondere zu vermehrten Spannungen zwischen dem Westen und Russland f&uuml;hrt, ist gegenw&auml;rtig offensichtlich. Zunehmend wird wieder der Begriff Kalter Krieg verwendet, um den aktuellen Zustand dieser Beziehungen zu beschreiben. Wenn gefragt wird, wann und warum denn der Umschlag von Ann&auml;herung und Entspannung zu Konfrontation erfolgte, wird meist reflexartig auf die j&uuml;ngsten Ereignisse um die Krim verwiesen. Die Abtrennung der Krim von der Ukraine sei eine Annexion Russlands gewesen, mit der zum ersten Mal im Nachkriegseuropa Grenzen gewaltsam ver&auml;ndert und V&ouml;lkerrecht gebrochen worden sei. In der so erz&auml;hlten Geschichte gibt es ein b&ouml;ses Gespenst aus der Vergangenheit mit Namen Putin, welches pl&ouml;tzlich und unerwartet auf der europ&auml;ischen B&uuml;hne randaliert und f&uuml;r seine Expansionsbestrebungen bereit ist, friedliche V&ouml;lker mit Krieg zu &uuml;berziehen. <\/p><p>Mit dieser Argumentation wird dann eine Politik begr&uuml;ndet, die vorzugsweise auf Sanktionen setzt sowie verbale und milit&auml;rische Aufr&uuml;stung betreibt. Diese Politik bewirkt wieder Gegenreaktionen der anderen Seite und pl&ouml;tzlich befindet man sich in einer Spirale der Eskalation. Dabei ist das Ziel all der Ma&szlig;nahmen des Westens bisher ganz offenkundig verfehlt worden. Henry Kissinger bezeichnet deshalb Sanktionen auch nicht als Strategie sondern Ausdruck eines Mangels an Strategie. Bismarck h&auml;tte ihm, w&uuml;rde er heute noch leben, sicher zugestimmt. Seine aktuelle Amtsnachfolgerin wird diese Erkenntnis m&ouml;glicherweise erst gewinnen, wenn die <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/wirtschaft\/article142742046\/Russland-Krise-kostet-Europa-bis-zu-100-Milliarden-Euro.html\">Folgen der Sanktionen f&uuml;r Deutschland schmerzhaft<\/a> sp&uuml;rbar werden.<\/p><p>Im Kontrast zur landl&auml;ufigen Erz&auml;hlung von der Schuld des b&ouml;sen Russen am neuen Kalten Krieg, ist die B&uuml;chse der Pandora, die die &Uuml;bel von Separatismus und Krieg &uuml;ber Europa aussch&uuml;ttete, aber nicht 2014 auf der Krim ge&ouml;ffnet worden, sondern schon 15 Jahre davor an einem Verhandlungstisch in Frankreich. Man kann sogar den Moment genau bestimmen. Es war der Augenblick, in dem der US-Amerikaner Christopher Hill ein paar Blatt bedruckten Papiers in einem Schloss bei Paris auf eben diesen Tisch legte. Mit der &Uuml;bergabe dieser wenigen und scheinbar harmlosen Seiten eines Vertragsentwurfes wurden monatelange diplomatische Friedensbem&uuml;hungen abrupt beendet, der Startschuss f&uuml;r einen unehrenhaften Krieg gegeben, der der erste Auslandseinsatz der Bundeswehr werden sollte und die dauerhafte Pr&auml;sens amerikanischer Truppen auf dem Balkan begr&uuml;ndet. Die &Ouml;ffentlichkeit erfuhr wenig davon, denn es war allen Beteiligten verboten, Kontakt zu Journalisten aufzunehmen. Was klingt, wie das wenig glaubhafte Drehbuch zu einem Spionage-Thriller hat wirklich stattgefunden und war der Auftakt des Kosovokrieges der NATO, f&uuml;r dessen Zustandekommen auch deutsche Politiker wichtige Vor- und Hilfsarbeit leisteten.