{"id":26568,"date":"2015-06-26T12:53:37","date_gmt":"2015-06-26T10:53:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26568"},"modified":"2019-07-25T11:24:36","modified_gmt":"2019-07-25T09:24:36","slug":"franz-schuh-memoiren-ein-interview-gegen-mich-selbst-eine-nachgeholte-rezension","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26568","title":{"rendered":"Franz Schuh: Memoiren. Ein Interview gegen mich selbst &#8211; Eine nachgeholte Rezension"},"content":{"rendered":"<p>Manchmal fallen einem B&uuml;cher in die Hand, die so viel an Geistessch&auml;rfe und politisch-kultureller Relevanz aufweisen, dass man sie weiterempfehlen m&ouml;chte, auch wenn es sich dabei um keine Neuerscheinung handelt. Dass das Buch des &ouml;sterreichischen Philosophen Franz Schuh schon 2008 erschienen ist, kann kein Argument gegen seine Empfehlung sein. Und wenn es eines aktualisierenden Bezuges bed&uuml;rfte, ist dieser mindestens im Hinblick auf die Behandlung des Themas <em>Erinnern und Vergessen der Vergangenheit<\/em> im 70. Jahr nach Kriegsende gegeben. <em>Die eigentliche &sbquo;Unf&auml;higkeit&lsquo; zu trauern liegt &hellip; deshalb vor, weil die Leute &hellip; &uuml;ber das Geschehene nicht traurig waren; sie waren h&ouml;chstens dar&uuml;ber traurig, dass sie einen Krieg verloren hatten, und dar&uuml;ber, dass man ihnen eine Schuld an m&ouml;rderischen Grausamkeiten geben konnte, f&uuml;r die sie sich gar nicht verantwortlich f&uuml;hlten; und viele glaubten, falls sie den Krieg gewonnen h&auml;tten, dann h&auml;tte ihnen auch keiner einen Vorwurf gemacht. Die &sbquo;Banalit&auml;t des B&ouml;sen&lsquo; war f&uuml;r sie ein Sachverhalt, der sie nicht ber&uuml;hrt hat.<\/em><br>\nEine Besprechung von <strong>Petra Frerichs<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nEs ist erstaunlich, &uuml;ber welch eine gute Tradition an kritischen Intellektuellen &Ouml;sterreich und speziell Wien verf&uuml;gt (daf&uuml;r stehen bspw. Namen wie Karl Kraus, Ludwig Wittgenstein, Thomas Bernhard,  Elfriede Jelinek, Gerhard Amanshauser, Robert Menasse, Robert Misik u.a.). Hier nun wieder einer ihrer typischen, w&uuml;rdigen Vertreter: Franz Schuh, aus einfachen Verh&auml;ltnissen stammend, geh&ouml;rt der Nachkriegsgeneration an (Jahrgang 1947), hat Philosophie studiert , &uuml;ber Hegel promoviert und sich auf vielen publizistischen Feldern einen Namen gemacht. Er selbst verortet sich als Philosoph in den Medienberufen, ist freiberuflich t&auml;tig und hat eine Reihe von B&uuml;chern geschrieben. <\/p><p>Das vorgelegte enth&auml;lt schon im Titel eine doppelte Ironie: Es hei&szlig;t nicht ein Interview &bdquo;mit mir selbst&ldquo;, sondern &bdquo;gegen mich selbst&ldquo; und verspricht damit eine gewisse Selbstkonfrontation, das Infragestellen seiner selbst; mit der Form des Interviews wird hier gespielt, denn der Interviewer und der Interviewte sind ein und dieselbe Person, die st&auml;ndig die Rollen wechseln &ndash; eine Methode, die der Intention der Konfrontation mit sich selbst entgegenkommt. Von Memoiren im klassischen Sinn kann eigentlich auch keine Rede sein, selbst wenn biographische Bez&uuml;ge in den behandelten Themen existieren. Neben der ungew&ouml;hnlichen Form und Methode sind es vor allem diese Themen und die Art und Weise ihrer Abhandlung sowie die dazugeh&ouml;rige &bdquo;Denke&ldquo; des Autors, die f&uuml;r die Originalit&auml;t des Bandes sprechen.