{"id":26561,"date":"2015-06-26T09:28:01","date_gmt":"2015-06-26T07:28:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26561"},"modified":"2015-06-26T09:49:05","modified_gmt":"2015-06-26T07:49:05","slug":"atypisch-beschaeftigte-sind-vielfach-benachteiligt-auch-im-privatleben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26561","title":{"rendered":"Atypisch Besch\u00e4ftigte sind vielfach benachteiligt \u2013 auch im Privatleben?"},"content":{"rendered":"<p>Eine <a href=\"http:\/\/www.ffp.de\/tl_files\/dokumente\/2015\/20150625_Policy_Brief_Projekt%202013-633-3.pdf\">Studie [PDF]<\/a> von WissenschaftlerInnen des Forschungszentrums Familienbewusste Personalpolitik (FFP) in M&uuml;nster hat nachzuweisen versucht, dass und wie die Arbeit in atypischen Besch&auml;ftigungsformen sich auch nachteilig auf das Privatleben auswirkt. Das ist ihnen nur teilweise gelungen. Von Markus Kr&uuml;semann [<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26561#foot_*\" name=\"note_*\">*<\/a>]<br>\n<!--more--><br>\nLeiharbeit, Minijobs, befristete und (unfreiwillige) Teilzeitbesch&auml;ftigung, all diese atypischen Besch&auml;ftigungsformen haben sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten immer st&auml;rker ausgebreitet. Je nach Betrachtungsweise (le Boh&eacute;mien vom 4. Mai 2015) arbeiteten im Jahr 2013 bereits 21,4 Prozent der Kernerwerbst&auml;tigen bzw. 38,6 Prozent aller abh&auml;ngig Erwerbst&auml;tigen in Jobs jenseits des sogenannten Normalarbeitsverh&auml;ltnisses (unbefristete, sozialversicherungspflichtige Vollzeitbesch&auml;ftigung au&szlig;erhalb der Leiharbeit).<\/p><p>Nun ist es ja nicht so, dass sich hinter der Definition der atypischen Besch&auml;ftigung nur ein abstrakter Schubladen- oder Sammelbegriff verbirgt (von Residualkategorie kann man angesichts des Ausma&szlig;es solcher Besch&auml;ftigungsformen ja l&auml;ngst nicht mehr sprechen), um Erwerbst&auml;tige unterschiedlichen Arbeitsarten zuzuordnen. F&uuml;r die Betroffen sind die vom Standard abweichenden Erwerbsformen mit handfesten materiellen und auch immateriellen Nachteilen verbunden.<\/p><p>Auf die materiellen Nachteile ist bereist in vielen Studien hingewiesen worden. Das f&auml;ngt schon beim Verdienst an: Die Einkommen von atypisch Besch&auml;ftigten liegen im Mittel deutlich unter jenen von Normalarbeitnehmern, ja fast die H&auml;lfte der atypisch Besch&auml;ftigten hatte etwa 2010 f&uuml;r einen Niedriglohn gearbeitet. Ein von existentieller Not freies Leben r&uuml;ckt da f&uuml;r viele atypisch Besch&auml;ftigte in weite Ferne.<\/p><p>Weitere materielle Nachteile konnten in Bezug auf die Integration in die sozialen Sicherungssysteme und im Bereich der betrieblichen Mitbestimmung nachgewiesen werden. Auch bei Ma&szlig;nahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements oder bei der F&ouml;rderung beruflicher Qualifikationen und Kompetenzen stehen atypisch Besch&auml;ftigte hintenan. <\/p><p><strong>Immaterielle Nachteile atypischer Besch&auml;ftigung weit weniger bekannt<\/strong><\/p><p>Weniger Beachtung fanden bisher die immateriellen Nachteile, die atypisch Besch&auml;ftigte sowohl im Arbeitsleben (etwa durch h&ouml;here Arbeitsbelastungen und geringeren Arbeitsschutz, siehe 15.09.2014), als auch im Privatleben erfahren. Eine Untersuchung von WissenschaftlerInnen des Forschungszentrums Familienbewusste Personalpolitik (FFP) in M&uuml;nster hat hier angesetzt und danach gefragt, welchen Einfluss atypische Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnisse auf Partnerschaft und Familie, soziale Netzwerke oder die gesellschaftliche Teilhabe haben. Wie sich zeigte, wirkt sich das Arbeiten jenseits der &bdquo;Norm&ldquo; durchaus auch auf das Privatleben aus &ndash; wiewohl ein Nachweis der Zusammenh&auml;nge nur partiell gelingt.<\/p><p>Die Hans-B&ouml;ckler-Stiftung, die die Studie gef&ouml;rdert hat, schreibt dazu in einer Pressemitteilung, wer atypisch besch&auml;ftigt ist, m&uuml;sse mit zahlreichen Nachteilen leben, auch im Privatleben, wobei die damit verbundenen Risiken vor allem Frauen tr&uuml;gen. Die VerfasserInnen der Studie sprechen da lieber etwas differenzierter von einem komplexen Zusammenhang zwischen atypischer Besch&auml;ftigung und privatem Lebenszusammenhang. Schlie&szlig;lich unterschieden sich mit der heterogenen Struktur der einzelnen Besch&auml;ftigungsformen auch die Effekte atypischer Besch&auml;ftigung auf die untersuchten Lebensbereiche &bdquo;Partnerschaft &amp; Familie&ldquo; sowie &bdquo;Netzwerke &amp; Partizipation&ldquo;.<\/p><p>Durchaus heterogen sind denn auch die in der Studie pr&auml;sentierten Ergebnisse f&uuml;r die vier analysierten Dimensionen Trennung, Kinderbetreuung, Soziale Netzwerke und Mitgliedschaft in Gewerkschaften und Betriebs- bzw. Personalr&auml;ten. Kurz gefasst lauten sie wie folgt:<\/p><ul>\n<li><strong>Trennungsrisikos von Paaren:<\/strong><br>\nVon den meisten atypischen Besch&auml;ftigungsformen geht kein ma&szlig;geblicher Effekt auf das Trennungsrisiko von Paaren aus. Lediglich bei der Leiharbeit konnte ein trennungsf&ouml;rdernder Einfluss bei Frauen und M&auml;nnern in nichtehelichen Lebensgemeinschaften beobachtet werden.