<\/p><p>Das wirkliche Ziel dieses Krieges nannte das State Departement (das amerikanische Au&szlig;enministerium) erst zwei Jahre sp&auml;ter auf einer Konferenz, an der hohe ausl&auml;ndische Diplomaten und Ministerpr&auml;sidenten teilnahmen. Einer der Teilnehmer dieser Konferenz, der CDU-Sicherheitspolitiker und seinerzeitige Vizepr&auml;sident der Parlamentarischen Versammlung der OSZE Willy Wimmer, berichtete in einem inzwischen ver&ouml;ffentlichten <a href=\"http:\/\/www.cashkurs.com\/kategorie\/wirtschaftsfacts\/beitrag\/neues-interview-zur-aktuellen-lage-brief-an-bundeskanzler-gerhard-schroeder-im-mai-2000\/\">Schreiben an den damaligen Bundeskanzler Gerhard Schr&ouml;der<\/a>: &ldquo;<em>Die europ&auml;ische Rechtsordnung sei f&uuml;r die Umsetzung von NATO-&Uuml;berlegungen hinderlich. Daf&uuml;r sei die amerikanische Rechtsordnung auch bei der Anwendung in Europa geeigneter. Der Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien sei gef&uuml;hrt worden, um eine Fehlentscheidung von General Eisenhower aus dem 2. Weltkrieg zu revidieren. Eine Stationierung von US-Soldaten habe aus strategischen Gr&uuml;nden dort nachgeholt werden m&uuml;ssen.<\/em>&rdquo; Wimmer fasst dann am Ende des Briefes an Schr&ouml;der die durch das State Department vermittelten Grundz&uuml;ge der US-Au&szlig;enpolitik in folgende Worte: &ldquo;<em>Die amerikanische Seite scheint im globalen Kontext und zur Durchsetzung ihrer Ziele bewusst und gewollt die als Ergebnis von 2 Kriegen im letzten Jahrhundert entwickelte internationale Rechtsordnung aushebeln zu wollen. Macht soll Recht vorgehen. Wo internationales Recht im Wege steht, wird es beseitigt. Als eine &auml;hnliche Entwicklung den V&ouml;lkerbund traf, war der Zweite Weltkrieg nicht mehr fern. Ein Denken, das die eigenen Interessen so absolut sieht, kann nur totalit&auml;r genannt werden.<\/em>&rdquo;<\/p><p>F&uuml;r die Herbeif&uuml;hrung des Krieges gegen Jugoslawien nutzte die US-Politik geschickt die sich dort nach dem Tode Titos entwickelten Spannungen zwischen den Volksgruppen, insbesondere zwischen Serben und Albanern. Ohne die Unterst&uuml;tzung seitens der f&uuml;hrenden deutschen Politiker dieser Zeit wie Fischer, Schr&ouml;der und Scharping sowie einiger anderer europ&auml;ischer Politiker h&auml;tten die USA dabei keinen Erfolg haben k&ouml;nnen. Die Frage nach den deutschen Interessen in diesem Konflikt wurde seinerzeit nicht diskutiert. Denn wenn man sie diskutiert h&auml;tte, h&auml;tte das Ergebnis lauten m&uuml;ssen, dass Deutschland an Frieden in Europa interessiert ist und der bestehende B&uuml;rgerkrieg im Kosovo durch Verhandlungen beendet werden m&uuml;sse und nicht durch Krieg. Daf&uuml;r gab es damals seit vier Jahren ein eigens f&uuml;r solche F&auml;lle geschaffenes kollektives Instrument, n&auml;mlich die OSZE.<\/p><p>Kurz zur Vorgeschichte des Konfliktes: Die vorwiegend von Albanern bewohnte serbische Provinz Kosovo genoss unter Tito Autonomiestatus. Dieser wurde 1989 durch eine &Auml;nderung der serbischen&nbsp; Verfassung beendet. Im darauf folgenden Jahr wurden auch das Regionalparlament sowie die Regionalregierung aufgel&ouml;st. Alle wirtschaftlichen, innenpolitischen und kulturellen Fragen der Provinz wurden seitdem in Belgrad entschieden. Der Fernsehsender Pristina wurde geschlossen und viele Albaner aus leitenden Funktionen entfernt. Das alles war t&ouml;richt und musste zur Eskalation der Situation in den von Albanern bewohnten Gebieten Jugoslawiens f&uuml;hren, denn diese konnten nun erkl&auml;ren, dass die Serben an ihrer schlechten wirtschaftlichen Situation Schuld tr&uuml;gen. Die Wiederherstellung der Autonomie des Kosovo war eine legitime Forderung der Albaner in dieser serbischen Provinz.