<br>\nSchuh ist ein dialektischer Kopf vor dem Herrn, wie sie leider nicht so oft zu finden sind; seine Argumentation ist voller (Selbst-)Ironie; er denkt in Widerspr&uuml;chen, l&auml;sst nichts unhinterfragt und niemanden ungeschoren; Kritik als methodische Denkungsart hat er von der Pieke auf (bei Hegel und Marx) gelernt und versteht sie bestens anzuwenden.<\/p><p>Hier gleich ein erstes Beispiel: Schuhs Kritik am <em>Literarischen Quartett<\/em>, das er <em>als eine Art von Reality Soap<\/em> betrachtet:<\/p><blockquote><p>Das ZDF kommt ins Haus und sieht nach, was ein paar Zeitungs- oder Universit&auml;tsangestellte, die sofort ein paar B&uuml;cher vom Regal nehmen, gerade bewegt. Vor der Kamera benehmen sie sich so schlecht sie nur k&ouml;nnen, und einer gewinnt immer, weil er das am besten kann. Das war lustig, das war eine Spa&szlig;gesellschaft, und ohne Zweifel war Intelligenz beteiligt. Aber mein Einwand gilt dem Gef&auml;lle von M&uuml;ndlichkeit und Schriftlichkeit, auf dem ich hier selbst, wie ich glaube, legitim segle. Da ich ein begeisterter Schreiber und ein begeisterter Leser bin, verachte ich es, wenn die Kritik sich dem Medium des Kritisierens entzieht. Lese ich von Herrn Karasek einen Satz, wei&szlig; ich sofort alles &ndash; aber reden tut er ja ganz gut. Angesichts der Fluchtm&ouml;glichkeit in die Rhetorik lassen sich ausgerechnet die redenden Kritiker nicht zur Rede stellen. Durch diese hervorstechenden, alle anderen &uuml;berredenden Redner hat die Kritik die gemeinsame Basis mit der Literatur, die Schriftsprache, verlassen. Was aber die medialen Formen betrifft, erschien mir die Sendung v&ouml;llig reaktion&auml;r: Bestimmte Pers&ouml;nlichkeiten hatten die M&ouml;glichkeit, sich als unreformierbar darzustellen; das hatte einen psychologischen und gruppendynamischen Sinn, aber medial war das vollkommen irrelevant, n&auml;mlich blo&szlig; theatralisch. Ich musste immer lachen, wenn Mitglieder des Quartetts, manchmal in aggressiv werdender Treuherzigkeit, einem versicherten, wie wichtig diese Sendung sei. Das war ja richtig: F&uuml;r sie war es eine wichtige Sendung. Auch f&uuml;r mich war es eine wichtige Sendung. Durch sie wurde ich Augenzeuge eines bis heute anhaltenden Phantasmas. Ich sah, dass das Fernsehen eine v&ouml;llig irre Macht &uuml;ber den Buchmarkt hat. Es ist ein Phantasma, weil diese Macht nur wirkt, indem alle an sie glauben: der Buchh&auml;ndler, der Autor, sein Kritiker und nicht zuletzt der Verleger. (19f.)<\/p><\/blockquote><p>Die Medien, besonders das Fernsehen, bilden einen Themenschwerpunkt des Bandes.