<\/li>\n<li><strong>Qualit&auml;t des sozialen und familialen Netzwerks:<\/strong><br>\nAuch die Unterst&uuml;tzungsleistungen aus den pers&ouml;nlichen Netzwerken werden kaum von der Besch&auml;ftigungsform beeinflusst. Diese h&auml;ngen eher von soziodemograpfischen Faktoren wie dem Geschlecht und dem Partnerschaftsstatus ab.<\/li>\n<li><strong>Mitgliedschaft in Gewerkschaften bzw. Betriebs- und Personalr&auml;ten:<\/strong><br>\nHier konnte nachgewiesen werden, dass atypisch Besch&auml;ftigte gegen&uuml;ber Normalbesch&auml;ftigten in beiden Mitgliedschaftsformen geringere Organisationsgrade aufweisen, wobei dieser Effekt umso st&auml;rker ist, je gr&ouml;&szlig;er die Abweichung der Besch&auml;ftigungsmerkmale vom Normalarbeitsverh&auml;ltnis ist.<\/li>\n<li><strong>Zeitverwendung f&uuml;r die Kinderbetreuung:<\/strong><br>\nAuch hier zeigten sich deutliche Zusammenh&auml;nge: Besch&auml;ftigte in Teilzeit oder Minijobs investieren deutlich mehr Zeit in die Betreuung von Kindern, wobei diese Arbeit vor allem Frauen leisten. Das klingt zun&auml;chst positiv, doch, so die WissenschaftlerInnen, zeige sich hier ein ambivalenter Charakter von atypischer Besch&auml;ftigung. Einerseits b&ouml;ten Formen mit reduzierter Stundenzahl mehr Zeitsouver&auml;nit&auml;t und Flexibilit&auml;t, andererseits w&uuml;rden sie mit hohen Prekarit&auml;tsrisiken wie etwa einer mangelnden finanziellen Absicherung und br&uuml;chigen Erwerbsverl&auml;ufen einhergehen.<\/li>\n<\/ul><p>Zusammenfassend muss konstatiert werden, dass es den ForscherInnen nur in begrenztem Ma&szlig;e gelungen ist, die Effekte atypischer Besch&auml;ftigung auf das Privatleben nachzuweisen. F&uuml;r die nur bedingt aussagekr&auml;ftigen Befunde d&uuml;rfte nicht unwesentlich das Forschungsdesign mit verantwortlich sein. Auswirkungen materieller Erwerbsverh&auml;ltnisse auf soziale Lebenswelten m&ouml;gen zwar messbar sein. Statt eines quantitativen, auf deskriptiven wie auch multivariaten Analysen fu&szlig;enden Ansatzes h&auml;tte ein qualitatives auf Fallstudien und Interviews beruhendes Erhebungsverfahren vermutlich aussagekr&auml;ftigere und plastischere Zusammenh&auml;nge zu Tage gebracht.  <\/p><p>Letztlich steht der Nachweis privater Benachteiligung auf eher schwachen F&uuml;&szlig;en. Folgt man den Ausf&uuml;hrungen im Ergebnisbericht, so verdichtet sich Absatz f&uuml;r Absatz der Eindruck, dass das Privatleben atypisch Besch&auml;ftigter von der oftmals prek&auml;ren Erwerbssituation in Mitleidenschaft gezogen wird. Die genaueren Zusammenh&auml;nge bleiben aber weitgehend im Dunklen. Sie bed&uuml;rfen noch weiterer Nachforschungen.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_*\" name=\"foot_*\">&laquo;*<\/a>] Markus Kr&uuml;semann ist Soziologe am Institut f&uuml;r Regionalforschung, G&ouml;ttingen und Betreiber des Infoportals <a href=\"http:\/\/miese-jobs.de\">miese-jobs.de<\/a>.<\/p>\n<\/div><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>Studie: <a href=\"http:\/\/www.ffp.de\/tl_files\/dokumente\/2015\/20150625_Policy_Brief_Projekt%202013-633-3.pdf\">Gerlach, I.\/ Ahrens, R. u.a. (2015): Die Bedeutung atypischer Besch&auml;ftigung f&uuml;r zentrale Lebensbereiche, FFP-Policy Brief, Juni 2015, M&uuml;nster<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine <a href=\"http:\/\/www.ffp.de\/tl_files\/dokumente\/2015\/20150625_Policy_Brief_Projekt%202013-633-3.pdf\">Studie [PDF]<\/a> von WissenschaftlerInnen des Forschungszentrums Familienbewusste Personalpolitik (FFP) in M&uuml;nster hat nachzuweisen versucht, dass und wie die Arbeit in atypischen Besch&auml;ftigungsformen sich auch nachteilig auf das Privatleben auswirkt. Das ist ihnen nur teilweise gelungen. Von Markus Kr&uuml;semann [<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26561#foot_*\" name=\"note_*\">*<\/a>]<\/p>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,167,146],"tags":[595,288],"class_list":["post-26561","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-familienpolitik","category-soziale-gerechtigkeit","tag-betriebliche-mitbestimmung","tag-prekaere-beschaeftigung"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26561","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=26561"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26561\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":26564,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26561\/revisions\/26564"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=26561"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=26561"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=26561"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}