<br>\n&nbsp;<br>\nDie Spannungen im Kosovo eskalierten zum B&uuml;rgerkrieg als die 1994 gegr&uuml;ndete Befreiungsarmee des Kosovo (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/U%C3%87K\">UCK<\/a>) im Jahre 1996 ihren bewaffneten Kampf aufnahm. Ihr Ziel war dabei von Anfang an die v&ouml;llige Unabh&auml;ngigkeit des Kosovo. Schon fr&uuml;h versuchten die USA, die die UCK, zun&auml;chst als Terroristen bezeichneten, Beziehungen zu ihr aufzunehmen, wie eine <a href=\"http:\/\/news.bbc.co.uk\/2\/hi\/europe\/674056.stm\">BBC-Dokumentation<\/a> enth&uuml;llte. Sp&auml;ter sollte die Kooperation noch so eng werden, dass US-Amerikaner UCK-K&auml;mpfer ausbildeten und die UCK von der CIA spezielle Telefone erhielt, mit denen diese eine selbst gegen&uuml;ber Verb&uuml;ndeten der USA abh&ouml;rsichere Kommunikation &uuml;ber spezielle tieffliegende Satelliten der US-Army aufbauen konnten, wie der <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/ausland\/mazedonien-us-geheimdienst-cia-stuetzt-die-uck-separatisten-a-147936.html\">Spiegel<\/a> berichtete. Der britische <a href=\"http:\/\/www.theguardian.com\/world\/2001\/mar\/11\/edvulliamy.peterbeaumont\">Guardian bezeichnete die UCK als Bastard-Armee der CIA<\/a>. In diesem B&uuml;rgerkrieg standen sich auf der einen Seite regul&auml;re Kr&auml;fte der Bundesrepublik Jugoslawien und serbische Paramilit&auml;rs und auf der anderen Seite die UCK gegen&uuml;ber. <\/p><p>Am 23. September 1998 forderte der UNO-Sicherheitsrat mit <a href=\"http:\/\/www.un.org\/Depts\/german\/sr\/sr_98\/sr1199.pdf\">Resolution 1199<\/a> alle Konfliktparteien, Gruppierungen und Einzelpersonen zur sofortigen Waffenruhe auf. Von den Beh&ouml;rden der Bundesrepublik Jugoslawien und der F&uuml;hrung der Kosovo-Albaner verlangte er &ldquo;sofortige Schritte zur Verbesserung der humanit&auml;ren Lage und zur Abwendung der sich abzeichnenden humanit&auml;ren Katastrophe&rdquo;. Und er forderte von beiden Seiten, &ldquo;<em>sofort in einen sinnvollen Dialog ohne Vorbedingungen und unter internationaler Beteiligung sowie nach einem klaren Zeitplan einzutreten, der zu einem Ende der Krise und zu einer politischen Verhandlungsl&ouml;sung der Kosovo-Frage f&uuml;hrt.<\/em>&rdquo; Die Resolution verzichtete auf die Androhung von Gewalt.<\/p><p>Am 11. Oktober 1998 <a href=\"http:\/\/www.nytimes.com\/1998\/10\/11\/world\/nato-nears-final-order-to-approve-kosovo-strike.html\">drohten westliche Politiker mit dem Erlass einer Activation Order<\/a> f&uuml;r die NATO, welche die NATO-F&uuml;hrung zu Luftschl&auml;gen gegen Jugoslawien autorisiert, Am 13. Oktober 1998 stimmte Serbien auch unter dem Druck der Kriegsdrohung der NATO der UN-Resolution 1199 zu, was einer Erkl&auml;rung des Waffenstillstands gleich kam. Bemerkenswerterweise am selben Tag wurde die <a href=\"http:\/\/www.nato.int\/kosovo\/history.htm\">Activation Order vom NATO-Rat beschlossen<\/a> mit dem angeblichen Ziel, die Diplomatie in ihren Friedensbem&uuml;hungen zu unterst&uuml;tzen. NATO-Generalsekret&auml;r <a href=\"http:\/\/www.nato.int\/docu\/speech\/1998\/s981013b.htm\">Javier Solana gab danach eine Pressekonferenz<\/a>, auf der er Luftschl&auml;ge der NATO gegen die Bundesrepublik Jugoslawien androhte, sollte diese die Forderungen der Resolution 1199 nicht schnell und vollst&auml;ndig erf&uuml;llen. Die andere Konfliktpartei im B&uuml;rgerkrieg erw&auml;hnte er nicht. Bereits drei Tage sp&auml;ter <a href=\"http:\/\/dipbt.bundestag.de\/doc\/btp\/13\/13248.asc\">stimmte der Deutsche Bundestag einem Luftwaffeneinsatz der Bundeswehr<\/a> im Rahmen der NATO grunds&auml;tzlich zu. Begr&uuml;ndet wurde das mit der Notwendigkeit der Abwehr einer &ldquo;humanit&auml;ren Katastrophe&rdquo; im Kosovo. <\/p><p>Diese humanit&auml;re Katastrophe hat es jedoch bis zum Beginn der NATO-Luftangriffe auf Jugoslawien nicht gegeben. Daf&uuml;r gibt es mit der OSZE-Mission im Kosovo sehr