<br>\nZum einen als Arbeit- und Auftraggeber: Im Abschnitt <em>Berufsbild<\/em> hinterfragt Schuh den Status des Freiberuflers im Mediensektor, w&auml;gt zwischen der Utopie (Illusion) der Freiheit und der realen Unabh&auml;ngigkeit (aus eigener Erfahrung) ab, beleuchtet die willk&uuml;rlichen Selektionsmechanismen, die Meinungsmacht und die Marktg&auml;ngigkeit des Medienapparats, um schlie&szlig;lich im <em>Strukturwandel der &Ouml;ffentlichkeit<\/em> (Habermas) dem Internet und dem Computer die zwiesp&auml;ltige Chance auf radikale Eingriffsm&ouml;glichkeiten einzur&auml;umen. Der Schnelligkeit des neuen technischen Zugriffs wohnt allerdings die Gefahr inne, <em>dass diese Schnelligkeit zum letzten Inhalt, zur Botschaft der Arbeit wird: Der spezifische Widerstand des Materials wird ausgetrickst, und die Trickser kennen am Ende &hellip; keinen Widerstand mehr. Man darf glauben, dass die Technik kein unschuldiges Mittel ist, sondern dass sie die Inhalte, das Zugelassene und das Ausgeschlossene, selektiert, mit ausw&auml;hlt. Ja, das ist letztlich eine Zukunftsfrage der Medienberufe: die technisch erm&ouml;glichte Automatik einerseits und andererseits die alte, nicht &uuml;berholte Selbstreflexion der Menschen in ihrer Gesellschaft, das, was so sch&ouml;n &Ouml;ffentlichkeit hei&szlig;t. (75)<\/em><\/p><p>Zum anderen lernt man Franz Schuh als Medienkonsumenten kennen, wobei seine Vorlieben nicht unbedingt in der sogenannten Hochkultur (sofern das Fernsehen diese &uuml;berhaupt bedient) liegen, sondern ganz im Gegenteil: im <em>Trash<\/em>, im M&uuml;ll oder Abfall. Was gewinnt, so fragt man sich, ein Intellektueller einer US-amerikanischen Comic-Serie wie den <em>Simpsons<\/em> ab? <\/p><p>Hierzu sagt Schuh:<\/p><blockquote><p>Einerseits habe ich eine extreme Neigung zur Vereinsamung, in der ich mit den wertlosen Kommunikationsperlen spiele, die mir das f&uuml;rsorgliche Fernsehen hinwirft. Die Eingeborenen, die Masseneremiten bekommen was hingeworfen, was die Leute, die vor Kommunikation platzen, fallen lassen. Das macht Freude, wenn die Unterhaltungsspezialisten ihre Perlen vor die S&auml;ue werfen. Andererseits muss man bedenken, dass mit Trash viel Geld verdient werden kann, und dass &uuml;berall, wo Geld im &Uuml;berfluss verdient wird, nolens volens eine Wahrheit &uuml;ber unsere Gesellschaft entweder offen gesagt wird oder schlicht begraben liegt. Au&szlig;erdem finden sich &uuml;berall, wo Geld im &Uuml;berma&szlig; verdient wird, hochintelligente Menschen ein. Dass sie gekauft sind, beeintr&auml;chtigt &ndash; zumindest an der Oberfl&auml;che &ndash; ihren intellektuellen Status nicht. Schon lange arbeite ich an diesen un&uuml;bersichtlichen Schreibtischen hier, in dieser Wohnung genannten Abgrenzung von einer Au&szlig;enwelt, &uuml;ber den Begriff des Ich. Naja, und dann dreh ich den Fernseher auf, und Lisa Simpson sagt pl&ouml;tzlich: &sbquo;Ich selbst sein, hat nicht funktioniert, und jemand anders sein hat auch nicht funktioniert.&lsquo; Man sieht, dass mitten im Trash veritable philosophische Aussagen zu finden sind. Und zwar nicht allein die Aussagen, sondern auch die Performance, die Gesten, die mit diesen Aussagen Hand in Hand gehen. (14)<\/p><\/blockquote><p>In den Simpsons sieht Schuh zugleich den Ernst und die Parodie einer amerikanischen Familienserie. Diese z&auml;hlt er ausdr&uuml;cklich nicht selbst zum Trash, obwohl die Serie in diesem Kontext l&auml;uft. Denn sie sei <em>manchmal ebenso lehrreich wie ein Exemplar der Edition Akzente<\/em>. Auf die Frage, woher der Drang von Intellektuellen komme, eine Comic-Serie in den Rang von Weltliteratur (es war im Abschnitt <em>Kleine Figuren<\/em>, also dem &uuml;ber die Simpsons, schlie&szlig;lich auch von Montaigne, Peter Handke, Botho Strau&szlig; und Raymond Queneau die Rede, Amn. PF) zu erheben, antwortet Schuh: <\/p><blockquote><p>Das kommt daher, weil dieser regressive Genuss, der einem von den Simpsons auch bereitet wird, vom Durchschnittsgebildeten &ndash; vor allem europ&auml;ischer Natur &ndash; kaum ausgehalten wird. Man muss sich einen solchen Genuss versagen, man muss gegen die eigene Kindlichkeit antreten, um aus diesem Unernst, der einem so viel Freude macht, irgendwas Ernstes hervorzubringen. Quod erat demonstrandum. Aber andererseits steckt in der Serie sehr viel Intelligenz, die man herausarbeiten m&ouml;chte, damit sie nicht im Spa&szlig; verloren geht. &hellip; Ich sehe die &sbquo;Simpsons&lsquo; in zweierlei Zusammenh&auml;ngen: Fernsehen (und durch das Fernsehen die ganze Unterhaltungsindustrie) ist erstens unertr&auml;glich. Fernsehen ist prinzipiell ein solcher Mist, dass es sich &uuml;berhaupt nur legitimieren kann, wenn auf diesem Mist gleichzeitig die Parodien auf das Fernsehen wachsen. Parodien, die diesen Mist ben&uuml;tzen, ihn damit zugleich stabilisieren, die ihn im Ben&uuml;tzen aber auch &uuml;bertreffen, ihn in den Schatten stellen. (55f.)<\/p><\/blockquote><p>Am scheinbar banalen Gegenstand wird dialektisches Denken exerziert &ndash; ein treffendes Beispiel f&uuml;r die intellektuelle Herangehensweise des Autors.<\/p><p>Franz Schuh ist ein sperriger, politisch denkender Zeitgenosse, der auch auf den sogenannten Eigensinn der Zweiten &Ouml;sterreichischen Republik nur mit Ironie oder Sarkasmus blicken kann. Immer wieder bilden die nationalsozialistische Vergangenheit und der vermeintlich glatte Wechsel zur Demokratie, Kontinuit&auml;ten im System, Erinnern und Vergessen einen thematischen Fokus im Band. Da bezieht er sich beispielsweise auf einen Film, der einen Auftritt der Wiener S&auml;ngerknaben vor britischen Soldaten (also eine der Siegerm&auml;chte) 1945 zeigt. Den <em>Konst&uuml;mwechsel<\/em> von der Nazi-Uniform zur Lederhose nimmt er symptomatisch:<\/p><blockquote><p>Die Bilder &hellip; sind gro&szlig;artig, von gro&szlig;er Wahrheit. Sie sind das allerbeste Material f&uuml;r wirkliche Erinnerung (auch des nicht Selbsterlebten), und von diesen Bildern wurden mir einige zu einem Bild, das mich seiner Ambivalenz wegen ratlos macht. Da zeigt der Film die Wiener S&auml;ngerknaben; sie sind auf dem Land in Sicherheit, gerade noch haben sie ein NS-Kost&uuml;m getragen, eine Uniform, das Hakenkreuz gut sichtbar. Aber jetzt ist der Krieg zu Ende, die Engl&auml;nder sind schon in der N&auml;he, jetzt hei&szlig;t es umziehen, genauer: sich umziehen, und die S&auml;ngerknaben schl&uuml;pfen schnell in Lederhosen. Da &ndash; ein professionell milit&auml;risch-misstrauischer Trupp Engl&auml;nder naht, die S&auml;ngerknaben haben Aufstellung genommen, die Engl&auml;nder stehen vor ihnen, die S&auml;ngerknaben singen, ihre glockenhellen Stimmen erklingen, und &ndash; blame me! &ndash; was singen sie? Sie singen: &sbquo;God safe the King&lsquo;.