glaubw&uuml;rdige Zeugen. Diese <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kosovo_Verification_Mission\">Kosovo Verification Mission<\/a> wurde durch Vereinbarung zwischen der OSZE und der Bundesrepublik Jugoslawien am 16. Oktober 1998 ins Leben gerufen, also am selben Tag, an dem der Deutsche Bundestag seinen Vorratsbeschluss f&uuml;r einen Luftwaffeneinsatz in Jugoslawien fasste. Einen Tag zuvor, am 15. Oktober 1998 war bereits ein Vertrag zwischen Jugoslawien und der NATO geschlossen worden, der eine &Uuml;berwachung des Kosovo aus der Luft durch NATO-Flugzeuge erm&ouml;glichte und laut <a href=\"http:\/\/www.un.org\/Depts\/german\/sr\/sr_98\/sr1203.pdf\">UN-Sicherheitsratsbeschluss 1203<\/a> die T&auml;tigkeit der OSZE erg&auml;nzen sollte. Die OSZE Kosovo Verification Mission legte ihre Erkenntnisse und Beobachtungen aus der T&auml;tigkeit im Kosovo sp&auml;ter in einem <a href=\"http:\/\/www.osce.org\/odihr\/17772?download=true\">ausf&uuml;hrlichen Bericht<\/a> dar. Dieser beschreibt die Leiden der Zivilbev&ouml;lkerung im B&uuml;rgerkrieg, auch Verbrechen f&uuml;r die zum Teil die eine und zum Teil die andere B&uuml;rgerkriegspartei verantwortlich waren, enth&auml;lt aber f&uuml;r die Zeit vor dem Angriff der NATO keine Belege f&uuml;r eine humanit&auml;re Katastrophe oder Massenvertreibungen von Albanern durch serbisches Milit&auml;r oder andere serbische Gruppierungen. Henry Kissinger beschrieb im britischen Telegraph die Situation sp&auml;ter so: &ldquo;<em>Die Serben m&ouml;gen sich barbarisch verhalten haben in der Unterdr&uuml;ckung des UCK-Terrors. Aber 80 Prozent der Verletzungen des Waffenstillstands zwischen Oktober und Februar wurden von der UCK begangen. Es war an diesem Punkt kein Krieg um ethnischen S&auml;uberungen. Wenn wir es richtig analysiert h&auml;tten, w&uuml;rden wir versucht haben, die Waffenruhe zu st&auml;rken und nicht die gesamte Schuld den Serben zu geben.<\/em>&rdquo; Leider hat der Telegraph das Interview inzwischen aus seinem Online-Angebot genommen. Aber der wesentliche Inhalt ist noch <a href=\"http:\/\/mailman.lbo-talk.org\/1999\/1999-June\/011789.html\">hier<\/a> verf&uuml;gbar.<\/p><p>F&uuml;hrende deutsche Politiker stellten die Situation im Kosovo allerdings anders dar, als es sich aus dem OSZE-Bericht ergibt. Und die Medien folgten weitestgehend bereitwillig den offiziellen Darstellungen. Milosevic wurde d&auml;monisiert und mit Hitler verglichen und einige angebliche Kriegsverbrechen der Serben frei erfunden. Einen gewissen H&ouml;hepunkt dieser Falschinformation markierte der von Verteidigungsminister Scharping behauptete sogenannte <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hufeisenplan\">Hufeisenplan<\/a> der Serben, die damit angeblich die Albaner des Kosovo in Form eines nach Albanien offenen Hufeisens milit&auml;risch umfassen und durch danach erfolgendes Zusammenziehen des Hufeisens ins Ausland vertreiben wollten. Das Kosovo w&auml;re danach ethnisch ges&auml;ubert gewesen. <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/1\/archiv\/?dig=2001\/04\/06\/a0131\">Au&szlig;enminister Fischer sprach am 12. April 1999 sogar vom Vorliegen gesicherter Erkenntnisse<\/a>, &ldquo;<em>dass diese Operation unter dem Operationsnamen ,Podgova&rsquo; (Hufeisen) geplant war und dass sie am 26. Februar 1999 anlief.<\/em>&rdquo; <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-11616897.html\">Im Lagebericht der Bundeswehr vom 22. M&auml;rz 1999<\/a> hei&szlig;t es dagegen: &ldquo;<em>Tendenzen zu ethnischen S&auml;uberungen sind weiterhin nicht zu erkennen<\/em>&rdquo;. Diesen <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/1\/archiv\/?dig=2001\/04\/06\/a0131\">Fakt best&auml;tigt auch der Ex-Bundeswehrgeneral Heinz Loquai<\/a>: &ldquo;<em>In keinem Lagevortrag, weder des Ausw&auml;rtigen Amtes, des Verteidigungsministeriums, der Nato in Br&uuml;ssel oder der OSZE in Wien ist vor dem 24. M&auml;rz (Angriff der NATO) von einer gro&szlig; angelegten, systematischen und planm&auml;&szlig;igen Vertreibung die Rede gewesen<\/em>&ldquo; Da Loquai, ein langj&auml;hriger angesehener Mitarbeiter der OSZE, diese von den Behauptungen seines Verteidigungsministers abweichende Darstellung &ouml;ffentlich machte und vor Fernsehkameras erkl&auml;rte, dass der Hufeisenplan tats&auml;chlich eine <a href=\"http:\/\/daserste.ndr.de\/panorama\/archiv\/2000\/erste7388.html\">Erfindung aus dem Umfeld von Scharping<\/a> war, wurde er durch diesen geschasst. <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-11616897.html\">Der Spiegel<\/a> berichtete dann auch nach Kriegsbeginn, dass im Verteidigungsministerium das Finden von Belegen f&uuml;r serbische Kriegsverbrechen &ldquo;oberste Priorit&auml;t&rdquo; gehabt h&auml;tte. Nur sei man trotz des Einsatzes von Hochtechnologie dabei nicht sehr erfolgreich. In dieser Atmosph&auml;re waren andere Meinungen und ein realit&auml;tsn&auml;heres Bild der Situation im Kosovo offenbar unerw&uuml;nscht.<\/p><p>Mit der Akzeptanz der UNO-Resolution 1199 am 23. September 1998 hatte das Milosevic-Regime in Belgrad auch Friedensverhandlungen mit den Vertretern der Albaner im Kosovo zugestimmt. Dabei handelte es sich um eine Initiative der schon seit dem Bosnienkrieg bestehenden Balkan Kontaktgruppe, bestehend aus Vertretern Gro&szlig;britanniens, Frankreichs, Deutschlands, Italiens sowie aus Russland und den USA. <\/p><p>Die Friedensverhandlungen fanden vom 6. Februar bis zum 23. Februar 1999 in Rambouillet und dann vom 15. bis 23. M&auml;rz 1999 in Paris statt. An den Verhandlungen nahmen neben der serbischen und der albanischen Delegation f&uuml;r die Balkan-Kontaktgruppe je ein Vertreter der USA, der EU und Russlands teil (Christopher Hill f&uuml;r USA, Wolfgang Petritsch f&uuml;r die EU, Boris Majorski f&uuml;r Russland). Die den Serben gegen&uuml;ber sehr feindselige Atmosph&auml;re der Verhandlungen hat der EU-Vertreter Petrisch in einem aufschlussreichen <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-8608215.html\">Spiegel-Interview vom 8. Februar 1999<\/a> beschrieben: &ldquo;<em>Da wird nicht mehr lange gepokert. 80 Prozent unserer Vorstellungen werden einfach durchgepeitscht. &hellip; Zwei Dinge sind definitiv verboten: Pressekontakte und vorzeitiges Abreisen. Alle bleiben interniert, in einem Konklave. Am Schlu&szlig; wird es sicher hart auf hart kommen, und das Endergebnis wird wohl ein Diktat sein. Aber eines garantiere ich: Vor Ende April wird der Kosovo-Konflikt entweder formal gel&ouml;st sein, oder die Nato bombardiert.<\/em>&rdquo; Im Interview sprach Petritsch dann weiter von 30.000 bis 40.000 Mann Friedenstruppen, die nach einem erfolgreichen Abkommen im Kosovo stationiert werden sollen. Das sollten keine Nato-Truppen sein, sondern UNO-Truppen unter Beteiligung auch russischer Blauhelme. Es kam anders und das strikte Verbot von Pressekontakten erleichterte sp&auml;ter die Legendenbildung.