<br>\nDas ist eine Allegorie. &Uuml;berlegt man, was sie bedeutet, kann man krank werden. &hellip; (I)st diese Interaktion inmitten der l&auml;ndlichen Idylle, in der mit leichter Hand ein folgenschwerer Kost&uuml;mwechsel stattfindet, ist sie nicht so etwas wie der eigentliche Eigensinn der Zweiten Republik oder wenigsten ein &hellip; wesentlicher Teil davon?<\/p><\/blockquote><p>Die Knaben, so f&uuml;hrt er weiter aus, hatten sich verhalten, als w&auml;ren die Engl&auml;nder Touristen, denen man <em>im gut gef&uuml;hrten Fremdenverkehrsbetrieb ein St&auml;ndchen bringt<\/em>. Die Soldaten seien unter der Hand zum Publikum geworden: <em>Eine perfekte Inszenierung der Realit&auml;tsverleugnung, einschlie&szlig;lich der Pr&auml;misse, Engl&auml;nder seien Menschen, die sich dort willkommen f&uuml;hlen, wo man ihnen ihre Hymne singt. (111f.)<\/em><\/p><p>Verleugnen (von Realit&auml;t, von Schuld), Verdr&auml;ngen, Vergessen &ndash; diesen Aspekten des Umgangs mit der Vergangenheit (vor dem Hintergrund politisch verordneter Erinnerung v.a. an Gedenktagen) sind im Kapitel <em>Zum Vergessen<\/em> konzentriert festgehalten (in meinen Augen das wichtigste im ganzen Band, auch weil es so komplex und vielschichtig angelegt ist). <\/p><p>Da geht es zun&auml;chst um die Frage, wie historische Ereignisse wie der Massentod des Ersten Weltkriegs, die Nazi-Herrschaft, die Judenvernichtung oder Folter zum Gegenstand in der Kunst gemacht werden k&ouml;nnen, interessanterweise aber unter dem Thema <em>Vergessen in der Kunst<\/em>, &uuml;ber das Schuh eine Lehrveranstaltung an der Wiener Universit&auml;t gehalten hat. <\/p><p>Ihn interessiert daran, <em>wie das Unausdenkbare, das nichtsdestoweniger real stattgefunden hat<\/em>, k&uuml;nstlerisch darstellbar ist. <em>Wie vergegenw&auml;rtigen die K&uuml;nstler Geschehnisse, die sich per se sowohl den K&uuml;nstlern als auch der Allgemeinheit der Kunst entziehen? Statt vergegenw&auml;rtigen k&ouml;nnte man auch erinnern sagen.<\/em> Und eine seiner Antworten lautet:<\/p><blockquote><p>Die wichtigste humanit&auml;re und moralische Frage der Erinnerungsarbeit scheint mir darin zu bestehen, dass man nicht glaubt, die Erinnerung w&uuml;rde das Geschehene jemals abdecken k&ouml;nnen. Es geht ganz wesentlich darum, dass das reale Ereignis und die Erinnerung eine Differenz darstellen, und diese Differenz muss gegen alle Gedenkkulturen und gegen alle Gedenkroutinen in irgendeiner Form mit dargestellt werden. Andersfalls werden die Routinen des Gedenkens zu idiotischen Phrasen, die im Sinne einer Ablassveranstaltung suggerieren, das Erinnern k&ouml;nne dem Geschehenen Gen&uuml;ge tun. (177)<\/p><\/blockquote><p>Gerade weil wir in 2014 und 2015 wieder solche Gedenkjahre hatten\/haben, sind Schuhs Reflexionen &uuml;ber die Differenz oder Distanz zwischen den Ereignissen und dem Gedenken an diese Ereignisse so relevant und aktuell. Der k&uuml;nstlerischen Besch&auml;ftigung mit diesen Themen legt er verpflichtend nahe, diese Differenz in die Darstellung mit einzubeziehen, sie selbst mit zu ihrem Gegenstand zu machen; ansonsten tr&uuml;ge sie &ndash; wom&ouml;glich wider Willen &ndash; mit dazu bei, Verzerrungen, Gl&auml;ttungen etc. in der Erinnerung Vorschub zu leisten und das kollektive Gewissen der Nation zu beruhigen statt es wachzur&uuml;tteln. <\/p><p>Schuh differenziert weiter zwischen Erfahrung (eigener und fremder) und Erinnerung, <em>willk&uuml;rlicher<\/em> und <em>unwillk&uuml;rlicher<\/em> sowie <em>aufgeschobener Erinnerung<\/em> und kommt so zu einer Art Typologie im komplizierten Verh&auml;ltnis von Erinnern und Vergessen, heruntergebrochen bis auf die Individualebene des Ged&auml;chtnisses und der Ged&auml;chtnisl&uuml;cken.  Um dann aber wieder auf das kollektive Ph&auml;nomen der <em>Unf&auml;higkeit zu trauern<\/em> (Mitscherlich) zu sprechen zu kommen: <\/p><blockquote><p>Meine These ist also, dass die Mehrheiten eben nicht verdr&auml;ngt haben, sondern dass sie schlicht unger&uuml;hrt geblieben sind, und dass daher die Versuche, ihnen ihre Verantwortung in Erinnerung zu rufen, deshalb ins Leere zielten, weil man von den Leuten gleichzeitig verlangte, sie sollten auch ber&uuml;hrt davon sein, sie sollten dar&uuml;ber trauern. Daf&uuml;r aber sahen sie keinen Grund. (181)<\/p><\/blockquote><p>Dass weniger Verdr&auml;ngung vorliegt als eine kollektive oder strukturelle Gleichg&uuml;ltigkeit, eine Gef&uuml;hllosigkeit und ein uns&auml;glicher Mangel an Empathie, verbunden mit der weit verbreiteten Auffassung, mit dem Grauen nichts zu tun zu haben und folglich daf&uuml;r nicht verantwortlich gemacht werden zu k&ouml;nnen, ist eine starke Erkl&auml;rung daf&uuml;r, dass auch Erinnerungsappelle bei der Mehrheit ins Leere laufen, zumindest zu hohlen Ritualen verkommen. <\/p><p>Dieser Geisteshaltung entspricht Schuh zufolge das, was der Sozialphilosoph Hermann L&uuml;bbe das <em>kommunikative Beschweigen<\/em> genannt hat &ndash; ein <em>verheerendes Ph&auml;nomen<\/em>, mit dem der Schlussstrich unter die Vergangenheit gezogen werden soll oder wird. Um sich an den <em>Aufbau<\/em> zu machen, muss der Blick ungetr&uuml;bt nach vorne gerichtet sein; gem&auml;&szlig; dieses dahintersteckenden Arguments:<\/p><blockquote><p>Man kann nur dann sinnvoll weitermachen und aufbauen, wenn man die Erinnerung nicht als Dauerreflexion etabliert. Der Ausdruck &sbquo;Aufbau&lsquo; mit seinem Implement an faschistoidem Heroismus ist bereits verr&auml;terisch: Schon wieder handelt es sich um Bauten, bei deren Errichtung Reflexion, also Nachdenklichkeit hinderlich w&auml;re. (185)<\/p><\/blockquote><p>Das sogenannte Wirtschaftswunder ist auch das Resultat des <em>kommunikativen Beschweigens<\/em>, das Schuh f&uuml;r <em>pathologisch<\/em> erachtet.<br>\nDieses Schweigen aufzubrechen, war ein zentrales Motiv der 68er Protestbewegung; ein weiteres und noch st&auml;rkeres Motiv war die <em>Pr&auml;senz dieser Vergangenheit<\/em> in Gestalt von restaurativen Tendenzen in Wirtschaft, Politik und &ouml;ffentlichen Institutionen sowie von Personen, die trotz ihrer Nazi-Biographie politische &Auml;mter bekleideten.