<\/p><p>Mitte Februar war die serbische Verhandlungsdelegation in Rambouillet enthusiastisch. Zwar hatte die US-Au&szlig;enministerin Madelaine Albright gleich zu Beginn der Verhandlungen eine Pressekonferenz gegeben, in der sie die US-Position darstellte, im Falle eines Abschlusses des Friedensvertrages 28.000 NATO-Soldaten im Kosovo stationieren zu wollen und f&uuml;r den Fall der Nichtunterzeichnung des Vertrages durch die Serben die Bombardierung Serbiens ank&uuml;ndigte, doch schien nun, zwei Wochen nach dieser Pressekonferenz, ein den NATO-Milit&auml;reinsatz vermeidender Abschluss des Friedensvertrages zum Greifen nahe. Man hatte bereits Einigung &uuml;ber etwa 70 % des Vertragswerkes erlangt. Pedrag Simic, der Berater des serbischen Verhandlungsf&uuml;hrers verlie&szlig; deshalb in guter Stimmung Rambouillet, weil er annahm, dass alles Wesentliche schon geregelt sei. Er <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/1999\/20\/199920.serbien_.xml\">berichtete sp&auml;ter ausf&uuml;hrlich in der Zeit<\/a> &uuml;ber die dramatischen Ereignisse, die sich in Rambouillet kurz darauf und unmittelbar nach Ankunft der US-Au&szlig;enministerin am Verhandlungsort abspielten. In der Erinnerung von Simic traf Albright am 19. Februar in Rambouillet ein. Am n&auml;chsten Tag pr&auml;sentierte der US-Vertreter Christopher Hill den Serben einen fast v&ouml;llig neuen Vertragsentwurf, von 82 Seiten waren 60 neu geschrieben. (<a href=\"http:\/\/www.friedenskooperative.de\/ff\/ff99\/3-27.htm\">Nach anderen Quellen war der Tag der Pr&auml;sentation erst der 23. Februar. F&uuml;r diesen Termin spricht, dass die Konferenz an eben diesem Tage f&uuml;r drei Wochen unterbrochen wurde.<\/a>) <a href=\"http:\/\/www.bits.de\/zumach\/2000\/180300.htm\">Der Entwurf war nur von Hill und Petritsch abgezeichnet<\/a>, also offenbar mit den Russen nicht abgestimmt. Und er wurde bis zum Ende der Verhandlungen nicht mehr ge&auml;ndert.<\/p><p><a href=\"http:\/\/www.alb-net.com\/kcc\/interim.htm\">Dieser Vertragsentwurf<\/a> entsprach in Teilen mehr einem Besatzungsstatut f&uuml;r die Bundesrepublik Jugoslawien als einem Friedensvertrag f&uuml;r das Kosovo. So sollte sich NATO-Milit&auml;r in der gesamten Bundesrepublik Jugoslawien, also in Serbien und Montenegro, frei bewegen k&ouml;nnen, dabei jede Unterst&uuml;tzung seitens der jugoslawischen Beh&ouml;rden genie&szlig;en, Infrastruktureinrichtungen wie Stra&szlig;en, H&auml;fen und Flugpl&auml;tze jederzeit kostenfrei nutzen k&ouml;nnen und gegen jedwede Strafverfolgung immun sein. Ein derartiger Text war unter keinen Umst&auml;nden von den Serben akzeptierbar, die sich ja nicht im Krieg mit den USA oder der NATO befanden. Der vollst&auml;ndige Vertragstext wurde bis nach Kriegsbeginn geheim gehalten und erst nach einer Ver&ouml;ffentlichung der brisanten Vertragsteile am 6. April 1999 durch die taz der &Ouml;ffentlichkeit bekannt. Aber da war es schon zu sp&auml;t. Die Delegation der Kosovo-Albaner unterzeichnete den Entwurf am 23. M&auml;rz 1999. Die Serben unterschrieben nicht. Am 24. M&auml;rz 1999 begann die NATO mit der Bombardierung Serbiens, wie Madelaine Albright das angek&uuml;ndigt hatte.<\/p><p>Ein Kunstst&uuml;ck an Desinformation und gleichzeitig einen Beitrag zur Legendenbildung um den Kosovokrieg lieferte gleich am ersten Tage des Krieges Bundeskanzler <a href=\"http:\/\/www.glasnost.de\/kosovo\/990324schroeder.html\">Gerhard Schr&ouml;der in seiner Fernsehansprache<\/a> an die Deutschen, indem er entgegen den Tatsachen behauptete, dass die jugoslawische Delegation in den Friedensverhandlungen &ldquo;<em>selbst minimale Zugest&auml;ndnisse abgelehnt<\/em>&rdquo; h&auml;tte. Diese Falschbehauptung Schr&ouml;ders erreichte &uuml;ber die diversen Medien fast jeden Deutschen. Die Wahrheit dagegen, die nur <a href=\"http:\/\/mailman.lbo-talk.org\/1999\/1999-June\/011789.html\">wenige Wochen sp&auml;ter Henry Kissinger<\/a> aussprach, wurde von den Medien kaum mehr beachtet. Kissinger nannte den Vertrag von Rambouillet eine &ldquo;<em>Provokation<\/em>&rdquo;, einen &ldquo;<em>Vorwand, um mit den Bombardierungen zu beginnen&rdquo;. &ldquo;Rambouillet ist kein Dokument, das ein Serbe mit Verstand h&auml;tte akzeptieren k&ouml;nnen. Es war ein ungeheuerliches diplomatisches Dokument, das niemals in dieser Form h&auml;tte pr&auml;sentiert werden d&uuml;rfen.