<\/p><p>Franz Schuh gewinnt dem Thema des Vergessens noch eine weitere Variante ab. So ist f&uuml;r ihn die <em>Strategie des Vergessens<\/em> der sogenannten <em>gro&szlig;en Erz&auml;hlungen<\/em>, wie sie die Postmoderne proklamiert, eine <em>gro&szlig;e Zumutung<\/em>. Er bezweifelt das <em>Ende<\/em> der gro&szlig;en Erz&auml;hlungen und h&auml;lt bereits den Ausdruck, geschweige denn das Gemeinte f&uuml;r inakzeptabel. <\/p><blockquote><p>Wenn es so ist, dass man die Erz&auml;hlungen vergessen kann (also alles vergessen kann, was die Menschen einmal sein und von sich sagen wollten), wenn es so ist, dass das vorhin erw&auml;hnte Vergessen wirklich eine reale Basis hat und nicht nur auf der Behauptung eines Philosophen basiert (erstens k&ouml;nnte man der Erz&auml;hlung von Ende der gro&szlig;en Erz&auml;hlungen auch wie einer kleinen Erz&auml;hlung lauschen, die gro&szlig; werden will, und zweitens ist der Ausdruck &sbquo;Erz&auml;hlen&lsquo; selbst ziemlich fragw&uuml;rdig), wenn man das alles vergessen kann, dann ist praktisch nichts mehr vorhanden au&szlig;er einer Art von Flachheit, die dann allerdings die Conditio humana w&auml;re. (198)<\/p><\/blockquote><p>Als Auswuchs solcher Flachheit der Geisteshaltung f&uuml;hrt er beispielshaft den ersten gemeinsamen Fernseh-Auftritt von Harald Schmidt und Pocher mit ihrem &bdquo;Nazometer&ldquo; auf, mittels dessen spa&szlig;eshalber die political (in-)correctness gemessen werden kann; der Apparat fiept immer dann, wenn in Gespr&auml;chen Ausdr&uuml;cke wie Gasherde, Duschen etc. fallen. Hier ist wohl eher von Geschmacklosigkeit und Mangel an politischem Instinkt als von Satire zu sprechen.<\/p><p>Es gibt noch etliche interessante Aspekte und Themen in diesem Band, so beispielsweise die Frage nach Franz Schuhs Selbstverst&auml;ndnis angesichts seiner Vielseitigkeit &ndash; ob er sich als Philosoph, Kulturkritiker, Essayist oder Schriftsteller definiere, alles Felder, auf denen er t&auml;tig ist. <\/p><p>Wie er sich als Schriftsteller sieht, beantwortet er indirekt, bescheiden und mit der gebotenen ironischen Distanz:<\/p><blockquote><p>Zun&auml;chst einmal sehe ich mich gar nicht als Schriftsteller, denn Schriftsteller ist das Produkt gesellschaftlicher Anerkennung. &hellip; Vor Ihnen ist jemand, der heute in der Fr&uuml;h seinen Blutdruck gemessen hat und entsetzt war &uuml;ber dessen H&ouml;he. &hellip; Das ist zugleich jemand, der in der Fu&szlig;g&auml;ngerzone des zehnten Bezirks auf und ab ging und dieses Leben dort beobachtete. Und das ist jemand, der sich w&uuml;nscht, im zehnten Bezirk eine Kleinwohnung als Arbeitsraum zu haben. Das ist jemand, der am Abend das Fernsehprogramm sieht und &uuml;ber das uniformierte Fernsehen so &auml;hnlich entsetzt ist wie beim Blutdruckmessen, dass also bei 38 Sendern auf jedem einzelnen dasselbe Programm steht &ndash; diese gleichgeschaltete F&uuml;lle, ein Faszinosum. Das ist jemand, der in einem Wiener Vorstadtbezirk eine Geschichte hat, das hei&szlig;t, das ist jemand, der zerf&auml;llt und sich im Zerfallen gleichzeitig doch eine unterschwellige Identit&auml;t bewahrt, die er wortlos erduldet, also nicht einmal dann aussprechen kann, wenn er es unbedingt will. (121f.)<\/p><\/blockquote><p>Auch als Gelehrter will er sich selbst nicht verstehen, obwohl er der Philosophie alles an <em>Welterkl&auml;ren<\/em> und kritischem Denken verdankt.