&rdquo;<\/em><\/p><p>Die Folgen des Kosovokrieges der NATO sind weit reichend. Das Kosovo erkl&auml;rte sich 2008 f&uuml;r unabh&auml;ngig von Serbien. Heute steckt das nicht einmal von allen EU-Staaten anerkannte Land in einem <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article134357220\/Das-Kosovo-draengt-in-die-EU-und-steckt-im-Sumpf.html\">Sumpf aus Korruption und Armut<\/a>. Eine Rechtsstaatlichkeitsmission der EU <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-89470560.html\">(EULEX) kann als gescheitert betrachtet werden<\/a>. Die EU spielt trotz der gleich nach dem Krieg eingef&uuml;hrten D-Mark (heute Euro) als offizielles Zahlungsmittel im Kosovo eher eine untergeordnete Rolle. St&auml;rkeren politischen Einfluss hat der jeweilige amerikanischen Botschafter in Pristina, berichtet der in Balkanfragen stets <a href=\"http:\/\/derstandard.at\/2000008437645\/Regierungsbildung-im-Kosovo-Nur-mit-Hilfe-der-USA\">gut informierte &ouml;sterreichische Standard<\/a>. W&auml;hrend Br&uuml;ssel aktuell eher <a href=\"http:\/\/www.swp.de\/ulm\/nachrichten\/politik\/EU-strebt-Durchbruch-im-Kosovo-an;art4306,3294318\">hilflos versucht das Kosovo und Serbien n&auml;her an die EU heranzuf&uuml;hren<\/a>, unterhalten die USA schon seit 1999 mit <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Camp_Bondsteel\">Camp Bondsteel<\/a> ihren gr&ouml;&szlig;ten europ&auml;ischen St&uuml;tzpunkt im Kosovo. Sie haben damit ihr Ziel erreicht, welches sie ohne den Krieg schwerlich h&auml;tten erreichen k&ouml;nnen, und <a href=\"http:\/\/www.wissenschaft-und-frieden.de\/seite.php?artikelID=0135\">kontrollieren vom dort aus die gesamte Region<\/a>, wof&uuml;r immer die Stationierung von Bodentruppen notwendig ist. Schiffe und Flugzeuge allein reichen daf&uuml;r nicht aus. <\/p><p>Eine der schwerwiegendsten Folgen des Kosovokrieges und der nachfolgenden Unabh&auml;ngigkeitserkl&auml;rung der serbischen Provinz ist jedoch, dass <a href=\"http:\/\/www.n-tv.de\/politik\/Weitere-Staaten-folgen-Kosovo-article26360.html\">auch andere Regionen dem Beispiel des Kosovo folgen wollen<\/a>. Man kann auch die Ereignisse um die Losl&ouml;sung der Krim aus der Ukraine schwerlich ganz ohne den Pr&auml;zedenzfall Kosovo verstehen.<\/p><p>Ein Nutzen aus den Ergebnissen des Kosovokrieges f&uuml;r Deutschland dagegen l&auml;sst sich nicht erkennen. Wirtschaftlich ist das kleine Land mit nur etwa 2 Millionen Einwohnern trotz etlicher Bodensch&auml;tze wenig interessant. <a href=\"http:\/\/liportal.giz.de\/kosovo\/wirtschaft-entwicklung\/\">Die GIZ stellt dazu fest<\/a>: &ldquo;<em>Das &ouml;konomische Wachstum nach 1999 ist haupts&auml;chlich auf die internationalen Hilfeleistungen, die Entwicklung des &ouml;ffentlichen Sektors sowie auf Geldzahlungen von den im Ausland lebenden Kosovaren zur&uuml;ckzuf&uuml;hren.