<\/p><blockquote><p>Ich w&auml;re gerne ein Gelehrter und gerne ein Philosoph. Aber so wie Deleuze in seinem Beruf das Arbeiten am n&auml;chsten steht, ist es bei mir das Irren. &hellip; Und was den Philosophen betrifft, so ist der Terminus urspr&uuml;nglich eine Formel der Bescheidenheit: Philosoph ist eben nicht der Weise, sondern der, der die Weisheit liebt, sie also dezidiert nicht hat. &hellip; Kein Mensch ist &sbquo;ein Philosoph&lsquo;, blo&szlig; weil er Philosophie studiert hat. In diesem Sinne bin ich kein Philosoph, denn ich habe blo&szlig; Philosophie studiert. &hellip; Wenn sie die Liebe zur Weisheit ist, dann liebe ich die Liebe zur Weisheit. (213f.)<\/p><\/blockquote><p>Man k&ouml;nnte den Eindruck gewinnen, Schuh kokettiere ein wenig mit seinem Status oder seiner Identit&auml;t; doch das best&auml;tigt sich schon deshalb nicht, weil der Stil seines Denkens und Schreiben ein durch und durch ironischer ist, und Selbstironie ist eine seiner St&auml;rken. Dass Ironie, Dialektik und Kritik durch ein inneres Band verkn&uuml;pft sind, darauf hat Hegel hingewiesen; und da Schuh ein intimer Hegel-Kenner ist, bei dem er &ndash; wie auch bei Marx &ndash; das dialektische Denken &bdquo;gelernt&ldquo; hat, wird er auch hier f&uuml;ndig geworden sein, was die Ironie betrifft. Ebenso verh&auml;lt es sich mit der Kritik, der dritten S&auml;ule von Schuhs Denkungsart. <\/p><p>Zum Abschluss noch ein letztes Beispiel, das von besonderem Humor mit Augenzwinkern zeugt: Es geht um die Frage, ob Schuh Materialist sei. <\/p><p>Damit begebe man sich in die <em>Welt der Gegenst&auml;nde<\/em>, der Dinge, und wenn es ein Ding gebe, das ihm wichtig sei, so sei das seine Tasche. Eine ganz gew&ouml;hnliche Tasche, die aber viele F&auml;cher aufweist, die wiederum die M&ouml;glichkeit bieten, eine gewisse Ordnung in seine laufenden Sachen zu bringen.<\/p><blockquote><p>Ich habe, wie alle Menschen, ein Ordnungsproblem. Die einen haben ihr Ordnungsproblem durch Pedanterie und Starrsinn, und die anderen haben ihr Ordnungsproblem durch Chaos. Ich neige zum Chaos. Und einem Menschen im Chaos sind die Taschen enorm hilfreich. Oder mir insbesondere ist diese Tasche hilfreich. (271)<\/p><\/blockquote><p>Und dann erz&auml;hlt Franz Schuh seinem fiktiven Gespr&auml;chspartner minuti&ouml;s, welche Zettel in welche Seitentaschen kommen, welche Unterlagen er noch f&uuml;r sein laufendes Projekt in welche Vor- und Haupttaschen hineinlegt, um sie immer bei sich zu haben und wiederzufinden, wo seine Schl&uuml;ssel, wo seine Medikamente ihren Platz finden in dieser Tasche &ndash; und so weiter, und so fort. <\/p><p>Es bereitet einem  einfach eine Lust am Lesen und Begreifen, wenn man diesen Wiener Intellektuellen, der keiner sein will, sich zu Gem&uuml;te f&uuml;hrt &ndash; ob es sich dabei um die Themen von gro&szlig;em Ernst und Gewicht (wie Vergangenheit, Erinnern und Vergessen bspw.) handelt oder eben um solche wie die Bedeutung einer l&auml;cherlichen Tasche.  <\/p><p><strong>Franz Schuh: Memoiren. Ein Interview gegen mich selbst, Zsolnay-Verlag Wien 2008<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manchmal fallen einem B&uuml;cher in die Hand, die so viel an Geistessch&auml;rfe und politisch-kultureller Relevanz aufweisen, dass man sie weiterempfehlen m&ouml;chte, auch wenn es sich dabei um keine Neuerscheinung handelt. Dass das Buch des &ouml;sterreichischen Philosophen Franz Schuh schon 2008 erschienen ist, kann kein Argument gegen seine Empfehlung sein. 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