<\/em>&rdquo;<\/p><p>Deutschland hat im Verbund mit der NATO den Kosovokrieg gef&uuml;hrt, obwohl das <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=ydLINQBOF1U\">v&ouml;lkerrechtswidrige Handeln der Regierung Schr&ouml;der voll bewusst<\/a> war. Heute treten im Zusammenhang mit den Ereignissen um die Ukraine wieder deutsche Politiker auf, berufen sich auf V&ouml;lkerrecht und euroatlantische Werte und setzen auf Sanktionen sowie eine St&auml;rkung und Ausrichtung der westlichen Milit&auml;rallianz gegen Russland, statt das f&uuml;r die friedliche Konfliktl&ouml;sung geschaffene Instrument der OSZE zu st&auml;rken und aufzuwerten. Ein absehbarer Nutzen dieser geschichtsvergessenen Politik ist f&uuml;r Deutschland nicht erkennbar, der voraussehbare und zum Teil schon eingetretene Schaden dagegen gro&szlig;.<\/p><p>Man fragt sich, ob deutsche Politiker lernunf&auml;hig sind oder es ihnen einfach an Mumm fehlt, genuine deutsche Interessen auch gegen&uuml;ber dem m&auml;chtigen Verb&uuml;ndeten zu behaupten, und w&uuml;nscht sich einen Kanzler Bismarck zur&uuml;ck.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] <strong>Reinhard Lange<\/strong> (56) ist Unternehmensberater &ndash; mit dem Balkan als T&auml;tigkeitsschwerpunkt.<br>\nDer Autor w&uuml;rde &uuml;brigens im Sinne seines Artikels gerne die Kinderhymne von Bert Brecht zur deutschen Nationalhymne erkl&auml;ren.<br>\nDen Austausch der Nationalhymne schaffen die NachDenkSeiten nicht, aber als Schlussstrich unter Langes Artikel <strong>Brechts Kinderhymne<\/strong> wiederzugeben, das schaffen wir und das machen wir gerne:<\/p>\n<p>Anmut sparet nicht noch M&uuml;he,<br>\nLeidenschaft nicht noch Verstand,<br>\nda&szlig; ein gutes Deutschland bl&uuml;he,<br>\nwie ein andres gutes Land.<\/p>\n<p>Da&szlig; die V&ouml;lker nicht erbleichen<br>\nwie vor einer R&auml;uberin,<br>\nsondern ihre H&auml;nde reichen<br>\nuns wie andern V&ouml;lkern hin.<\/p>\n<p>Und nicht &uuml;ber und nicht unter<br>\nandern V&ouml;lkern wolln wir sein,<br>\nvon der See bis zu den Alpen,<br>\nvon der Oder bis zum Rhein.<\/p>\n<p>Und weil wir dies Land verbessern,<br>\nlieben und beschirmen wir&rsquo;s.<br>\nUnd das liebste mag&rsquo;s uns scheinen<br>\nso wie andern V&ouml;lkern ihrs.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vermutlich haben sich viele Leserinnen und Leser der NachDenkSeiten einen kritischen Blick auf die gravierende sicherheitspolitische Z&auml;sur von 1999 bewahrt. Aber selbst wenn man damals das Geschehen kritisch betrachtete, vergisst man schnell wichtige Einzelheiten. Deshalb ist der folgende Beitrag von <strong>Reinhard Lange<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26525#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] sehr hilfreich. Au&szlig;erdem ist er relevant f&uuml;r die Einordnung des aktuellen<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26525\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,172,171,11],"tags":[1457,462,432,466,1456,1210,1089],"class_list":["post-26525","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-aufruestung","category-militaereinsaetzekriege","category-strategien-der-meinungsmache","tag-albright-madeleine","tag-jugoslawien","tag-kosovo","tag-nato","tag-osze","tag-scharping-rudolf","tag-wimmer-willy"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26525","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=26525"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26525\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":26532,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26525\/revisions\/26532"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=26525"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=26525"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=26525"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}